Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Christopher Schwarz: Klug und genau

Klug und genau

Bodo Kirchhoff. Vergangenes Jahr habe ich als Jurysprecher des Deutschen Buchpreises monatelang deutsche Gegenwartsliteratur gelesen. Zurzeit lese ich deswegen lieber andere Sachen.

Und wie jeden Sommer sind das Bücher, die ich schon einmal gelesen habe. Im Moment John Updikes „Rabbit in Ruhe“, ein wunderbares, komplexes Buch, das von existenziellen familiären Erfahrungen handelt. Bei Updike weiß ich, dass ich nicht enttäuscht werde und Neues entdecke.
An den Plot hatte ich nur noch vage Erinnerungen. Was ich eigentlich suche, ist etwas anderes: das Getragenwerden beim Lesen. Den Inhalt eines Romans könnte man mir vorher erzählen, damit würde man mir das Lesevergnügen nicht nehmen. Mich interessiert der Ton eines Romans. Sprache ist für mich ein Instrument, auf dem man entweder schlecht oder gut spielt. Und weil ich mit der Sprache arbeite, seit ich denken kann, höre ich sehr schnell, wie jemand mit der Sprache umgeht, ob er dilettiert oder ein Virtuose ist.

Leider habe ich den Eindruck, dass immer mehr Lesern das Gefühl für den spezifischen Ton eines Buchs fehlt. Wir haben es heute mit eine Krise des Lesens zu tun. In der Schule wird nur noch das Aufnehmen von Texten gelernt, das nicht mehr ist als ein schnelles Entziffern. Romane und
Erzählungen werden auf Aussagen hin abgeklopft. Es gerät immer mehr in Vergessenheit, was Literatur leistet: Ein guter Roman schafft seine eigene Zeit und Zeitlichkeit, in die er den Leser hineinzieht. Der Leser muss seine Zeit aufgeben zugunsten der Romanzeit. Er muss fähig sein zur
Selbstvergessenheit. Dann wird er beschenkt, dann gewinnt er Einblick in das Denken und Fühlen eines fremden Ichs. Das erlebt man manchmal in der Musik und im Film, garantiert nie in Ratgebern, aber immer in großer Literatur. Zum Beispiel bei dem Amerikaner James Salter.
  

Was ich bei den Amerikanern so bewundere, ist das scharfe Auge für das entscheidende Detail, eine Anschaulichkeit, die mit der dominanten Rolle des Films zu tun hat, aber auch mit der Pioniermentalität, mit der Reduktion auf das, was man braucht, um zu überleben. Darin steckt eine Härte, die uns etwas verloren gegangen ist. Bei den deutschen Schriftstellern gibt es immer einzelne große Werke. Etwa „Katz und Maus“ von Günter Grass, eine wunderbare Novelle über die Pubertät. Oder „Das abenteuerliche Herz“ von Ernst Jünger, einem wegen seines Frühwerks verzerrt wahrgenommenen Autor. Seine intensive Schilderung von Jugend und Aufbruch erinnert an Hermann Hesses „Unterm Rad“. Jünger ist ein Autor, der von der jungen Generation wiederentdeckt werden müsste. Gerade habe ich wieder in seinen Tagebüchern „Siebzig verweht“ gelesen. Es gibt in der deutschsprachigen Literatur nichts Vergleichbares an Klugheit und Genauigkeit. Überhaupt habe ich in letzter Zeit viel Tagebuch-Literatur gelesen. „Gestern unterwegs“ von Peter Handke. Und die Tagebücher von André Gide, der 1948 in Torri del Benaco am Gardasee war. Ich schaue gerade von unserem Sommerhaus auf das Hotel hinunter, wo er einige Monate verbrachte, um im September zu sterben, in der schönsten Zeit, und dann doch wieder abreiste, weil es fürs Sterben zu früh war.

Warum ich Tagebücher lese? Weil in diesem Genre die kleinen, fast banalen Beobachtungen mit tiefen Einsichten verknüpft sind. Die Bögen, die da geschlagen werden, die finde ich großartig. Die kurzen Wege vom Besonderen zum Allgemeinen. Dagegen ist der Roman eine Marathonstrecke. Den Figuren wird viel mehr Raum gegeben. Ich erinnere mich an Charles Willefords „Hahnenkampf“, einen Roman über einen Mann in Florida, der sein Leben mit Hahnenkämpfen bestreitet und bei dem ich dachte: Dieses Leben hättest du auch gern geführt, das ist eine Existenz, in die du gern hineinschlüpfen würdest. Oder ich denke an Updike und seinen viel zu wenig bekannten Roman „Sucht mein Angesicht“ über eine alte Malerwitwe, die von einer jungen Journalistin befragt wird über ihr Leben an der Seite berühmter Maler. Das ist eine in ihrem Alltag so sorgfältig ausgeleuchtete Existenz, dass man mit dieser Frau lebt und fühlt. Daneben verblassen Autoren, die eine Rolle in meinem Leben gespielt haben, als ich jung war:
Curzio Malaparte oder Jean Genet. Neulich habe ich einen 35 Jahre alten Brief von mir in die Hände bekommen, in dem ich Klaus Manns „Der Wendepunkt“ rühme. Ich habe das Buch vor mir liegen. Aber vielleicht will ich es gar nicht mehr lesen. Ich glaube, es gibt Autoren, die zu einer
gewissen Lebensspanne gehören. Jeder hat seine Zeit.


Aufgezeichnet von: christopher.schwarz@wiwo.de
Aus der WirtschaftsWoche 34/2006, 24.08.2006


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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