Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Hoederer, ein vom Pech verfolgter Altachtund- sechziger, überfällt die Bank einer kleinen Stadt. Das Glück stellt sich dem lebenslangen Pechvogel auch diesmal nicht auf seine Seite: Sein Warn- schuß tötet unglücklich eine Frau. Auf seiner Flucht entwendet er ein Auto: Was Hoederer nicht weiß, ist, daß er jetzt auch zum Entführer geworden ist, denn im Fond des Wagens versteckt sich ein Mädchen im Engels- kostüm: Malu, mit ihren zwölfeinhalb Jahren bereits ein berühmter Fernsehstar; sie war mit ihrem Chauffeur zu einem nächtlichen Dreh an einem See im Wald nördlich von Berlin unterwegs. Dort wartet das Team, insbesondere die resolute Produzentin und ihr Hand. langerregisseur unge. duldig auf das Eintreffen des Mädchens. Hoederer faßt schon wieder einen fatalen Entschluß: Anstatt die Kleine freizulassen, verlangt er Lösegeld für die Freilassung des Mädchens.
Auf der Suche nach einem geeigneten Versteck gelangen sie in einen tief verschneiten Wald. Und es entspinnt sich ein Gespräch zwischen der kleinen Geisel, die bald die Situation in die Hand nimmt, und ihrem verzweifelten - letztlich jedoch gutherzigen Entführer. Doch reichen die zwölf Stunden bis zur Lösegeldübergabe mit der "kleinen Garbo", wie er sie nennt, aus, um sein versäumtes Leben nachzuholen?


Foto: Inge Lieberberg
Foto: ©Inge Lieberberg


 


P u b l i k a t i o n e n

Cover: Die kleine Garbo


Die kleine Garbo


1. Auflage 2006
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 2006
288 Seiten
ISBN 3-627-00130-3

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Leseprobe

Nachts, getrieben von Hunger, ohne jede Idee, es könnte anderswo besser sein als in ihrer gewohnten Umgebung, waren sie über die Grenze gekommen, durch niederen Birkenwald, gescheckt wie ihr Fell, durch Kanäle und Flüsse, kaum den Kopf über Wasser, vielleicht auch auf Eisschollen, stehend ergeben, niemand konnte Genaueres sagen; nur daß sie hier wieder Fuß gefaßt hatten, war sicher. Man fand ihre Spuren im Tagebausand und um die einsamen Seen der Gegend, man stieß inmitten von Dörfern auf Losung, knochenhaltig, fellumsponnen; man hörte ihr Klagen, wenn sie Anschluß suchten, und sei es an Hunde, auf- und abschwellend wie Gesang. Und auf die Hinweise folgten bald die Gerüchte - in Erholungsgebieten wollte man Teile von Wild entdeckt haben, am Rande von Schrebergärten den Kopf eines Pudels, von verkleinerten Schafherden gar nicht zu reden; unschöne Einzelfälle, wie ihre Fürsprecher sagten, was die Gegner vor Gericht ziehen ließ, das Abschußrecht zu erstreiten, und zunehmend Neugierige auf den Plan rief. Wanderer harrten über Tage im Dickicht aus und bekamen höchstens von weitem eins der Tiere zu sehen, wie es da, steckenbeinig, graubraun, ein Phantom, stur seiner Wege ging, im geschnürten Trab, um plötzlich, ganz Nase, ganz Ohr, innezuhalten und mit einem Satz um sich selbst im Gebüsch zu verschwinden. Doch kamen nicht nur Wanderer, die im Grunde das eigene Herzklopfen suchten, es kamen auch andere.

*

Mitte des vergangenen, langen Winters fuhr ein Filmteam in die fragliche Gegend, mehr aus Instinkt als auch Neugier, einem ähnlichen Trieb folgend wie die Wölfe, nämlich Beute zu machen, die Beute der Bilder. Auf dem Höhepunkt von Schnee und Eis schlug man an einem einsamen Waldsee, dem einsamsten, wie die leitende Producerin meinte, ein Lager auf, rund um ein riesiges Wohnmobil, das schon Tom Cruise nach einer Kampfszene für M:1-2 genutzt haben soll, ganz allein, während es jetzt, für einige Stunden, gleich mehreren diente. Der Star des Films belegte den komfortabelsten Raum, mit Bett und Dusche; für die zwei Nebendarsteller gab es eine Art Lounge, wo sie sich die Wartezeit mit Fernsehen vertrieben, und die Producerin hatte in dem Wohnmobil ein Büro.

Und da stand sie im Mantel am Fenster und sah auf den gefrorenen See mit einem Lichtkran am Ufer und gab schon ihr drittes Telefoninterview an dem Tag. Sie sprach über Filmtitel, die kurz sein müßten, kurz kurz kurz, ehe sie auf den Film selbst kam: ein Mystery drama, Engelskuß, ihre Idee, neunzig Minuten, Sonntagabendprogramm, und mit der Kleinen - so nannte sie ihren Star - bestens besetzt. Dem folgte noch etwas Klatsch, dann war das Interview beendet, sie verließ ihr Büro. Es dunkelte schon, obwohl es kaum vier war, und bei jedem Schritt drang die Kälte durch ihren hauptsächlich weichen Mantel. Neuer Schnee war zum Glück erst für den Abend gemeldet, also dürfte die Kleine, noch unterwegs zum Drehort, rechtzeitig eintreffen. Wie immer vor Nachtaufnahmen war die Producerin unruhig; sie wußte, was auf sie zukam - selbst eine leichte Geburt könnte nicht schlimmer sein.

*

Das Haus war das letzte in der Straße, und im Winter hob es sich schon nachmittags von den schneeverkrusteten Äckern am Ortsende ab, einem Ort unweit der Wälder, durch die wieder Wölfe zogen, erwiesenermaßen. Bis vor kurzem war in dem Haus noch ein Videoladen, aber solche Läden sind ja etwas aus der Mode gekommen. Jetzt gab es dort eine Bankfiliale, die einzige weit und breit; doch manchmal kam noch wer, der einen Film leihen wollte und seinen Irrtum erst merkte, wenn er dort nur auf Mütter mit Kind oder alte Frauen mit Sparbuch traf.

Und auch an diesem Nachmittag, kurz vor Schließung der Filiale, betrat jemand den Schalterraum, der nichts einzahlen oder abheben wollte, sondern gleich zur Wandheizung neben einer Vitrine mit Goldmünzen ging, um sich an den Rohren zu wärmen. Er trug eine Lederjacke mit Riemen und Polstern, wie man sie früher allein bei Motorradfahrern sah (früher, als alles noch einen ernsten Hintergrund hatte, auch und gerade Lederjacken), und in den Händen hielt er eine Wollmütze, die er beim Betreten der Bank abgenommen hatte. Sein Kopf war mehr ein Schädel, mit dichtem Haar, das ihm über die Ohren fiel, und rotbraunen Augen, rot von der Kälte; dazu eine spitze, aber solide Nase und Falten wie Notenlinien auf breiter Stirn - Falten, die mit einem Mal tiefer wurden, während seine Finger, wie von selbst, zwei Löcher in die Wollmütze bohrten.



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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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