Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Fridtjof Küchemann: Wie man der Wahrheit näher kommt

Wie man der Wahrheit näher kommt
Bodo Kirchhoff über die Sprache der Liebe und seinen Roman „Wo das Meer beginnt"

Was ist wirklich passiert im Schultheaterkeller, nach der Probe? Will sich Tizia nur rächen, wenn sie ihren Mitschüler Viktor beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben? Auch Bodo Kirchhoffs neuer Roman „Wo das Meer beginnt" ist ein Buch über das Erinnern und Erzählen, über den Zusammenhang von Liebe und Gewalt. Und über die Wahrheit, die eine Sache der Sprache ist.
Mit dem Autor sprach Fridtjof Küchemann.

Kölner Stadt-Anzeiger: Herr Kirchhoff, „Wo das Meer beginnt" ist eine Schulgeschichte, die Geschichte eines Kräftemessens und ein Buch über das Erzählen. Welche Idee stand am Anfang Ihres neuen Romans?

Bodo Kirchhoff: Ein Drehbuch über eine Lehrerkonferenz: Neun Lehrer beraten über einen Schüler, der ein Mädchen vergewaltigt haben soll. Nur darum geht es, und es spielt auch nur in einem Raum, wie „Die zwölf Geschworenen". Um das schreiben zu können, habe ich mir die einzelnen Figuren ungeheuer genau überlegt. Als das Drehbuch geschrieben war, waren sie für mich noch nicht erledigt, vor allem der Schüler und der alte Lehrer nicht, der ihn da schließlich rauspaukt. Und mich hat interessiert: Was ist da wirklich passiert, im Schultheaterkeller, nach der Probe?

Der Lehrer, Branzger, ist ein alter Bekannter.

Kirchhoff: Diese Figur des alten Lehrers beschäftigt mich schon seit langem, sie hat mich schon in meinen allerersten Büchern beschäftigt, und ich wollte sie jetzt auch für mich selber sterben lassen. Und dann beschäftigt mich die Frage: Wie kann man über Erotik reden? Wie kann man überhaupt über Dinge sprechen, die eigentlich jenseits der Sprache liegen? Das ist ja letztlich das, was der Lehrer dem Schüler vermittelt. Und es ist eigentlich das beste, was ein Lehrer einem Schüler mitgeben kann: eine Sprache zur Liebe. Abgesehen von Mathematik und Latein, wenn es darum geht, was man wirklich mitnimmt ins Leben.

Wie kann es so etwas geben: eine Sprache zur Liebe?

Kirchhoff: Das ist für mich eigentlich die ganz große Herausforderung beim Schreiben: dazu etwas zu finden, keinen großen theoretischen Überbau, sondern es erzählend zu schaffen. Der Lehrer schlägt dem Schüler einen Pakt vor: Ich erzähle dir, was in der Konferenz passiert ist, und du erzählst, was wirklich los war im Theaterkeller. Aber dann erspart er es dem Schüler fast, das zu machen. Und schließlich erzählt Branzger seinerseits eine Liebesgeschichte. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich auf diesen Punkt hinarbeite – ohne zu wissen, was ich da schreibe. Ich wusste nur, wer da vorkommt: die Lehrerin, die das Schultheater leitet. Welcher Ort da vorkommt, das wusste ich auch. Aber wie es sein wird, wusste ich nicht. Ich habe mich sozusagen darauf hinzubewegt.

Der Ort dieser Liebesgeschichte, Lissabon, und gerade das Kap, „wo das Land aufhört und das Meer beginnt" – wie haben Sie selbst das kennengelernt? Und wussten Sie gleich, dass Sie darüber literarisch schreiben wollen?


Kirchhoff: Ich kenne Portugal schon sehr lang, auch Lissabon, und vor etwa acht Jahren war ich zum Schreiben länger da. Mit einer Frau aus dem Goethe-Institut – ich war selber gar nicht dort zu Gast – habe ich dann einen Ausflug an dieses Kap gemacht, an einem wirklich windgebeutelten Tag, und ich habe die Tafel mit dieser Inschrift gesehen. Das hat mich sehr beeindruckt, diese Schlichtheit, diese schlichte Wahrheit. Und dann habe ich sowohl in „Parlando" darüber geschrieben als auch jetzt in diesem Buch.

Es scheint, stellt man beim Lesen fest, nicht nur zum Lehrer Branzger, sondern auch zu Haberland, dem Schüler, eine große Nähe des Autors zu geben. Welche Figur ist Ihnen innerlich die vertrautere?


Kirchhoff: Auch Haberland tauchte ja auch schon in „Parlando" auf, indirekt, durch seinen Vater, den Politiker, der geheiratet hat. Und wie in „Parlando" habe ich das Erzählen aufgespalten zwischen einem Jungen und einem Älteren – diesmal sind es natürlich drei Altersstufen, Haberland als Neunzehnjähriger, dann als etwa 32-Jähriger und Branzger, der Mann von 63, 64 Jahren. Ich bin zwar nicht 63, aber es gibt eine starke Differenz bei mir zwischen Dingen, die ich immer noch mache, und den körperlichen Grenzen, dem Wissen um Endlichkeit. Es gibt nicht ein einziges Alter, in dem ich mich fühle, und das trägt dem Rechnung. Aber wahrscheinlich ist mir der Branzger näher: dieses Gepäck an Erlebnissen, an gelebtem Leben, das er mit sich herumschleppt, das natürlich auch eine Beschwernis ist.

Branzger drängt Haberland immer wieder zu erzählen, und zwar nicht ausdrücklich wahrheitsgetreu, sondern möglichst ausschmückend, möglichst literarisch. Worum geht es ihm dabei? Und worum ging es Ihnen?


Kirchhoff: Ich glaube nicht, dass man der Wahrheit näher kommt, indem man eine Alltagssprache wählt. Man kommt der Wahrheit näher, indem man in eine erzählende Sprache hineinfindet und die Dinge langsam umkreist. Jedenfalls ist das mein Weg. Und das ist auch etwas Altertümliches an Branzger: Er beharrt auf dieser Sprache. Die Sache ist nicht damit getan, dass Haberland sagen würde, „ich habe sie gefickt" oder irgend sowas. Damit ist nichts gesagt, nichts. Und das macht er ihm klar: Wie schwierig es eigentlich ist, etwas in diesem Bereich überhaupt weiterzugeben, das Fremdpsychische sozusagen verständlich zu machen.

Anders die Konferenz: Die Lehrer suchen ja die Wahrheit, indem sie beschreiben, wie es gewesen sein muss. Und letzten Endes entblößen sie damit nur sich selbst.


Kirchhoff: Das war die Grundidee des Films: In dem Moment, wo es um die Sexualität dieses Schülers geht, führt nichts daran vorbei, dass die eigene Sexualität zur Sprache kommt. Eruptiv geradezu, vor allem, als sich die Lehrer dieses alte Lied von den Stones hören, das die beiden Schüler im Theaterkeller laufen hatten. Da kommen plötzlich sexuelle, sagen wir einmal, verschüttete Dinge hoch, und dadurch wird ihr Urteil überhaupt erst möglich. Man kann über so etwas nur urteilen, indem man sich selber zum Maßstab nimmt und auch an seine eigene Wahrheit rührt. Das macht Branzger dann auf seine Weise auch, indem er dem Schüler seine Geschichte erzählt, eine überraschende Geschichte, mit der Theaterleiterin, der man das vielleicht am wenigsten zugetraut hätte. Die aber gleichzeitig durch die Arbeit an dieser Liebesszene aus dem „Sommernachtstraum" nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass die beiden Schüler sozusagen aufgeladen wurden.

Würden Sie Haberlands Erzählen ein unschuldiges Erzählen nennen?

Kirchhoff: Er ist sehr bald geschult an der Sprache, die Branzger spricht. Ich hatte keine Lust, ihm irgend einen Jargon zu verleihen. Und dieses – ich will nicht sagen: - Künstliche, aber dieses Erarbeitete, diese Anstrengung, die da drin zu spüren ist, die zeigt ja auch etwas von ihm. In den unmittelbaren Dialogen zwischen den beiden geht es zum Teil ja durchaus flapsig zu. Nur: Wenn ich ihn erzählen lasse, dann ist das auch immer mit der Frage verbunden: An wen richtet sich das? Das ist eine der Grundfragen beim Erzählen: Wer spricht, warum, zu wem? Bevor das nicht klar ist, kann ich gar nicht anfangen zu schreiben. Zumindest muss ich das im Laufe meines Schreibens klären.

Wenn wir von bewusstem Erzählen sprechen: Wann haben Sie selbst das erste Mal bewusst erzählt?


Kirchhoff: Ich kam mit zehn ins Internat und bin da mit zwanzig raus, und ich denke, dieses Wiedergeben der Internatsepisoden, des Leids, all das ... Gleichzeitig durfte man das nicht so erzählen, wie es war, das musste man immer irgendwie verändern, den Eltern gegenüber, und umgekehrt hat man auch von den Eltern was erzählt, das gar nicht stimmte. Es ist mir sehr früh in Erinnerung, dass ich Geschichten erfunden habe. Auch, um mich selbst zu erfinden. Das ist einer der Grundmotoren meiner ganzen Arbeit.

In dem Buch geht es um moralische Fragen: Hat Haberland seine Mitschülerin vergewaltigt? Wem soll man glauben, ihm oder ihr? Und was bedeutet dieses Urteil für die andere Seite? - War Ihre eigene Haltung dazu von Anfang an klar?

Kirchhoff: Dass Liebe und Gewalt viel miteinander zu tun haben, weiß ich schon sehr lange. Wie das in diesem Fall genau aussah, darüber habe ich mir ganz langsam im Buch Gedanken gemacht. Und ich habe es bis zum Ende nicht endgültig bewertet. Höchstens, indem ich nichts gesagt habe, oder indem ich die beiden nicht zusammen auftreten lassen. Als sie sich wiedersehen, zwölf Jahre später, endet das Buch. Darin liegt meine Form der Zurückhaltung. Aber ich denke, gerade wenn man unerfahren ist, ist schnell irgendeine Form von Gewalt im Spiel. Es gibt ja viele Formen: physische Gewalt, die Gewalt von Trennungen oder die Gewalt, jemanden in eine Emotion hineinzuziehen, die der nicht will. Das muss nicht immer ein physischer Übergriff sein. Und ich denke, diese Formen von Gewalt, die mit Liebe verbunden sind, sind unvermeidlich. Es gibt natürlich klare Grenzen, die jeder kennt. Und dennoch sind diese Grenzen auch etwas Fließendes. Deswegen auch der Titel des Buches: „Wo das Meer beginnt" - das ist eben kein eindeutige Grenze.

Fridtjof Küchemann
in: Kölner Stadt-Anzeiger. 05.10.2004
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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