Der Tod des Starkritikers ist in Bodo Kirchhoffs ''Schundroman'' nur ein Fauxpas zum Auftakt
Kuddelmuddel mit Supertypen und Witzfiguren
Ohne Zündstoff, was die Kritik am Literaturbetrieb angeht, ist Bodo Kirchhoffs ''Schundroman''. Doch die abenteuerliche Thrillerparodie hat Unterhaltungswert.
''Große Literatur lohnt sich nicht'', rief jemand aus einer anderen Kabine'', ''die kleine tut's genauso.'' Ein Satz aus einem Klogespräch von der Frankfurter Buchmesse zwischen wohl wichtigen Figuren des Literaturlebens. Er steht in Bodo Kirchhoffs ''Schundroman'' und will sagen: Bücher sind zu Saisonartikeln geworden, es lohnt sich nicht, schriftstellerische Kunst und Geist zu investieren. Es kommt darauf an, einen skandaltauglichen Knaller zu produzieren und damit in den Fernseh-Talkshows herumgereicht zu werden.
Sollte Kirchhoff darauf spekuliert haben, diesen Mechanismus von sensationslüsterner Oberflächlichkeit in der Wirklichkeit demonstrieren zu können - nach einem versehentlich zu harten Schlag auf die Nase stirbt in seinem Buch ein immerhin Marcel Reich-Ranicki nachempfundener Literaturkritiker, und ein mit Michel Houllebecq unbedingt zu verwechselnder ''Skandalautor'' Ollenbeck entpuppt sich als Maskerade eines Gangsters - , dann hat das ja nun nicht geklappt. Martin Walsers ''Tod eines Kritikers'' hat Kirchhoffs ''Schundroman'' die Schau gestohlen, wenn man das beim Ernst des Vorwurfs von Antisemitismus, dem Walser wegen seiner Reich-Ranicki-Karikatur ausgesetzt ist, so salopp sagen kann. Walsers Buch ist ein Riesen-Bestseller. Aber auch Kirchhoff ist in den Charts, was bei beiden wenig mit der Größe der Literatur zu tun haben kann.
Kirchhoffs ''Schundroman'' ist eine Parodie auf denselben, mehr noch auf die Sex-and-Crime-Machwerke des Fernsehens. Er führt die Super-Version des eiskalt seinen Weg gehenden Helden vor. Eines Helden, der keinen Schmerz kennt, ausgenommen den der plötzlich und unerwartet hereinbrechenden Liebe, dem auch in extremen Situationen noch ein schnoddriger Spruch von den Lippen kommt und den der Duft der weiten Welt umgibt. Kirchhoff setzt also einen Mega-Typ aus dem Krimi- und Abenteuergenre ein (vielleicht ist sogar ein bisschen Augenzwinkern über die Protagonisten aus den eigenen großen Romanen ''Infanta'' und ''Parlando'' dabei), und das in doppelter Ausfertigung.
Coole Sprüche
Ein Killer, aus dem Frankfurter Ostend stammend und aus Manila kommend, um den Bohrer-Fabrikanten ''Big-Manni'' umzulegen, und ein Detektiv, blond und blauäugig wie der junge Steve McQueen, spielen den gegnerischen Part in einer so haarsträubenden Geschichte von Mord, Intrige, einem gestohlenen Picasso, Millionenerpressung und alles verzehrender Liebe, dass man sie unmöglich wiedergeben kann - und auch nicht sollte. Das würde den Spaß an der Sache verderben, den - wie man hört - vor allem weibliche Leser am ''Schundroman'' finden.
Von Beginn an, wo dem Killer Willem Hold auf dem Frankfurter Flughafen auch gleich der für ihn und das Geschehen dann nicht mehr weiter wichtige Fauxpas mit dem tödlichen Nasenstüper gegen den Starkritiker Louis Freytag passiert, über das Kuddelmuddel zwischen Gangstern und Ermittlern und den Buchmesse-Trubel bis hin zum Show-Down am Gardasee bleibt Kirchhoff konsequent beim dialogüberfrachteten Stil, dem Schwulst und der Brutalität der Kitschliteratur. Er macht das Klasse - aber um Himmels Willen warum?
Von einer Bloßstellung des Literaturbetriebs kann keine Rede sein - was hätte der erfolgreiche Erzähler Kirchhoff auch für einen Grund dazu? Das Buchmessen-Umfeld bevölkern ausschließlich Witzfiguren, Abschreiber und Blender. Darüber kann, wer mag, dann halt lachen.
Petra Kollros
in: Südwest Presse, 25.07.2002.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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