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P u b l i k a t i o n e n
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Im Reich der Ungeliebten
Deutsche Szenen aus Bangkok
in: TransAtlantik
Heft 5, 1982
S. 40 - 49
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Viele Männer schlummern, und wir reden nur noch leise; neben mir sitzt Herrmann aus Neustadt im Schwarzwald und findet keine Ruhe. Bei der Zwischenlandung in Dubai, persischer Golf, haben wir uns bekannt gemacht. Es ist seine achte Bangkokreise; zweimal ist er auf Jamaica gewesen, einmal in Kenia - er sei noch jung; aber ich sei ja kaum älter.
Herrmann hat ein rundes, heiteres Gesicht, wie der Mond in Kinderbüchern, und er trägt einen langen, an den Enden gezwirbelten Schnurrbart, von dem die Heiterkeit abhängt; immer wieder zwirbelt er nach und sieht dabei weg. »Wie bezahlst du diese teuren Reisen?« frage ich ihn, und er zögert. Sorgfältig und flink wickelt er eines der Dessertküchelchen ein, die von Mitreisenden stammen, die nicht aufgegessen haben: »Ich schaff' Akkord«, sagt er, »eigentlich bin ich Modellschreiner. Aber ich schaff' Akkord; Lohngruppe sieben, dazu kommt mein Faktor - achtzig. Ich bin zwanzig Minuten schneller.«
»Schneller womit?«
Herrmann wendet sich ab; er zwirbelt nach und fährt dann fort: »Ich habe einen Auftrag; hundert Stück, Vorgabezeit eine Minute pro Stück - sechzig Sekunden.«
»Was heißt Stück?«
»Zehn Löcher in ein Teil, für hundert Teile hundert Minuten, normalerweise. Aber jetzt kommt mein Faktor - achtzig.«
Ich lege mein Buch, Emmanuel Boves Meine Freunde, beiseite und schaue ihn an. »In was für ein Teil?«
Und Herrmann sagt: »Also hundert durch achtzig, macht eins Komma fünfundzwanzig. Das ist mein Wert.«
Körperwarme Luft liegt auf der Haut wie eine Hand; die Klimaanlage habe ich abgestellt. Durch die spaltbreitoffene Balkontür höre ich nur noch die Mädchen, die albern. Sie sitzen unten auf der Straße und essen. Ich sitze an einem Toilettentisch und mache Notizen. Wenn ich den Kopf hebe, kann ich mich sehen. Das erschwert die Arbeit. Die Nähe der Mädchen ist keine Belastung. Hätte ich Lust, wäre gleich eines bei mir; der Etagenkellner würde sich kümmern. Aber ich bin jetzt nur durstig.
Herrmann wohnt im selben Hotel. Das Park-Hotel ist eingestellt auf Junggesellen. Ich fahr mit dem Aufzug nach unten und laufe durch die Halle in die Bar. Die Hotel-Bar heißt »Stube« und ist ein verdunkelter Raum mit einer langen Theke und einem kleinen, etwas erhöhten Tanzboden, über welchem bunte Lämpchen an- und ausgehen. Das Mädchen, das bedient, hat ein hübsches Gesicht. Ihre Nase geht in die Breite, aber nur an den Flügeln; obgleich sie breit ist, wirkt sie zierlich. Wie ihre großen Augen und ihr voller Mund: dunkle, etwas aufgestülpte Lippen mit einem feinen Rand. »Why don't you have a lady?« fragt sie auf einmal.
Die meisten Männer an der Theke halten ein Mädchen im Arm. Ein paar der Mädchen tragen glitzernde Bikinis und gehen in Reihenfolge auf die kleine Bühne und bewegen sich dort, immer auf der Stelle tanzend. Das Mädchen, das jetzt gerade dran ist, lacht in meine Richtung. Der Mann, der neben mir steht, winkt ihr zu, und sie winkt mit ihrem funkelnden Dreieck zurück.
»Das sind doch alles Schätzle«, sagt, »- oder?« Er ist sicher schon vierzig; dem Mädchen lacht er zu, als sei er zwanzig. Kinder seien das, Herrgottsack. Ob diese Kinder denn gesund seien, frage ich ihn, und der Mann sagt zu mir: »Ich heiß' Albert, paß auf: Du rauchst eine Zigarette, aber ohne die Asche abzuklopfen, und nimmst die Asche dann zwischen zwei Finger; und dann nimmst du das Mädchen lieb in den Arm und schiebst ihr einen Finger mit der Asche ein Stück unten rein - und wenn sie zuckt, dann hat sie was. Und wenn's dich doch mal erwischt, dann hälst du den Arsch hin. Und vorher denkst du nicht dran. Die Angst kostet das Leben.«
Das Tanzmädchen wechselt, und die Abgelöste läuft zur Klimaanlage und kühlt sich. Albert sieht ihr nach und sagt: »Du kannst doch Englisch; dann frag sie mal, wie lang sie tanzen muß.«
»Willst du sie mitnehmen?«
»Vielleicht.«
»Die ganze Nacht?«
»Sie soll neben mir schlafen«, sagt Albert und rückt. Das Mädchen stellt sich zwischen ihn und mich. Sie schmiegt sich bei ihm an und legt mir eine Hand auf den Schenkel. Ich lege ihr auch eine Hand auf den Schenkel und Albert auf den anderen. »Das ist Dalin«, stellt er sie vor, und ich frage, wann hier Schluß sei. Doch Dalin versteht mich nicht, und die Kleine, die bedient, vermittelt. Bis ein Uhr werde getanzt; man könne die Mädchen aber freikaufen, für 200 Baht - »20 Deutschmark, okay?«
Albert schüttelt den Kopf, und die Bedienung dreht sich um und hebt ihren Haarschopf. Ein heller, flaumüberzogener Nacken erscheint, wie ein entblößter Schoß. Ich berühre ihn, und sie schauert. »What's your name?« frage ich von hinten. - »Dau.«
Dalin gibt Albert zu trinken - sie führt ein Bierglas zum Mund, und ihre andere Hand hält mein Bein. Ein Mädchen drängt sich dazu. Sie hat nicht den Liebreiz von Dalin - und ist nicht so zierlich wie Dau. Dafür hat sie einen sehenswerten Busen; alle übrigen Mädchen haben harmlose Brüste. Albert sagt, sie sei »das Monkey«, und das Monkey sagt, sie heiße »Ang«. Dalin weist auf den Busen hin, als sei es der eigene Busen, und Ang drückt ihr Einwürfel ins Höschen und rennt dann davon. Dalin läuft ihr nach, holt sie ein, und die beiden gehen zu Boden und spielen Ficken. Männer springen von den Hockern und kreisen sie ein, und die Mädchen kugeln auseinander und lachen. Dalin hilft Ang auf die Beine und kommt wieder zu Albert und mir. Doch nun setzt sie sich auf seine Knie, und er macht Hoppe-hoppe-Reiter und schließt dabei die Augen. Dalin wiegt den Kopf zur Musik. - »I love you more than I can say« heißt das Lied. Dau singt leise mit, nur einen etwas anderen Text: »I love you mor as more you pay.«
Die Bar schließt um zwei. Aber das Hotel hat einen Coffee-Shop, und der ist die ganze Nacht offen. Dort warten auch noch Mädchen, und dort gibt es auch noch Bier. Warum ich noch immer allein sei, fragt Herrmann; er habe sich schon eine genommen, gleich nach der Ankunft, die sei jetzt oben im Zimmer. Das sei ihm lieber so. Er habe ihr zu essen gebracht, und sie habe auch Heftchen und Wasser.
»Und wie war's?«
Herrmann zwirbelt nach. Schwierig sei's gewesen, sagt er und will sich erklären. Doch da kommt Albert in den Coffee-Shop und mit ihm drei Burschen, kräftige Jungs Mitte Zwanzig - »meine Kumpel! Bubi, Catcher und Lollo.« - »Und er ist unser Reiseleiter!« rufen sie. Sie sprechen denselben Dialekt wie Albert, ein hellwaches Schwäbisch, doch sind sie nicht so ungereimt wie er. Albert hat zuverlässige Unterarme und eine müde, papierfahle Gesichtshaut; er hat rotgeränderte und schon verengte Augen, die noch ganze Blicke werfen, und dazu ein Lausbubenlachen - weiche, unverschämte Lippen, aber Lachfalten wie Schnitte zwischen den Augen und graue Koteletten. Sein Kopfhaar ist noch nicht gekippt; den Jeans fehlt schon der Hintern. Die Burschen, die ihn begleiten, sind alle gut durchblutet. Albert ist ihr Vorbild - er sei ein ganzer Kerl, schwärmt Catcher und fragt mich dann, was ich hier mache.
»Das gleiche wie ihr.«
»Du nicht«, sagt er laut, woraufhin ich vom Schreiben erzähle. Lollo glaubt sich zu erinnern (verwechselt mich aber); er lese immer den Spiegel, da es nun mal herumliege, das Juden-Blatt, in seinem Frisiersalon; Bubi zweifelt und fragt nach, und Lollo beschwört jetzt, daß ich das und das geschrieben habe; Catcher klopft mir auf die Schulter und entschuldigt sich - er, bei der Bundesbahn, komme nicht zum Lesen, habe von der Sache aber auch schon gehört. Und nun will sich auch Bubi erinnern - in dem Lebensmittelgeschäft, wo er schaffe, gebe es auch Bücher. Albert prostet mir nur zu, und ich frage: »Was machst du so?«
»Alimente zahlen. Wenn du weißt, was das ist.«
Ich nicke, und Albert zwinkert mich an. Er sei Elektrotechniker; immer da, wo was kaputt sei. Aber nicht mehr lange. »Und warum?« Er zwinkert noch einmal, und ich gehe zur Musikbox und wähle ein Lied. Für wie alt ich ihn schätze. Lollo bläht die Backen, und Catcher zückt den Mund; Bubi wischt mit dem Handteller über die Bierflaschenöffnung. »Vierundvierzig«, sage ich.
Albert trinkt aus Bubis Flasche, und Catcher lacht, als knallten Gewehre. Lollo sieht nach, was ich gedrückt habe, mit angesaugten Lippen. »I'll do my crying in the rain« setzt ein, und die Mädchen, die bereits geschlafen haen, reiben sich die Augen.
Es sei besser, heißt es, den Pool nicht zu benützen, da das Wasser so alt sei wie das Hotel. Die Männer sitzen um den Pool herum und trinken Bier; die Mädchen schenken nach. Die beiden Männer am Nebentisch tragen gleiche Hemden. Auf den Hemden flimmert in Druckschrift »Magirus-Deutz«; die Grelle und die Hitze setzen zu; es bewegt sich nichts - bis auf einen Einzelgänger, der in einer Hertie-Tüte kramt. Aus der angrenzenden Bar kommt Musik; immer wieder »Linda, Linda« und noch öfter »Woman in love«.
»Die Steigerung von impotent?« fragt einer der Magirus-Deutz-Arbeiter plötzlich, und ich blicke hinüber. »Der Tod, my friend! Komm, setz dich zu uns. Warum so allein, auf einem Bein?« Und der zweite deutet auf die freien Mädchen. »Wenn du nett bist zu denen, dann ist das ein 24-Stunden-Service«, flüstert der Mann - so stimmlos-heiser, daß man erschrickt. »Und da ist nichts gespielt.«
»Die Mädchen sind ja keine Huren«, sagt der andere; »auch wenn sie manchmal spuren!« Es müsse sich alles reimen bei ihm. »Hier, die Süße ...« Und er hebt sein Mädchen auf den Schoß und legt ihr eine rote Faust auf den Bauch, die sich langsam öffnet, bis jeder Finger spielt; »die Süße hab' ich doch jetzt schon seit über drei Tagen, und ich kann mich nicht beklagen! Mann, da ist neunzig Prozent aber garantiert echt!«
»Und die restlichen zehn?«
Er sieht mich an und sucht nach Worten; sein heiserer Kollege ist schneller. »Die restlichen zehn Prozent«, sagt er mit seiner restlichen Stimme, »die vergißt du - zu Hause mußt du genauso bezahlen. Wenn du ein Mädchen willst, mußt du sie vorher zum Essen einladen und danach ins Kino und hinterher zum Tanzen, und dann sagt sie dir womöglich ›danke‹ und geht. Was soll's.«
Und nach kurzem Schweigen ruft der mit dem Reimzwang: »Das ist der Walter! Unser alter! Und ich bin Rudi-rallala. Sonst sind wir hier immer zu sechst, der halbe Verein, aber die anderen konnten nicht. Wir sind jedes Jahr hier, jedes Jahr - weil die Mädchen lachen können. Mann! Schau sie dir an!« Und er deutet auf sein Mädchen, und sie lacht mir in die Augen. »Und dies Lachen«, sagt Walter, »das ist hundert Prozen.«
Gegen sechs Uhr wird es dunkel. Um zehn nach sechs muß ich das Buch zumache. Um zwanzig nach sechs fängt die Nacht an. In der Bar wird schon getrunken, ich kann Albert und die Burschen hören; sie schütten sich aus. Stechmücken sammeln sich zu singenden Fahnen, und ich stehe auf und gehe in die Halle. Dort sitzen die Mädchen, die anschließend tanzen, und machen sich fein. Sie frisieren sich gegenseitig und halten sich die Spiegel. Dalin, die mir die Hand auf den Schenkel gelegt hat, ist schon zurechtgemacht. Vor ihr stehen eine Schüssel voll Reis, ein Teller mit gebratenem Fisch sowie zwei Saucennäpfchen. Sie reicht mir etwas Fisch, den sie getunkt hat, und ich koste. Die Sauce ist nicht scharf, sondern ätzend. Ich öffne den Mund, Dalin bläst hinein; jemand drückt unsere Köpfe zusammen.
Herrmann kommt in die Halle, mit Lebensmitteltüten, und die Mädchen laufen ihm entgegen. Sie rufen »oi!« und seinen Namen, hüpfen um ihn herum und wollen seine Zwirbel berühren. Doch Herrmann hält die Hand davor, und sie fassen statt dessen sein Hemd an. Es sei neu und maßgefertigt und aus purer Seide, sagt Herrmann und läßt es sich ausziehen; und dann zeigt er den Mädchen all seine Stiche - bis sie kratzen, wo es juckt. »Die Moskitos lieben mich!« ruft er, und ich frage ihn, wie's seiner Kleinen geht. Herrmann zeigt auf die Tüten. Er versorge sie gut; Früchte vor allem und getrockneter Fisch. Er habe auch schon Vorrat.
»Und wozu?«
»Heute«, erklärt er, »waren wir den ganzen Tag oben - hier dauert es halt irgendwie länger -, und da muß man zwischendurch essen.« Eins der Mädchen schleicht sich von hinten heran und hält ihm ihre Hände vor die Augen. »Wie frech die sind«, wundert sich Herrmann, »und wie verrückt! Bevor sie dich blasen, nehmen sie noch ihr Bindfädchen ab. Wegen Buddha.«
Die meisten Mädchen tragen so einen Bindfaden als Frömmigkeitszeichen um ihr rechtes Handgelenk, auch hier in Pat Pong, der Vergnügungsstraße von Bangkok. Wir sitzen im Butterfly-Club, Albert und ich. Wir sitzen an der runden Bar, dicht vor der Bühne, wo die Mädchen abwechselnd tanzen; vier bis fünf auf einmal, die sich gegenseitig übertreffen. Die Männer klatschen und schauen fassungslos. Albert und ich klatschen auch, während die Burschen in einer der Sitzecken schmusen.
Der Butterfly-Club ist kaum größer als ein halbes Tennisfeld, aber über 100 Mädchen funkeln hier herum. sie sind mit Nummern versehen und füllen die Luft durch schrillste Vogellaute. Alle Mädchen sind klein und in dauernder Bewegung. Sie hüpfen an den Männern hoch, sie springen ihnen ins Genick, sie stumpen sie mit ihren Glitzerschrittchen in den Nacken. Wer abwinkt, wird in Ruhe gelassen; Mädchen, die man einlädt, bestellen sich Bier. Nur Schwachköpfe werden geneppt.
Ich ziehe mir ein Mädchen auf die Knie und halte sie fest, und sie brüllt mir ins Gesicht: »I love you!«; die Musik schlägt ein, als sei der ganze Körper ein offenes Ohr. Es ist fast etwas schmerzhaft, jedoch mit einem Prickel verbunden, wie das Abziehen von Krusten. Ich schreie in den Krach hinein, und Albert schreit zurück - »versprichst du mir etwas?!« - und ich nicke. »Sorg dafür, daß mein Sarg hier hereinkommt; hier drin lupf' ich noch mal den Deckel!«
Meine Kleine riecht nach Knoblauch. Sie riechen hier alle nach ordentlichem Essen. Unter ihrer Pflaumenhaut fühlt es sich fest an; ihr glatter muskulöser Po liegt gut in der Hand. Mit dem Zeigefinder meiner Hand gleite ich durch ihre moosweichen, von keinem Haar, das vorausgreifen könnte, überschatteten, bis an die Hüftknochen reichenden Schrittfalten; sie stehen offen und sind heller als die umgebende Haut.
Ein Fähnlein Deutscher hält Einzug, Männer wie die Kontrolleure in der Straßenbahn; Stammgäste, die lärmendes Wiedersehen feiern. Sie heben ihre Mädchen über die Köpfe und singen. Andere Männer, die im Schlepptau kamen, werden gleich umzingelt; und ein Ehepaar, das vor dem Eingang zögert, wird Mittelpunkt für einen dritten Auflauf. Sieben, acht Männer schieben es ins Innere und scharen sich dort um das Paar. Die Ehefrau trägt einen Strandanzug, und alle Mädchen bestaunen den kräftigen Ansatz der Brüste. Eine steigt auf einen Tisch, streift ihr Oberteil ein Stückchen runter und drückt an ihrer linken Warze, bis Muttermilch tropft; das Mädchen nimmt die Tropfen und reibt sie der Frau auf den Mund, und die Frau bricht aus dem Pulk.
»Schau sie dir an!« ruft Albert. »Die weiße Elefantenkuh! Zeig mir hier irgendein Mädchen, das so krumme Zehen hat!«
»Kannst du eigentlich noch mit deutschen Frauen?«
»Das ist schon lange her - die lassen mich kalt, verstehst du?! Aber wenn ich hier alle seh' - dann könnt' ich heulen!«
»Und warum heulst du nicht?«
»Ich heul' aus dem Schwanz!«
Die Lichtwechsel überschlagen sich jetzt auf den Körpern der Mädchen, und meine Kleine holt eine winzige silberne Kugel hervor und steckt sie mir zwischen die Zähne - »makes you horny!« kreischt sie mich an, und ich schlucke das Kügelchen und schüttle den Kopf; daraufhin versucht sie es anders. Sie zieht ihr Höschen etwas runter und zeigt mir ein paar schwarze Haare und deutet mit den eingerollten Fingern ihren Durchmesser an; sie protzt mit ihrer Enge und mit ihrer Dehnbarkeit. Ich rufe: »No, I'm happy!«, und sie rennt davon auf die Bühne.
Alle Mädchen tanzen nun, überall; eine Wucht, als befinde sich das ganze Lokal in einer rasenden Lokomotive. Die Männer schauen so mitgerissen, daß sie nicht mehr typisch sind, und sie drängen zur Bühne, die überläuft von Mädchenleibern - die sich nun wenden und mit den Pobacken zittern - in einem Lichtgestöber, das die Männer taumeln läßt. Dabei wird abkassiert.
Und dann öffnen alle Mädchen die Verschlüsse am Rücken und drehen sich auf einen Schlag um und zittern wild mit ihren kleinen straffen Brüsten, mal übergossen von Licht, mal in Schwärze getaucht, in einem immer rascheren Wechsel, der alles zerstückelt: in Aberhunderte von Hautpartien, die in einem Teilchensturm wirbeln - bis es einfach abbricht. Die Mädchen verschwinden, entschlüpfen durch Türen und Luken, und manche sind schon umgezogen, und die Männer sind benommen - keiner weiß mehr, wo er hinschauen soll; sie schwanken zum Ausgang, wo plötzlich Polizisten stehen. Aber niemand beschwert sich über das Ende. Nur der Glückszustand hängt über; ich werde nach draußen geschoben.
Es ist kurz nach Mitternacht. Draußen schüttet es faustdick, und unzählige Taxis hupen. Albert hat schon eins besetzt; Bubi, Catcher und Lollo seien bereits unterwegs. Ich renne die paar Meter und falle durchnäßt auf die Sitzbank. Es ist eines der dreirädrigen halboffenen Gefährte - fortentwickelte Rikscha mit ständig spotzendem Motor, ein »Tuk-Tuk«-Taxi. Der Fahrer bahnt sich den Weg, und ich ziehe mein Hemd aus. Der Regen hört auf, wie Wasser, das abgedreht wird. Es gibt fast keine Übergänge; an den Straßenrändern wird schon wieder gesessen, und von den Markisen prasselt es noch wie pissende Kühe. Der warme Fahrtwind trocknet meine Haut.
Herrmann frühstückt meistens um dieselbe Zeit wie ich. Heute habe ich auf ihn gewartet. »Die Meine«, sagt er zur Begrüßung, »muß noch schlafen. Ich bringe ihr dann Reis mit Sauce.« Wo er sich herumgetrieben habe gestern. »Im Grace«, sagt Herrmann, »im größten Puff der Welt, fünf Minuten von hier; abends stehen da im Coffee-Shop so 300 bis 400 Mädchen. Ich hab' mir eine mitgenommen. Aufs Zimmer.«
»Und deine Kleine?«
»Die hat ihre Schwester besucht für zwei Stunden. Nix gemerkt.« Ich schaue ihn neugierig an, und Herrmann winkt ab. Schlimm sei es gewesen. Sie habe zwar alles gekonnt, jedoch einen Ausschlag gehabt, und er sei heut früh beim Arzt gewesen in der Grace-Hotel-Klinik; dort werde Deutsch gesprochen. Der Arzt habe einen Abstrich gemacht und dabei eine Menge erzählt - 40 Prozent der Mädchen seien krank, auf die übelste Weise, Penicillin sei frei verkäuflich in Thailand, und die meisten behandelten sich selber, dosierten aber oft zu niedrig und züchteten hartnäckige Stämme. Der Arzt habe ihm dringend zu Parisern geraten, die er im Angebot führe. Herrmann holt Luft. Dann wendet er sich weg und zwirbelt nach. Drei Prozent der Mädchen hätten auch die Syphilis, die sich durch Mundverkehr übertrage; daher seine Sorge.
»Was hat der Arzt zu deiner Sache gesagt?« frage ich ihn.
»Daß die Kasse auf jeden Fall die Hälfte bezahlt«, sagt Herrmann und steht auf und geht zur Musikbox. Er geht langsam, weil sich die Schenkel gegenseitig hindern; seine Arme schwingen mit, und die Hände pendeln noch mal extra. Ein paar Mädchen drängen sich zu ihm und sagen, was er drücken soll; und als dann »Linda, Linda« kommt, tanzen sie um ihn herum, und Herrmann tanzt mit, immer von einem Fuß auf den anderen.
Tagsüber bin ich durch Bangkok gefahren. Jetzt sitze ich an der Hotel-Bar, es ist kurz nach sechs. Dau, die mich bedient, dreht sich gerade um und hebt den Haarschopf an, und ich berühre wieder ihren Nacken. Dem Mädchen, das neben mir sitzt, habe ich Whisky spendiert, weil sie schon nach Whisky roch. Sie kann ein wenig Deutsch und ist das älteste der Mädchen, die allabendlich tanzen, und schon etwas formlos, weil sie trinkt. Ich halte ihre Hand, und sie sagt, ich sei gut, und ihr Name sei »Tim«.
»Warst du mal in Deutschland?«
»Drei Monat.«
»Und was hast du da gemacht?«
»Bumsing.«
Ob sie nichts anderes getan habe. Tim schüttelt den Kopf und beginnt zu erzählen. Ein Mann, der hier gewesen sei, habe ihr eine Flugkarte geschickt und einen Zettel mit einer Adresse und Geld für ein Taxi - und sie sei nach Frankfurt geflogen und habe einem Taxifahrer den Zettel gegeben und sei dann stundenlang gefahren worden, bis in die Nacht. »Und wohin?«
Sie versucht, es auszusprechen, doch will es nicht raus, und ich frage: »Was war denn da in der Nähe?« - und sie sagt »Schweiz«.
Ob sie in Lörrach gewesen sei, frage ich Tim, und sie stößt einen Schrei aus und zieht mich vom Hocker und ruft immer wieder:
»Lörrach! Lörrach! Lörrach!«
»Und da hast du nur gebumst?«
»Halbe Stunde 50 Mark, Hälfte ich, Hälfte Typ. Good money, drei Monat, dann zurück. Aber drei Monat genug. Good government in Germany!«
Dalin stellt sich zu uns und spielt die Eifersüchtige, schubst mich mit dem Po und Tim mit der Schulter. Tim möchte noch einen Whisky; ich sei gut, sagt sie wieder und deutet auf Dalin; Dalin sei die Hübscheste hier. Und Dalin klemmt sich eine Hand zwischen die Schenkel und gibt Tim mit der anderen eine sanfte Ohrfeige, die alle Mädchen hier austeilen. Gleichzeitig kommt der Blumenjunge. Er kommt immer gegen Abend und bringt auf einem Holzteller bunte Blumenwürstchen aus Jasmin, die man um den Hals hängen kann. Dau kauft ihm eines ab, befestigt es an einem bestimmten Ort hinter der Theke und verrichtet davor ein blitzschnelles Gebet.
Tim muß tanzen; die meisten Tische sind inzwischen besetzt. Araber, die noch ihre Einkaufstüten bei sich haben, sitzen in der ersten Reihe und lassen die Bühne nicht aus den Augen. Tim hat ihre Bewegungen aus Deutschland, von der Peep-Show, und die anderen Mädchen schauen etwas entsetzt, wie Kinder, die plötzlich einen nackten Erwachsenen sehen. »She is crazy«, meint das Mädchen, das neben mir steht. Sie gehört seit heute abend zu Albert; er hält sie im Arm, eine Hand auf ihrem kleinen Hinterteil, das er dadurch fast bedeckt.
»Sie heißt Lek!« ruft Albert mir zu und redet dann mit ihr; er wie daheim und sie in ihrer Sprache. Dalin will mit mir tanzen.
Walter und Rudi von Magirus-Deutz tanzen auch. Sie bewegen sich flott; ein bißchen bemüht, aber gar nicht gewollt. Ihre Mädchen hätten sie im »Deutschen Biergarten« gefunden, und der sei gleich hinter dem Grace, da müsse ich hin. Ich nicke und verfolge Dalin. Sie führt vor, wie man mit dem Unterleib kreist, bei ruhigem Oberkörper, und ich versuche es. Anfangs, als ich ungeschickt bin, ruft sie »oi!«. Dann, als es herausfordernd wird, bricht sie plötzlich ab und beginnt mit mir zu boxen. Sie täuscht mich mit Finten und tippt mit Fäusten und Füßen auf die jeweils ungedeckten Stellen. »Sind das nicht Naturmädchen«, röchelt Walter, und Rudi jubelt mir zu: »Nicht solche Teufelsweiber wie zu Haus'! O Graus!«
Die Sonne tut gut. Die Männer, die um den Swimmingpool sitzen, den keiner benützt, dösen alle vor sich hin, und die gewölbten Bäuche leuchten in dem schwallenden Licht. Ich bin der einzige, der keinen Bauch hat. Richtig unmännlich sähe ich aus, sagt Catcher, und Lollo fragt herüber: »Hast du jetzt immer noch nicht?« - »Laß ihn halt«, geht Bubi dazwischen, doch Lollo bleibt hart; ich könne ja auch schwul sein, gibt er zu bedenken. Albert beendet das Thema. »Er spinnt halt etwas«, stellt er fest, während er seine Kleine liebkost. Die sei ein absolutes Wunder; er sei ja auch schon reingefallen hier.
»Ich auch!« ruft Lollo. »Und wie! Eine hab' ich wieder heimgeschickt; da kam ich einfach nicht rein, so eng war das Türchen.« Und er erzählt uns alle Einzelheiten, sehr witzig; für beinahe jedes Hauptwort hat er einen eigenen, spielend anzüglichen, doppeldeutigen Ausdruck, der so viel Abfälliges aufwirft, daß ich dreckig lachen muß. Lollo ist auf eine verheerende Weise begabt. Seine Rede wirkt wie eine nicht zumutbare körperliche Entstellung, die den anderen verscheucht, weil sie sein Menschenbild ansengt. »Mein Roller kann immer, auch wenn ich schon weg bin«, schließt er die Geschichte ab und winkt dann dem Mädchen, das draußen bedient. »Big Whisky, please, aber den mit 45 Volt! Für mein Kraftwerk! Mit 'nem traurigen Schlauch kommst du hier nicht in die Sparbüchsen rein - da wirst du noch verklemmt hier, Heilandsack; ich fahr' wieder heim.«
»Und warum bist du dann hierhergekommen?«
»Um die Sau rauszulassen!«
Im Eingang zum Deutschen Biergarten hängt eine Tafel mit Fotos, die ausgelassene Gäste des Biergartens zeigen. Die meisten haben die Augen halb zu wie schlafende Tiere, die übrigen johlen aus den Augen. Neben der Fototafel hängt eine andere Tafel, auf der die Bundesligaresultate stehen, und daneben ist ein Fach, in dem die Bild-Zeitung ausliegt. Ich lasse sie liegen, aber es kostet mich Kraft.
In der Mitte des Deutschen Biergartens stehe eine überdachte, viereckige Bar, an der die Männer sitzen. Um die Bar herum stehen in Linie Tische und Bänke aus Holz. Dort warten die Mädchen; es ist noch früh am Abend. Und auf der Rückseite des Biergartens stehen zwei geräumige Käfige nebeneinander. In dem linken Käfig turnt ein Affenpaar, und in dem rechten kratzen zwei kleine Bären am Gitter. Die Bären rühren stärker; jeder, der in den Deutschen Biergarten kommt, ob alleine oder in Begleitung, geht zunächst zu den Bären. Die Männer sind alle sehr tierlieb. Sie reden auf die Tiere ein, und ihre Mädchen zeigen Geduld; sie kennen die Bären ja schon. Einzelgänger bleiben oft minutenlang.
Ich stehe neben einem blonden Mann in Tenniskleidung, der die Bären immer wieder dazu bringt, daß sie Männchen für ihn machen. Er ist Ende Dreißig und so ein Typ, auf den Sekretärinnen fliegen (in meinen Augen). »Süß sind die beiden«, sagt er zu mir, und ich nicke und frage: »Auch noch allein? Oder schon genug von den Mädchen?« Er sei ja gestern erst gekommen, sagt der Blonde, und er habe sich sofort so ein Geschöpf geschnappt.
»Und?«
Er habe erst mal gleich das Zeug rausgehauen, zweimal geschossen, dann sei er ruhiger geworden. Die junge Dame sei ganz ausgezeichnet bei der Arbeit gewesen - »und sauber, da konnten Sie riechen da unten« -, wie gesagt: er habe erst mal rausgeschossen und dann ganz salopp, halbe Stunde Präludien und danach geritten wie die Geisteskranken; erst habe sie sein Geld noch in der Hand gehalten, aber dann in eine Ecke geworfen und sei tüchtig mitgegangen - »hundert Prozent; jede Deutsche wäre da schon lang aus dem Fenster gesprungen!« -, das Häschen sei einfach geblieben, obwohl es gar nicht ausgemacht gewesen sei, praktische eine Gratiszulage, seine Kosten-Nutzen-Rechnung sei wirklich aufgegangen - »wenn ich da an meine Huren in Salzgitter denke, eine Katastrophe; hier spüre ich doch wenigstens was; einen Muskelkater heute an Stellen, von denen ich gar nicht gewußt habe, daß es sie gibt. Oder glauben Sie mir nicht?«
Ich sage »doch« und stelle mich vor, und wir reichen einander die Hände. »Plötz«, sagt mein neuer Bekannter. »Wir sehen uns sicher mal wieder. Ich geh' jetzt erst mal schlafen - aber was anderes: Können Sie Tennis spielen, ja? Sie brauchen nicht so vorsichtig zu nicken, ich fresse Sie nicht.« Und er gibt mir noch mal die Hand; er habe nämlich alles dabei, einen zweiten Schläger sogar; wo ich wohne, etwa auch im Park? »Ja Mensch!« ruft Plötz, »wie schön!«
Das Filetsteak im Deutschen Biergarten ist groß. Ich sitze an der Bar und kaue. Die anderen Männer sind älter als ich, zwischen vierzig und fünfzig, und ein paar von ihnen könnten meine Väter sein. Viele haben ausrasierte Nacken und tragen T-Shirts mit Aufschriften oder Symbolen, die zum Ausdruck bringen, wohin sie gehören und was ihnen lieb ist; Plaketten sind hier nicht verbreitet. Einige Männer halten mittlerweile ein Mädchen im Arm und schauen es unentwegt an; die häßlicheren Männer halten auch die etwas unansehnlicheren Mädchen, obschon die hübschen ihnen zur Verfügung stünden. Die, die noch ohne Mädchen sind, schauen niedergeschlagen, weil sie in ihr Bierglas sehen. Mein Nachbar hält mir eine Zigarettenpackung hin, und ich bediene mich. Hinter ihm steht seine Kleine, die Arme fest um seinen Hals geschlungen. Er gibt mir Feuer und sagt: »Ich fahre morgen, dann holst du sie dir, die sitzt hier immer abends. Viele sind vielleicht besser in der Liebe als die, aber keine ist so lieb.«
Auf dem kurzen Weg vom Deutschen Biergarten zum Grace-Hotel reiht sich Garküche an Garküche. Der ganze Gehsteig ist verbaut mit niedrigen Tischen, an denen kleine Hocker stehen, auf denen Mädchen kauern und essen. Vor dem Hotel geht es noch lebhafter zu - Blumenhändler, Taxischlepper, Bratspießverkäufer, Maiskolbenröster, Bettler, die so aussehen, daß sie zur Strafe nichts kriegen; und das Geisterhäuschen (jedes Gebäude in Bangkok hat ein kleines Geisterhaus, auf dem Dach oder im Garten, um die Geister, an deren Ort man sich, eventuell, breitgemacht hat, vorsichtshalber zu versöhnen).
Vor dem Grace-Hotel ist ein besonders schmuckes Geisterhaus. Die Mädchen bleiben davor stehen, legen ihre Hände aufeinander, halten sie vor das Gesicht und beten kurz, aber energisch. Das Häuschen sitzt auf einem Pfahl, vor einem Busch, so daß man das Hotel beim Beten nicht sieht; wenn man sich wieder umdreht, hat man es vor sich. Es ist ein großer, graugelber Quader mit Bullaugen anstelle von Fenstern.
In der Halle ist es kühl, Araber gehen händchenhaltend, und Sicherheitskräfte murmeln in Sprechfunkgeräte; Mädchen stehen in Trauben, die sich vor einem Eingang stauen. Sie sind herausgeputzt wie frischgetrimmte Pudel und suchen meinen Blick. Die Geschäfte in der Lobby sind alle noch offen; Schneider, Juweliere, Jade- und Elfenbeinläden und ein tagheller Frisiersalon, mit mehr als 30 Plätzen, die belegt sind. Unter jeder Hause sitzt ein Mädchen und blättert in Fotoromanen. Ich gehe weiter, und es wird eng, und dann muß ich mich zwängen, bis ich endlich im Coffee-Shop bin.
Hier ist es heiß und nahezu lichtlos, und Mädchen steht neben Mädchen, Pulk an Pulk; Hunderte, die zurufen und schreien; und zwischen den Horden nur unsichere, von Leibern gebildete Gassen. Ich bin in einer dieser Gassen und werde von Händen und Haaren gestreift; ich folge der Gasse, die zu einer langen Bartheke führt. Dort lehnen Männer, viele mit mehreren Mädchen, drei, vier, die sich klammern. Die Männer sind gemischt. Aufgelöste Araber; japanische Japaner; geheimnisvolle Inder; geheimnisvolle Deutsche; tänzelnde Schwarzafrikaner; und mitten drin Herrmann, ein Mädchen in den Armen. »Die Meine ist im Zimmer! Und schläft!« brüllt er mir entgegen.
»Und was ist das für eine?«
»Die ist taubstumm!«
Ich trete näher, und Herrmann brüllt leiser - es gebe hier noch mehr, die taubstumm seien, dort, neben der Musikbox - »die versteh'n dich aber alle!« Das Mädchen streichelt seinen Bauch, und Herrmann spielt mit einer ihrer Warzen. Sie ist leichenhaft geschminkt, weil sie Pockennarben hat wie Intarsien. Dafür sind ihre Augen schön. Sie funkeln. Herrmann wird ernst; er müsse vorsichtig sein. Er habe vorhin so schillernd gebrunzt. »Ich geh' mal da rüber zu denen!« rufe ich ihm zu.
Die Taubstummen sehen klüger aus als die übrigen Mädchen. Anfangs versuchen sie, die Männer zu täuschen. Sie verhalten sich so, daß es nichts zu sagen gibt und nichts zu hören. Diese Anstrengungen müssen ihren Verstand geschärft haben und ihre Mimik - die Taubstummen sehen erwachsener aus. Doch das macht sie nicht reizvoll; die Männer, die zu den Taubstummen gehen, kommen, weil sie es ruhig haben wollen. Sie kommen gezielt. Und die, die zufällig auf eine Taubstumme stoßen, merken es ja erst, wenn sie deren Vorzüge schon genossen haben, ohne es zu wissen; sie erschrecken dann zwar, aber bleiben in der Regel. Gegenüber anderen Mädchen sind die Taubstummen also gar nicht im Nachteil.
Sie betrachtet mich. Die, die mir am nächsten steht, macht sich heran. Sie spürt, daß ich Bescheid weiß, und nimmt mir Block und Kugelschreiber aus der Hand. In Druckbuchstaben schreibt sie ihren Namen auf und im Anschluß daran »loves you!«. Dann gibt sie mir den Block zurück, und ich schreibe »how much?«, und sie setzt in Zahlen dahinter »400«, und ich schreibe »no« auf das restliche Blatt. Nun streicht sie die 400 durch und kritzelt dafür »350«, aber ich will nicht; mir springt der Schweiß aus den Poren, ich möchte hinaus. Die Gasse, durch die ich mich schiebe, ist plötzlich zu ende, und ich muß gegen Mädchen angehen wie gegen Wogen. Die Taubstumme verfolgt mich, obwohl ich ihr mein »no« hinhalte; und als ich in der Halle bin, zerrt sie an mir und gibt Zeichen. Eine der Sicherheitskräfte befreit mich. Ein hübscher, sehniger Junge, der sie zum Ausgang bringt und dort mit ihr verhandelt. Nach kurzem Hin und Her darf sie zurück. Sie kommt mir entgegen und zeigt im Vorbeigehen, für einen Moment, ihre steifen, dunklen Brüste. Der Sicherheitsjunge ist mit Nachzählen beschäftigt. Striptease und Prostitution sind in Thailand verboten.
Als ich erwache, spüre ich sofort einen Schmerz. Ich schlage das Laken zurück, setze meine Brille auf und sehe nach. Doch es ist nichts zu sehen. Ich drücke und spüre es wieder - Schmerz, der über den Druckschmerz hinausreicht. Hautkontakte, die ich hatte, gehen mir durch den Kopf und alle Klinken, die ich im Grace-Hotel angefaßt habe; unsichtbare Heere müssen sich über diese Türgriffe wälzen! Ich dusche und lege mich wieder ins Bett, um zu lesen; Emmanuel Boves Meine Freunde (Victor, der Held, sucht einen Freund, um dem Entsetzen zu entgehen; »ich versuche zu wissen, bevor ich sehe«, äußert er einmal).
Gegen Abend bin ich aufgestanden, und inzwischen spüre ich es wieder - immer, wenn Dalin mir an die Hose stupst, nachdem sie mich vorher abgelenkt hat. Wir sitzen an der Bar und trinken. Links von uns küssen sich zwei, mit Zunge. Dalin deutet hin und schüttelt den Kopf; ich stimmer ihr zu, und sie drückt mich. Sie kann nur wenig Englisch, und ich denke nach, bevor ich rede, und sie muß sich auch konzentrieren. Das zwingt uns, ernst zu sein, obgleich wir viel lachen. Bei jedem Mädchen, das tanzt, will Dalin erfahren, wie's mir gefällt. Denn wer am besten tanzen könne, glaubt sie, habe auch die größten Chancen.
Als es wieder Zeit für sie ist, stelle ich mich in die Nähe der Bühne und schaue ihr zu. Dalin beginnt ganz langsam, als schleiche sie sich an ein Opfer; erst als der Rhythmus wechselt, läßt sie sich peitschen. In einem Auf und Ab geht sie nach und nach in die Knie und winkt dabei mit ihrem Schritt - bis die Männer sich herausgefordert fühlen und Dalin ihre Hände davorhält und »oi!« ruft, die Silbe für alles. Nach zehn Minuten wird sie abgelöst und läuft zur Klimaanlage, stellt sich in den Windstrom, wankt und hält ihren Kopf. Ich gehe auf sie zu, und sie sinkt mir entgegen. Es drehe sich alles, bedeutet sie mir. Wir setzen uns in eine Ecke, und sie sagt ein paarmal »sick« und greift an die Schläfen. Dalin ist höchstens achtzehn. Sie hat ovale Augen und kein einziges Fältchen; ihre Haut hat den Farbton von Zimt. Sie legt den Kopf in meinen Schoß, und ich massiere ihn. Ihr Profil wird durch eine gleichmäßige Senke der Nase bestimmt und den herausragenden, aufgepumpten Mund. Ich berühre ihn mit dem Finger, und sie sucht meinen Blick, aus staunenden Nachttieraugen. Sie sei krank, wiederholt sie, und ich ahne, was sie will.
Ganz hinten in der Hotel-Bar sitzt der Manager der Mädchentruppe, ein altersloser Chinese, und bewirtet Polizisten. Ich lege ihm 200 Baht auf den Tisch und sage »Dalin«, und er streicht ein, mit einer kleinen Verbeugung. Jetzt braucht Dalin nicht mehr zu tanzen. Ich will zurück zu ihr, doch Albert kommt mit seinen Jungs dazwischen. »Nimmst du sie heut endlich mit?« fragt Catcher, und ich sage: »Sie ist krank.« Das dürfe ich nicht so eng sehen, meint Lollo, und Bubi schließt sich an. Albert hockt schon an der Bar und begrüßt seine Kleine.
Dalin scheint zu schlafen. Sie atmet, als ob sie schlafe; in den gleichen Abständen die gleichen Geräusche - und auf einmal drückt sie meine Hand. Jetzt fehlen doch die Worte. Als die Tanzerei beendet ist, wecke ich sie. Die Mädchen, die hier übernachten, machen noch einen Anlauf; die etwas Bessergestellten warten auf einen Lastwagen, der sie zu ihrer Unterkunft bringt. Dalin will nach Hause.
Alle Übriggebliebenen rutschen zusammen. Die Männer trinken, und die Mädchen hoffen. Sie wollen in ein ordentliches Bett, vor allem die, die nüchtern sind. Richtig betrunken ist aber nur Tim, die ein Vierteljahr in Lörrach war; ihre Augen sind weißlich, und über die Backen läuft ein stetes Rinnsal von Tränen. Sie versucht sich an Lollo, und die Freunde warnen ihn - die mache ihn fertig, verlebt wie sie sei. Doch Lollo scheut sich nicht. Er greift ihr unter die Arme und sagt, wenn ihre Garage so naß sei wie ihre Achseln, dann habe er keine Angst.
Ich bin müde und will gehen; ich warte nur noch ab, bis »Crying in the rain« vorüber ist. Albert kommt mit. Die Kleine sei sein Untergang, sagt er in der Halle. Die habe da unten ein lachendes Fötzchen! Er bezahlt an der Rezeption 100 Baht, die Hotelabgabe, und dann laufen die beiden zum Aufzug. Ich gehe nicht mit; ich will jetzt noch bleiben. Im Coffee-Shop kaufe ich Bier und gehe mit der Flasche zurück in die Halle und setze mich auf einen Stuhl, denn die Sofas und Sessel sind alle belegt. Die Mädchen, die es aufgegeben haben, schlafen dort. Sie liegen sich in den Armen oder liegen quer zueinander, die Beine der einen auf dem Bauch der anderen. Manche haben sich zusammengerollt, so daß sie gerade einen Sessel füllen. Sie liegen ganz ruhig, in bewährten Stellungen. Nur eine Hand bewegt sich ab und zu, oder ein Kopf schabt an den Polstern. Ang, das »Monkey«, liegt auch da. Als ich die leere Flasche auf den Boden stelle, öffnet sie die Augen.
Am Montag nach der Friedensdemonstration sei er aus der Kirche ausgetreten, sagt Albert. »Denn die Kirche kriecht den Leuten in den Arsch; je mehr man den Arsch offen hat, um so schneller kriecht sie hinein. Ich hab' in meinem ganzen Berufsleben nicht einen Tag gefehlt. Aber das ist ja uninteressant; ich hab' meinen Arsch nicht offen.« Er gehöre zu den Normalen, sagt Catcher und fragt mich dann, ob ich dabeigewesen sei in Bonn.
»Nein.«
Albert legt mir seine Hand auf die Schulter. Wer für das Leben sei, der gehe nicht demonstrieren, und wer gegen den Krieg demonstriere, der fahre nicht nach Bangkok. »Und darauf trinken wir einen!« ruft Catcher und winkt der Bedienung.
Es ist windstill, und die Sonne gleißt. Das Wasser im Pool ist reglos wie die Männer in den Stühlen. Genau unter dem Sprungbrett liegt ein matter Schatten des Sprungbretts am Grund. Und plötzlich ist es dunkel. Jemand verdeckt mir die Augen: Dalin! Ich greife ihre Hände und schiebe sie auf meine Brust. Die Hände sind kühl und erleichtern. »Jetzt pack sie halt«, sagt Lollo; »ich hab' geschafft bis heute früh. Die konnte nicht genug bekommen.« Tim sitzt auf der anderen Seite des Pools, bei Walter und Rudi, und sieht zu uns hinüber.
Die Erfrischungen werden gebracht; und Herrmann kommt, mit Lebensmitteltüten. »Wann zeigst du uns mal deine Kleine?« fragt Albert. »Ihr könnt uns doch besuche«, antwortet Herrmann. »Es gibt auch was zu trinken, Zimmer 410. Ich geh' jetzt nach oben, und dann kochen wir was!« Herrmann verschwindet, und Dalin läßt mich los. Sie habe immer noch Kopfweh, deutet sie an. »Glaub ihr nicht«, rät Lollo, und Bubi sagt: »Unser Frisör hat sie doch oben gehabt.« Albert zieht die Augenbrauen, und Catcher zückt sein Lachen. »War aber nicht sehr aufregend«, meint Lollo.
»Hat sie dir den Schwanz geleckt?«
Catcher platzt raus; Bubi schaut zu Albert, und Albert zwinkert mir zu; ich wiederhole die Frage. »Du bist«, ruft Lollo und muß dabei so lachen, daß es die Worte zerhackt, »eine alte Obersau!« Und ich frage ihn noch einmal, und nun saugt er die Lippen ein; auf seiner Stirn entsteht eine einzelne, dicht über der Nasenwurzel verlaufende, tiefe Falte.
»Jetzt reicht es«, sagt Albert und legt mir die Hand auf die Schulter - es stimme alles gar nicht.
Die Luft kühlt nicht ab. Abends ist es so heiß wie bei Tage. Dalin sitzt in der Halle und entspannt. Sie müsse nicht mehr tanzen, teile ich ihr mit; ich hätte sie soeben freigekauft, so wie gestern. Dalin sieht mich an und ruft meinen Namen, und ich frage: »You go with me?« Aber sie schüttelt den Kopf.
»Why not?«
»Because I love you.«
»Really?«
»Yes«, sagt Dalin; »but I need money, you know«, und ich sage zu ihr: »And I need love, okay?«, und sie nickt.
Im Zimmer findet sie sich gleich zurecht - sie macht Licht und nimmt die Überdecke von dem unbenutzten Bett, reguliert die Klimaanlage und drückt auf einen Schalter, und Musik kommt aus der Wand (davon wußte ich noch gar nichts). Dann probiert sie meine Schreibmaschine aus, und ich lasse Wasser ein.
Dalin schaut ins Bad. Ich deute auf sie und auf mich und danach auf die Wanne, und sie ruft: »Oi! Oi!« Das Badewasser rauscht wie zu Hause. Als Dalin wieder reinschaut, sitze ich schon; sie trägt noch ihr Höschen. Um es auszuziehen, wendet sie sich ab. Wie Kinder im Freibad, früher. Ihren Unterleib habe ich genau so erwartet - fester Po, mit Mulden in den Backen; und vorne ein Chinesenbärtchen. Dalin steigt in die Wanne und überschwemmt unsere Körper. Ihr Nabel zieht mich an. Fast ein richtiges Loch mitten in dem kleinen Bauch, oval wie ihre Augen, mit einem weichen Rand, der glänzt. Ich ziehe den Finger zurück, und wir planschen. - Wo sie her sei. - Aus dem Norden; »small village«. - Was die Eltern von ihr dächten. - »Papamama, they don't know«; sie schicke nur Geld. - »How you explain it?« - Papamama dächten, sie sei Sekretärin. - Für wie viele Leute sie sorge. - »Eigeht.«
Dalin seift mich ein. Zuerst die Hände, jeden einzelnen Finger; dann Arme und Schultern, die Achseln und den Hals sowie die Ohren und mein Gesicht, Zug um Zug, ja, sogar die Nasenflügel; dann Füße und Beine. »You like it?« fragt sie immer wieder (Dalin kann besser Englisch, als ich glauben wollte). Sie läßt nichts aus an mir, aber sie bevorzugt auch nichts. Die Vereinheitlichung stört mich. Dann entgleitet ihr die Seife, und sie fängt an zu suchen. Das Wasser ist schon grau. Sie sucht die Seife in einem bestimmten Terrain - und nun bevorzugt sie doch, mit Erfolg; nebenbei findet sie auch die Seife. Und jetzt soll ich noch aufstehen - obwohl sie sich mit einem Rotzlaut lustig macht, zusätzlich. Sie kniet sich in die Wanne, ich stelle mich vor sie; sie schrubbt, und der Erfolg läßt nach. Dann spült sie mich ab, und das Bad ist beendet. Dalin schickt mich vor.
Ich lege mich aufs Bett, und Geräusche klingen rüber. Das Öffnen und das Schließen einer Dose; Reiben von Fingern auf Haut, zweimal leises Patschen, kurz der Wasserhahn und sekundenlang Stille; dann das Lispeln von Seide und wieder Stille; ihre Klips, die von den Ohren schnappen, und danach der Schalter, der kippt, und Schritte. Dalin hat ihre Wäsche an; erst im Bett unter dem Laken entkleidet sie sich und bekommt plötzlich Schluckauf. Sie liegt an meiner Seite, und ich sehe sie an. Ob sie verheiratet sei. - Nein; sie sei doch schon »open«. - Wo sie sonst immer schlafe. - Sie habe ein Appartement. - »For yourself?« - »Ten girls.« - Was für ein Appartement das sei. - »A room.« Dalin liegt ganz ausgestreckt da, als erwarte sie den Doktor. - Ob sie alles Geld nach Hause schicke. - Papamama müßten einen Wasserbüffel kaufen.
Und auf einmal streichelt sie mich; in die andere Hand nimmt sie Spucke und feuchtet sich an. »You have a problem«, sagt sie - und schafft es. Ihr Schluckauf wird stärker, und ich richte mich auf. Wieviel die Männer ihr zahlten für so eine Nacht. - 400; aber allein 200 müsse sie täglich ans Hotel abführen. Und dann ohrfeigt sie mich sachte. »Why don't you like me?« - »I like you«, sage ich, und Dalin holt meinen Kopf an ihr Gesicht. Ihre Wangen sind heiß, ihre Schultern so warm wie die Luft; die Schenkel kühlen meine Hand. Sie glüht vor Müdigkeit.
»We are brother and sister, okay?« Dalin schließt die Augen und nickt, ich gebe ihr den Gutenachtkuß. Danach rollt sie sich zusammen, und der Schluckauf verschwindet. Nach zwei Minuten schläft sie schon, und ich lege ihr 400 Baht auf die Kleidung, etwa 39 D-Mark. Der Wechselkurs war gut.
Ich hatte eine furchtbare Nacht und möchte wissen, ob es heute regnet!« - Herr Plötz, mein Bekannter aus dem Deutschen Biergarten, ist außer sich. »Die war ja ganz verseucht, die ich mir mitgenommen hab'! Grünes Zeug kam unten bei dem Schätzchen raus, und ich hab' jetzt die Schererei!«
»Was für grünes Zeug?«
»Der ganze kranke Dreck«, sagt Herr Plötz und schnipst mit den Fingern. »Ich möchte wissen, ob es heute regnet.«
»Sieht nicht so aus.«
»Dann spielen wr jetzt ein sauberes Tennis.«
Herrmann, der gerade erzählt hat, daß sein Gerät wieder intakt sei, warnt vor der Hitze, und Herr Plötz ereifert sich noch einmal. »Die Frauen hier, die können Sie vergessen!«
»Alle?«
»Die ganzen dreihunderttausend. Spielen wir jetzt? Oder sind Sie zu müde?«
Ich nicke und sage: »Zu müde«, und er berührt mich an der Schulter. »Forget it! Ich hau'sowieso ab.«
»Und wohin?« fragt Herrmann; »Pattaya?«
»Pattaya? Das können Sie auch vergessen. Nein, nein; Manila.« Und Herr Plötz verabschiedet sich und hält meine Hand. So, als stände ich ihm nahe. Herrmann zwirbelt nach.
»Und dann? Nach Manila?«
»Salzgitter«, sagt er und läßt los, dreht sich um und geht zum Aufzug, mit hocherhobenen Armen. »Das können Sie aber auf der Stelle vergessen!«
Am Pool ist es still, und das ungesunde Wasser schimmert. Der Einzelgänger mit der Hertie-Tüte sitzt im Halbschatten und trinkt. Auf der Tüte liegen Feuerzeug und eine Schachtel »Kurmark«. Aus seiner Badehose schaut ein Kamm. Neben seinem Stuhl stehen ein paar feste Schuhe, aus denen Socken schauen. Jetzt zieht er den Kamm aus der Hose und kämmt seinen Wirbel. Schräg gegenüber sitzen Walter und Rudi. Sie tragen wieder ihre Hemden von Magirus-Deutz.
»Morgen geht's nach Hause«, sagen sie. Die Mädchen, die sie in den Armen halten, können zwei Worte Deutsch. Die eine sagt, die andere sei ein Mann; sie habe nur den »Piephahn« abgeschnitten. Walter sieht nach und ruft »ab!« und deutet dann auf sich; seiner sei noch da - und sie sieht bei ihm nach und ihre Freundin bei Rudi.
»No Piephahn!« rufen beide und trauern dann ganz laut.
»What have you done with the Piephahn?« frage ich die Mädchen.
»We eat them«, sagt die eine, und die andere schlürft. »Für die ist das doch Vitamine«, meint Walter. Seine Heiserkeit ist immer noch schreckllich. »Die brauchen das; je mehr, desto besser. Als wir im letzten Jahr mit dem Verein hier waren, da floß der Segen reichlich. Was soll's.« Und ich frage: »Good for you?«, und beide Mädchen nicken - »every day Piephahn-Juice!«
»Das ist hier alles natürlich«, sagt Rudi. »Die natürliche Lust und nicht dieser Frust!« Und das Mädchen, das auf seinem Schoß sitzt, freut sich auf einmal und fängt an zu schaukeln - »Rudi-Piephahn is awaking!«
Als ich erwache, ist es schon dunkel. Ich dusche und gehe danach in die Bar. Albert steht dort, mit seiner Kleinen. Er trägt eine Sonnenbrille und wärmt mit den Händen sein Bier. Ich sei doch Schriftsteller, sagt er; ob ich nicht sein Leben aufschreiben wolle. Er habe alles erlebt. Ich werde abgelenkt und nicke nur. Auf der Theke jagen sich zwei daumengroße Kakerlaken. Ihre Wege sind nicht zu berechnen.
Südamerika! Er sei in Südamerika gewesen; dort sei das Leben, da seien die Frauen - damals ganz bestimmt! In Deutschland habe es ja auch mal welche gegeben. Aber er sei geschieden. Albert setzt die Sonnenbrille ab. Und er habe zwei Kinder und zahle; ihm bleibe grad' noch ein Gesellenlohn. Dafür brauche der Freund seiner Frau nichts zu tun. Daher der Haß. Weil ihn alles so getroffen habe - »einen Mann zum Krüppel zu machen ist kein Problem«.
»Und warum?«
Albert setzt die Sonnenbrille auf und faßt mich am Arm. »Weil man seinen Stolz verletzen kann.« Die Kakerlaken nähern sich, und ich überlege, ob ich weichen soll. Doch Alberts Griff ist fest. »Alle, die hierherkommen«, sagt er zu mir, »machen Urlaub von deutschen Frauen.« Und dann kommt er so nahe, daß ich seine Atemluft spüre. »Emanzipation bei einer intelligenten Frau ist ja vielleicht nur unangenehm - bei einer durchschnittlichen Hausfrau ist sie nur noch brutal!« Die Kakerlaken huschen vorbei, und ich zucke zurück. »Aber du hast Angst vorm Leben!« ruft Albert und läßt meinen Arm los, und sich sage: »Verrate mir lieber, ob du noch mal heiraten würdest.« - »Wenn ich die Richtige finde.« - »Und wie muß die sein?« - »Achtung muß ich vor ihr haben; und unterordnen muß sie sich können. Ein richtiger Kerl braucht ein richtiges Weib!«
»Aber wo sind die richtigen Weiber bei uns, wo die richtigen Kerle?« Albert faßt mich wieder an und nickt - er werde mit so gut wie allen elektrotechnischen Problemen fertig, weil er Gefühlslogik habe. In drei, vier Jahren müsse er allerdings abtreten; dann gelte nur noch die Logik der Studierten. »Die haben dann alles so gebaut, daß sie es nur noch selbst verstehen.« Wie alt er dann sei, fragte ich ihn. »Dann bin ich sechzig.«
Dau, das Mädchen an der Bar, hält mir den Nacken hin, ihre keusche Dependace. Ich berühre ihn leicht, und sie schauert wie immer (kein Nacken hat mich so erregt). Albert lacht sein Lausbubenlachen. Lek, seine Kleine, rutscht ihm vom Schoß, denn sie muß tanzen. Sie löst Dalin ab, die sich erst kühlt, bevor sie zu mir kommt. Sie schmiegt sich an, und ich halte sie fest, und sie zeigt auf Alberts Sonnenbrille - »Why?«
»Damit keiner sieht, daß ich heule«, sagt Albert. Die Musik reißt plötzlich ab. Lek steht auf der Bühne und krampft; in der Bar ist es still. Wie ein großes Tuch ist die Stille. Die Männer schauen alle zu Boden. Und dann setzt es wieder ein mit »Linda, Linda«. Dalin stürmt nach vorn und tanzt mit, Lek empfängt sie mit einem Stupser; und Albert seufzt: »Dieses Mädle macht mich fertig. Ich bin daheim ganz anders. Aber jetzt laufen die Tränen halt doch. Du, die hat mir einen Brief geschrieben ...« Und Albert holt einen Zettel hervor, und ich lese. »My Dear! I am very happy, because I feel love. I know, it's a dream. But I tell you, that I feel you. I love you more, than I can write.«
»Soll ich übersetzen?« Albert schüttelt den Kopf. »Du, die träumt doch«, sagt er und steckt den Zettel wieder ein. Der Herrgott habe den Fehler begangen, daß die Frauen nicht funktionieren wie die Blumen. Die kämen im Frühling und gingen im Herbst.
Immer wieder schwappt der Kaffee über; und ich muß den Unterteller in die Tasse leeren; es kommt sogar vor, daß der Kaffee über den Tellerrand schwappt. Niemand sieht mehr, wo er hinläuft. Die Mädchen greifen nach den Männern, weil die Männer keine Augen mehr haben. Sie gehen schon etwas vornübergebeugt, Hände auf dem Rücken, durch die lange Gasse zwischen der Musikbox, an der die Taubstummen warten, zum Ende der Bar und umgekehrt - wie Insassen, die auf dem Flur hin und her gehen. Es ist zwei Uhr früh im Coffee-Shop vom Grace-Hotel.
Vor mir steht Herrmann und schaut. »Was schaust du?!« rufe ich ihm zu. »Dort drüben!« ruft er zurück und bahnt sich den Weg. Ich gehe ihm nach und betrachte die Mädchen, die er hinter sich läßt; ich werfe ihnen Blicke zu, und für die Dauer eines Augenblicks versprechen sie, was ich mir wünsche; ihre Augen klaffen auf, und ich blicke hinein. Bis es sich verbraucht. »Wo willst du hin?« frage ich Herrmann.
»Zu den Blinden!«
»Was für Blinde?«
»Da drüben!« - und er deutet in eine der Ecken. Dort stehen Gestalten mit zusammengesteckten Köpfen und kichern, wie Mädchen auf dem Pausenhof. Als wir uns nähern, gehen sie auseinander und stieren uns an. Sie haben zwar noch Augen, aber tote; leere Höhlen hat keine. Zwei von ihnen scheinen noch einige Reste zu sehen, sie fangen als erste an zu tasten. Herrmann hebt die Arme, wie bei Körperkontrolle, und ich ziehe mich zurück (die Blinden sind Liebhabersache). »Ich gehe!« rufe ich ihm zu, und Herrmann zeigt auf eines der Mädchen, das eine tiefschwarze Frucht ißt; als sie den Fruchtkern auf den Boden speit, liest er ihn auf und steckt ihn in ein Plastiktütchen, in dem schon andere Kerne sind. Er habe im Zimmer noch mehr. Ich könne ihn doch jetzt mal besuchen. Er sei hier gleich fertig!
Die blinden Mädchen sind leicht abzuschütteln, denn sie verlassen ihren Platz nicht; nur, wenn sie sich auf ein Geschäft geeinigt haben. Ein älterer Mann hat gerade bei einer verhandelt, und nun gehen die beiden, Hand in Hand, an mir vorbei. Das Mädchen hat Lippen, die wie Blutegel aussehen; der bleiche Mann trägt einen Trainingsanzug, trotz der Hitze. Nur der Reißverschluß steht etwas offen, so daß ein Stück seines Halses zu sehen ist, mit einer Drosselgrube in der Mitte wie ein Astloch.
Herrmann schließt auf. »Wenn ich nicht abschließe, läuft sie davon«, sagt er scherzhaft. Im Zimmer brennt ein mildes Licht, und es riecht nach Schlaf und Obst. Herrmann sagt »bitte« und läßt mir den Vortritt.
Die Betten sind auseinandergerückt, und dan den Wänden hängen Poster. Die Deckenleuchte ist mit einem Lampion verkleidet; auf dem Toilettentisch steht eine Vase mit Blumen. Daneben liegen Tüten, welche mit Kernen gefüllt sind. Von dem Mädchen kann ich nur die Haare sehen. Die Poster hängen alle gleich hoch (Tempeltänzerinnen; die Brücke am Kwai; wenn die Sonne am Golf von Siam versinkt). Auf dem Nachttisch liegt ein Kasettenrecorder. An dem Gerät lehnt die Fotografie einer Frau.
Herrmann bietet mir den Stuhl an, denn es gibt nur einen. Der Stuhl steht vor einer Art Tischchen: seinen zugedeckten Koffern. Auf der Decke stehen die Zahnputzgläser. Der Fußschemel, der zur Ausstattung des Zimmers gehört, befindet sich auf der anderen Seite des Tisches. »Meine Sitzecke«, sagt Herrmann und holt dann einen Karton aus dem Schrank und wartet mir auf. »Getrockneter Fisch; Kokosnüsse; Bananen; harte Eier; kaltes Huhn oder vielleicht ...« - und er wickelt eines der Dessertküchelchen vom Hinflug aus und legt es auf den Tisch. »Oder willst du bloß trinken?« Sein Kühlfach ist ein Wäschebeutel, den er vor der Klimaanlage fixiert hat.
»Bier oder Cola? Du kannst auch Whisky haben.«
»Dann einen Whisky.«
»Musik?« fragt Herrmann, und ich deute auf das Bett. »Die schläft doch gar nicht«, sagt er. »Die liegt doch wach, bis ich komme. Sie hat nur nicht aufgeräumt heute. Ich hab' ja nicht gewußt, daß wir Besuch kriegen.« Und Herrmann schaltet den Recorder ein - »James Last« -, und die Kleine schaut über den Bettlakenrand. Sie reibt sich die Augen und richtet sich auf, das Laken vor der Brust wie in den Filmen ab sechzehn, früher.
»Das ist Ting«, sagt Herrmann; »und das dort sind meine Kerne.« Ting lacht mich an. Sie hat eine breite Nase und ein breites Gesicht und große Unschuldsaugen, für die ich nicht empfänglich bin. Ich reiche ihr die Hand und frage dann Herrmann, was er mit all den Kernen vorhabe.
»Die pflanz' ich ein zu Haus, dann hab' ich was von hier. Wenn jeder hunderste was wird ...« Er bringt mir den Whisky, ich setze mich hin, und die Kleine hüllt sich in das Laken. Herrmann gibt ihr Hemd und Hose, und sie steigt aus dem Bett und verschwindet ins Bad. »Sie soll sich anziehen«, sagt er und zeigt mir ein paar Fotos, die er mit Selbstauslöser gemacht hat - Ting und er beim Frühstück; Ting und er beim Schmusen; er auf Ting; Ting auf ihm. »Und wer ist diese Frau dort auf dem Foto?«
»Meine Mutter«, sagt Herrmann. »Die kümmert sich um die Pflanzen, während ich weg bin. Wenn ich zurückkomm', bau' ich noch einen Tempel dazwischen. Ich bin ja Modellschreiner, eigentlich.«
Ting kommt aus dem Bad und stellt sich hinter Herrmann. Sie kitzelt ihn unter den Armen, und er zuckt und ruft: »Chakadi!« Ting kitzelt ihn weiter und ruft auch »chakadi!« und ich frage: »Was heißt das?«
»Das heißt kitzlig«, sagt Herrmann und zieht Ting auf den Schoß.
»Kannst du noch mehr?«
»Pom lakun.«
»Und was heißt das? Bumsen?«
»Ich liebe dich«, sagt Herrmann.
Ich habe die letzte Seite von Emmanuel Boves Meine Freunde gelesen; die anderen Bücher liegen noch im Koffer. Ich weiß nicht, ob ich bleiben soll - Albert und seine Jungs fliegen morgen nach Hause; wir sitzen im Deutschen Biergarten und blättern. Sie im Sportteil der Bild-Zeitung, ich in den Kulturseiten vom Spiegel. Der VfB sei am Ende, sagt Catcher, und Lollo spricht sogar vom Abstieg. Bubi fragt, ob ich noch mitkomme - »auf einen Blick ins Grace« -, und ich sage nein, woraufhin Albert meint, ich ginge am Wesentlichen immer vorbei - »ich erzähl' dir jetzt mal was«. Und er erzählt mir einen Schwulenwitz; danach erzählt mir Lollo einen anderen Schwulenwitz, und Catcher ruft »Stimmung!« und erzählt mir den nächsten; Bubi weiß dann auch noch einen. Nur mir fällt keiner ein. »Du kennst keine Witze«, sagt Albert und setzt die Sonnenbrille auf; »dann schreibst du auch nur traurige Sachen - aber nicht über mich!« - und lacht, als griffe er in Glut. »Du mußt die Wahrheit schreiben; die, die's lesen, müssen hören, wie ich lache!«
Inzwischen sitzen schon andere am Tisch, Trinker, die einander beschützen. Jeder hat einen Aufpasser, und jeder hat einen Kameraden, den er im Auge behält. Die Männer sehen grau aus, wie Aushilfskräfte an der Geisterbahn. Heino singt von Barbara. Immer auf »Barbara« folgt eine Rhythmusbeschleunigung, und durch die Gesichter der Männer läuft dann eine Zustimmung nach. Anschließend konzentrieren sie sich wieder und führen die Gläser zum Mund.
Hans, der Wirt, geht durch die Reihen. Er hat ein respektables Kreuz, kurzgeschnittenes Haar, zornige Brauen und Augen wie Mündungen. Hans ist Ende Dreißig; er sei in Vietnam gewesen, heißt es. Einer der Männer am Tisch reicht ihm 200 D-Mark und bekommt sofort gewechselt. Sein Kurs, sagt Hans, sei immer gut; und die Männer lachen und rufen ihm nach: »Alles klar! Alles klar!«, als sei er ihnen vorgesetzt. Ich kann nicht mehr hinsehen. Der Vollmond steht im Zenit. Ihn zu betrachten strengt an, und ich zahle.
Dalin ist besetzt! Der Einzelgänger mit der Hertie-Tüte hat seinen Arm um sie gelegt, und Dalin hält seine Hand. Ich gehe ans andere Ende der Theke, zu den Mädchen. Lek fragt nach Albert. Er komme noch, sage ich ihr. Tim ist betrunken - »Scheiß-fuck-Lollo!« ruft sie dauernd. Dau hält mir die Stelle hin. Und Ang, das »Monkey«, zeigt auf Dalin - »She loves you.«
Ich bestelle ein Bier und schaue hinüber. Dalin braucht nicht zu tanzen; er hat sie freigekauft. Sie lehnt an seiner Schulter, und er hält ihr den Kopf. Ein Paul-Anka-Medley lenkt mich ab. Seine Lieder werden nur angerissen, an ihren Höhepunkten, so daß sich die Erinnerungen überstürzen. Ich werde nicht traurig, sondern taumle bloß, so, als ob ich mir im Zahnfleisch stocherte. Bis das zweite Mädchen, das bedient, den Rest der Flasche in mein Glas leert; denn eine viertelvolle Bierflasche neben einem halbleeren Glas ist etwas völlig anderes als ein nachgefülltes Glas bei schon abgeräumter Flasche.
Die beiden brechen auf, ich gehe hinterher. Der Mann trägt heute eine braune Anzugshose und dazu ein beiges Hemd mit großen braunen Karos und schwarze Haussandalen. Ich habe aufgeholt und muß in seinen Nacken schauen. Sein Nacken wird von gekreuzten Falten durchzogen und warnt wie ein Warnschild. Der Mann geht stockend, als trage er etwas; er hat keinen Gang. Und er hält Dalin an der Hand, ihre Hand verschwindet in seiner. Jetzt wendet sie ihm das Gesicht zu, und er merkt es und nickt. Seine Augen liegen halb verschanzt, Dalin kann sie nicht finden. Er flackert sie an, und sie wirft ihren Kopf nach hinten; er hat keinen Blick. Schließlich ohrfeigt sie ihn sachte, und dabei entdeckt sie mich.
Der Mann läßt sie los und drückt auf das Knöpfchen vom Aufzug. Danach stellt er die Tüte auf den Boden und kämmt sich den Wirbel. Dalin streckt ihre Arme aus und preßt sie an die Schenkel; und er holt seine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche und steckt sich eine an. Er schluckt den Rauch und drückt noch einmal auf den Knopf, und ich sehe, daß er frisch rasiert ist (seine Koteletten schließen mit einer fürchterlichen Gradlinigkeit ab). Dalin sieht auf die Aufzugtür, der Mann muß plötzlich husten. Seine Tränensäcke füllen sich mit Blut und sperren ihm die Sicht. Ich berühre Dalin; dann laufe ich zur Treppe. Ich steige in den vierten Stock und klopfe bei Herrmann. Und nach ein paar langen Sekunden macht er die Türe auf und bittet mich rein.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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