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»Es ist eine Liebesgeschichte, Du kannst es mir glauben. Sie spielt sich in bemerkenswerter Stille ab, fast unmodern heimlich, und gewiß nicht unter dem Eindruck der Tropen, die ja - wer wüßte es besser als wir - keinen Zauber mehr haben ...« So berichtet einer von fünf alten Missionaren. Wegbereitern einer Liebe, die unaufhaltsam ihren Ruhestand erschüttert. Aus den abgeklärten Greisen werden ruhelose Männer, aus dem, was spielerisch begann, ein Drama - Doch wie kam es überhaupt so weit, fragen sich die Priester in einer Atempause.
Da hatte man also einen Gast aufgenommen, einen Deutschen aus Rom, gutaussehend, müßig, mit unklarer beruflicher Tätigkeit, einem Kerl, von dem nur feststand, daß er um die Vierzig war und noch immer nicht erwachsen. Aber müßte man nicht weiter ausholen, überlegen die Priester, auch Umstände, Hintergründe nennen? Das hieße: eine große Insel, Äquatornähe, Kriegsgebiet, Gegenwart. Im Herzen der Insel ein Flecken - Strohhütten, Blechbuden, Schönheitssalons, eine Kirche, ein Nachtclub - und am Ortsrand, abgeschieden, »die Station«, Heimat langgedienter Missionare, »der Alten«.
Sie, die Alten, sozusagen der Chor - drei Amerikaner, ein gebürtiger Deutscher, ein Italiener und ein Einheimischer -, kamen vor Jahren zu einer Haushilfe, einem Mädchen, das sich machte. Sie wurde erstens schön und schöner und zweitens, durch den Umgang mit den weltgewandten Pensionären, klug und klüger. Für die Burschen im Ort eine vernichtende Kombination, für die Missionare eine letzte Prüfung - jeder verliebte sich, jeder schwieg, jeder bangte, einer brach gar mit der Kirche. Ihr Leben geriet aus dem Lot, ihr Frieden stand auf dem Spiel - bis ein offener Verstoß alle verdeckten vom Tisch fegt. Der Deutsche aus der Ewigen Stadt, aufgegabelt an der Küste, fast eine Straßenbekanntschaft und mehr entführt als eingeladen, macht das Mädchen zur Frau, und die Alten werden über Nacht zu Komplizen. Auf einmal sind sie Anstifter, Mitwisser, Kuppler, diskrete Spione und kleine Schmarotzer, unermüdliche Bewacher des Liebeslebens unter ihrem Dach: von Lebensabend keine Spur mehr.
Kennst Du die Geschichten von Menschen, die mit Phosphor bespritzt sind? Sie müssen bis zur Nase unter Wasser sein. Sobald sie auftauchen, brennen sie. Dieses Wasser ist mein Brief. Solange ich schreibe, denke ich, was ich will. Ich liebe Dich, da steht es.
Taschenbuchausgabe

suhrkamp taschenbuch 1872
Erste Auflage 1992
ISBN 3-518-38372-8
Griechische Ausgabe

Portugiesische Ausgabe

Südamerikanische Ausgabe

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P u b l i k a t i o n e n
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Infanta
Roman
1. Auflage 1990
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1990
502 Seiten
ISBN 3-518-40289-7
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Leseprobe
An einem heißen Januartag gegen Ende dieses Jahrhunderts drehte der Wind über einer kleinen Küstenstadt; zwei Wolkenmassen trieben aufeinander zu, und bald lag nur noch die Umgebung einer Kirche in der Sonne. Auf den Stufen der Kirche saß ein Priester und schaute über einen sandigen Platz, menschenleer und voller Wahlplakate. In seinen Armen ruhte eine Pekinesenhündin. Hinter seinem Rücken, im Dunkel des Eingangs, flüsterten Kinder. »Der mit dem Hündchen«, drang es nach draußen, »der mit dem Hündchen ist Father McEllis.«
Ein Taxi fuhr auf den Platz. Es wirbelte Staub hoch und puderte die Gesichter der Kandidaten, wurde langsamer und fuhr wieder an, schrammte eins der Plakate und hielt. Ein Fahrgast mit Gepäck stieg aus. Er streckte die Beine und griff sich ins Kreuz, er klopfte sich sauber - für einen Einheimischen war er zu groß, auch etwas zu ungeniert. Der Priester besaß einen Blick für Menschen und Wolken; dieser Mann hatte etwa seine Größe und käme gleich in einen kurzen, aber sintflutartigen Guß. McEllis setzte die Hündin ab und erhob sich. Eine Schwester aus der fremden Gemeinde half ihm in die Soutane, und er dachte an die Hände, die er gewohnt war. Wie sie ihm Kragen und Faltenwurf richteten, den Stoff über seinen Schultern glattstrichen und verlorene Härchen entfernten, einmal im Monat, zwölfmal im Jahr. Das Taxi fuhr weiter. Die ersten Tropfen platzten in den Sand. Der Mann, der kein Einheimischer war, drehte sich um. Er trug dunkle Kleidung, hatte helle Haut - und ein gutes Gesicht, auch dafür besaß der alte Missionar einen Blick. Dann fiel der Regen wie ein Vorhang, während die Kindergemeinde zu singen begann.
McEllis ging zum Altar. Nachdem er still gebetet hatte, sah er den Reisenden eintreten, durchnäßt wie ein Schiffbrüchiger und ebenso bestaunt. Einige Kinder rückten. Der Mann setzte sich an den Rand einer Bank, schob sein nasses Haar aus der Stirn und sah auf eine Leinwand, die neben der Kanzel von einem Querbalken hing. Alle Strophen des Liedes standen dort angeschrieben, fett wie ein Reklametext und in englischer Sprache. Es waren einfache Worte über die Liebe zu Jesus, es war auch eine einfache Melodie. McEllis hatte einen Moment lang den Eindruck, der Durchnäßte sei von ihren Klängen gerührt. Aber das lag an den Regentropfen, die über seine Wangen liefen.
Das Lied ging zu Ende, der Priester las aus der Bibel. Er kannte die Stelle auswendig und konnte in Ruhe verfolgen, wie der Mann einen Aufkleber von seinem Gepäck zog und unter der Bank verschwinden ließ. Nur die Routine bewahrte McEllis vor einer Entgleisung - ohne auf die Gemeindeschwestern mit ihren Gitarren zu achten, setzte er seine Lesung im richtigen Augenblick fort, ohne an Gott den Schöpfer zu denken, sprach er ein schönes Gebet, ja, er hielt sogar eine Predigt, bei der die Buben und Mädchen immer langsamer mit klappenden Schulheften gegen die Hitze anfächelten. Eine einzige Frage beschäftigte ihn: Hatte dieser Reisende hier ein Ziel, oder war er nichts weiter als ein verirrter Tourist auf einer Insel mit Mord und Totschlag.
Der Regen ließ nach, und er kürzte die Predigt ab, aus Furcht, der Mann könnte die Kirche vor dem letzten Amen schon wieder verlassen. Kaum war das Schlußlied gesungen, erteilte er seinen Segen, und die Schulkinder strömten ins Freie. McEllis behielt den Fremden im Auge. Er hatte sich verschätzt. Ein langer Kerl schlenderte da auf den Platz, größer als er, einer, dem jede Hose stand, sogar eine nasse.
Von der Soutane befreit, die Hündin auf dem Arm, eilte der Priester an den Bänken entlang und zählte. Nach der fünften Bank blieb er stehen, bückte sich, griff unter den Sitz und entfernte den Aufkleber vom Holz. Kurt, Raffles Hotel, Singapore war dort zu lesen. McEllis ließ das Tier herunter, zog eine Pfeife hervor und trat ins Freie; er trug jetzt abgewetzte blaue Hosen, dazu ein rotes Hemd mit aufgerollten Ärmeln. Ihm fehlte noch ein erstes Wort, ein natürlicher Anfang, als er sich schon hörbar die Pfeife ansteckte. Der Mann wandte sich um, und McEllis betrachtete ihn über das Streichholz hinweg. »Theologe?« Er verwirbelte den Rauch. »Oh, ich sah nur Ihre Kleidung«, fügte er hinzu und hielt den Aufkleber in die Höhe. »Das haben Sie unter Ihrem Sitz vergessen, Mister Kurt.«
Der Mann zeigte ein leichtes, auf den Lippen schwebendes Lächeln, bat um Verzeihung für den Mißbrauch der Kirchenbank und winkte dem Tier zu. Offenbar hatte er keine Erfahrung mit Hunden.
»Fassen Sie sie ruhig an, Mister Kurt, sie wartet darauf. Amerikaner?«
»Deutscher. Und kein Theologe. Auch wenn ich bunte Stoffe vermeide.«
»Ich bin Father McEllis. Und Sie, Tourist? Oder was verschlägt einen Menschen auf diese große unruhige Insel?« Er bekam keine Antwort und machte ein paar halbentschlossene Schritte. Nach und nach ging er über den Platz, mal etwas langsamer als der Deutsche, mal etwas schneller. Kurz vor der Straße fragte er ihn, warum er gerade an diesem Ort aus dem Taxi gestiegen sei.
»Der Fahrer wollte mich zu einem bestimmten Hotel bringe. Aber ich suche mir meine Hotels selbst. Außerdem schien hier noch die Sonne.«
McEllis klopfte die Pfeife an einem der Plakate aus, von dem der Präsident durch eine feine Schlammschicht sah. Ein Deutscher also. Er hatte nichts gegen dieses ferne, fast schon arktische Land. Im Gegenteil. Ein früherer Mitbruder hatte nur Wissenswertes berichtet, von Fasnachtsbräuchen und philosophischen Zirkeln im Schwarzwald, auch vom sagenumwobenen Rhein. »Es heißt, die Menschen in Ihrem Land seien romantisch.«
»Das weiß ich nicht. Ich lebe in Rom.«
McEllis griff an seinen fein gestutzten weißen Schnurrbart und blieb stehen. Die Höflichkeit verbot ihm weitere Fragen, und er entschloß sich zu einem der plumpesten Mittel, ein Gespräch zu beleben. Er nannte den Namen der Hündin - West-Virginia - und hatte Erfolg. Der Deutsche erkundigte sich nach Rasse und Alter, fragte ihn, woher er komme, wollte wissen, was ein amerikanischer Geistlicher hier mache, war überrascht, daß es noch Missionare gab, und stellte sich plötzlich mit Lukas vor.
»Mister Lukas Kurt?«
»Mister Kurt Lukas.«
»Dann stand auf dem Aufkleber Ihr Vorname.«
»Jemand hat sich geirrt. Wie Sie.«
McEllis nickte sanft. Seine erstaunlich blauen Augen bewahrten ein Lächeln und schweiften dabei etwas ab, was sogar Gemeindeschwestern nervös machen konnte; Männer sprachen nur vom Vogelblick des Priesters. »Ihr Name fordert diesen Irrtum heraus, Mister Kurt, wenn ich bei meiner Anrede bleiben darf.«
»Ich habe nichts dagegen.«
»Wunderbar. Katholik?«
»Protestant.«
»Naß wurden Sie trotzdem.«
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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