Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Tintenfass, Nr. 13/1985






Hundenarr


in Tintenfaß. Das Magazin für den überforderten Intellektuellen.
Hrg. von Franz Sutter, Nummer 13
Diogenes Taschenbuch 22013
Diogenes Verlag AG, Zürich 1985
S. 211-223
ISBN 3-257-22013-8

Leseprobe


Auf Drängen seiner Töchter, Zwillingen mit hoher Babystirn und entwickeltem Sinn für Exzentrik, hat der Altpräsident den Romancier P., der im Laufe seiner Vortragsreise auch nach F. kam, für eine Lesung im privaten Rahmen gewonnen. Man erzählte, daß ein groß angelegtes Werk im Entstehen sei: ein Zyklus der Begierden, und P., nach langer Abgeschiedenheit, wieder Bereitschaft zeige, zu lesen, vor einem ausgesuchten, kleinsten Kreis jedoch nur.
Und ein ausgesuchter, sehr kleiner Kreis traf sich an diesem herbstlichen Abend. Da gab es den Hausherren, dessen jährlicher Künstlerempfang auch in kritischen Blättern mit Hurra vermerkt wurde, und seine schweigsame Frau, eine ihrer feinen mütterlichen Art wegen geschätzte Gastgeberin; und es gab die Zwillingstöchter, Gegenstand zahlloser Witze, hinter denen sich freilich ausgefallenste Wünsche verbargen, namentlich der schon älteren Künstler, die im Hause verkehrten. Ferner war ein Zahnarztehepaar geladen, beide am literarischen Leben, wie sie nicht müde wurden zu betonen: äußerst interessiert, sowie ein Freund der Familie, stellungsloser Kritiker - geistreich und erfolglos -, ein dichtbehaarter, vor sich hinbrütender Mann; und, auf ihr diskretes Bitten hin, die Kulturdezernentin der Stadt, verflossene Geliebte P.'s, eine Frau, die von sich selbst gern sagte, daß sie zärtlich sei.
P. kam mit leichter Verspätung. Er hatte den Text noch verändert; kleine Schaumkugeln, die ihm aus den Mundwinkeln traten, verrieten, daß ihm jede Gemütsruhe fehlte. Der Altpräsident nahm ihn gleich in Empfang.
"Lieber...", sagte er und wußte nicht weiter. Er half P. aus dem Mantel, er gab ihm Gelegenheit, seine Kleidung zu richten. P. trat vor den Garderobenspiegel und berührte mit den Fingern das Glas; es war die erste Leseprobe aus dem Zyklus, und fiele dieser Abschnitt durch, so fiele er selbst durch.
"Gespannt ist man", sagte der Gastgeber.
"Gespannt worauf?"
"Gespannt auf Sie."
P. rieb die Schaumkugeln fort und schritt durch die Halle, langsam auf eine weitgeöffnete Tür zu. Sie führte in den Raum, in dem die Geladenen saßen. Sie saßen wie zwanglos, frontal zu einem Lesepult; unweit der Tür lag ein Schäferhund auf dem Boden der Halle. Er war schwarz und trug einen Maulkorb, und aus dem dichten Fell stand sein Glied. Es glich einer roten, von Schmelz überzogenen Kerze. P.'s Schritte wurden kürzer; um den Eindruck zu vermeiden, er zögere wegen des Hundes, zählte er die Textseiten nach. Und während er sich noch vertieft gab, kamen die Zwillingstöchter. Sie trugen lange, nachtblaue Kleider, die um die Schultern silbrig bespritzt waren, so daß einem die Milchstraße einfiel, und sie fragten ihn leise, ob er sich erschrocken habe vor ihrem Hund...
"Ich muß Sie enttäuschen."
Die beiden sahen sich an. Ihre Ähnlichkeit war erschreckend. Keine existierte für sich, es gab sie nur in der Verdoppelung; einstimmig sagten sie:
"Er ist ja unschuldig an seinem Zustand."
P. stimmte dem zu. Ein Hund sei kein Mensch.
"Aber irgendwie hilflos, finden Sie nicht?"
"Was heißt hilflos?"
"Unbeholfen."
"Vielleicht aus Ihrer Sicht."
"Nein", flüsterten die Zwillinge, "objektiv. Er kann ja nichts tun mit dem Maulkorb."
"Und warum trägt er ihn?"
"Wegen der Gäste. Wegen Ihnen."
P.'s Ohrläppchen schwollen, er warf einen Blick auf den Hund. Wie in alle Hunde, konnte er sich auch in diesen Hund einfühlen, in dessen Welt der Gerüche, in dessen hündisches Wesen. Und er beneidete ihn um ein Leben in Dumpfheit. Die Zwillinge schnalzten, das Tier sprang auf. Bei hohlem Rückgrat reckte es die Schnauze, Zähne zeigend, soweit der Maulkorb es zuließ; ein Zittern lief durch sein Fell. P. sah ihm in die Augen. Da war nichts Falsches, nur Ergebenheit.
(...)

[Erzählung aus Dame und Schwein und andere Geschichten]

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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