Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n




Klimmzüge eines Dicken


Neue Zürcher Zeitung, 16.09.1995



Immer wieder, wenn er so dasass, unter dem Zwang anzufangen, empfand er fast ein Gefühl von Dank, dass er nur Erfinder und Autor der Stadtführer für Alleinreisende war, unter keinerlei Druck stand, Erzählungen oder gar ganze Romane schreiben zu müssen. Fürchterlich stellte er sich das vor: jeden Morgen vor dem Leeren sitzen, Blatt oder Schirm, und diese Leere nicht füllen dürfen mit nützlichen Informationen, eingepackt in schöne Sätze, sondern, wenn er das richtig sah, allein mit Wahrheiten, die aus ihm selbst stammten; also den Führer einer Stadt zu schreiben, die es auf keiner Landkarte gab und dann aber doch gab, so sehr, dass viele ganz versessen darauf wären, etwas über diese Stadt zu lesen.
Und dabei mangelte es ihm weder an Fleiss noch an Einfällen, ebenso lag ihm Denkfaulheit fern; wenn dieser Schreibweise etwas entgegenstünde, das jeden Morgen neu bezwungen werden müsste, dann war er das selbst: er war das Hindernis, seine Gefühlsfaulheit. Er sässe da - nicht am Schreibtisch, sondern im Sessel -, auf den Schenkeln ein Schreibgerät, und täte zunächst einmal alles, um nichts zu fühlen, so wie ihm nach einer Weile (das kannte er auch von seinem bescheidenen Schreiben) jeder Trick recht wäre, um vielleicht doch noch etwas zu fühlen - was eben, dachte er, gleich hiesse: sich schlecht zu fühlen. Aber nun einmal angenommen - das ging ihm natürlich schon durch den Kopf -, er schriebe an einem Roman, einem Roman übers Älterwerden, über die Schienen, auf denen er sich zunehmend bewegte, über den Hass auf diese Schienen und die Anhänglichkeit daran, dann müsste er von dem Gespaltensein erzählen, müsste es, morgens um neun bereits, fühlen, wie einer, der nicht hören will.
Er brauchte kein spezielles Papier, um anzufangen, keinen starken Kaffee und keine Zigarette, nicht einmal Lieblingsmusik wäre nötig; nötig wäre nur der Sessel, mit Heizkissen unter dem Sitz, also ein warmer Po, sowie der leere Schirm, blau wie die Morgenröte, mit blinkendem Cursor, der ihm sagte: Deine Zeit läuft. Fehlte nur noch das Fühlen, aber darauf nähme er keine Rücksicht: Er schriebe nämlich drauflos, wie er sich kannte, das wäre sein Ablenkungsmanöver vom Arbeiten, ganz einfach Satz an Satz zu reihen, wie er das bei den Stadtführern tat, bis er es (dank den Frauen, die seine Wunden immer wieder offen hielten) doch irgendwann merkte: dass es so nicht geht - und dann käme, schon aus Gewohnheit, das Telefonieren.
Ohne den geheizten Platz zu verlassen, riefe er all diejenigen an, denen er etwas mehr bedeutete als sie ihm - ein Schriftsteller, dachte er, müsste wenigstens drei oder vier solcher Personen in der Hinterhand haben, die Mutter, zwei verehrende Freundinnen und eine entfernte Geliebte -, bis er mit einer in Streit geriete, wenn Streit hier das richtige Wort war: immer hiess es dann ja, man sage ihm doch nur, wie er sei; jedenfalls ein Nachhaken seitens der anderen Person, ein Ganz-genau-wissen-Wollen, was er sich eigentlich denke, weshalb er, bitte, angerufen habe, und ob er sich überhaupt zuhöre, ein Auf-den-Kopf-zu-Sagen, was er alles tue oder versäume zu tun, ein kaum noch erträgliches fernmündliches Spiegel-Vorhalten, teils lachend, teils geflüstert, mit langen Pausen dazwischen, akustischer Nacht, bis er brüllte, Lass mich, ich kann nicht mehr!, und auflegte und dann, nach Minuten grösster Leere im elektrischen Sessel: plötzlich drei, vier Sätze, an die Momente zuvor noch nicht zu denken war, Klimmzüge eines Dicken. Und nun hiesse es weiterschreiben, nicht nachgeben, im Innersten Kondition haben, über Stunden, bis zum Freigang in die Stadt - welches Glück, dachte er, müsste das sein, nach getaner Romanarbeit endlich wieder Hund und Katze zu gleichen, nichts wissend, nichts fühlend durch die Strassen zu streifen ..
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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