Gewalt der Gefühle
Bodo Kirchhoffs neuer Roman "Wo das Meer beginnt"
Es ist der älteste literarische Stoff der Welt. Bis heute inspiriert Autoren kaum etwas anhaltender als dieses Gefühl, das Menschen und Welt in Gang hält und gelegentlich fürchterlich durcheinander bringt. Was schwingt nicht alles mit, wenn wir "Liebe" sagen: Begehren, Lust, Gier, Gewalt, Tod. Daraus lässt sich noch immer packende Literatur fabrizieren - wenn man es kann.
Bodo Kirchhoff ("Parlando", "Schundroman") ist ein ausgewiesen guter Erzähler und ein versierter Schilderer amouröser Details dazu. In seinem Roman "Wo das Meer beginnt" nähert er sich dem weiten Feld der Liebe, insbesondere dem heiklen Gebiet zwischen Sexualität und Gewalt, von zwei Seiten: aus der Perspektive der entdeckungsfreudigen Jugend und der des langsam Abschied nehmenden Alters. Nach einer Schultheater-Probe für Shakespeares "Sommernachtstraum" setzen Viktor und Tizia das Spiel bei Kerzenschein im Heizungskeller des Frankfurter Hölderlin-Gymnasiums fort. Ein Schrei des Mädchens alarmiert den Hausmeister, wenig später drängelt sich das Lehrerkollegium im Keller. Tizia beschuldigt Viktor der Vergewaltigung. Eine Konferenz soll über den Verbleib Viktors an der Schule befinden.
Dr. Branzger, der alte Lehrer Viktors - Deutsch, Latein, Philosophie - setzt sich erfolgreich für den vorübergehend beurlaubten Schüler ein. Er bittet ihn zu sich in seine Wohnung und schließt mit ihm gewissermaßen einen Erzählpakt: "Meine Geschichte aus dem Besprechungsraum, Haberland, gegen deine Geschichte aus dem Keller."
Zwölf Jahre später, er ist inzwischen als Assistent am Goethe-Institut in Lissabon tätig, hat Viktor die Vergangenheit immer noch nicht losgelassen. Schreibend setzt er sich mit Tizia und seinem unverminderten Verlangen nach ihr auseinander. Grundlage sind die Notizen Branzgers, der nicht nur die damalige Konferenz, sondern auch die Gespräche mit seinem Schüler penibel protokolliert hat. Als Viktor, der Ich-Erzähler, im Auftrag des Goethe-Instituts eine Schauspielerin für eine Lesung sucht, wird ihm unter anderen Tizia vorgeschlagen, die inzwischen an einem Theater engagiert ist. Er lädt sie ein, ohne sich zu erkennen zu geben.
Im Abstand der Jahre und unter dem Einfluss der damaligen Gespräche mit dem Lehrer hofft Viltor auf eine zweite Chance. Branzger brachte ihn in pädagogischer Absicht, aber offenkundig auch aus unterschwellig homoerotisch gefärbter Sympathie dazu, die dunkle Stunde im Hölderlin-Keller und die erschütternde Frage "wer ich bin, wenn ich den anderen begehre" nicht zu verdrängen, sie auch im Licht der geschilderten erotischen Erfahrungen und Einsichten des Älteren zu verarbeiten. Während er auf Tizia wartet, schreibt Viktor das Buch, das der Leser in den Händen hält.
Die Erzählkonstruktion ist etwas bemüht, aber Kirchhoff handhabt sie so selbstverständlich, dass sie den Erzählfluss nicht hemmt. Der Roman besteht aus einer Fülle leichthändig verwobener Geschichten, von denen die tiefgründigsten von den archetypischen Mustern von sexueller Macht und Unterwerfung, der Grenzenlosigkeit und Endlichkeit von Gefühlen, auch ihrer Tristesse handeln. Kirchhoff findet für das Intime ein erfreulich unabgenutztes Vokabular. Mitleidlos genau lässt er seine Figur Branzger das Typeninventar des Lehrerkollegiums demaskieren: eine unterhaltsame Folie, vor der sich die minutiös ausgeloteten Ausnahmezustände der Liebe umso eindringlicher abheben.
Thomas Klingebiel
in: Neue Westfälische, 05./06.03.2005.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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