Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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S e k u n d ä r l i t e r a t u r

Sascha Kiefer
Konstruierte Männlichkeit und externalisierte Homosexualität in Reiseerzählungen von Thomas Mann (Der Tod in Venedig, 1912), Bodo Kirchhoff (Mexikanische Novelle, 1984) und Hans-Christoph Buch (Kain und Abel in Afrika, 2001)
In: Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005 „Germanistik im Konflikt der Kulturen«. Hrsg. von Jean-Marie Valentin
Peter Lang Verlag, Bern, Berlin, Bruxelles u.a. 2007
ISBN 978-3-03910-799-5
S. 37-42


Leseprobe


S. 40f.:
[…]
Die drei untersuchten Texte motivieren das homosexuelle Begehren ihrer Protagonisten und dessen Genese erstaunlich ähnlich. Die Hauptfiguren werden zunächst auf eine Weise charakterisiert, die sie den verschiedenen Ausprägungen mitteleuropäischer hegemonialer Männlichkeit zuordnet: Gustav von Aschenbach [aus Thomas Manns Der Tod in Venedig] verkörpert die leistungsethische, asketische Variante, der Journalist Armin [aus Bodo Kirchhoffs Mexikanischer Novelle] die machohafte, Richard Kandt [aus Hans-Christoph Buchs Kain und Abel in Afrika] die Position des Abenteurers und Forschers. Allerdings wird auch die Labilität der Selbst- und Lebensentwürfe angedeutet, die den jeweiligen Reisen eine Art Fluchtcharakter verleiht: Aschenbach entflieht einer Schreib- und Kreativitätskrise, die sein Selbstverständnis als Künstler bedroht; Armin erhofft sich von seinen mexikanischen Reportagen Impulse für seine längst stagnierende Journalistenlaufbahn; Kandt schließlich zieht sein zivilisationsskeptisches Ungenügen am alten Europa nach Afrika. Keiner der drei Männer ist sozial oder familiär gebunden; sie leben und reisen allein, sind emotional verarmt und definieren sich – ein typisches Element hegemonialer Männlichkeitsentwürfe1  – fast ausschließlich über ihre berufliche Tätigkeit. In Deutschland hatten sie ausnahmslos heterosexuelle Beziehungen, auf deren beiläufige Erwähnung keiner der Texte verzichtet. Die verstörende, in allen drei Fällen von fiebrigen Erkrankungen sekundierte Entdeckung des homosexuellen Impulses ist aufs engste verschränkt mit der Erfahrung einer fremden, kolonialisierten Kultur.
Genauso auffällig wie die Verwandtschaft der drei Protagonisten ist die Ähnlichkeit zwischen den Objekten, auf die sich das jeweilige Begehren richtet. […]
______

1 Vgl. Sylka Scholz: "Hegemoniale Männlichkeit" – Innovatives Konzept oder Leerformel? In: GeschlechterVerhältnisse. Analysen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. Berlin 2004 (Reihe: Texte/Rosa-Luxemburg-Stiftung, 18), S. 33-45, hier S. 38




S. 42:
Einen wirklichen Rückweg gibt es für keinen der Protagonisten: Aschenbach stirbt in Venedig; ob Armin seine mexikanische Gefängniszelle je wieder verlassen wird, lässt Bodo Kirchhoff offen; Richard Kandt schließlich wird zwar von den deutschen Behörden zurückgezwungen, bleibt aber fremd im eigenen Land und findet in der Todesstunde symbolisch zu Mabruk zurück. Keiner der drei Texte kann umhin, das jeweilige Objekt des Begehrens zum Psychopompos, zum Todesboten zu stilisieren; unterstrichen wird somit, dass der homosexuelle Impuls nicht dauerhaft in die Selbstdefinition der Protagonisten zu integrieren ist. Eine 'emanzipatorische' Tendenz in Bezug auf die Marginalisierung homosexueller Männlichkeit verfolgen weder die Novellen Thomas Manns und Bodo Kirchhoffs noch der Roman von Hans Christoph Buch; wohl aber machen sie die diskursive Gewalt bewusst, die Männlichkeitsbilder und Geschlechterkonfigurationen formt, zeigen die Labilität solcher Konstrukte, die dem polymorphen Begehren nicht gerecht werden können und inszenieren in der Begegnung mit der Fremde die Dichotomien, auf denen die eigene Kultur beruht.




Zum Autor:
Sascha Kiefer, geb. 1969. 1989-97 Studium der Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft an der Universität des Saarlandes. 1997 Promotion. Seit 2006 Studienrat im Hochschuldienst an der Universität des Saarlandes. – Dissertation: Dramatik der Gründerzeit. Deutsches Drama und Theater 1870-1890 (1997); Herausgeber u.a. von Kurt Tucholsky: Texte und Briefe. Bd. 13 (2003); Aufsätze u.a. zu Theodor Fontane, Thomas Mann, Klaus Mann, Kurt Tucholsky, Willy Haas, Thomas Bernhard und Günter Grass, zur Literatur der Weimarer Republik sowie zum Musiktheater.

http://www.peterlang.com/


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Peter Lang Verlages
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