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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
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Carlo Brune/Lena Kraemer
KirchHoffmanns Sandmänner
Identitäts- und Körperkonstruktionen in den gleichnamigen Texten Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann und Bodo Kirchhoff
In Hartmut Steinecke, Detlef Kremer und Franz Loquai (Hrsg.):
E.T.A. Hoffmann Jahrbuch, Band 14 - 2006.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 2006
ISBN-10: 3-503-09803-8
S. 107-123
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Leseprobe
S. 107
Bodo Kirchhoff entlehnt den Titel zu seiner Erzählung Der Sandmann wortgetreu jenem Nachtstück von E.T.A. Hoffmann, das zum engsten Kanon romantischer Texte gerechnet werden darf. In einem Interview weist Kirchhoff gleichwohl jeden intentionalen Rückbezug durch den gewählten Titel auf die Erzählung Hoffmanns entschieden zurück:
In den Rezensionen zu meinem jüngsten Roman Der Sandmann hat man wieder
versucht, Parallelen zu literarischen oder theoretischen Vorbildern nachzuweisen.
Mein Buch soll, so werde ich belehrt, eine Art literarischer Kommentar zu einer
gleichnamigen Erzählung von E.T.A. Hoffmann sein und zu einem Aufsatz von
Sigmund Freud über diese Erzählung. Natürlich ist es das Recht der Kritiker,
gebildeter zu sein als die Autoren. Aber ein Autor, wie ich ihn verstehe, ist nicht
klüger als sein Buch, im Gegenteil. Ich hatte diese Erzählung von E.T.A. Hoffmann
irgendwann in der Schule gelesen - inzwischen habe ich sie nachgelesen, aber sie
beschäftigt mich nicht besonders. Von mehreren Schulen wurden mir Arbeiten
geschickt, Vergleiche zwischen den beiden Sandmännern - die armen Schüler sind
daran ziemlich verzweifelt. Nein, viel mehr beschäftigte mich beim Schreiben das
Leben mit meinem Sohn, meine Angst, ihn zu verlieren, auf welche Weise auch
immer. Vielleicht lese ich ihm einmal Hoffmanns Sandmann vor, meinen gewiß
nicht. Und was diesen Titel betrifft: Es ist ein Allerweltstitel wie "Die Sonne" oder
"Das Feuer". Ich habe mit dieser Duplizität keine Probleme. Ich denke nicht
literaturwissenschaftlich. Ich denke ehe körperlich.1
Wenn nun aber der Autor in der Tat nicht klüger ist als sein Buch, dann macht es durchaus Sinn, jenen Bezügen, die Kirchhoffs Text zu dem Hoffmanns und zur romantischen Poetologie generell unterhält, genauer nachzuspüren. Vordergründig legt Kirchhoffs Sandmann deutliche Verweisspuren zu dem Text Hoffmanns über eine Zitation des Motivs des Augenraubs2; doch auch in einem übergreifenden Sinne von Intertextualität, die sich bekanntermaßen nicht nur im Sinne eines intentional gesteuerten Legens von Verweisspuren begreifen lässt, sondern vielmehr im poststrukturalistischen Sinne eines unendlichen intertextuellen Verweisraumes, werden implizit Zitationen nachweisbar, wo sie vielleicht in der Tat gar nicht intendiert werden. (...)
1 http://www.bodokirchhoff.de/wittstock1_gespraech.html (Interview mit Uwe Wittstock. Erstmals veröffentlicht in: Neue Rundschau 1993, H. 3, S. 69-81).
2 Vgl. hierzu das zweite Kapitel.
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