Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Die kleine Garbo«

Im falschen Leben
Bodo Kirchhoff beeindruckt mit "Die kleine Garbo"

In einem verschneiten Märchenwald, in dem eine Wölfin lebt, und in nur einer Nacht spielt Bodo Kirchhoffs neuer Roman. Ein Pechvogel verbringt sie mit einem Glückskind in einem Auto - er Bankräuber, sie Geisel. Das ist abenteuerlich - und dabei intensive Literatur.

Was die Romanhelden bei Bodo Kirchhoff aushalten, ist haarsträubend. Trotz Verwundungen, Krankheit, Hunger und Durst gehen sie ihren Weg des Abenteuers, der Liebe und anderer fundamentaler Dinge wegen. Im neuen Buch hat Hoederer, die männliche Hauptfigur, gleich kurz nach Beginn ein Loch in der Wange, Folge eines Sturzes vom Motorrad, mit dem er nach einem Bankraub auf einer Landstraße nördlich von Berlin verunglückt. Später fehlt ihm ein Ohr. Ein harter Bursche also wieder. Aber sonst ist Entscheidendes anders im soeben erschienenen jüngsten Roman des Frankfurter Schriftstellers. Keine Reise durch exotische Länder, keine geheimnisvolle Schöne, kein erotisches Begehren. Die ganze Geschichte spielt sich in einem schneebedeckten Wald, der größte Teil sogar auf engstem Raum, in einer Limousine, ab. Und erzählt wird das Geschehen nur einer Nacht. Dennoch machen zwei Menschen in diesen Stunden eine Erfahrung, die sie verändert. Dadurch, dass sie einander begegnet sind. "Die kleine Garbo" hat Wesenszüge eines Märchens und den entsprechenden emanzipatorischen Drive.

Hoederer ist ein Gescheiterter. Verkrachter Lehrer, unbeschäftigter Taxifahrer, verlassener Ehemann hat er sich eine Pistole besorgt, um sich zu erschießen, bringt aber versehentlich damit zwei andere Menschen um. In der Dorfbank, die er spontan überfällt, trifft ein Warnschuss eine Kundin, den Mann, der ihm nach dem Unfall auf der Flucht helfen will, eine losgegangene Kugel. Hoederer setzt sich in dessen Luxusauto und trifft darin auf ein scheinbares Glückskind. Der Tote war der Chauffeuer der 13-jährigen Malu, die ein Fernsehstar ist. Jeder kennt sie, nur Hoederer nicht, der nur alte Kinofilme liebt. Mit umgeschnallten Engelsflügeln und ihrem kleinen Hund sitzt das Mädchen im Wagen. Sie waren auf dem Weg zu einem Nachtdreh im Winterwald.

Der Mann, der eigentlich sterben will, verlangt vier Millionen Lösegeld für die Freilassung der Kleinen. Aber nicht der Krimi, der auf Seiten des fieberhaft reagierenden, von einer kalten Karrierefrau angeführten Produktionsteams abläuft, ist das Spannende an diesem Roman. Kirchhoff schildert in Gesprächen über die Schule, die Garbo und die Callas, in den Fahrten durch eine still-romantische Natur, die durch die Anwesenheit einer Wölfin immer wieder ein archaisches Gesicht zeigt, die Annäherung zweier ungleicher Menschen, die beide im falschen Leben sind. Mit Genauigkeit und Dichte entwickelt er dieses Kennenlernen, das beide zu sich selber führt. Kirchhoff erreicht hier in seinem Erzählen eine neue Intensität.

Petra Kollros
in: Südwest Presse, 30.08.2006


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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