Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]































P u b l i k a t i o n e n

Die Katze Erinnerung. Lesebuch




Ich liebe Dich, da steht es



in Die Katze Erinnerung. Ein Lesebuch.
1. Auflage 1992
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1992
S. 148-155
ISBN 3-518-38500-3

Leseprobe

In diesen Tagen, als in allen Straßen die Angst vor einem Gewaltausbruch wuchs, erhielt Augustin Post aus Infanta. Ein vielversprechend praller Umschlag war mit der letzten Luftfracht in die Hauptstadt gelangt; aufgrund der angespannten Lage wurden Flughäfen geschlossen.
Der Brief z.Hd. des Novizen Augustin war an das Priesterseminar der Gesellschaft Jesu adressiert und landete, im Zuge der internen Postverteilung, nach dem Mittagessen beim Empfänger. Augustin sah nur den Poststempel und die Frauenhandschrift, mit der sein Name geschrieben war, und entfernte sich ins Freie. Unter einem Nußbaum, wie sie rings um das Seminar wuchsen, brach er den Umschlaf auf, und zum Vorschein kamen ein zweiter Umschlag. An Mister Kurt Lukas, sowie ein grauer Zettel. Alles vielversprechend Pralle befand sich in dem zweiten Umschlag, während auf dem Zettel in ermahnender Druckschrift folgendes stand: "Mein lieber Augustin, ich brauche Deine Hilfe. Ich bitte Dich, diesen Brief sofort zu überbringen. Lukas - ich weiß nicht, wie Du ihn genannt hast - ist bestimmt noch in der Stadt und wird in einem der großen Hotels wohnen. Du wirst ihn schon finden; ich danke Dir. M." Dem schloß sich noch ein P.S. an. "Wenn Du meinen Brief überbracht hast, dann geh zu der Lebenden Mauer und reihe Dich mutig ein. Ich bete für alle, die dort ausharren."
Augustin setzte sich unter den Baum. Er knüllte den Zettel und glättete ihn wieder, las die Zeilen noch einmal, studierte sie, ob etwas zwischen ihnen stehe, strich über die Schrift und roch am Papier. Der Schlagersänger in ihm hatte gehofft, ein halbverhülltes Liebesgeständnis zu erhalten, das er, Augustin der Vernünftige, dann seitenlang beantworten könnte. Mit brüderlichen Argumenten würde er Mayla jedes über Freundschaft hinausreichende Gefühl für ihn ausreden zugunsten einer wichtigeren Liebe, der zu dem Deutschen aus Rom. Augustin fühlte sich vor allem um diese Antwort gebracht. Wie gern hätte er schriftliche Beweise für seine selbstlose Haltung und erstaunliche Reife geliefert. Aber darauf legte sie offenbar keinen Wert; sie schloß ihn ja auch nur in ein Sammelgebet ein. Jedes ihrer wenigen Worte auf dem Zettel nagte an ihm. Wie viele vollkommen andere Worte mochte der eigentliche Brief enthalten; und warum war nicht er der richtige Empfänger? Warum war alles so verfestigt, obwohl das Leben auch anders sein konnte. So gelöst win in den letzten Tagen.
Seit Beginn der Unruhen taumelte Augustin von einer Sensation zur nächsten. Überall boten ihm junge Frauen ihren Arm. Nirgends bändelte es sich leichter an als in Menschenketten. Über Maylas Appell an seinen Mut konnte er nur lächeln. Fast täglich fuhr er zu der Lebenden Mauer, um sich in ein Gewoge aus nackten Schultern, warmem Haar und weichen Hüften zu stürzen. Was für ein Segen, daß die neue demokratische Bewegung eine Bewegung der Frauen war. Der Novize hielt den Umschlag gegen die Sonne. Ihre Anrede schimmerte vielleicht durch das Papier, mein Liebster, mein Guter, mein Freund... Aber da war nichts zu erkennen, und er rätselte noch eine Weile. Leichter Wind kam auf. Kleine Zweige fielen aus dem Baum; einer landete in Augustins Schoß. Er griff nach ihm. Er spielte damit. Und zu seiner eigenen Überraschung bohrte er den Zweig wie ein Briefmesserchen durch den Umschlag. Da steckte er nun. Und halb in dem Gefühl von Sünde, halb in dem Bewußtsein, nur fortzusetzen, was er im Kreis der Alten begonnen hatte, das Studium einer Liebe, schlitzte der Novize den Umschlag der Länge nach auf.
(...)

[Aus: Infanta. Roman]


-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

[ zurück ]









   impressum