Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Jörg Palitzsch: Innenansichten eines Schreibenden

Bodo Kirchhoff im Deutschen Literaturmuseum Marbach zu Gast

Innenansichten eines Schreibenden
Unterschied zwischen dem Schreiben von Romanen und der Filmarbeit anschaulich dargestellt

Bodo Kirchhoff zählt zu den renommiertesten Autoren im Lande. Welchen Stellenwert die Prosa und die Arbeit an einem Filmdrehbuch für ihn haben, erklärte er am vergangenen Mittwoch rund 70 Gästen im Kilian-Kerner-Saal des Marbacher Literaturmuseums.

Mit einer Veranstaltungsreihe unter dem Namen Marbacher Dialoge gehen das Literaturmuseum und die Ludwigsburger Filmakademie neue Wege. Zum Auftakt hätte man keinen besseren Schriftsteller als Bodo Kirchhoff einladen können. Eingestimmt wurden die Gäste mit dem 115-minütigen Film Manila zu dem Kirchhoff das Drehbuch schrieb. Regie führte Romuald Karmarker, der dem breiten Publikum durch das filmische Kabinettstück Der Todmacher mit Götz George in der Hauptrolle bekannt geworden ist.

Stichwort Publikumsgeschmack: Bodo Kirchhoff zieht in Manila alle Gefühlsregister auf begrenzter Bühne. Die Story spielt ausschließlich im Wartesaal des internationalen Flughafens in Manila. Der Flug nach Deutschland verzögert sich wegen einer Ratte an Bord, die Passagiere kommen sich in Gesprächen fern der Heimat nach und nach näher. Das Restaurant wird für den Zuschauer so zur Bühne, in der Toilette spielen sich kleine und große Dramen ab, am Ende wird die Halle zur fulminanten Opernbühne für den Chor der Gefangenen von Manila.

Kirchhoff und Karmarker konnten für den Film eine ganze Reihe ausgezeichneter Schauspielerinnen und Schauspieler gewinnen, darunter Michael Degen, Sky Dumont, einen stummen Herbert Feuerstein, einen völlig durchgedrehten Martin Semmelrogge, Eddi Arent und die abgeklärte Elisabeth McCovern. Das Drehbuch bietet ordinäre, witzige, überraschende, geheimnisvolle und liebevolle Szenen. Trotzdem, so Kirchhoff im anschließenden Gespräch, sei der Film offenbar, aus welchen Gründen auch immer, nicht fernsehtauglich.

Für den Film habe er überaus viel Stoff zusammengeschrieben, sagt Bodo Kirchhoff. Dabei wurden auch Erinnerungen verarbeitet, die er schon lange mit sich herumgetragen hat. So singen in dem Film am Ende alle Beteiligten zu Opernmusik nur die Zeile Polizeistunde kennen wir nicht, ein Satz, den Kirchhoff vor zehn Jahren in Italien aufgegriffen und nie wieder vergessen hat. Ich wusste nur, hier kommt Deutschland und Italien zusammen.

Der Unterschied zwischen dem Schreiben von Romanen und der Arbeit an einem Drehbuch konnte der Erfolgsautor mit kurzen Beispielen erläutern. So sei ein Roman ein ganz eigenes individuelles Universum, in dem der Schreibende alle Rollen spiele. Den Maskenbildner, den Tonmann, den Bühnenbildner, alle Nebenrollen und auch das Publikum. Im Roman müsse man den einen Ton finden und mühevoll brauchbare und damit lesbare Dialoge entwickeln, an seinem Buch Parlando schrieb Bodo Kirchhoff allein acht Jahre lang.

Ständig neue Lebenswelten

So sei es auch gut für jemanden, der schreibt, ständig neue Lebenswelten zu entdecken, man kann, so der Autor, nur darüber schreiben, was man selbst erlebt hat. Für Bodo Kirchhoff ein wahrer Satz, flossen in Manila doch auch sehr viele eigene Erfahrungen mit ein, die er auf den Philippinen gemacht hat. Beim Film sei die Arbeit daher ganz anders: Viele entscheiden über den Stoff und den Ablauf, vieles hängt vom Geld ab. So hält der Schriftsteller nicht viel vom TV-Betrieb, dessen Prominentenschlecken er am liebsten abschaffen möchte. Dann würde der Besucherstrom ins Literaturarchiv wohl bis Stuttgart reichen.

Bleibt die Rolle der Literatur und ihre Kraft auf das Publikum. Bodo Kirchhoffs ernüchternde Antwort: Grass hat eine Orakelfunktion und manchmal sagt Walser auch noch was. Ihm selbst sagen es mittlerweile seine beiden Kinder, wie er etwas zu machen habe und vor allem, wie es sich verkaufen lässt. Einer der wenigen privaten Augenblicke und Aussagen des Abends überhaupt weit weg von Film- und Literaturbetrieb.


Jörg Palitzsch
in: Bietigheimer Zeitung, 05.12.2003.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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