Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n



Brief aus der Kiesgrube


in: TransAtlantik
Heft 9, 1983
S. 68/69



Frankfurt, sage ich Dir, leidet. Eine Hitze wie bei Euch in Bangkok wütet in der Stadt, und unsere Städte sind nur gegen Kälte gewappnet. Knallt die Sonne, ist man schutzlos. Die Menschen sehen rot und aufgedunsen aus; manche fallen einfach um, trotz guter Ernährung, andere bleiben zu Hause. Es ist ungewöhnlich still in den Straßen. Und in allen Büros geht ein Wort um: Kiesgrube. Da Du unser Land nicht kennst (läufst Du noch brav ins Goethe-Institut, um Deutsch zu lernen?), wirst Du Dir unter »Kiesgrube« nichts vorstellen können - ich konnte es auch nicht so recht, bis heute. Heute früh, als das Atmen schon beim Aufstehen schwerfiel und mir allein die Zubereitung des Frühstücks (zwei Eier im Glas, nach wie vor) den Schweiß ins Gesicht trieb, rief eine Bekannte an. Fährst du mit zur Kiesgrube? fragte sie mich.
Die Kiesgrube liegt außerhalb der Stadt. Wir fuhren in Kolonne Richtung Groß-Gerau (so heißen neuere Ort bei uns). In einem Waldstück dann auf einmal Polizei auf der Straße, Hubschrauberlärm, Sanitäter. Ein Unfall? Eine Demonstration? Nein, bloß die Kiesgrubenzufahr. So sei das, sagte meine Bekannte. Links und rechts der Straße standen bereits Autos, wir mußten zurück, ans Ende der Schlange. Du mußt Dir das so denken wie den Feierabendverkehr auf der Sukhumvit Road, Abertausende von Autos, nur eben im Wald. Wir fanden das Ende der Schlange, wir stiegen aus. Überall liefen Menschen. Sie kamen von verschiedenen Seiten und schlugen sich - zu ihrem Vergnügen, sie hätten ja auch daheim bleiben können - durch den Wald (es gibt bei uns noch Wald; falls Du im Goethe-Institut etwas anderes gehört hast - laß Dich da nicht täuschen!). Die Menschen trugen ihre Schlauchboote hoch über den Köpfen, denn unser Unterholz ist scharf; natürlich gibt es nicht mehr diese Polster aus Blättern und Laub, aber eben durchaus Bäume.
Meine Bekannte, die Freundin eines arbeitenden Freundes (bei uns arbeiten ja keineswegs alle - so wie bei Euch), trug Shorts und ein Leibchen. Hast du deinen Badeanzug drunter? fragte ich. Wie ...? Sie konnte mich nicht hören, der Hubschrauber kreiste jetzt über dem Wald (immer wenn bei uns mehr als hundert Leute unter freiem Himmel zusammenkommen, dann ist auch gleich ein Hubschrauber da; wir sind ein richtiges Hubschrauberland). Dein Badeanzug! rief ich alos. Wo hast du den ...?! Wieso? rief sie zurück. Da baden alle nackt!

Wir kämpften uns dann schweigend weiter, durch krachendes Gestrüpp (Gestrüpp mußt Du nachschlagen - Buschwerk wäre der falsche Ausdruck gewesen). Der Weg war mühevoll. Schließlich kamen wir an eine Straße (so ist da immer bei uns: man kann sich überhaupt nicht verlaufen). Links und rechts wieder Autos - günstige Parkplätze, die mich ganz neidisch machten.
Und auf der anderen Straßenseite, also jenseits des Waldes, zog sich ein hoher Zaun bis zum Horizont hin, innen verkleidet, so daß man nicht hindurchsehen konnte, oben Stacheldrahtrollen - Du kennst so was ja sicher von militärischen Anlagen. Dahinter mußte die Kiesgrube liegen, wir hörten Stimmengewirr.
In einem langen Menschenzug liefen wir weiter. Meine Bekannte tröstete mich. Der Anmarsch gehöre einfach zum Kiesgrubenerlebnis. Aber da vorne sei schon der Eingang. Wir liefen noch zwanzig Minuten. Dann sah ich endlich eine glitzernde Fläche - doch von wegen, es waren nur Autos, der eigentliche Parkplatz. Wir fanden eine Fußgängergasse und am Ende der Gasse dann erneut eine Schlange. In dieser Schlange stehen wir noch immer, während ich diese Zeilen an Dich schreibe. Gott sei Dank vergeht die Zeit beim Schreiben. Gleich ist es soweit. Sie bezahlt den Eintritt - irgendwem gehört die Grube -, wir kommen durch den Zaun.
Und da liegt sie! Wie soll ich es Dir sagen - vor mir dehnt sich ein beachtlicher Krater, ein gewaltiges Erdloch, mehr breit als tief. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo immer noch gegraben wird (nach Kies, wie das Wort Kiesgrube sagt, denn den brauchen wir für unsere Straßen), sieht man die nackte Erde, was nicht besonders attraktiv ist, und hier, um mich herum, zehntausendfach, den nackten Menschen. Ein einziges Gewimmel auf einem Abhang mit restlichem Gras (sogenannter Grasnarbe, falls Du das Wort noch nicht kennst).
Zwischen diesen beiden Kraterrändern nun die eigentliche Grube, also das Wasser, etwa in der Farbe Eurer Klongs - eine Fläche bestimmt so groß wie der Parkplatz (vielleicht ahnst Du jetzt schon den Zusammenhang: Jehr mehr Straße, je mehr Kies; je mehr Kies, je mehr Grube; je mehr Grube, je mehr Parkplatz, na, und so weiter). Spaß beiseite - auf dem Wasser schwimmen viele Gummiboote (die, die vorher durch den Wald getragen wurden), sogar welche mit Segeln, aber ganz ruhig; wie soll der Wind auch da hinunter kommen. Also kaum Bewegung auf dem Wasser, doch dafür um so mehr um mich herum. Glaube mir, Du machst Dir keinen Begriff. Das Gewackel in den Bars von Pat Pong ist gar nichts dagegen.

Ein Auf und Ab von Brüsten und Säcken, von Gliedern und Pobacken, ein Gebaumel und dazu das Gebabbel (so sagt man hier für Reden), ein einziger gemeinsamer Überfall auf meine Augen (und Du weißt, ich benütze die Welt fast nur mit den Augen - ich schließe sie und sehe Dich!). Hier am besten, sagt meine Bekannte, als ob sie einen ganz besonders netten Platz gefunden hätte, ich öffne meine Augen wieder. Jedenfalls ist es ein Fleck. Sie kann sitzen, ich kann sitzen, so, wie es aussieht; und wenn ich mich nicht allzu breit machte, könnte sie sogar liegen. Sie knöpft ihre Shorts auf und läßt sie fallen. Ich wende mich ab und ziehe mein Hemd aus. Dann die Hose und die Unterhose zugleich. Ein Windzug streicht mir zwischen die Beine. Was hast du? fragt meine Bekannte. Und ich setze mich hin und schlinge beide Arme um die Knie, schaue und schreibe, während sich die Freundin meines Freundes schon sonnt; ich mag sie, den sie will nicht wissen, was ich schreibe.
Unser Fleckchen liegt neben einer Art Promenade, die duch das Nacktgebiet führt. Viele, die dort hin und her gehen, sind gar nicht vollständig nackt. Etliche Männer tragen zum Beispiel weiße Turnschuhe und Socken (der Sommer ist bei uns eine Orgie von Weiß, seit einigen Jahren, seit alles schwärzer aussieht - kennst Du den Ausdruck?). Sogar am Nacktstrand (Strand ist Quatsch) schmücken sich fast alle noch mit einem Zipfel Weiß.

Und auch andere Gewohnheiten aus dem Bekleidetenleben verschwinden nicht ganz. Die Männer rücken im Gehen mit fliegenden Fingern ihr Geschlechtsteil zurecht, und auch die Frauen zeigen Reflexe, als wandelten sie in Kleidern herum. Pärchen gehen natürlich Hand in Hand. Einzelgänger bewegen sich mit merkwürdigen, verlangsamten Schritten, wie wenn sie alle einen Gehfehler hätten, und ihre Augen springen hin und her - man denkt an Reptilien. Jeder schaut auf den anderen, aber so, als schaue er im Grunde ganz woanders hin. Zigtausende von halben Blicken also. Richtig betrachtet werden hier bloß die durchgehend Braunen - die sind ja auch schon gar nicht mehr nackt, sie sind braun.
Etwas tröpfelt mir auf die Schultern. Du mußt dich einschmieren, sagt meine Bekannte; ich mach' das mal, ja? Und dann schmierst du mich ein. Meine Bekannte ist hübsch (nicht so hübsch wie Du), und ich schätze meinen Freund, ich will ihn behalten. Daher schmiere ich sie ziemlich flüchtig ein; ich husche über ihren Hintern und schaue sonstwohin. Ich sehe auf die Bücher, die die Nackten lesen oder die aufgeschlagen neben ihren Köpfen liegen, meist auf den weißen Turnschuhen. Wenn Du jetzt hier sein könntest, dächtest Du wahrscheinlich (habt Ihr den starken Konjunktiv schon besprochen?), wir hätten nur einen einzigen Schriftsteller in Deutschland (ich weiß nicht, was man Euch im Goethe-Institut erzählt). Jedenfalls lesen sie alle diesen einen Schriftsteller, ich glaube, er schreibt täglich ein Buch. Erspare es mir, Dir den Namen zu nennen oder einige Titel, es soll ja auch kein so langer Brief werden - die zerronnenen Buchstaben, die Du siehst: das kommt von meinem Schweiß, der von den Wangen tropft. Die Hitze ist grausam, ich muß mich jetzt erfrischen.
Gehen wir mal ins Wasser, schlage ich meiner Bekannten vor, und - was macht sie - sie tippt sich an die Stirn.
In diese Brühe, sagt sie, ja, bist du verrückt?
Aber warum sind wir denn hier? frage ich.
Um endlich mal ... Ich kann sie nicht mehr verstehen, der Hubschrauber von vorhin und noch ein Hubschrauber kommen, im Tiefflug, und die Nackten winken. So ist das bei uns.
Ich muß Schluß machen, das Blatt weht sonst weg - geh weiter brav in Goethe-Institut und versuch nicht, in einem Bildwörterbuch »Kiesgrube« zu finden; wenn es sein muß, dann schlag unter »Freizeitpark« nach.
Sawadi, Dein kleiner schwitzender Germane!

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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