Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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»Ich meide das Wort Heimat wie einen Fluch«, heißt es in einer von Bodo Kirchhoffs jüngsten Erzählungen, die am Gardasee spielen, »ich kenne nur die Wahlheimat, entstanden aus Fügung und Willkür, sicherlich schön, sonst baute ich dort kein Haus, aber auch - eben weil die Wurzel fehlt, der Kinderglaube an die Landschaft - ein Spiegel: alles Erwachsenen, Gespaltenen, Schiefen.«
Die Menschen in Kirchhoffs Geschichten stehen im Bann des großen Sees und seiner Ufer, aber sie müssen die begehrte Gegen immer wieder mit ihren eigenen Abgründen trüben, erkunden, wieviel ihre Wahlheimat verträgt - ob sie am Ende stäarker ist als die Katastrophen, die sie dort einschleppen. Die schöne Landschaft beglückt, aber sie reißt auch ein Loch auf. (»Das Loch«, so heißt die erste Erzählung des Bandes.) Wenig haben die Besucher ihr entgegenzusetzen, meist nur den sportlichen Wettkampf oder das Böse »in Gedanken und Taten«, selten einen gleichwertigen Atem. Kirchhoff erzählt in seinen alten und neuen Seegeschichten von beidem: dem schmerzlichen Gegensatz zu Wasser und Dunst, zu Bergen und Licht - und dem seltenen Verschmelzen mit einer »Landschaft von schon gefährlicher Attraktivität, in manchen Stunden soviel Glück verheißend, daß man nur passen kann ...«



Bodo Kirchhoff

Foto: Sven Paustian



Bodo Kirchhoff, der seit seiner ersten Veröffentlichtung erzählend immer wieder an den Gardasee zurückgekehrt ist, hat seine Seegeschichten zu einem mitreißend ungemütlichen Band zusammengestellt.


P u b l i k a t i o n e n

Katastrophen mit Seeblick





Katastrophen mit Seeblick

Geschichten

1. Auflage 1998
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1998
146 Seiten
ISBN 3-518-40955-7
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Leseprobe

Das Loch

Die folgende Geschichte ist wahr; sie spielte sich erst vor kurzem auf dem Gardasee ab, den Sie vielleicht kennen oder zu kennen glauben. Ich selber kenne diesen See seit langem und halte es für das beste, ihn anfangs nur als groß zu beschreiben. Und tief.
Der See ist also groß und tief; immer wieder die Vorstellung, ihn leer zu sehen, als eine langgestreckte, schwarze Schlucht. Sobald der Wasserspiegel, in der Julihitze, sinkt, die ersten moosigen Felsen freigibt, bin ich in Sorge: daß mein See, wenn es nicht regnet, gewissermaßen seine Kehrseite preisgeben müßte - in Sorge wie um ein geliebtes Gesicht nach zu wenig Schlaf: Wir ahnen den Schädel, der überdauern wird, und schließen die Augen.
Einen See mit einem Gesicht zu vergleichen erscheint mir berechtigt. Nach Monaten in der Stadt (ohne Gesicht) erfüllt mich schon die Strecke zum See. Es ist die Strecke der Vorfreude, auch wenn sie sich hinzieht, und ich verfluche jeden Mitfahrer, der meine Vorfreude nicht teilt, so auch zwei Personen dieser Geschichte: da ist von den stillen Flüchen zum ersten Mal etwas hängengeblieben ... Breche ich morgens vor zehn Uhr auf, bin ich abends am Ziel; nach neun Stunden Autobahn sind es nur noch Minuten bis zum ersten Blick auf den See - sein immer gleiches Daliegen zwischen Bergen und Anhöhen beglückt mich. Mehr kann man nicht verlangen.
Ich atme auf, weil auch der See, in meinen Augen, atmet. Schon die erste warme Sonne, Anfang März, macht diesen Atem sichtbar. Über der ganzen Wasserfläche bildet sich, geisterhaft, Dunst, eine sich ständig ändernde Landschaft aus Billiarden von Tröpfchen. So erscheint der See oft, nach Süden hin, wie ein Meer, doch immer weiß ich: hinter dem Horizont endet das Wasser. Der See ist von einer geschlossenen Weite, die mich beruhigt (während sich das Meer leicht mit dem Gedanken des Verlorenseins verbindet - ich kann mich dem Meer nicht hingeben, es ist ein zu starkes Bild). Größe und Kraft des Sees sind begrenzt; in Anbetracht seiner Vorzüge verliere ich nie den Verstand. Ich werde höchstens etwas traurig, aber das gehört ja dazu, ich mache mir nichts daraus (ganz anders als die beiden, von mir still verfluchten, traurigen Berühmtheiten, von denen ich erzählen will).
Es gibt Stunden am See, ob im Juni oder September, da fürchte ich die vergehende Zeit wie der alte, auf eine Terrasse geschobene Mann. Allein der Wechsel vom frühen Vormittag zum späteren, von der ersten über den Monte Baldo-Kamm schießenden Sonne, dienichts als guttut, nur Licht und Wärme bringt und die Fische ins Flachwasser lockt, wo sie schemenhaft hin und her flitzen, zu dem Moment, da die Zikaden anheben und ich den Schatten suche, ein Buch in der Hand, kann mich betrüben. Zu solcher Stunde ist der See beängstigend schön; es hilft dann auch nichts, ihm vertraut zu sein.
Die wenigsten, die es zum Gardasee zieht, geben sich seinen Kräften hin. Die meisten versuchen sich - ich weiß nicht, warum - mit ihm zu messen. In seinem engen Nordteil messen sie sich mit dem wechselnden Wind zwischen den Bergwänden, im Süden dagegen mit seiner Weite, die es, in schneller Fahrt, zu überwinden gilt; der sich immer mehr öffnende und im Dunst scheinbar endlose, bei glattem Wasser schon beinahe phlegmatische Südteil ist für viele schwerer zu ertragen als der zugige, oft wolkenverhangene Norden. Mich reizt weder das eine noch das andere.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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