Melancholisch der Junge, pubertär der Alte
Hartz V: Kirchhoff schickt einen korrupten Automanager und seinen Enkel auf Reisen
Gleich zu Beginn des Buches "Der Prinzipal" von Bodo Kirchhoff ist die unbändige Freude des Autors am Schreiben zu spüren. Seine lebendige, jugendliche Lust, den Augenblick in all seiner Schönheit, aber auch Vergänglichkeit zu erfassen, wispert aus jeder Zeile. Zärtlich hüllt er ihn in Worte, gibt ihm einen Rhythmus, schenkt ihm seine ganze Aufmerksamkeit. Wie kaum ein anderer schafft es Kirchhoff, das Innenleben seiner Protagonisten mit ihrer Umgebung zu einem einzigen pulsierenden Organismus zu verweben. Schon nach den ersten Sätzen hört der Leser das lebenshungrige Atmen der handelnden Personen, verschmolzen mit dem spätsommerlichen Glanz, dem Plätschern der Wellen des nahe liegenden Gardasees.
Ein- bis zweimal im Jahr erscheint bei der Frankfurter Verlagsanstalt ein Buch des 1948 geborenen Autors. Fast alle verbindet seine spezielle Art des Erzählens miteinander, die er in seinem gefeierten Roman "Parlando", von 2001, auf die Spitze getrieben hat. Dialoge und äußere Beschreibungen gehen ohne Anführungszeichen ineinander über. Es scheint, als habe der Autor die zuletzt erschienenen Romane und Erzählbände gebraucht, um seine Erzählfreude, die diese großartige Novelle hervorgebracht hat, wieder freizulegen.
Ein ehemals einflussreicher Mann, der in seinen biografischen Zügen an den ehemaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz erinnert, unternimmt an seinem 64. Geburtstag mit seinem 18-jährigen Enkel Viktor eine Bootstour. Dabei wird er ununterbrochen von Viktor mit einem Camcorder gefilmt. Man fühlt sich sofort an Filme erinnert wie "American Beauty" oder "Zoff in Beverly Hills", in denen die weise daherkommenden Jungen gleichen Alters die Dekadenz und Kaputtheit ihrer Familien dokumentieren.
Nichts anderes tut dieser melancholische Junge auch, mit dem Unterschied, dass er sich mit dieser "Talentprobe" an der Hochschule bewerben will. Sein Großvater, der als leitender Manager in der Automobilbranche gerade erst über eine Affäre gestolpert ist und entmachtet wurde, füllt das Display komplett aus. Wir sehen, was die Kamera sieht, und Kirchhoff ist ein guter Kameramann. Mit jedem Schwenk über das Gesicht des Großvaters, das Boot, die Oberfläche des Sees bis hin zu den Felsen zoomt er uns immer dichter ans Geschehen.
Es ist ein schöner, warmer Spätsommertag. Der Großvater, gewohnt, sein Umfeld zu reglementieren und zu lenken, nutzt die Ausfahrt, um seinen Enkel über das Leben aufzuklären. Schnell gestaltet sich der Ausflug zu einer Initiationsreise für Viktor, der durch den großväterlichen Reichtum stets gut versorgt war. Der Prinzipal, wie er sich selber gern nennt, erzählt von ehelichem Betrug, Schmiergeldaffären und Lustreisen mit Betriebsräten und Politikern nach Kuba.
Selten klingt so etwas wie Reue oder Wehmut an. Der "Mann von Welt" gibt sich betont lässig und entspannt. In den Momenten, in denen er sich seiner Schuld bewusst zu werden droht, zerstreut er sie durch jungenhaftes Benehmen, indem er mit seiner Pistole auf Felswände ballert, sich den Lauf der Waffe lachend an die Schläfe hält oder sie endgültig im See versenkt.
Viktor bleibt, bis auf ein paar kritische Fragen, stumm. Das zuweilen angeberische Geplauder des alten Mannes beeindruckt ihn wenig. Viel eher dient die ewig laufende Kamera als Katalysator. In ihr bleibt das Verderbte, das Korrupte der Vergangenheit stecken. Der Enkel dreht seinen Film. Den Film über eine vergangene Ära, die nichts mit seinem heutigen jugendlichen Leben zu tun haben soll. Offenbar will Viktor alles anders machen. Angefangen bei der Liebe zu einem Mädchen bis hin zum verantwortungsbewussten Umgang mit nahen Menschen. Doch genau das gelingt ihm zum Schluss nicht.
Im Laufe der Bootstour springt der Ältere der beiden immer wieder in den See, um sich körperlich zu ertüchtigen. Der Jüngere bleibt an Bord und rettet derweil eine schöne Drachensurferin, die über dem See, nahe dem Boot abstürzt. Gut für den Film. Schlecht für Viktor. Bei dem Versuch, das unterkühlte, verletzte Mädchen in der luxuriös eingerichteten Kabine zu versorgen, gerät er zunehmend in die Rolle des zudringlichen Retters. Denn: Die Kamera läuft immer mit. Doch im Gegensatz zu seinen anderen Romanen, in denen es unausweichlich zum sexuellen Vollzug zwischen Mann und Frau kommt, genügt es Bodo Kirchhoff hier, die Begegnung zwischen den Jugendlichen in kleinen liebevollen, zuweilen erotischen Gesten in ihren genauen Abläufen zu beschreiben.
In dieser wunderschönen Novelle fängt jeder Schwenk der Kamera die leiseste Bewegung, die Schönheit der italienischen Umgebung ein und zoomt sie direkt ins Auge des Betrachters. Mit seinen knapp sechzig Jahren erscheint Kirchhoffs Schreiben jugendlicher und befreiter denn je. Diese Leichtigkeit, dem Leben, dem Tod gegenüber, trägt Hoffnung in sich, die auf den Leser übergeht..
Alexa Hennig von Lange
in: Welt am Sonntag, 18.03.2007.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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