Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Jahre wie nichts




Jahre wie nichts

Ein Lesebuch

Herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen zusammen mit Ulrike Bauer
1. Auflage 1992
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1992
279 Seiten
ISBN 3-518-38370-1

Leseprobe

Vorwort

Was wäre die Ehe ohne den Ehebruch, was der Seitensprung ohne die Idee der Treue, was das Einmalige ohne die Wiederholung?
Jahre wie nichts ist der dritte Band in unserem Zyklus Der lange Augenblick der Liebe - nach Verliebtheit und Leidenschaft nun also Liebe als ›Dauerzustand‹, von allen gewünscht, von den wenigsten erreicht, ein Traum, dem immer wieder das Leben im Weg steht; zu keinem anderen Kapitel der Liebe fanden sich so verschiedene und doch um denselben Kern kreisende Texte: Ein Unbehagen, das aus Beständigkeit erwächst.
Am Beginn des Bandes finden wir bei Autoren wie Franz Kafka oder Leo N. Tolstoj die Frage aller Fragen: Soll und kann man überhaupt heiraten? Nur wenige Autoren liefern uns Zeugnisse der geglückten, der erfüllten Ehe. Von einer Liebe bis zum Tod, die den Alltag in sich einschließt, lesen wir bei Wolfgang Borchert; sein knapper Text bringt exemplarische Szenen des Aufgehobenseins, des Wissens, wohin man gehört. Fast unmerklich dann der Übergang vom stillen Glück zur Eintönigkeit: Joris-Karl Huysmans und Taeko Kono beschreiben die Sackgasse des Gewohnten: Die Ehe scheint nur noch rettbar, wenn sie aufs Spiel gesetzt wird. Von solchen, oft verzweifelten Belebungsversuchen erzählen Autoren wie Julio Cortázar und Julieta de Godoy Ladeira; bis zu der Angst vor der hereinbrechenden Katastrophe ist es dann nicht mehr weit, wie wir bei Katherine Mansfield oder Marie Luise Kaschnitz erfahren. Länger und quälender dagegen ist der Weg vom phantasierten Seitensprung zur Wirklichkeit des Ehebruchs, dem Zerbrechen des Traums, ohne daß dadurch schon die Ehe zerbricht. Von diesem inneren Bruch lesen wir bei Robert Walser. Der Schritt schließlich zum äußeren Bruch bildet den Schluß des Bandes mit Texten von Conrad Aiken und Renate Rubinstein. Es ist der Anfang vom Anfang vom Ende und leitet über zu unserem vorletzten Band des Zyklus: Unaufhaltsame Entzweiung.
Der Band Jahre wie nichts folgt bei der Auswahl vor allem dem Gedanken der Zweischneidigkeit der Ehe. Alle Texte erzählen von Versuchen, eine höhere Form des Alltags zu etablieren, ja ihn in einem dauerhaften Seilakt zu überwinden. In seiner Einteilung folgt der Band der Erfahrung des Verschleißes, wie ihn alle Liebenden, wenn sie ein gutes Gedächtnis besitzen und davon Gebrauch machen, erfahren. Aber der Band zeigt auch die ehe als ein Grundanliegen, das Leben mit einem anderen Menschen zu teilen, ein Bemühen, zu dem es nur die Alternative der Einsamkeit gibt.

Ulrike Bauer/Bodo Kirchhoff


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Suhrkamp Verlages sowie des Autors

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