Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Die kleine Garbo«

Falsche Besetzung
«Die kleine Garbo» von Bodo Kirchhoff

«Hoederer, mit oe» nennt sich der Held: «Aber toter Mann geht auch.» Doch eigentlich müsste der Protagonist in Bodo Kirchhoffs jüngstem Roman Hugo heissen. Das ist nämlich der Name jenes unglückseligen jungen Idealisten in Sartres Stück «Die schmutzigen Hände», der seinen Gegenspieler Hoederer (mit oe) - vermeintlich aus politischem Kalkül, in Wahrheit aber aus Eifersucht - erschiesst. Kirchhoffs Hoederer ist genau so ein Weltfremdling, dem alles im Leben schiefgeht, der Job und Frau verloren hat, der bei einem Banküberfall und im Anschluss daran zwei Menschen erschiesst, weil sie im falschen Moment am falschen Ort sind, obwohl er, der Mann, im Grunde «nur sich selbst erschiessen wollte». Dieser Hoederer macht sich die Hände schmutzig, und zwar «ohne jede Absicht». Das ist schon fatal.

Einen «Schundroman» hat Bodo Kirchhoff ja erklärtermassen bereits geschrieben; nun folgt ein weiteres Buch, das unverhohlen mit Kolportage- Elementen spielt und sich dabei genüsslich ins Zeug legt: Hoederer nimmt den zwölfjährigen Kinderstar einer TV-Serie in Geiselhaft, er bemächtigt sich des komfortablen Wagens, in dem «die Kleine» chauffiert wird, nachdem er den nominellen Wagenlenker, einen liebenswürdigen alten Herrn, wiederum aus Versehen und ohne jede Absicht ins Jenseits befördert hat.

Polizei und TV-Team verfolgen das Geschehen von weitem, bis hin zum Showdown, und zwischen den beiden Hauptfiguren entfaltet sich nach und nach, was man pädagogischen Eros nennen könnte: Hoederer klärt die Kleine liebevoll auf, indem er ihr seine Lieblingsschauspielerin nennt (Greta Garbo), seinen Lieblingssong («You really got me» von den Kinks) und eine einfache Regel für die Auswahl von sehenswerten Filmen: Solche sollten es sein, bei denen die Helden in jedem Bild rauchen. «Bogart, Cooper, Gable: gestandene Kettenraucher. Die auch küssen konnten.»

Bodo Kirchhoff macht sich wie sein bedauernswerter Held die Hände schmutzig - im Unterschied zu diesem aber mit voller Absicht -, indem er sich den Wonnen des ästhetisch Gewöhnlichen überlässt. Verübeln muss man ihm das nicht, und viele Leser werden es goutieren; wer aber nicht nur nett unterhalten werden, sondern Überraschendes und Aufregendes entdecken will, wird hier kaum fündig werden. Übrigens: Wäre «I wonna hold your hand» nicht doch der passendere Lieblingssong gewesen?

Martin Krumbholz
in: NZZ, 28.10.2006


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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