Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Parlando«
Unterwegs um die halbe Welt und in die eigene Vergangenheit

Odyssee auf den Spuren des Vaters

Bodo Kirchhoffs neuer Roman ''Parlando'' ist ambitioniert und gelungen

Liebe und Abenteuer in fernen Ländern: Wieder bietet bei Bodo Kirchhoff ein ruheloser Held reichlich Abwechslung. Dabei ist ''Parlando'' eigentlich eine enge Vater-Sohn-Geschichte, die mitunter penetrant werden kann. Doch ein schöner literarischer Gedanke steckt darin.


Der Vater ist tot. Nun könnte der Sohn, der als Kind von ihm im Stich gelassen wurde und der ihm seitdem sozusagen hinterhergelebt hat, befreit sein eigenes Glück suchen. Aber dazu müsste der Mittdreißiger Karl Faller sich den Vater zuerst von der Seele wälzen.

Vielleicht klappt das jetzt: Hinter der Alten Oper in Frankfurt wird Faller in der Neujahrsnacht 2000 niedergeschlagen neben einer erstochenen Frau gefunden. Der jungen Staatsanwältin Suse Stein gegenüber bezichtigt er sich nicht nur dieses Mordes, auch einen Internatslehrer will er einst umgebracht haben und zudem der Schuldige am Unfalltod der Eltern sein. Das Treffen zu dritt nach langer Zeit, vor ein paar Monaten am Gardasee, hatte er arrangiert. Suse Stein glaubt ihm kein Wort, sie will seine Unschuld beweisen. Aber, das merkt man gleich, nicht nur von Berufs wegen ist sie bereit, haarklein und tief mit Faller in dessen Vergangenheit einzutauchen.

Formal etwas platt fädelt Bodo Kirchhoff zu Beginn seines neuen Romans die Konstellation ein, die jedoch in der Tat für eine atemlose Odyssee, eine sperrige Liebesgeschichte und das alles zusammenhaltende literarische Thema tragfähig bleibt. Indem Faller Suse Stein von sich selbst, und das heißt vom Fiasko mit dem Vater erzählt, versichert er sich versuchsweise seiner selbst. ''Nirgendwo sonst läuft unser Ich so zur Form auf, der Form des Lebens, wie in der Kraft und Vergeblichkeit des Erzählens, wir siegen und verlieren mit jedem Wort, das unseren Mund verläßt.''

Geheimnisvolle Schöne

Dieser Satz fasst die Ambitionen zusammen, die Kirchhoff mit ''Parlando'' verfolgt, dem nach ''Infanta'' (1990) und ''Der Sandmann (1992) dritten groß angelegten Roman des Frankfurter Schriftstellers. Und er klingt gleich weit weniger pathetisch, wenn man sich dazudenkt, in welcher Lage er Karl Faller durch den Kopf geht - auf dem Abort einer Pinte in Mexico City, wo ein furchtbarer Durchfall nicht nur für körperliche Schlackenentfernung sorgt. Bei Kirchhoff muss eben alles etwas bedeuten. Das wirkt immer wieder ein bisschen eitel, doch schaltet bei diesem Erzählen über das Erzählen die sprachliche Kraft die Gefahr der Vergeblichkeit eindeutig aus. Der Roman ist im Ganzen gelungen.

Mexico City ist eine Station bei Fallers Vorwärtsbewegungen in die entfernten Metropolen, die sein Vater Kristian in einer Stadtführer-Reihe für Alleinreisende, dem Hit seines Lebens, beschrieben hat. Und bei seinen gedanklichen Rückwärtsbewegungen zu diesen immer viel zu jungen Eltern, die ihn - eine Panne - auf einer Klassenfahrt in Rom gezeugt hatten. Karl Faller kann es sich als Drehbuchautor einer in Frankfurt spielenden Krimiserie - ohne den Titel zu nennen, geht es recht amüsant um ''Ein Fall für Zwei'' - offenbar leisten, über Marrakesch und Casablanca nach Lissabon, sodann nach Buenos Aires und Mexico dem Schatten des Vaters hinterher zu reisen. Er begibt sich, trotz der anziehenden Staatsanwältin, auf die Suche nach einer mysteriösen Schönen, die in allen Reiseführern seines Vaters auftaucht. Sie muss die Geliebte Kristians gewesen sein, die einzige, mit der Karl nicht selber auch schon geschlafen hat. Auch sie will er besitzen. Aber in Buenos Aires taucht plötzlich Suse Stein auf . . .
Hart und realistisch beschrieben sind die in der Erinnerung ablaufenden Krachszenen zwischen den Eltern, kompromissunfähigen Kindern der Studentenbewegung. Grell hat sich der Auszug des Vaters ins Gedächtnis eingebrannt. Doch mit der Zeit werden die Beispiele zur Erklärung der großen Vaterproblemkiste auch ermüdend. Einmal ganz still zu halten, das scheint der heilsame Weg zu sein.

Spannender und mindestens so eindringlich sind die Bilder, die Kirchhoff vom Treiben in exotischen Welten vorüberfluten lässt. Solche Atmosphären - ob Casablanca oder südamerikanischer Urwald - einfangen, ohne ausschweifend werden zu müssen, das kann er wunderbar.



Petra Kollros
in: Südwest Presse, 09.10.2001.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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