Alles nur bunt
Bodo Kirchhoff hat vom Fernsehen gelernt
Welches Projekt verfolgt eigentlich Bodo Kirchhoff? Diese Frage stellt sich angesichts seines jüngsten, inzwischen siebten Romans mehr denn je. Kein Zweifel, sein Handwerk beherrscht der Autor perfekt. Virtuos spinnt er die Handlungsfäden, prägnant und plastisch gerät ihm die Darstellung, souverän hantiert er mit Spannungsaufbau, Tempo und Timing, auf dass die dramatischen Knallbonbons punktgenau zünden. So weit, so glatt. Bleibt die Frage: Hat er auch etwas Interessantes zu erzählen?
Es geht um Intimität und Gewalt, das Thema, das bei Kirchhoff so verlässlich wiederkehrt wie der dazugehörige Männertypus – jener Trüb- und Triebsal blasende, aus innerer Unruhe in der Welt umherirrende Einzelgänger. Diesmal ist es Jakob Hoederer, ein lebensmüder Altachtundsechziger, „bei dem alles danebenging“. Nicht mal aus seinem Vorhaben, sich selbst zu erschießen, will etwas werden: Bei einem missglückten Banküberfall erschießt er versehentlich zwei andere.
Auf der Flucht nimmt Hoederer ausgerechnet den Kinderstar Malu als Geisel, eine Zwölfjährige, die für eine TV-Schnulze gerade als Schutzengel vor der Kamera steht. So wird unser Pechvogel bald nicht nur von der Polizei gejagt, sondern auch von einer karrieresüchtigen Fernsehproducerin. Sie will für ihren Sender live über den Entführungsfall berichten und die Story nach Hollywood verkaufen.
Weiß Gott, aus diesem Stoff ist schon manch hübsche Mediensatire entstanden. Bodo Kirchhoff indes will weniger. Er macht daraus ein Rührstück, ein Thrillermelodram, das weder Kitsch noch Kolportage scheut. Durch die konsequente Adaption filmischer Schnitttechniken reproduziert er zudem unfreiwillig jenes gedankenflache Fernsehniveau, das Hoederer beim Palaver im Fluchtauto so emphatisch beklagt.
Dafür, dass der Autor wahrnehmbar einen literarisch ambitionierten Unterhaltungsroman mit reichlich Reverenz an Film-, Musik- und Literaturgeschichte liefern wollte, serviert er dem geistigen Kostgänger einfach zu viel Binse. Dass sein Held, einst durch Berufsverbot am Lehrerwerden gehindert, den Fluchtwagen in ein fliegendes Klassenzimmer verwandelt und seiner Geisel mit Engelsgeduld das Bruchrechnen beibiegt, mag nach PISA ja noch angehen. Ärgerlich wird es, wenn der medial auch nur halbwegs aufgeklärte Leser in die Klippschule der Medientheorie geschickt wird: Dass die Menschen sich dem Einfluss der Bilder heute kaum noch entziehen können und es um das allgemeine Unterscheidungsvermögen zwischen Fakt und Fiktion nicht mehr zum Besten bestellt ist, davon hörte man wohl schon gelegentlich. Anstatt alles daranzusetzen, die Figuren aus der Geiselhaft ihrer Klischees zu befreien, wird dem Kidnapper schließlich der wohlfeile Meinungsquark zur Rechtschreibreform in den Mund gelegt.
Was mag sich der versierte Bodo Kirchhoff bei alldem nur gedacht haben? Wer, wenn nicht er, müsste doch wissen, dass man Krimi und Volkspädagogik, Gladbeck und Biene Maja nicht ungestraft verquirlen kann. Was der Held an einer Stelle über die Glotze sagt, bringt zugleich das Lektüreerlebnis auf den Punkt: „Alles nur bunt, und man versteht jedes Wort.“ Könnte es vielleicht sein, dass Kirchhoff der Erfolg seiner Pulp-fiction-Parodie Schundroman (2002) auf eine Idee gebracht hat: Wie viel ließe sich eigentlich mit einem richtigen Schundroman verdienen?
Michael Kohtes
in: DIE ZEIT, 28.09.2006.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autors
|