Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n

Kursbuch 68







Nach Abzug der Scham

in Kursbuch 68, Juni 1982
Seiten 119 - 125
Kursbuch Verlag, Berlin 1982

Leseprobe

Ich bin dreiundreißig, es läßt sich allenfalls verleugnen; und ich »habe« keine Angst. Sollte Angst von mir Besitz ergreifen, werde ich schreien und zittern. Bis es so weit ist, schreibe ich weiter.
Viele Kollegen (Frauen und Männer, die mit Kulturherstellung Geld verdienen) sind ebenso im Erwachsenenalter - und zeigen tüchtig Angst. Ich glaube ihnen nicht. Ich sehe, wie sie die Klippschulen der Talkshows durchlaufen, zu »Medien der Medien« werden und dabei selbst so tun, als hätten sie mediale Fähigkeiten. Sie erzählen ungeniert aus fremdem Leben; sie verleihen sich Glaubwürdigkeit durch Auslegung Abwesender, ja durch Spekulation mit solchen »Zeugen« (Startbahnstürmer, Prostituierte, Amazonasindianer, Behinderte, Fließbandarbeiter, Drogenabhängige usw.).
Am gefragtesten sind derzeit hoffnungslose Jugendliche. Sie machen einen »zweiten Frühling« möglich, mit ihnen kann man sich, bei etwas Anpassungsgeschick, noch einmal gegen die eigenen Eltern verbünden; und sie liefern uns Zeugnisse für die großartige Vorstellung, daß hier und heute ein neues Zeitalter anbricht (und wir können sagen, wir seien dabei gewesen). Am häufigsten werden die abwesenden Zeugen jedoch dafür in Anspruch genommen, Leiden als »eigenes« Leiden glaubhafter erscheinen zu lassen. Denn die Eloquenz von Kollegen wird ja von keiner der im Mund geführten Ängste in Mitleidenschaft gezogen. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Mangel.
Manche, die schon etwas peinlich gut beinander sind, unterschlagen einen Teil von ihrem Wohlbefinden, um sich gegenseitig ernstnehmen zu können. Das strengt natürlich auch an. Eine Anstrengung, die allerdings so vorteilhaft zu Gesicht steht, daß man unwillkürlich beginnt, sich affirmativ zu ihr zu äußern - Dialektik, ohne Zweifel. Eine fortschreitende, den Täuschenden wieder ereilende, noch weiter stimulierende Täuschung; und ein unentwegtes Spekulieren mit dem Verzicht des anderen auf Wirklichkeitsprüfung, allein dafür, daß er am Phantasma, dem Gewinn aus unterschlagener Lebenspraxis, teilhaben kann.
Spekulanten unter sich - es darf und es soll in den anderen hineingelegt werden, und es muß etwas herauskommen; Kurzgeschichte der Paranoia, eines Interpretationszwanges im Hinblick auf Realität. Jeder legt, nach einem


Muster, in jeden hinein (z.B. der Schriftsteller in seinen abwesenden Zeugen, die Kulturredakteurin in den Schriftsteller und das Publikum in die Kulturredakteurin, wenn sie den Schriftsteller kommentiert), und jeder läßt in sich hineinlegen; niemand zieht die Grenzen, nach denen sich jedermann sehnt. Wie lange wird das gutgehn? Ich fürchte um dieses Stillhalteabkommen; denn nicht alle spekulieren so schamlos. Es gibt ganz andere.
Ehe ich darauf komme, muß noch etwas klargestellt werden: Die Kollegen finden ihre Gewährsleute toll, ich finde meine toll, die Fehleinschätzungen heben sich auf; und selbstverständlich stelle ich hier meinen Lieblingszeugen vor.

Im »Deutschen Biergarten« in Bangkok fragte mich unlängst ein Mann - Albert, Elektrotechniker aus Saulgau -, ob ich in Bonn dabei gewesen sei, bei der Friedensdemonstration. Ich fragte ihn , warum er mich das frage, und er sagte: »Wer für das Leben ist, der geht nicht demonstrieren, und wer gegen Krieg demonstriert, der fährt nicht nach Bangkok.«
Darauf tranken wir einen, und an den folgenden Abenden tranken wir auch, vier Wochen lang. Dann reiste Albert ab, und ich traf neue Männer. Als ich wieder zu Hause war, fehlte mir etwas. Ich flog nach Berlin und traf mich mit Freunden in einem Lokal (»Max und Moritz«, Kreuzberg) und erzählte ganz begeistert. Da kam jemand, der am Nebentisch saß, nahm Platz und mischte sich ein - was für'n Arschloch ich sei (Sie kennen das vielleicht). Anderntags flog ich zurück und begann mir über Alberts Wirkung Gedanken zu machen.
Er war weit über fünfzig, geschieden, zwei Kinder - ihm bleibe grad noch ein Gesellenlohn; sogar den Freund seiner Ehemaligen bringe er durch. Daher der Haß. Mit deutschen Frauen sei er fertig. Emanzipation bei einer intelligenten sei wahrscheinlich nur unangenehm; bei einer einfachen Hausfrau sein sie nur noch brutal. Die Mädchen in Thailand hätten ihr natürliches Wesen behalten - da könne er geradewegs heulen. »Und warum heulst du nicht?« wollte ich wissen, und er sagte: »Ich heul aus dem Schwanz.«
Albert hatte zuverlässige Unterarme und eine müde Gesichtshaut; er hatte einen weichen, frechen Mund, aber Lachfalten wie Schnitte zwischen den Augen und graue Koteletten. Und er hatte eine klare, mitunter verletzende Sprache, die jedoch immer sehr gefühlsverflochten blieb, die nie kalt wurde. Er war, mit allen Widersprüchen, ein »ganzer Kerl«, dem das Halbe nicht lag; er war nicht schamlos genug. Für Empfindungen, die er noch nicht empfand, hatte er kein »theoretisches« Gefühl zur Verfügung; für ausgebrochene Freuden und Ängste hatte er hingegen eine fast unzumutbare Ausdrucksbegabung - von einer rücksichtslosen, groben Genauigkeit. Entweder übermannte es ihn, und er konnte nicht anders, oder er hielt seinen Mund und konnte auch in diesem Fall nicht anders.


Obgleich es dafür eine gute Bedingung gab - die Ansteckungsgefahr -, hat Albert nie ein Zeichen von Verfolgungswahn gezeigt, im Gegensatz zu mir. Ich mußte ständig daran denken, ich glaubte mich schon infiziert; ja, ich spaltete in meiner Angst die gesamte Umgebung in Ungesundes und Gesundes - in »Böses« und »Gutes« (Kollegen, die dem Paranoiden verbunden sind, hätten ihre Freude gehabt). Albert hatte keine Neigung zum Spekulativen, davon konnte nicht die Rede sein; er ging, in der Tat, auf die Mädchen ein.
»Paß auf«, sagte er an der Hotelbar zu mir. »Wenn du so einen Verdacht hast, rauchst du eine Zigarette, aber ohne die Asche abzuklopfen, und nimmst dann die Asche zwischen zwei Finger, unauffällig; dann nimmst du das Mädchen lieb in den Arm und schiebst ihr einen Finger mit der Asche ein Stück unten rein - und wenn sie zuckt, dann hat sie was. Und wenn's dich doch mal erwischt, hälst du den Arsch hin; bis dahin genießt du's. Die Angst kostet das Leben, das Beste versäumst du - schau' sie dir an, die Mädchen hier - kleine Wunder; die lachen ja mit ihrem Fötzchen noch.«
Albert dacht offenbar nicht egozentrisch (ich - umgeben von lauter kranken »Wesen«), sondern sah sich Mädchen gegenüber, die er begehrte, die es notwendig machten, sich im Zweifelsfall zu überzeugen. Wie er seine Untersuchungsmethode schilderte, stand daher auch in einer engen Verbindung zum Gegenstand und zu den Umständen - den Mädchen, die ihn anzogen, und den verbreiteten Geschlechtskrankheiten. In beiden Teilen des kleinen Vortrags, bei der Beschreibung des Verfahrens und seinem Schwärmen von den Mädchen, war er erfüllt, war sein Reden ein notwendiges Zum-Ausdruck-Bringen. Es bestand aus Wendungen, die das Nötige - Objekt und Begehren - ohne Anzüglichkeit deutlich machten; die nichts darüber hinaus verdeutlichen konnten oder gar symbolisieren wollten. Es war keineswegs ein Zeugnis verstandener Wirklichkeit, aus welchem sich eine Wahrheit des Lebens herauslesen ließe, sondern bloß eine Lebensäußerung, die mich beeindruckt hat, weil sie sich in einer Hinsicht stark von meiner Art des Redens unterschied: in ihrer Schamhaftigkeit.
Was ich Albert aus meinem Leben erzählte, war nicht notwendig; es war gleichgültig, was ich zum Besten gab. Mein Reden folgte eher einer Beschwingtheit, die das Von-sich-selbst-Erfülltsein ermöglicht (die Fähigkeit, verleugnen zu können, daß auch dies ein Erfülltsein von »anderswoher« ist - während Albert, ohne den Weg über die Mädchen, nie auf die Idee gekommen wäre, krank zu sein oder sonst etwas »an sich« zu sein). Es war mehr das »Gerede« aus einem Leben, dessen Schicksal hauptsächlich darin besteht, das Kind seiner Eltern zu sein (die weder grausam waren noch seligmachend). Ein intelligentes Geplapper aufgrund eines »Lust/Unlust«-Schicksals, das einen dazu zwingt, von sich selbst erfüllt zu sein - sich im


Imaginären zu betätigen, im Überflüssigen zu bewegen (z.B. Schriftsteller zu werden), und sich dabei laufend, mit Hilfe dementsprechender Zeugen, für das Notwendige engagiert zu zeigen.
Und da es mit solcher Rückendeckung noch gleichgültiger ist, was man wichtig nimmt (zumal alles wichtig erscheint), redet man unbeschwertet, flüssiger und meistens auch differenzierter als jemand, der aus einem eindeutigen, opaken Erfülltsein sprechen muß - den die Zeit drängt. Man redet, bei aller Anstrengung bezüglich des Inhalts, »locker« - ohne Stildiktat, ohne das Risiko, daß das, was die Worte anrichten, nicht wieder mit Worten aufgehoben werden könnte. Kein Grund, den anderen zu antizipieren; nur seiner Existenz braucht man sich sicher zu sein.
Ein schamloses Gerede wird möglich, aber kein unverschämtes; keines, das frei wäre von Angst! Vor allem das Gerede über Angst verrät nervöse Züge. Eine Unruhe, die vielleicht deshalb nicht zur Sprache gebracht werden kann, weil sie das Bollwerk gegen handfeste körperliche Angstzustände betrifft: die Möglichkeit des Plapperns. Eine Unruhe, die wahrscheinlich aus der Ahnung rührt, daß unsere abwesenden Zeugen, die uns das schöne Von-sich-selbst-Erfülltsein reicher machen, bald nicht mehr zufrieden sind mit der bloßen Bestätigung ihres Vorhandenseins - dafür, daß sie ihren Mangel zur Verfügung stellen. Oder daß sie sogar merken könnten, welche Macht in einem Mangel liegt, der den Draht zum Chaos hat (daher sind die männlichen Kollegen auch nervöser als die weiblichen: unter ungünstigen Umständen verlieren sie zusätzlich noch ihre Frauen als »schwache Geschöpfe«).
Ich glaube, daß es diese Angst ist, die unsere Schamlosigkeit zu der einzigen Notwendigkeit macht, der wir im Selbstdarstellungsalltag Folge leisten müssen. Eine Angst, der offenbar nur so begegnet werden kann, weil sie bedeutend näher geht als beispielsweise die modische Angst vor dem Krieg; es ist vielmehr eine dumpfe, kaum in Wort zu fassende Angst vor heilloser persönlicher Unordnung, dem Sturz des Selbstverständlichsten, für die es zunehmenden Grund gibt, den die Nervösgewordenen selbst tagtäglich schwerwiegender machen. Grund in der Wahrscheinlichkeit, daß »die anderen« sich nicht länger ausschlachten lassen, daß unsere »Fälle« aus der Abwesenheit heraustreten und ihre »Erfinder« beschämen - daß sie ihre Differenz zu uns entdecken könnten; denn diese Differenz - ihre Ressource - ist gewaltig.
In Bangkok konnte ich immer wieder die Beobachtung machen, daß sich mein Gerede von den Ausdrucksformen Alberts schon so weit unterschied, daß ich seine Sprache in meinem Notizbuch, wenigsten einmal, als »faschistoid« vermerkte. Aber warum eigentlich nicht? Es gibt solche, die von der Sprache profitieren, und solche, die nur aus Sprache exisstieren; hier das Gerede, Klugscheißerei, dort der Redefluß, die Kloake. Eine Zeitlang taumelte


ich zwischen beidem, Albert spürte es - ständig forderte er mich heraus, um zu erfahren, wohin ich gehöre.
»Soll ich dir mal sagen«, sagte er eines Tages, als wir müde am Swimmingpool lagen und uns die Mädchen den Nacken massierten, »wie man mit einer Frau schlafen sollte? Paß auf! Stück für Stück - du fängst bei den Händen an, spreizt ihre Finger und fickst sie ein bißchen; dann gehst du langsam zur Armbeuge hoch und in die Falte rein und wartest ab, was passiert; und dann begibst du dich zur Achselhöhle und fühlst mal, was los ist da drin. Du mußt überall nachfühlen, ob da vielleicht die Möse sitzt, und erst dann mit ihr schlafen.«

So weit Albert, Elektrotrechniker aus Saulgau, Württemberg. Seine Ausdrucksweise glich einer guten Handschrift: lesbar auf Anhieb - nachhaltig spürbar. Grob gesagt, eine »männliche« Sprache, die zwar die Wirklichkeit, wie jede andere Sprache auch, verfehlt, jedoch mit Energie nach ihr verlang. Im Unterschied zu einer, grob gesagt, »weibischen« Sprache - dem schamlosen Gerede, welches immer neue Wirklichkeitsvorfelder angibt, in denen sich die Sprechenden jedesmal »zu Hause« fühlen, in denen alle Erfahrungen als »unheimlich stark« gelten müssen.
Die Rede ist von einer exklusiven Sprache, gestützt auf Zeichen, deren Referenten offen bleiben (Was würden Sie sagen, wenn es Albert gar nicht gäbe?), zugunsten derjenigen, die das Paradigma dieser Verständigungsart gebildet haben und nunmehr vertreten - sie genießen die Vorteile, eine »Absprache« verwenden zu können (eine heruntergekommene Abart von Sprache). Das Nachsehen aber haben alle, die nur durch diese »Absprache« hindurchgehen: ein Publikum, das den Kulturherstellern und den Zeugnislieferanten, mit deren Hilfe kulturelle Moden zwingend erscheinen, seinen Beifall spendet - die sogenannte »scene«. Denn sie alle wissen ja nicht, daß die Vorfelder, in denen sie sich bewegen, so flexibel sind wie die Sprache, der sie unterliegen; sie haben nicht die relative Sicherheit, daß die Wirklichkeit nicht zuschlägt, und sie haben keinen großen Sinngewinn (denn den haben wir ja). Wenn ihnen eine Friedensdemonstration nichts weiter einträgt als ein bißchen mehr Angst vor dem Krieg, dann sie sie eben reingefallen!
Arme »scene«, ich bin schlauer. Ich brauche mich nicht aufzuregen, es genügt, daß ich eure Aufregungen kommentiere; dann mag man mich, und Geld verdienen kann ich auch damit (Schamlosigkeit ist nun mal ein bedingter Reflex). Unsere »Absprache« wird nämlich kräftig subventioniert und erhält von allen darin verwickelten Medien andauernd ihren Segen (Dialekte werden berücksichtigt: von alternativisch über psychotherapeutisch bis frankfurterisch usw.); und so sind recht viele Kollegen und sogar schon Teile der »scene« in der glücklichen Lage, sich nach Bedarf alle Stigmata des


Intellektuellen zu verschaffen (möglich, daß man als Intellektueller immer auch ein Parvenü ist; dann gehört man eben u.a. deshalb zu den Stimmungsträgern im Lande). Mit solchen Tätowierungen versehen, kann ich es mir auf jeden Fall leisten - politisch und vor allem finanziell -, die Katastrophe, von der ich mich, als der jetzt »Besserwissende«, umgeben sehen darf, in allen mir möglichen Nuancen zu schildern, während ich gleichzeitig, in dem Maße, wie ich mit meinen Auslegungen reüssiere, immer unkatastrophaler, immer angenehmer lebe.
Ja, es ist schon vorteilhaft, wenn es der Staat so gerne erduldet, daß ein paar Wenige die Lebensformen fast aller mehr oder weniger beklagen, um dadurch, mit gesellschaftlicher Unterstützung, wenigstens aus ihrem Leben etwas mehr zu machen. Aber ich wurde schon immer gerne verwöhnt, und der Staat kann vor mir, meinetwegen, die Unruhe haben, die er zu seiner Legitimation dringend braucht. Warum soll ich dümmer sein als die, die von der Klageweiberrolle doch seit Jahren glänzend leben? Toben lassen, anstatt selbst zu toben, und zum Dank die Entblößten in aller Öffentlichkeit gegen Angriffe in Schutz nehmen - als ehrbare Zuhälter, so lange, bis das Interesse erlahmt; es muß ja nicht langweilig werden (die Startbahn-West stach, auf dem Bildschirm, den Berliner Häuserkampf aus - was kommt wohl als nächstes?).
Es ist schon ein Mordsvergnügen, wenn die Ereignisse ihre Höhepunkte erst mit dem Kommentar dazu erreichen und dieser Kommentar einem Muster folgt, das man mitgeprägt hat und immer noch mitprägt. Als Schriftsteller, wie exzentrisch ich auch sein mag, bin ich in solche »Absprachmuster« verstrickt, bin ich Teil eines Interpretationssystems - eines mächtigen imaginären Körpers -, selbst wenn ich anders denke; ich arbeite durch dieses System, ich lebe von ihm, ja ich leide mit ihm. Seine Phantomschmerzen müssen meine Phantomschmerzen werden, seine Empfindlichkeit muß sich als die meine erweisen; seine ausgefallene Wollust darf ihren Eindruck auf mich so wenig verfehlen wie seine paranoiden Momente - ansonsten scheidet es mich aus wie eine Schlacke. Ich kann anderer Meinung sien, aber nicht anderer Sprache.
Am deutlichsten wird die Macht dieses imaginären Körpers bei den Konzerten populärer Liedermacher - gleichgültig, ob ihre Worte verstanden werden oder nicht (Moustaki erzielt denselben Effekt wie Wecker oder Hirsch). Wenn die singenden »Autoren« von der Bühne herab, auf eindringliche Weise, bisweilen flüsternd, aber auch schreiend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, Bedrohungen »zur Stimmung bringen« und dabei unüberhörbar das »Böse« vom »Guten« unterscheiden, legt sich Paranoides wie ein schwerer warmer Mantel über alle Beteiligten; die Zuhörer verlieren ihren Status, es schlagen nur noch Herzen von »Betroffenen« höher. Ein Effekt, der die Stelle von Schicksalsverbundenheit einnimmt, die es, hierzulande,

aus Mangel an Epoche, für mich und Jüngere nicht gibt. Deutlich wird diese Macht aber auch in dem Wir der Kinder vom Bahnhof Zoo, das den Erfolg ermöglicht hat (nicht ohne Konsequenzen: Schreibende, die den phantasmatischen »Schicksals-Effekt« der Liedermacher erreichen, sind mit dieser Machtanmaßung als Intellektuelle am Ende).
Viele Kollegen, die sich erfolgreich als Kommentatoren betätigen, glauben ja bereits (weil die Kommentierten noch geduldige Geschöpfe sind), die Macht des Imaginären gehe von ihnen aus und sie »seien« anderer Sprache - sie »seien« selbst »das Andere«; sie nehmen an, sie hätten ihre Kastration nun wiedergutgemacht, doch sie freuen sich zu früh - sie feiern, ohne es zu merken, den Triumph der Sprache, deren starke Wirkung auf dem Feld des Imaginären durch »Absprache« nicht außer Kraft gesetzt werden kann.
Wir feiern aus verkehrtem Anlaß, und wir begründen »unsere« Ängste - wenn wir über Angst parlieren - vermutlich auch mit Verkehrtem; ehe ich in einem nächsten Krieg mein Leben verliere, werde ich meine Positionen einbüßen, meinen Anteil am Paradigma des Interpretationssystems. Denn unsere abwesenden Zeugen können uns bald im Stich lassen - es liegt was in der Luft -, so wie es jetzt schon Frauen gibt, die ihren »Erfindern« den Boden entziehen, den Ideenreichtum entwenden, indem sie sich selber enträtseln - egal, was dabei rauskommt. Ich bin kein Freund der Frauenbewegung. »Absprache« gibt es auch dort; nur imponieren mir Frauen, die ein Allgemeines ihrer Geschichtslosigkeit begreiflich machen können - die nur das »phallische Prinzip« im Auge haben.
Vorsicht vor solchen »Wesen«! Wir können uns nur halten, wenn sich das »Phallische« hält. Wir brauchen unsre »Fälle«, deren Geschichte wir schreiben, die ihr Bewußtsein für uns spreizen, die jederzeit bereit sind, sich von uns »durchdenken« zu lassen (auch von den Kolleginnen!). Jeder Angriff auf diese Lebensgrundlage muß abgewehrt werden. Bisher klappte das einigermaßen; die Frauenbewegung kam uns entgegen, weil sie subversive Schriften allzu kluger Schwestern kaum zur Kenntnis genommen hat. (Beispiel: Das vor mehr als zwei Jahren endlich auf Deutsch erschienene Buch Speculum von Luce Irigaray. Es enthält - ich hänge an diesem Vergleich - einen weitreichenderen Sprengstoff als die gefürchtete SS-20-Rakete, da man den möglichen Einschlag dieses Buches mit Gewißheit überlebt - nur das »phallische Prinzip« wird großen Schaden leiden. Gott sei Dank ist Speculum hier nicht verbreitet; sogar eine Rezension liegt auf Eis.)
Es sieht also noch nicht so schlecht aus, wir können weitermachen, keine Sorge; und bitte nicht die etwas größenwahnsinnige Angst, daß unsere Ruhe, die wir jetzt genießen, auch eine Ruhe vor unserem Sturm sein könnte. Womit denn? Beängstigende Wut entwickeln werden nur die Alberts.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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