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Aufgenommen im »Studio für Körpertraining«, Frankfurt am Main, Hanauer Landstraße 14
(Foto: Isecke)
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P u b l i k a t i o n e n
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Body-Building - Versuch über den Mangel
in Kursbuch 52, Mai 1978
Seiten 9 - 23
Kursbuch Verlag, Berlin 1978
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Leseprobe
Body-Building - Versuch über den Mangel*
»WAS FEHLT DIR?«, fragte den Autor ein Fortgeschrittener, keuchend unter seiner Kraftmaschine, und er, der Ahnungslose, ebenfalls keuchend unter seiner Kraftmaschine, antwortete ihm: »ICH WEISS ES NICHT«, worauf er zu hören bekam: »WEISST DU, WAS MIR FEHLT? - SIEBEN ZENTIMETER BRUST UND VIER ZENTIMETER WADE! - SONST NICHTS.«
Gibt es mehr zu sagen, als hier zu hören war? Wohl nicht; und dem Autor bleibt nur übrig, das Schweigen zu brechen.
SEIN Versuch über den MANGEL durch Nach-denken über den Mangel. BODY-BUILDING mit Hilfe des AUSWENDIG GESCHRIEBENEN.
1
Zu Beginn einige Schritte in ERINNERUNGSSPUREN: Nachverfolgung einer unaufhörlichen Geschichte vom Aufbau des BILDES vom Körper: entlang seiner Oberfläche gleitet der Finger, auf alten Bahnen, bis in Hautfalten, Furchen und Öffnungen, - zu jenen Schauplätzen inmitten der Schleimhäute, an denen eine Mutter, allem ANDEREN voraus, den Körper von jeher entwendet und über Nervenenden unauslöschbar mit ihrer UNTERSCHRIFT gezeichnet hat.
Im Rückblick also: der ENTWENDETE Kinderkörper, - vielfältig gepeinigt und in jeder Hinsicht lüstern; verloren bei Mangel an Berührung; festgelegt durch Zärtlichkeit und Schläge; empfindlich für Schmerz und Lust, an Stellen, die ihm vorgeschrieben werden; unempfindlich dort, WO NICHTS ihn differenziert und er un-entwendet UNVERKÖRPERT bleiben muß.
Nachträglich stellt ES sich heraus: Das KÖRPER-KIND; geprägt vom Rest der Welt, vom Leib einer Mutter, vom KÖRPER DES ANDEREN, und das heißt: entweder EINGEORDNET in diesen ›KÖRPER DES KÖRPERS‹ und damit eigentlich erledigt und sorglos, weil es nichts mehr zu verlieren gibt, - oder aber
[* Die folgenden Gedankengänge wurden aus einem 50 Seiten umfassenden Manuskript entnommen und entsprechend verkürzt; so entstand ein häufig zu dichter Text, der nur verständlich wird, wenn man die hervorgehobenen Begriffe wörtlich nimmt. Die Literaturhinweise führen nicht unbedingt weiter; sie tun in erster Linie der WIEDERHOLUNG Genüge, über die sich eine Wissenschaft zu begründen versucht, mit der der Autor nur noch wenig im Sinn hat.]
ohne diese ÜBERSCHREIBUNG des Leibes und somit UNVERKÖRPERT; als ein absurdes Gebilde aus Fleisch und Blut.
Voraussetzung demnach: ein ABSURDER LEIB; - denn der, der damit existieren muß, der UNVERKÖRPERTE, betritt später, wenn ES soweit ist, ein BODY-BUILDING-Studio und schaut sich ängstlich um:
2
An den Wänden riesige Spiegel und ein Abbild des Idols, überlebensgroß. Verteilt über den ganzen Raum die Kraftmaschinen, blankgeputzt und eingefettet; manche bis an das Äußerste mit Gewichten beladen. Eiserne Lasten auf beweglichen Teilen zum Heben und Drücken, zum Stoßen und Ziehen, zum Pressen und Reißen. Kleine und große Maschinen, durch die der entwendete Körper allmählich beherrscht wird, - aufgestellt vor Schaubildern, auf denen die Torturen einzeichnet sind. Martern zur Unterwerfung und Formung des Fleisches; Vorschriften zur LEIBES-ERZIEHUNG. Etwas abseits eine Milchbar: Zuflucht zwischen den Übungen, Ausschank von magischem Nektar; Honig und Eier mit Proteinen in Milch mit Bananengeschmack.
Und überall zu vernehmen: die Stimme des Inhabers, der Unbeholfenen den Ablauf der Foltern erklärt; deren Gedanken auf Muskeln richtet, die gerade behandelt werden; oder sie verweist auf das Idol:
Andächtiges Schweigen vor dessen Abbild: vor maßlosen Gebirgszügen von Muskeln, die nur in ihrer völligen Nutzlosigkeit imponieren. Sein Leib: die vollkommene VERKÖRPERUNG einer signifikanten Ordnung ohne Bruch und Lücke, wie es scheint. Spuren über Spuren, die die Oberfläche überziehen; glänzend und makellos erigiert alle Teile der Wundermaschine: ARNOLD SCHWARZENEGGER.
Angespornt durch dieses Abbild: alle noch nicht so VERKÖRPERTEN, die sich nun aufmachen und ihren Leib GRAVIEREND ändern: an den Schenkeln durch Kniebeugen mit dem Eigengewicht auf den Schultern; an den Armen durch ein Aufwärtsziehen verschiedener Lasten; am Bauch durch Aufhängen an den Füßen und Hinaufschnellen mit dem Leib; an den Waden durch ein Auf-die-Zehenspitzen-Gehen unter erdrückendem Gewicht; an der Brust durch ein Nach-oben-Stemmen großer Mengen Eisen ...: winziger Ausschnitt eines endlosen Programms; Tag für Tag, mehrere Stunden, bis man die TOTALE FORM durch den TOTALEN SCHMERZ spürt.
Während und zwischen den Übungen, alle vier bis fünf Sekunden durchschnittlich: schneller Blick in einen der Spiegel; kurze Versicherung der eigenen Anwesenheit; Auffrischen der Erinnerung an ein niemals PRÄSENTES (SELBST).
Dann und wann auch ›Fahndungserfolge‹ vor dem Spiegel; Freudenausbrüche, wenn sich beim Posen etwas scheinbar ›Neues‹ zeigt.
Und immer wieder Vorführungen vom Stellvertreter des Idols, dem Fortgeschrittensten im Studio, dessen Muskeln der Neuling gelegentlich berührt, - in der Hoffnung wohl, einen Zipfel des ›Eigentlichen‹ abzukriegen.
3
BODY-BUILDING, so kann man also vermuten: eine der auffälligsten Möglichkeiten, nach sich (selbst) zu fahnden; und einer der vergeblichsten und zugleich aussichtsreichsten Wege: der mühselige Versuch, einen strukturellen »MANGEL AN SEIN« (-> Lacan 1966, S. 665 f.; Lang 1973, S. 246 ff.), auf Grund dessen das Subjekt als Randerscheinung ›aus-gesetzt - ex-istiert‹, zu vertuschen mit einem über und über vom Wunsch nach VERKÖRPERUNG und (SELBST-)BEHERRSCHUNG gezeichneten Leib.
Nur vom UNVERKÖRPERTEN FLEISCH ist die Rede, - von jenem absurden Gebilde, dessen Gefangener in einem Double, dem MUSKEL-BODY, seinen rettenden SINN vermutet; in einer MASCHINE, durch die das Subjekt seine »Spaltung« (-> Lacan 1975, S. 233 f.) überwinden möchte; mit der es, vor einem Spiegel stehend, die Illusion seiner VERKÖRPERUNG als »TOTALE FORM DES KÖRPERS« (-> Lacan 1973, S. 64) produzieren kann.
Der BODY-BUILDER, er zeigt ES: seine Indiskretion macht ihn zu einem Avantgardisten in bezug auf die ›GÖTTLICHKEIT DES NARZISSMUS‹, die er in seinen Posen so provozierend manifestiert.
(Alle Anderen hinken nur hinter ihm her mit ihren ›Tätowierungen‹: ihrem diskreten make-up; ihren Bücher- und Bierdeckelsammlungen; ihren kleinen, exklusiven, buchstäblichen ERKENNUNGSZEICHEN (etwa: GT; SEL; CD; SJ; VIP und so weiter); aber auch mit Amateurhypnose und Zaubertricks; Kung-Fu-Gebärden oder Urschrei-Erlebnissen; ja sogar mit somatischen Symptomen (-> Lang 1973, S. 239; Muschg 1977, S. 16 f.), die, wie alles Übrige auch, vorübergehend eine Lücke stopfen, welche sich bald woanders wieder auftut, - unverändert schmerzlich und immer wieder verweisend auf das UNMÖGLICHE EIGENTLICHE, das sich mit stets ›neuen-alten‹ ILLUSIONEN deckt und in allen angeknüpften UTOPIEN folglich ver-kehren wird: zu schönen ZEICHEN OHNE REFERENZ.)
DAS UNMÖGLICHE EIGENTLICHE, - am BODY BUILDER wird ES ablesbar: unaufhörlich muß er trainieren aus Angst vor dem AB-BAU, und immer ist sein Treiben vom Mangel bestimmt, in dessen Bahnen er sich bewegen muß, - und es erinnert an Becketts berühmten Zylinder: »Eine Bleibe, wo Körper immerzu suchen, jeder seinen Verwaiser. Groß genug für vergeblliche Suche. Eng genug, damit jegliche Flucht vergeblich ...« (Beckett 1972, S. 7).
Vor einem Spiegel stehend, nur die Genitalien verhüllt, die abgedrängt bleiben, macht der BODY-BUILDER seine Posen, - auf der Suche nach dem SIGNIFIKANTEN; in dem Glauben an seine VERKÖRPERUNG.
Er wendet sich ab und guckt wieder hin: es ist ein »FORT-DA«-Spiel, das sich hier wiederholt (-> Freud, G. W. XIII, S. 12 f.), und die Unmöglichkeit von »PRÄSENZ« (-> Derrida 1972, S. 315 ff.),sie stellt sich laufend heraus: niemals erkennt sich der BODY-BUILDER restlos wieder; denn was er sucht, kann ihm nur nachträglich begegnen, und so ist er wie versessen auf ein ABBILD von sich (selbst); »Fotografier mich!«, lautet sein Bedürfnis.
Von jeher, ist also anzunehmen, hat man ihn, UNVERKÖRPERT, »im Zustand des Nicht-Wiedererkennens gehalten«; ihm wurde »kein Platz zugestanden, sich als Glied in eine signifikante Kette einzufügen«, und so bleibt er mit seinem ENTWENDETEN KÖRPER, der ihm nicht »im Namen des Vaters« (-> Lacan 1966, S. 278; Lang 1973, S. 207) EINGERICHTET wurde, »der absurde Zeuge einer mütterlichen Ahistorizität« (-> Mannoni 1976, S. 82), - dazu bestimmt, aus seinem Leib sich SEIN OBJEKT zu machen; verurteilt, auf immer das Unmögliche zu suchen.
Was bleibt ihm also anderes übrig, als durch »imaginäre Identifikationen« mit seinem Spiegelbild jene TOTALE FORM DES KÖRPERS, die mit seinem Erleben immer schon differiert hat (-> Lacan 1973, S. 64 f.; Laplanche/Pontalis 1973, S. 129 f.), für ein ›Ich‹ zu etablieren, mit dem ES sich leben läßt?
Buchstäblich NICHTS bleibt ihm übrig, und folglich legt er sich einen FREMD-KÖRPER zu, mit dem er dann wörtlich genommen, Geschlechtsverkehr hat; denn eine Verkehrung vollzieht sich ja tatsächlich: der BODY-BUILDER versucht sich (selbst) zu VERKÖRPERN und ›fickt‹ dabei das eigene Fleisch in unaufhörlichem coitus interruptus. Das heißt: niemals erreicht er wirklich seinen ›Höhepunkt‹; - denn wie man hören kann, VER-STEIFT er sich:
»Ich muß bereits im ersten Satz spüren«, schreibt Lou Ferrigno im athletik-sportjournal Nr. 38, »wie sich die Muskelpartie mit Blut füllt. Wenn ich dieses Gefühl nicht habe, so weiß ich, daß ich mich nicht richtig angestrengt habe. Alle unnötigen Bewegungen lasse ich weg.«
Behutsam tut es der BODY-BUILDER mit sich (selbst) - keine »unnötigen Bewegungen« -, und streng geht er mit sich dabei um, ja sogar erbarmungslos: »Wenn meine Muskeln ›Nein‹ sagen, sage ich ›ja‹«; hört man von Arnold Schwarzenegger, dem Größten (athletik-sportjournal Nr. 36); und auf die Frage eines Lesers: »Wie denken Sie über die oft zitierte Schmerzgrenze?«, antwortet das Idol: »Ich persönlich halte es für sehr gut, die Schmerzbarriere zu durchbrechen. Ich bin überzeugt, daß ein überdurchschnittliches Muskelwachstum vorher nicht möglich ist. Erst wenn die Muskeln richtig schmerzen und brennen, findet Wachstum statt« (athletik-sportjournal Nr. 38). Und er hat recht, wie der Autor weiß.
Und dennoch: Der BODY-BUILDER vergewaltigt sich nicht (selbst). Er möchte es gerne, nur schafft er es niemals GANZ. Denn im letzten Augenblick
entzieht sich ihm sein Fremd-Körper immer wieder und erweist sich als das UNMÖGLICHE OBJEKT, dem nicht beizukommen ist.
Schon ein kleiner fehlender Schatten unter der Brust denunziert womöglich dieses ›Ich‹ (aufgrund dessen das Subjekt sich ›souverän‹ wähnte) als Pfropfen über einem Loch, der NICHTS WEITER KANN ALS DENKEN; aus dessen utopischen Entwürfen das Subjekt seinen ›eigentlichen Grund‹ ableiten möchte.
Denn kaum ist dieser kleine Schatten wieder sichtbar (und damit scheinbar SIGNIFIKANT), weil sich der Fremd-Körper unter den Gewichten ein Stück aufgebläht hat, prostituiert sich das entlarvte ›Ich‹ aufs neue dem Subjekt, - schon wieder verführerisch lockend mit jenem ICH DENKE ALSO BIN ICH.
Der BODY-BUILDER zeigt die DIFFERNZ.
Zu oft widerfährt sie ihm; sein Leib ist von den Spuren der Martern gezeichnet, die er zur (Selbst-)Erhaltung gegen sich gewendet hat.
Ein bißchen EGO-ZENTRISMUS, - das ist der Lohn für die Torturen unter den Kraftmaschinen.
Auch hierin ist er also Avantgardist, denn er hat die ganze verwirrende Vielfalt von Möglichkeiten, hinter denen das Subjekt seine ›Ex-zentrizität‹ zu verbergen versucht, irreduzibel auf den Begriff des KÖRPER-MASSES gebracht, das sich in sienem UNBEWUSSTEN, wie man annehmen kann, als ein BODY-B( )ILDING schreibt: KÖRPER- B()ILD mit Verlorenem (Buchstaben) als festem Bestandteil des ›Ganzen‹: das heißt: Muskel für Muskel wird zu Ziffer für Ziffer eines Textbildes, das die unbeschriebenen Stellen, nämlich die Strukturen entlang des Mangels, verdeckt!
Dem UNBEWUSSTEN ds BODY-BUILDERS gilt es daher auf die Spur zu kommen. Wünsche und Ängste des Subjekts sprechen dort vielleicht ihre deutlichste (Zeichen-)Sprache. In seinen Träumen erfinden sie jene SCHRIFT, die in der Utopie in ihr genaues Gegenteil verkehrt wird: in die Entwürfe des ›Einheitlichen‹ und ›restlosen Ganzen‹. was aber immer auch bedeutet: des ›Ursprünglichen‹ und ›Endgültigen‹; des ›Vollkommenen‹ und damit ›Eigentlichen‹ und also ›Heilen‹, - womit Utopie dann unter der Hand sich zu NOSTALGISCHER WIEDERHOLUNG wendet.
4
Das UNBEWUSSTE des BODY-BUILDERS; dazu zunächst ein Traum, von dem Frank Zane berichtet, einer der Großen in dieser Disziplin. Zane hatte seinen Traum 1975, wenige Wochen vor der Mr. Olympie-Wahl und war davon so stark beeindruckt, daß er versuchte, ihn zu interpretieren. Beides, Traum und (Selbst-)Deutung, erscheinen dem Autor hinsichtlich seiner Annahmen interessant.
Folgendes träumte dem bekannten BODY-BUILDER:
»Ich parke mein Auto in einer Straße. Eine ganz normale Straße. An einer
Parkuhr. Es stehen dort zwei oder drei andere Autos. Ich entferne mich etwa eine Minute von meinem Wagen, und als ich zurückkomme, ist er weg - verschwunden. Später erfahre ich, daß Joe Weider [ein bekannter Body-Building-Trainer und Förderer] es in ein großes Parkhaus gefahren hat, wo sehr viel mehr Wagen untergebracht sind. Meine Autotür ist offen und auf dem Sitz liegen viele Papierblätter herum ... und als ich das Handschuhfach öffne, finde ich auch noch meine Geldbörse mit allen Papieren:«
Dann, zwei Monate später, nachdem Zane bei der Wahl nur den 6. Platz belegt hatte, deutete er, als Lehrer psychologisch nicht ungebildet, seinen Traum:
»Das Auto repräsentierte im Traum meinen Körper ... meine Maschine. Als ich mit dem Vorbereitungstraining für die Mr. Olympia-Wahl 1975 begann, hatte ich bis dahin nicht sehr trainiert und mich mehr auf meine Schularbeit konzentriert. Ich ging meinen Weg. Doch Joe (Weider) motivierte mich zu dem Wettkampf, stellte mich damit zu den anderen Autos bzw. Körpern. Die Blätter in dem Wagen ... nur ich war zerstreut, brachte nichts unter Kontrolle. Ich gewann nicht, ich war durcheinander. Aber dennoch war dies alles für mich wertvoll, denn ich gewann wichtige Erkenntnisse über mein Selbstvertrauen, über meine Rechtschaffenheit. Ich beteiligte mich an einer Meisterschaft, und zwar so wie immer - ohne diese versteckten psychologischen Tricks, die ich ablehne. Ich habe mir diese Gradlinigkeit erhalten - unberührt. Wie meine Geldbörse und die Papiere in meinem Traum. Ich fühle dies jetzt - während meiner Vorbereitung zur Mr. Olympia-Wahl 1976 - besonders stark.« (athletik-sportjournal Nr. 38)
Der Versuch einer ›Lektüre‹ dieser Rede des unbewußten Subjekts des BODY-BUILDERS, sowie eine Analyse der ebenso aufschlußreichen (Selbst)Deutung, die ja keineswegs eine ›Meta-Rede‹ ist, sondern angeschlossen bleibt an den UNBEWUSSTEN REDE-FLUSS des Erzählenden (genauer: des erzählt Werdenden), können hier nur fragmentarisch dargestellt werden.
Geht man nämlich, Lacan folgend, davon aus, daß »das Unbewußte gleich einer Sprache gebaut ist« (-> Lacan 1975, S. 205 ff.), und greift damit Freuds Bemerkung auf, daß es bei der Traumdeutung in die IRRE führen würde, wollte man die angebotenen Zeichen »nach ihrem Bildwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen« (-> Freud, G. W. II/III, S. 283 f.), dann gerät man bei einer einseitigen Lektüre des Materials, die die Reaktionen des Träumers (des Autors) auf die Lesart seines Traumes nicht berücksichtigen kann, leicht aufs Glatteis der (Be-)Deutungen. Lebensgeschichtliche Rekonstruktionen treten folglich in den Hintergrund; von Interesse bleiben nur STRUKTUREN, auf die der Sinnzusammenhang hinweisen kann.
Nimmt man also Zanes Traum wörtlich, dann kann man das Chaos der unbeschriebenen, LEEREN Papierblätter in seinem Wagen, seiner KÖRPER-MASCHINE, als Verweis auf ›Leerstellen‹ in ihm (selbst) verstehen; der
Träumer spricht von seiner ›Zerstreutheit‹: »Ich war zerstreut ...«, sagt er; C \ H, müßte man es wohl schreiben.
Daneben tritt jenes unterstellte Verlangen nach VERKÖRPERUNG, BEHERRSCHUNG und SPIEGELUNG, das sich nur an der ›Selbst-Körper-Maschine‹ scheinbar realisieren läßt, zutage in den Worten: »Ich brachte nichts mehr unter Kontrolle. Ich gewann nicht, ich war durcheinander ...« (Im Unbewußten: durch-EIN-ANDER-er!) Genau hier nun, wo sich der MANGEL AN SEIN im Abgetrennt-Sein (der Körper-Wgen ist weg!), im LEEREN (den Papierblättern) und im UNBEHERRSCHBAREN (»ich war durcheinander«) offenbart, setzt in der (Selbst-)Deutung eine Verkehrung ein, beginnt die ›andere Rede‹ des denkenden ›Ichs‹, mit der die Lücken plombiert werden: »ICH gewann wichtige Erkenntnisse über mein Selbstvertrauen, über meine Rechtschaffenheit ... ICH beteiligte mich an einer Meisterschaft ... ohne diese verstecken psychologischen Tricks, die ICH ablehne. ICH habe mir diese GRADLINIGKEIT erhalten - UNBERÜHRT. Wie meine GELDBÖRSE und die PAPIERE in meinem Traum.«
Unverkennbar die Illusionen in bezug auf das ›Ich‹, das als ego-zentrische Schaltzentrale über das Subjekt walten soll; GRADLINIG und UNBERÜHRT, und das heißt eben nicht »zerstreut« und »durcheinander«.
Unverkennbar aber auch die unbewußten Momente, die das ›Ich‹ aus gutem Grund mit jener Geldbörse (»meiner Geldbörse«) und den ›Personal-Papieren‹ sinngemäß aneinandergleiten lassen zu einer Metapher, in der sich alle Bruchstücke des Subjekts versammeln zu einem Häuflein SCHEISSE (-> Freud, G. W. X; S. 402-410; Derrida 1972, S. 275 ff.), dem ›eigentlichen Ich‹, das von jeher als AUSSCHEIDUNG geopfert werden mußte, - dessen man immer nur nachträglich habhaft werden konnte.
Es ist gerade dieser Aspekt des ›Verlorenen‹ und der ›unmöglichen Präsenz‹, der in Zanes Traum bearbeitet wird: Träumend stellt er seinen Maschinen-Körper an einen dafür vorgesehenen Platz (an den Ort des Anderen also) und entfernt sich dann von ihm, von seinem Double, kommt zurück, und er ist fort; die Kastration hat sich vollzogen. Nachträglich findet er ihn jedoch wieder, geöffnet, und im HAND-SCHUH-Fach, was wörtlich zu nehmen ist, sein ›Ich‹, - an einem ex-zentrischen Platz.
Im Unbewußten des BODY-BUILDERS gibt es also, wie vermutet, keinen un-entwendeten ›eigentlichen Körper‹, und es bestätigt sich: Sein Leib ist, wenn überhaupt, VERKÖRPERT ALS KÖRPER DES ANDEREN; - zu sagen: ›sein! Körper‹ oder ›mein! Körper‹, wäre also schon ein Euphemismus.
In welchem Ausmaß dies zutrifft und welche unmißverständliche Sprache das UNBEWUSSTE des BODY-BUILDERS dafür erfindet, wird deutlich anhand eines weiteren Traumes, der Arnold Schwarzenegger, dem Größten, widerfahren ist. Sein Freund Frank Zane berichtet darüber:
»Arnold hatte 1974 einen Traum, in dem er mich in phantastischer Form
zusammen mit Franco Colombo bei AUFPUMPEN hinter der Bühne sah - kurz vor der Bewertung zur Mr. Olympia-Wahl in diesem Jahr. Franco erzählte mir dann, daß er ein neues Mittel entdeckt habe, das den Körper in bisher nicht gekannter Weise PLASTISCHER aussehen läßt und daß man es mit einer Bürste aufträgt. Und schon verrieb er dieses Mittel auf meinem ganzen Körper ... und es hatte eine grün-weißliche Farbe. ICH GING AUF DIE BÜHNE UND POSTE, DOCH NIEMAND KONNTE MICH SEHEN. Ich bemerkte plötzlich, daß die Vorhänge genau die gleiche Farbe hatten. Die Kampfrichtet und auch die Zuschauer können mich nicht ausmachen und es sieht aus, als wäre ich ein Teil des Vorhangs und gar nicht anwesen. Sie sehen nur Franco Colombo. Und Arnold sitzt am Bühnenrand und sagt zu sich selbst: ›FRANK IST IN DER FORM SEINES LEBENS, DOCH KEINER KANN IHN SEHEN - EIN TRAUERSPIEL‹.« (athletik- sportjournal Nr. 38)
Im Vordergrund stehen die Ängste und Wünsche des Träumers; es handelt sich bei dieser Schilderung jedoch auch um die Ängste und Wünsche des Nach-Erzählers, und ablesbar wird bei diesem Ineinandergreifen beider Diskurse, daß das Unbewußte eben »die Rede des Anderen ist« (-> Laca 1966, S. 439; Lang 1973, S. 123). Unter diesem Gesichtspunkt klärt sich die Lektüre des Traumes, und eine Struktur wird erkennbar:
Die Rede ist allemal vom ENTWENDETEN KÖRPER als ›KÖRPER DES ANDEREN‹; berichtet wird gleichsam zur Lage des Subjekts, dessen Maß das KÖRPER-MASS ist, - nach Maßgabe des Anderen, der über das »Mittel« verfügt, das den »plastischen« Effekt bewirkt. Nur durch das Mittel des Anderen vollzieht sich das, was den Körper als Körper ausmahct (Plastizität) und ihn damit zugleich ›uneigentlich‹ werden läßt; eine Art SCHRIFT aus eingravierten Zügen und daraus entstehenden Ausbuchtungen auf der Körperoberfläche, gezeichnet im Namen des Anderen, der das verlorene OBJEKT (jenen ersten Besitzer des Körpers, aus dessen Schoß er gezogen wird) in endloser Folger ersetzt.
Nie also ist der Fremd-Körper des BODY-BUILDERS sein AUTOGRAMM. Mit einem ›falschen‹ Text aus Muskeln und Adern geht er auf die Bühne und »niemand kann ihn sehen«, das heißt: er erkennt sich nicht wieder; denn er (selbst) IST NICHTS ALS MANGEL; ein »Intervall«, das unbemerkt bleibt vor jenem grünen Vorhang; NICHTS DIFFERENZIERT IHN (-> Lang 1973, S. 258).
Alle Zeichen des Traumes weisen in ihrer Beziehung zueinander auf diesen »Signifikanten-Mangel« (a.a.O., S. 252 ff.) hin, und das bedeutet hier: auf den VERLORENEN KÖRPER, der eine Lücke hinterläßt, die das Subjekt je in seinem Sein bestimmt.
Der träumende BODY-BUILDER spricht schließlich, träumend vom Anderen, »zu sich selbst«, wie es heißt: »FRANK IST IN DER FORM SEINES LEBENS«, sagt er, »DOCH NIEMAND KANN IHN SEHEN«; es verdichtet sich die Möglichkeit einer völligen »Auflösung des Subjekts« (-> Bataille 1974, S. 55 f.), als der
radikalsten Form von Kastration, als der Offenbarung des ABSURDEN LEIBES (einer absurden Existenz also), - kommentiert mit den Worten: »EIN TRAUERSPIEL«; ein ›Spiel‹ mit der Trauer um das Verlorene (-> Freud, G. W. X, S. 427 ff.), vom Unbewußten erfunden, um jenes ›Ich‹ zu schonen, welches, kaum ist der Träumer erwacht, ausgeruht den alten Illusionen nachhängt: »Wenn meine Muskeln ›nein‹ sagen, sage ICH ›ja‹ ...«; wer denkt ES sich nicht so?
Bleiben wir deshalb etwas bei diesem ›Denken‹, nachdem das Unbewußte zur Sprache kam, - den auch dort, denkend, ist der BODY-BUILDER Avantgardist: am irreduziblen KÖRPER-MASS orientiert; den Narzißmus auf seine einfachsten Formeln bringend; die Struktur der Utopie manifestierend.
5
Schwarzenegger, Zane und ein weiterer, populärer BODY-BUILDER traten 1976 im New Yorker Museum of Modern Art in einer Veranstaltung vor Kunstkritikern gemeinsam auf. Frank Zane kommentierte dieses Ereignis, und sein Bericht gibt Aufschluß über BESTIMMTE Bahnen des Denkens, die bereits angedeutet wurden.
»Zum erstenmal gab es eine Veranstaltung dieser Art in einem Museum. 1600 Menschen kamen, leider mußten einige hundert aus Platzgründen wieder umkehren. Im Museum hatte man inmitten eines großen Saales eine runde Plattform von etwa zwei Meter Durchmesser aufgebaut. Darauf standen wir drei und posten nacheinander. Unter den Zuschauern befanden sich auch bekannte Kunstkritiker, die anschließend darüber diskutierten, ob Bodybuilding als Kunst einzustufen ist. Grundlage war eine wissenschaftliche Arbeit über Kunst und Bildhauerei. Wir wurden befragt, ob wir Bodybuilding selbst als Kunst ansehen oder nicht. Für mich ist Bodybuilding zweifelsohne eine Kunstform - ›Bildhauerei‹ ohne Hammer und Meißel, am eigenen Körper. - Hinter der Bühne waren einige dieser seltsamen ›Kunstwerke‹ aufgestellt, die den meisten Betrachtern immer wieder Rätsel aufgeben und die Frage nach dem künstlerischen Wert aufkommen lassen. Ich jedenfalls sehe einen auseinandergeschnittenen Reifen, aus dem einige Metallspäne ragen, nicht als Kunstwerk an. Wenn man aber dies schon als Kunst akzeptiert, warum kann man dann nicht auch einen austrainierten Körper als Kunstwerk anerkennen? Es ist hoch an der Zeit, daß Bodybuilding universell anerkannt wird, nicht nur als Sport - auch als Kunst ... was es auch tatsächlich ist ...« (athletik-sportjournal Nr. 38).
Einmal abgesehen von dem Motiv ›entartete Kunst‹, fällt schon bei flüchtigem Lesen die (Selbst-) Wahrnehmung des ›eigenen Körpers‹ als ENTWENDETEN, ENTEIGNETEN KÖRPERS auf: als ein an sich lebloser Kunst-Gegenstand,
der nur noch in seiner Fetisch-Funktion und als ›beherrschbares Opfer‹ für seinen »Bild-Hauer« (BODY-B()ILD-ing!) von Interesse ist.
Die wörtlich zu nehmende Metapher des BILD-HAUENS, des Eingravierens, verweist nicht nur auf den unterstellten Vergleich von KÖRPER und SCHRIFT, sondern auch auf sadistische Züge eines Denkens, das sich ›Erhaltung durch Zerstörung‹ verspricht: der Rohling, der je enteignete Körper, wird, dem Beispiel der Bildhauerei folgend, zerstört und als NEUER ALTER KÖRPER, der aus dieser Arbeit ›unter der Hand‹ und ›hinter dem Rücken‹ des Bildhauers hervorgeht, allem Anschein nach erhalten und beherrscht.
Diese Illusion der ›SELBST-BEHERRSCHUNG‹, scheinbar verwirklicht am eigenen Körper, bringt narzißtische ICH-BESESSENHEIT vielleicht auf ihre kürzeste Formel; das MASS der KÖRPER-BEHERRSCHUNG, verliehen nach Maßgabe des Anderen, wird zum Parameter aller Gebetserhörungen durch jene allgegenwärtige GOTTHEIT-NARZISSMUS (denn wie stolz auf SICH ist doch ein Kind, das endlich (selber) scheißen kann!).
Alle komplexeren Spielarten des Narzißmus lassen sich dann anhand dieses Parameters lesen; so etwa die Darlegung des BODY-BUILDINGS als etwas von »universeller« künstlerischer Bedeutung, - mit den entsprechenden Abgrenzungen, wie zu hören war:
Von den vielen möglichen Beispielen für »rätselhafte Kunstwerke«, die man im Museum of Modern Art vorfinden kann, wurde, oder besser: mußte ein auseinandergeschnittener Reifen, aus dem Metallspäne ragen, ausgewählt und angeführt werden. Etwas Fragmentiertes also, etwas GESPALTENES, Eingeschnittenes, gespickt mit Fremd-Körpern; ein Abbild des klaffenden MANGELS AN SEIN. Und genau dieses ›Spiegelbild‹, das die Kunstkritik, wie zähneknirschend festgestellt wurde, akzeptiert hat, ist nun im weiteren Gedankengrund Grund dafür, daß auch dem »austrainierten Körper« die »Anerkennung« als »Kunstwerk« nicht versagt werden darf.
»Es ist hoch an der Zeit, das Bodybuilding UNIVERSELL anerkannt wird ...«, fordert Zane, angesichts des zerschnittenen Reifens, in dem sich Mangel und Kränkung so verdichtet haben. UNIVERSELL, das heißt: der Titel »Mr. UNIVERSUM« bedeutet viel mehr als die Auszeichnung des bestgebauten Athleten; hier ist die Utopie einer verfügbarer Welt, in deren Mittelpunkt das Subjekt als ein »universell anerkanntes« steht, das sich also (selbst) ÜBERALL WIEDERERKENNT, scheinbar realisiert.
Neben der SELBST-BEHERRSCHUNG (mit dem Parameter des KÖPRPER-MASSES), wird Narzißmus hier auf seine zweite Kurzformel gebracht, nämlich UNIVERSELLES WIEDERERKENNEN, das heißt: sich
(selbst) als DAS MÖGLICHE IN ALLEM zu erfahren, - das genaue Gegenteil dessen also, was Bataille in bezug auf die Neurose festhält, die für ihn »das bange Gewahrwerden des Unmöglichen in Allem ist« (Barthes 1974, S. 11).
Interessant ist nun, wie diese beiden narzißtischen Wunsch-Strukturen, die die Rede des BODY-BUILDERS durchziehen, von offizieller Seite aufgegriffen und in einer Weise ›umgearbeitet‹ wiederholt werden, bei der alle problematischen Momente, die im Spiel sind, WORT FÜR WORT zur Sprache kommen.
6
»ENTER THE WONDERFUL WORLD OF BEN WEIDER'S MUSKLE BUILDERS«, heißt der Slogan des größten und weltweiten BODYBUILDING-Unternehmens, der Weider Organization. Das Angebot ist umfassend; es erstreckt sich von Kraftmaschinen, über Spezialunterwäsche (»The Panther Suit«), bis hin zu Personality and Educatinal Courses wie: »HOW TO DEVELOP A HE-MAN VOICE«; »HOW TO OVERCOME AN INFERIORITY COMPLEX«; »HOW TO BE POPULAR AND SELF CONFIDENT«; »HOW TO DEVELOP LEADERSHIP QUALITIES« oder »SECRETS OF A HEALTHY SEX LIFE«, - um nur einige zu nennen.
Was Psychoanalyse und andere ›Heil-Verfahren‹ als ihre Leistungen in umständlich-diskreter Formulierung dem leidenden Subjekt verkaufen, - hier kommt es unverblümt zu WORT und (ES) bedarf keines Kommentars. Keineswegs erstaunlich ist es daher, daß die Popularität des BODY-BUILDINGS in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen hat (was vor allem Arnold Schwarzenegger, dem Größten, zu danken ist.)
Das Publikum bei BODY-BUILDING-Veranstaltungen wird, man liest es hier und da, zunehmend ›seriöser‹; intellektuelle, Kunstkritiker oder Prominente wie Jackie Onassis, Andy Warhol; ja sogar Jimmy Carter intressiert sich für Schwarzenegger, wie man hört.
Entsprechend finden die großen Posing-Shows und Wettbewerbe in verändertem Rahmen statt; in Museen, in Theater- und Konzertsälen.
Parallel verlaufend zu dieser FESTLEGUNG DES RAHMENS, werden die bedrohlichen sexuellen Phantasien, die das BODY-BUILDING vorderhand in Schach hält, mehr und mehr zugelassen. So heißt es in einer Schilderung im athletik-sportjournal Nr. 38: »Die großartige Stimmung erreichte schließlich ihren Höhepunkt, als im verdunkelten Saal plötzlich Sergio Oliva im Scheinwerferlicht stand und zur Musik von ›Shaft‹ seine weltberühmten Posen zeigte.«
Interessant ist hier nicht nur die Nähe zum STRIPTEASE - durch plötzlichen, überraschenden Auftritt, gezieltes Scheinwerferlicht, aufreizende Musik und eine Entblößung des Stars, die den Zuschauer, da sie ihm das ›Eigentliche‹, das unter dem knappen Höschen vermutet wird, unaufhörlich vorenthält, zum geilen Voyeur werden läßt, - interessant ist auch die Beziehung des ganzen Publikums zu seinem IDOL-KÖRPER.
»Die Stimmung erreichte schließlich ihren HÖHEPUNKT«, war zu lesen; das heißt, die Phantasie eines jeden wurden auf ihren einfachsten Nenner
gebracht, um sich zusammenschließen zu können; und zwar auf einen NARZISSTISCHEN NENNER, hinter dem sexuelle Motive, die sich bekanntlich nur als ›Anhängsel‹ in bezug auf das LEBENS-NOTWENDIGE behaupten (-> Laplanche 1974, S. 28 ff.), zurücktreten.
Das Publikum hat also seinen FETISCH gefunden, und dieser Fetisch präsentiert sich ihm als WARE, deren Herstellungsgeheimnis im Verborgenen bleibt (-> Marx, Das Kapital, I. Band, 4). Die WARE KÖRPER, - sie wird nach Angebot und Nachfrage gehandelt, und das KÖRPER-MASS bestimmt, hier wird es deutlich, nach Maßgabe des Anderen, ihren Preis und Wert. Es ist ein PHANTOM: die vollkommene ICH-VERKÖRPERUNGS-MASCHINE, auf die sich alle Phantasien richten; die das De-zentrierte scheinbar konzentriert, tatsächlich aber nur das Bestehende aufbläht und den MANGEL bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Sie de-codiert ihn und codiert ihn sofort neu, - allem Anschein nach in einer »Belebung des eigentlich Leblosen« (-> Trescher 1977, S. 41).
Vielleicht müssen sich deshalb die BODY-BUILDER immer wieder in der Öffentlichkeit gegenseitig versichern - und auch hierbei stehen sie ohne Schleier, als Avantgarde, in vorderster Front -, was für »große«, »außergewöhnliche«, »starke« und »umfassend gebildete« PERSÖNLICHKEITEN sie doch seien.
Hinter all diesen Gedankengängen ist nun freilich der Autor, (selbst) BODY-BUILDER, mit seinen intimen Verwicklungen in den Gegenstand, geschickt auf den Platz des Beobachters ausgewichen, - so, als ob er ES durchschaut hätte!
Aber er hat es nicht durchschaut; erwartungsvoll schlürft er an einem Protein-Getränk, pünktlich zwei Stunden vor dem Training.
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Als der Autor vor einem Jahr mit der qualvollen Aufblähung seines Leibes begann, da gab er sich nicht als BODY-BUILDER aus, sondern bezeichnete sich diskret als einen ›Ausgleichssportler‹ (ohne den tiefen Sinn dieses Wortes verstanden zu haben). Mit seiner Arbeit an den Kommentaren zu diesen ›Ausgleichsversuchen‹ änderte sich dann die schamhafte Einstellung allmählich; inzwischen IST der Autor BODY-BUILDER und konnte nachträglich erfahren, was er schon immer war: VERRÜCKT VON SEINEM KÖRPER.
Doch diese Erfahrungen lassen sich nicht festhalten; sie machen nicht ›klüger‹; die Phantasmen des Autors haben seine ›Reflexion‹ begleitet, die damit auf EINBILDUNG beruht, - wie der Gegenstand, auf den sie sich bezieht: Als BODY-B()ILDER, als Per-verser, der ›seinen‹ Körper verkehrt, bildet sich der Autor ein, er sei (selbst) der Andere, um dadurch SELBST ZU SEIN und sich so seines Genießens zu vergewissern, - und als Neurotiker, der eben dies hier und jetzt zur Sprache bringen muß, bildet er sich ein, er
sei vielleicht nichts weiter als per-vers, um sich damit auch noch des Anderen zu vergewissern! (-> Lacan 1975, S. 201 f.).
Kurz: BODY-BUILDING als die EINBILDUNG VON SELBSTREFLEXION, ergeben zusammengenommen die EINBILDUNG EINES AUTHENTISCHEN ICHS; das heißt: die ILLUSION einer ›heilen Welt‹ von SUBJEKT und OBJEKT, über die ES sich in ›seinem Namen‹ schreiben läßt.
Eine süße Illusion, der der Autor nicht entkommen konnte*; denn er, der im ›analytischen Jargon‹ schwimmt, wie der Fisch im Wasser, hat sich, ob solcher Möglichkeit des DENKENS, dazu verführen lassen, sein BODY-BUILDING schreibend auszuweiten auf den KOPF: ES zu publizieren - und damit womöglich sich und alle anderen, die sich vor den Spiegeln plagen, hinterlistig zu ›verraten‹.
Sollte dies tatsächlich geschehen sein, und vieles spricht dafür, so widerruft der ›KLUG-SCHEISSER‹, wozu er verleitet wurde, weil er dazu imstande ist:
BODY-BUILDING ist die angemessene Antwort auf alle untauglicheren und VERSTOHLENEREN Mittel (Diebstahl des Diebstahls vom Anderen; Plagiat des Plagiats!) zur vorübergehenden Überbrückung von Leerstellen und Widersprüchen. Es kann den, der es betreibt, immer nur entstellen in den Augen der Anderen.
Eine große Plage ist es sicherlich, mehrmals in der Woche die Gewichte zu rühren und die Kraftmaschinen in Bewegung zu halten, aber es ist dabei auch eine WOLLUST im Spiel, etwas Un-sagbares, etwas »Unter-sagtes« (-> Barthes 1974, S. 32), nämlich in die Spiegel zu schauen und sich den geschwollenen und zuckenden Illusionen der SELBST-BEHERRSCHUNG und des WIEDERERKENNENS hinzugeben mit ANDACHT; einzutauchen in das Schlaraffenland der imaginären Identifikationen, - durch die Posen endlich einmal mit sich (selber) ›flirtend‹, - sich stilisierend in dem fremden Muskel-Body zu einem Monument des eigenen Narzißmus.
Und noch einmal zeigt ES der BODY-BUILDER: Jeder Diskurs ist im Grunde ganz und gar eitel.
Leider, und das war das Problem des Autors, seine Scham in bezug auf das Leibliche, fing er nicht schon als Jüngling damit an, ›seinem‹ Körper, sich (selbst) also, ein vollkommeneres Double zu schaffen, und er merkt nun nach und nach, und dies könnte der ›wahre‹ Anlaß seiner Schreiberei sein, daß es dafür zu spät geworden ist: Nicht die Muskeln werden langfristig seine PLOMBEN sein, an deren Errichtung er sich vergeudet, sondern denunziante
[*Ein Versuch, ›seine‹ Überlegungen nicht unter dem EIGENNAMEN, sondern konsequenterweise unter einem beliebigen PSEUDONYM - IM NAMEN DES ANDEREN also - zu veröffentlichen, ist gescheitert.]
Schriftstücke wie dieses könnten als Lückenbüßer herhalten und den Mangel listiger verdecken.
Vom Gewicht des Mangels befreite WÖRTER ersetzen dann den magischen Effekt der Protein-Getränke und die flüchtigen Wirkungen eines Kraftapparates, - als die »Träger großer Illusionen« (-> Leclaire 1976, S. 92), gegen deren Bluff die potemkin'schen Muskelfassaden harmlos sind.
Freiheit (und Utopie!) also als ›Gedanken-Freiheit‹ in den Wiederholungsmustern der ›(Selbst-)Reflexion‹, - IN ALTEN BAHNEN (sich) verlaufend, - trickreich noch bei der (Selbst-)Entlarvung ihrer EIN-B()ILD-UNGEN; reizvoll lediglich in einer überraschenden Wendung (Verkehrung!), hin zum Witz, - in der POINTE, - als STRIPTEASE!
Literaturhinweise:
athletik-sportjournal: 1976, 1977, Essen.
Barthes, Roland: 1974. Die Lust am Text, Frankfurt.
Bataille, Georges: 1974. Der heilige Eros, Neuwied.
Beckett, Samuel: 1972. Der Verwaiser, Frankfurt.
Derrida, Jacques: 1972. Die Schrift und die Differenz, Frankfurt.
Freud, Sigmund: 1900. Die Traumdeutung, G. W. II/III.
- 1916. Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik, G. W. X.
- 1917. Trauer und Melancholie. G. W. X.
- 1921. Jenseits des Lustprinzips. G. W. XIII.
Lacan, Jacques: 1966. Ecrits, Paris.
- 1972. Schriften I, Olten.
- 1975. Schriften II, Olten.
Lang, Hermann: 1973. Die Sprache und das Unbewußte, Frankfurt.
Laplanche/Pontalis: 1973. Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt.
Laplanche, Jean: 1974. Leben und Tod in der Psychoanalyse, Olten.
Leclaire, Serge: 1976. Das Reale entlarven, Olten.
Mannoni, Maud: 1976. Scheißerziehung, Frankfurt.
Marx, Karl: 1972. Das Kapital, I, Berlin.
Muschg, Adolf: 1977. »Geschichte eines Manuskripts.« In: Fritz Zorn: Mars, München.
Trescher, Hans-Georg: 1977. »Archaische Seelentätigkeit und die Comics der Superhelden«, (unveröffentlichte Mskr.), Frankfurt.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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