Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home   news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




S e k u n d ä r l i t e r a t u r
Cover Mythos und Krise
Raliza Ivanova
Der Schriftsteller zwischen Pygmalion und Ödipus
Bodo Kirchhoffs "Der Sandmann"
In  Bogdan Mirtschev, Maja Razboynikova-Frateva, Hans-Gerd Winter (Hg.): Mythos und Krise in der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.
Germanica Neue Folge 2002. Jahrbuch der Germanistik in Bulgarien.
Thelem w.e.b. Universitätsverlag, Dresden 2004
ISBN 3-935712-81-2
S. 55-64
(...)

S. 56
(...)
Mein Anliegen ist, im folgenden zu zeigen, dass die Kategorie der Zerstörung für die gegenwärtige deutsche Literatur ihre Faszination doch nicht verloren hat. Dabei berufe ich mich auf Bodo Kirchhoffs poetologisches Programm von der "Ödipus-Arbeit" des Schriftstellers, die ich anhand von der Figur des Dr. Branzger, dem Sub-Erzähler in Kirchhoffs Roman "Der Sandmann", zu veranschaulichen versuche. Dieser behauptet, sein Geschlecht sei nicht "männlich", sondern "lyrisch"4 (Kirchhoff: SM 174), was im rezeptiven Bewusstsein Assoziationen an den von Nietzsche vorgeprägten Typus des "dionysischen Rauschkünstlers" (Nietzsche: 30) wachruft, der im Idealfall des "Lyrikers" [!] (ebd.: 44) jeglichen Subjektivismus abstreift und eine kategorial von der des wachen empirischen Menschen geschiedene Ichheit an den Tag legt. Diese kommt zum Ausdruck in seinem Ausbruch aus der "Insel der Seligen" (Kirchhoff: PV 71) - Deutschland als Platzhalter für die zivilisatorische Welt -, wo ihm "alles Heilige" (ebd.: 69) beseitigt scheint. Es ist eine verkappte Religiosität, die hier angesprochen wird, stellvertretend für einen nicht minder fanatischen modernen Rationalismus, der an die Stelle der Autorität Gottes die Autorität der Vernunft setzt und statt einer Weltflucht ins Übersinnliche die neue Metaphysik des historischen Fortschritts propagiert. Was wäre aber, wenn sich diese neue Metaphysik gegen den Menschen kehrt? Dieser sich aber nicht mehr dem alten Gott zuwenden kann? Ein Grundanliegen postmoderner Kunst, zu der auch Bodo

4 Bodo Kirchhoff: Der Sandmann. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1994. Wird im Folgenden sigliert mit Seitenzahl als SM zitiert.


S. 57
Kirchhoffs Werk zu zählen ist, ist die Auseinandersetzung mit dieser existenziellen Frage sowie die Herausbildung einer Alternative für die darin artikulierte unheilvolle Perspektive. Einen Ausweg sucht Postmodernität in einer "theophanen Ästhetik" (Gasser: 443), die freilich einen Abschied von der Aufklärung, von der Vernunft, von der Eschatologie, hingegen eine Zuwendung zum Ästhetischen, Lyrischen und Zeitlosen voraussetzt. Das Ödipus-Paradigma kann hierfür deshalb als Anhaltspunkt herangezogen werden, weil es weder auf der Achse der Eschatologie noch auf der des historischen Fortschritts zu platzieren ist. Es eröffnet die Möglichkeit, gottlos zu werden, ohne der Autorität der Vernunft zu verfallen.

Branzgers Weg führt in die "Stadt der Sprungbereiten" (Kirchhoff: SM 71), womit das Motiv der Selbstzerstörung artikuliert wird. Es handelt sich bei ihm um eine äußerst identitätsresistente Gestalt. Zu Anfang des in Tunis verorteten Romangeschehens stellt er sich als Dissident aus dem Osten vor, der einst verhaftet worden sei, weil er Losungen an öffentliche Wände geschrieben habe. Er behauptet, nach Deutschlands Wiedervereinigung aus dem Gefängnis herausgekommen zu sein, worauf er sich, gezeichnet von einem während seiner Gefängniszeit auf seinem Rücken tätowierten Schiff mit acht Segeln, in die Emigration begibt.
(...)




Die Autorin
Raliza Ivanova ist Assistentin für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik und Niederlandistik der Hll. Kyril und Method Universität in Veliko Tarnovo (Bulgarien).
Dissertation (2005) zum Thema "Die gesteigerte Erlösung oder die verheißungsvolle Umwegsamkeit. Maskerade und Soteriologie des Bösen in Stefan Heyms Roman 'Ahasver'".




Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages
 [ zurück ]




   impressum