Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n




Ich denke da, wo ich nicht bin

Unter dem Eindruck von Jacques Lacan:
Die Kastration ist (k)ein Märchen

DIE ZEIT, Nr. 49, 28.11.1980




Eingeweihten ist es vorbehalten, Lacan zu verstehen. Alle übrigen, die sich mit seinem Werk beschäftigt haben, können nur ihre Eindrücke wiedergeben. Geschieht dies noch dazu in komprimierter Form, bekommt manches den Anschein des Trivialen. Lacans Arbeit darzustellen ist unmöglich; man kann nur darauf verweisen.

Seiner Tätigkeit nach ist Jaques Lacan, geboren 1901, Psychoanalytiker. In den frühen fünfziger Jahren kam es zu einer Trennung zwischen ihm und der Psychoanalytischen Vereinigung; gut zehn Jahre später gründete er eine eigene Schule in Paris (Ecole Freudienne de Paris), die er kürzlich geschlossen hat, weil ihm die meisten Schüler nicht mehr folgen konnten, angeblich. Lacan entwickelte schon in den dreißiger Jahren ein so radikales Freud-Verständnis, daß der spätere Bruch mit der offiziellen Psychoanalyse unvermeidlich wurde.
Der damals und heute immer noch gängigen "Ich-Psycho-logie-analyse", deren Vertreter auf die Erkenntniskräfte des Ichs schwören, setzte Lacan seine an der Linguistik geschärfte Lesart des Unbewußten entgegen, was zu Konsequenzen in der Beurteilung des Ichs geführt hat. Auf das cartesianische "Ich denke, also bin ich", antwortete er: "Ich denke da, wo ich nicht bin, also bin ich da, wo ich nicht denke."
Dieser Angriff auf den Logozentrismus ist entscheidend im Denken Lacans. Die Frage (hinsichtlich der psychoanalytischen Praxis) lautet nun: "Wer spricht?" Also: Wer ist Subjekt der Rede, die der Analytiker vernimmt? Hier wurde Lacan für mich interessant; bezogen auf meine Arbeit, sollte man fragen: Wer schreibt?

Ich glaube, daß der Schriftsteller eher eine Schreibkraft ist als ein Autor. Wie der Psychoanalytiker arbeitet er mit dem Signifikanten, dem "Signifikant" - ein Schlüsselbegriff bei Lacan. Nach meinem Verständnis: das Bedeutungslose, aber Effektive; das, was zählt, nicht das, was er-zählt; das, was mich sprechen läßt, nicht das, was ich sprachllich intendiere. In diesem Sinne kann alles mögliche Signifikant sein - nicht als Eigenschaft, sondern in grammatikalischer Hinsicht als Hauptwort: ein bestimmter Geruch, ein bestimmtes Wort, ein bestimmtes Knistern, ein bestimmter Körperteil, ein bestimmtes Zeichen - bestimmt immer von anderswoher, zum Beispiel durch die Mutter (aber was heißt schon Mutter; auch das kann alles mögliche sein), bedeutungslos deshalb, weil er nicht einem Inhalt nach wirkt, sondern als Verweis - als Verweiszeichen auf etwas anderes, das Signifikant ist - darin liegt der Effekt. Es geht hier nicht um den Effekt, den man erhaschen kann, sondern von dem man erhascht wird. Der Effektivität des Signifikanten ist man ausgesetzt - vielleicht deshalb ein so schwieriger, ein so unangenehmer Begriff, der Geduld erfordert.
Angenommen, ein Wort sei signifikant und ist damit über-setzt. Von anderswoher be-setzt - von etwas anderem, das wirksamer ist als sein Inhalt, seine Bedeutung, und das wiederum auf etwas anderes zielt, was ebenfalls signifikant ist - ein anderes Wort, eine andere Silbe, eine andere Buchstabenkombination ...: der Sinn kann dadurch gleiten, ja springen; man spricht von Assoziationen.
Der Schriftsteller, der sogenannte Künstler, existiert von diesen Sinnverschiebungen und Sprüngen und darf sich dazu bekennen (Musenkuß); der Nichtschriftsteller existiert gleichfalls davon, bestreitet es aber meistens, wie übrigens auch der "Künstler". Was einem einfällt, will man sich ausgedacht haben - man ist nachtragend. Dem, was sich abspielt, was sich zuträgt, was einem(n) passiert, trägt man die "eigene" Absicht nach - mit einem kleinen, allgemein anerkannten Versehen: dem Wörtchen Ich. Im Schreiben begriffen, behaupte ich: Ich schreibe! - Das wäre in etwa der Logo- oder Egozentrismus, den Lacan theoretisch - und das womöglich noch mit Wollust - aus den Angeln gehoben hat.
Freud schrieb den berühmten Satz: "Wo Es war, soll Ich werden." Lacan interpretierte das so: "là où c'était, là comme sujet dois-je advenir" (da wo's war, da soll ich, als Subjekt, ankommen). Mit anderen Worten: Nur das Unbewußte kann auf Subjektivität verweisen - sonfern dieser Begriff dann überhaupt noch zutrifft. Nur die Arbeit des Unbewußten setzt etwas frei, das auf den, der träumt oder spricht, zurückweist.
"Das Unbewußte ist die Rede des anderen", schreibt Lacan und behauptet außerdem, es sei "gleich einer Sprache gebaut". Das Unbewußte ist eine Übersetzung, ein Text, zu dem es keine Originalvorlage gibt. So hat eine bestimmte Metapher, die die Traumarbeit hervorbringt, keine Reverenz in der Realität - sie bedeutet nichts; der Fernsehturm, von dem man träumt, ist eben weden der konkrete Fernsehturm noch der Penis des Vaters. Die Lehre von der Traumsymbolik ist falsch. Die zeichenhafte Sprachstruktur des Unbewußten wird durch die Eigentümlichkeit ihrer Verknüpfungen und durch ihren Schriftcharakter bestimmt - es liegt keine Erzählung vor, sondern eine Textwirkung entsteht: Das Unbewußte kann man nur vernehmen, man kann es nicht überprüfen.
Eingefleischten Materialisten ist Lacan ein Dorn im Auge. Wer den Signifikanten von Fall zu Fall über den heiligen Inhalt einer Sache stellt, über das Signifikat ("Signifié"), das dadurch befleckt wird, macht sich vor allem unter Ideologen wenig Freunde. Das Wort wörtlich zu nehmen, Sprache nicht als Mittel von Propaganda zu ver-wenden, sondern als etwas zu respektieren, das dem Sprechenden widerfährt, ist nicht besonders populär.
Noch immer reden Psychoanalytiker ungern von Lacan, besonders von Lacan als einem Praktiker. Zu diesem wichtigen Bereich, von dem ich wenig Ahnung habe, kann ich nur sagen: Er wirft seine Patienten raus, wenn sie ihm zuviel schweigen. Aber auch für einen Schriftsteller ist die Nähe zu Lacan problematisch; von einem Schriftsteller erwartet man, daß er nachtragend ist. Er muß hinter dem stehen, was sich beim Schreiben ergeben hat, er muß Autor sein um jeden Preis und darf um Gottes willen nicht exzentrisch sein - nur so tun; wer sich dabei wohlfühlt, macht sich dann zum Richter.
Lacan sägt an dem Ast, auf dem er sitzt - auf dem jeder sitzt. So hat er sich auch aus der offiziellen Psychoanalyse herauskatapuliert; er hat die lukrative Freud-Verharmlosung nicht mitgemacht - was deutlich wird an einigen Stichworten aus dem Freudschen Werk, um deren Präzisierung Lacan sich bemüht hat.
Freud sagt, das Ich sei nicht mehr Herr im eigenen Haus - was man nur mit halbem Ohr gehört hat. Lacan hat das ernst genommen. Er hat die Dominanz und Arbeitsweise des Unbewußten in einer angemessenen - und deshalb so schwer verständlichen - Sprache umschrieben. Einer Sprache, zu der Freud "nur" die Voraussetzungen geliefert hat; vielleicht aus deshalb weil er nicht auf die von der Psychoanalyse unabhängigen linguistischen und strukturalistischen Arbeiten zurückgreifen konnte. Lacan tat dies in starkem Maße (er schlachtete vor allem de Saussure aus und studierte Jakobson und Lévi-Strauss).
Nach diesen Vorarbeiten erläuterte er die Freudschen Begriffe "Verdichtung" und "Verschiebung" mit seinem Begriff des "Signifiant". Die Verdichtung begreift Lacan als Struktur der Überlagerung von Signifikanten, wodurch sich ein Feld für die "Metapher" ergibt - für Verdichtungen, deren Elemente etwas anderes ersetzen; in sprachlicher Hinsicht zum Beispiel ein Wort an Stelle eines oder mehrerer anderer - Wort für Wort. Die Verschiebung hingegen ist eine Sinnverlagerung, eine "Metonymie" von Wort zu Wort - ein Mittel des Unbewußten, die Zensur zum umgehen; sie ermöglicht es, zwischen den Zeilen zu lesen, beziehungsweise etwas anderes zu sagen, als das, was scheinbar zu Gebote steht. Der Witz greift diese Möglichkeit auf, vor allem der politische. Hier bringt die Sprache etwas zum Ausdruck, indem sie etwas unterschlägt. Das heißt, die Sprache kann wahr und irreführend zugleich sein. Lacan befaßt sich mit beidem.
In der Sprache bin ich eingeschlossen, und mit der Sprache kann ich mich über die Existenzform scheinbar hinwegsetzen. Mit der Sprache kann ich andere über-reden und werde dabei selber getäuscht - die Sprache unter-redet mich; was ich auch weiß über die Sprache, ich kann sie damit nicht beherrschen.
Auch Lacan hat keine Meta-Sprache erfunden; Erkenntnis ist für ihn ein unendlicher Prozeß. Denn die Sprache als Mittel der Erkenntnis wird ver-wendet, wird ver-dreht.

Ausgangspunkt für diesen Hang zur Verdrehung ist das sogenannte "Spiegelstadium", das Lacan in einer seiner ersten Veröffentlichungen, Mitte der dreißiger Jahre, beschrieben hat. Das kleine Kind, welches die Einheit mit der Mutter von Anfang an verloren hat, sieht sich irgendwann zum erstenmal in einem Spiegel, wobei dieser Spiegel auch die Mutter sein kann - das, was sie widerspiegelt. Unter dem Eindruck seiner körperlichen Zerrissenheit, des verlorenen Totalversorgtseins, sieht sich das Kleinkind plötzlich als "Ganzes". Entzückt identifiziert es sich mit dieser Illusion und errichtet damit eine totale Einbildung von sich selbst - es verdreht, was tatsächlich der Fall ist, nämlich seine Uneinheitlichkeit.
Daraus entwickelt sich, nach und nach, eine Neigung, wie ich meine, zum Totalitären, die man nie wieder los wird; was sich im Spiegelstadium zuträgt, sollte weniger unter dem Aspekt des Narzißmus als dem des Totalitarismus gesehen werden. Die Illusion der Ganzheit wird zu einem lebenslangen Verhängnis, welches in erster Linie auf der Sprache lastet. Das hat zur Folge, daß alle Anstrengungen, Totalität in der Wirklichkeit zu etablieren - die Verdrehung also perfekt zu machen - mit großen Opfern verbunden sind (auch das Schreiben weist auf eine solche Anstrengung hin).
Hier ist Lacan politisch interessant, und hier wird er von denen bekämpft, die mit der Hoffnung auf Ganzheit operieren - die von "Heilung" sprechen im weitesten Sinne.
Mit seiner Schilderung des Spiegelstadiums zielt Lacan auf das Unmögliche - etwas, das ihn immer beschäftigt hat. Daß es sich bei diesem Thema um einen weiteren entscheidenden Zug seines Denkens handelt, wird deutlich an einem Begriff, den er in diesem Zusammenhang hervorgehoben hat - der vielleicht den Kern der philosophischen Seite seines Werkes ausmacht - der Begriff des Mangels oder wie Lacan schreibt: manque de l'etre, der Mangel an Sein.
Könnte ich den Mangel beschreiben, von dem Lacan spricht, dann gäbe es ihn gar nicht; ich muß mich auf Hinweise beschränken. Geht man davon aus, daß alle Erfahrungen, die einem(n) passieren, will man auf sie zurückgreifen, immer schon über-setzt sind, immer schon um-schrieben, als Originalerfahrung also nicht mehr greifbar - kann man zu dem Schluß kommen, daß das, was man eigentlich wollte, immer anderswo zu sein scheint, an einem anderen Schauplatz und nur in der vollendeten Zukunft Wirklichkeit ist, in der antizipierten Nachträglichkeit; ich bin nicht Schriftsteller - ich werde Schriftsteller gewesen sein. Was man eigentlich wollte oder will, ist abwesend und nur in seiner Repräsentation zugänglich, in seiner symbolischen Ersetzung. Es bleibt einem folglich nichts anderes übrig, als immer wieder etwas anderes zu wollen (Du willst immer was anderes! lautet ein bekannter Vorwurf).
Diese Unmöglichkeit des Eigentlichen, das sich immer nur im Hinweis zeigt auf einen anderen Ort, das nur in seiner Abwesenheit glänzen kann, schafft nun einen Bruch, eine Spaltung zwischen dem im Bewußtsein halluzinierten und dem realen, erfahrbaren Objekt, welches verloren gegangen ist. So besteht die Einheit mit der Mutter nur in einer endlosen Folge von symbolischen Ersetzungen weiter, an deren Besonderheiten sich beim Einzelnen eine Ordnung des Wunsches zeigt.
Wunsch (désir) und Mangel korresponideren bei Lacan. Der Mangel an Sein, der unwiederbringliche Verlust der realen Objekte (Die Tatsächlichkeit der Kastration) bringt Wünsche hervor, die dem folgen, was das verlorene Objekt hinterlassen hat: dem Signifikanten - einem bestimmten Geruch, einem bestimmten Körperteil, einem bestimmten Klang und so weiter. Der Mangel hat seine Zeichen.
Als ein gemeinsames Zeichen dieser Zeichen für etwas, was fehlt - was auf immer neue Art eine Begierde danach hervorruft, das Verlorene wiederzufinden - setzt Lacan den Signifikant Phallus. Das kann wiederum alles mögliche sein - alles, was geeignet ist, die Ur-Verdrängung der Kastration aufrecht zu erhalten, ja das Verdrängte zu verkehren. Unter anderem kann es auch die Sprache sein in ihrer Funktion, Bedeutung zu erzeugen. Sie wird zu einer Maske, die sich über das Verlorene legt, über das Unwiderrufliche und damit letzten Endes über den Tod; sie trägt den Tod, den sie mit jedem Wort, das bedeutet, mit jeder Seinsbehauptung verleugnet, in sich.
Lacan hat durch diese Sicht der Sprache - und mit seinem Begriff des Mangels - der Kastration, die Freud nicht eingrenzen konnte oder wollte, einen Platz zugewiesen, von dem sie nicht mehr wegzudenken ist; er hat die scheinbaren Möglichkeiten der Sprache, die verlorene Einheit zu rekonstruieren, aufgeschlüsselt - und damit die Produktivität des Mangels.
Der Mangel ist in der Tat produktiv - er produziert Effekte - Effekte, die mich festlegen als Subjekt (ich kann nicht Schriftsteller sein, ich kann es nur wünschen; äußerstenfalls kann ich Möchtegernschriftsteller sein - was wohl auch der Fall ist).
Der Begriff des Mangels ist umstritten. Viele wissen nicht genau, was er zu bedeuten hat; auch die Experten sind nicht einig. Aber das ist nur die eine Seite. Wahr ist auch, daß dieser Begriff große Widerstände auslöst, weil er im Verständnis Lacans auf etwas abhebt, was unüberwindlich ist - was man nicht mehr ungeschehen machen kann: nämlich den Verlust der realen Objekte, die Kastration (auch im "Anti-Ödipus" gelang die "Wiedergutmachung" nicht).
Jene Kränkung, die Freud mit seinem "Das Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus" zugefügt hat, und die von der Ich-Psychologie ganz allmählich verdreht worden ist, wurde von Lacan in einer Weise wiederholt, die sich nicht mehr mildern läßt, sondern höchstens ignorieren. Er hat das Subjekt aus dem Mangel an Sein heraus definiert, aus seiner Uneigentlichkeit. Er hat ihm seine Existenz nachgewiesen, seine exzentrisches, dem Zufallsspiel des Signifikanten ausgesetztes Dasein, das in dem französischen Wort für Subjekt, sujet, zum Ausdruck kommt.
Wahrscheinlich selber größenwahnsinnig, hat Lacan die raffinierten Gewänder des Größenwahns wie kaum ein anderer begriffen. Er hat sich nciht auf den Narzismus gestürzt, wie es allenthalben Mode ist, hat nicht die sogenannte Selbst-Verliebtheit auseinandergenommen - in der Hoffnung auf ein "wahres" Selbst - sondern auf grandiose Weise gleich die ganze Idee des Selbst.
Man muß Lacan nicht "richtig" verstehen; man kann sich auch nur umsehen bei ihm, ganz unverschämt. Wer sucht, der findet. Ob man ihn nun überfliegt oder Wort für Wort studiert - eines wird bei der Lektüre immer deutlich werden: Sein Werk bereitet große Enttäuschung.



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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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