Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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Die Somalia-Notizen Bodo Kirchhoffs aus den Monaten Juni und Juli 1993 - ein vom Drama der Details gelenkter Blick auf deutsches Tun in einem fernen Land und auf den Autor selbst, auf die Menschlichkeit fremder Herren.















Der junge Mann lag flach auf einem Brett und sah in die Luft, er trug eine Sonnebrille; über das stark geschwollene, stark verfärbte Bein liefen Fliegen. Ein Wunder oder der Tod, sagte er in meine Richtung, als ich schon glaubte, ich sei für ihn längst nicht mehr da. Schräg hinter seinem Kopf saß ich im Sand, neben den Angehörigen, die ihr Kat kauten. Später, als eine Spritze gegen die Schmerzen gewirkt hatte, begann er, Koranverse zu murmeln (denke ich mir), wobei seine Fingerkuppen über die Bügel der Sonnenbrille strichen; es war die einfach schwarze Plastikbrille der Plünderer und Hilfspolizisten von Mogadischu, und er strich über die Bügel wie unsereiner über das fertige Manuskript oder andere über die Reling ihrer schneeweißen Yacht.



P u b l i k a t i o n e n

Herrenmenschlichkeit






Herrenmenschlichkeit

Tagebuch

1. Auflage 1994
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1994
67 Seiten
ISBN 3-518-40575-6

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Leseprobe

Die Somalis, soweit ich sie beobachten konnte - ich konnte vielleicht zwanzig oder dreißig beobachten, von sieben oder acht Millionen -, sind in der Mehrzahl Nomaden, in einem Land, doppelt so groß wie unseres und nach diesem Wanderleben benannt: Soo maal, geh hin und melke. Immer sind sie unterwegs (so wie wir immer seßhaft sind, selbst wenn wir reisen) und besitzen, außer den Herden von Kamelen und Ziegen, darum nichts als ihren Umhang und Stecken und unter dem Umhang natürlich die Flinte. Ihre Wege führen lange geradeaus, bis sie plötzlich einen Knick machen, um dann wieder lange geradeaus zu führen; unterwegs horten sie nichts, wie man mir sagte, weil dies nur eine Last wäre. Die Grenzen zwischen Weidegrund und totem Boden bestimmen ihre Wanderungen. In einem sinnvollen Zickzack bewegen sich die Somalis, übrigens auch in der Stadt, wenn man sie vom Dach eines Hauses verfolgt: ein Hin und Her, Vor und Zurück, wie das des Schreibenden - schräg vor mir, auf einem Notenständer, mein Tagebuch vom Juni/Juli 93; auf meinen Knien ein Gerät aus Japan, darin dieselben Notizen, achtzigtausend Zeichen. Mit Hilfe der Verschiebefunktion, Ctrl F4, bin ich so frei, die Eintragungen umzustellen, durch die Seiten zu nomadisieren.

Mittwoch, 14. Juli, Frankfurt/Main, Krankenhaus Sachsenhausen, Chirurgische Männerabteilung. Liege hier, zum üblichen Pflegesatz, im Sterbezimmer, um ungestört schreiben zu können, danke dem Personal für das Entgegenkommen; an der Wand, wie an Stelle des Kreuzes, die erste Seite der Bild-Zeitung vom Vortag, eigenhändig angebracht mit zwei Nadeln. GESTEINIGT IN SOMALIA, DER TOD DES REPORTERS, zwei Zeilen in gewaltigen Buchstaben - Hansi Krauss heißt der Tote, ihm ist der Text gewidmet.

Mittwoch, 16. Juni. Nachricht, daß ich Freitag früh mit Soldaten der Bundeswehr via Djibouti nach Somalia fliegen kann. Anschließend letzte Impfung und Frisör, überstürzte Einkäufe (Feldflasche, Taschenlampe, Stiefel etc.); abends Einnahme von Resochin, wie immer bei derartigen Reisen, dazu zwei Paludrin, auf Empfehlung der Truppenärzte.

Donnerstag, 17. Juni, Telefonate mit Angehörigen, die gleichen Fragen, die gleichen Antworten. Warum Somalia, warum dieses Risiko, warum bei den deutschen Soldaten. Weil mich das Deutsche in der Fremde schon immer gereizt hat, weil es diesen Einsatz gibt (so wie Bergsteiger sagen, sie bestiegen die Berge, weil es die Berge gibt).

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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