Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




G e s p r ä c h e
Alexa Hennig von Lange: „Peter Hartz ist eine halbtragische Figur"

„Peter Hartz ist eine halbtragische Figur"

In seinem Roman „Der Prinzipal" hat sich Bodo Kirchhoff in den früheren VW-Vorstand hineinversetzt. Es geht um einen Automanager, der selbstgerecht auf ein Leben mit Schmiergeldaffären und Lustreisen mit Betriebsräten zurückblickt.

WELT ONLINE: Herr Kirchhoff, die Hauptfigur im „Prinzipal“ erinnert in den biografischen Grundzügen an VW-Vorstand Peter Hartz. Was ist eigentlich das Romanhafte an ihm?

Bodo Kirchhoff: Dass es in seinem Leben einen Punkt gab, an dem er plötzlich etwas Großes bewirken konnte. Sein Narzissmus war so stark ausgeprägt, dass alle glaubten, seine Ideen seien derart richtig und gut, um sie einer ganzen Gesellschaft als Reform aufzuzwingen. Die Scheinlogik, mit der er seine Vision erklärte, erschien uns ja wie eine neue Form der Mathematik. Als hätte Peter Hartz die ultimative Formeln für die einzig richtige Lösung erfunden.

WELT ONLINE: Ist er dennoch eine tragische Figur?

Kirchhoff: Halbtragisch, würde ich sagen. Jemand wie er leidet unter Selbstüberschätzung und stolpert über sein eigenes Handeln. Er machte sich die Selbstverliebtheit der Politiker und Betriebsräte zunutze. Er ließ ihnen Zuwendungen zukommen, die ihr Leben temporär verbesserten. Diese Verbesserungen stehen in keinem Verhältnis zu der Lebensverschlechterung der unzähligen Betroffenen.

WELT ONLINE: Wie kann jemand so weit kommen?

Kirchhoff: Genau das ist es, was mich interessiert. Natürlich kenne ich nicht die private Geschichte von Herrn Hartz oder vergleichbaren Personen. Also muss ich beim Schreiben in mich selbst hineinhorchen und eine eigene erfinden, die ich mir in Verbindung mit meinem Protagonisten vorstellen kann. In jedem Fall entwickelt jemand wie Hartz im Laufe seines Lebens eine große Begabung, die Menschen durch die Sprache, seine Gesten, das ganze Auftreten für sich zu gewinnen. Die Medien potenzieren diese Wirkung, indem sie Bühnen bereitstellen, auf denen solche Figuren größer wirken, als sie sind.

WELT ONLINE: In ihrem Buch reflektieren sie über sein Leben nach dem Fall. Ihre Hauptfigur macht trotz der erlittenen Niederlagen weiter wie gehabt.

Kirchhoff: Typisch für solche Menschen ist, dass sie den Blick für die Relationen verlieren. Sie manipulieren ihr Umfeld, um den eigenen Willen durchzusetzen. Das ist eine absolut imperiale Geste. Einem derart strukturierten Menschen wird es kaum möglich sein, sich selber aus einer Distanz zu sehen.

WELT ONLINE: Nun hat er seine Memoiren verfasst.

Kirchhoff: Ich kenne diese Biografie nicht. Aber es wird der Versuch sein, das Vergangene irgendwie zu rechtfertigen. Genau so wollte ja auch Gerhard Schröder, die Deutungshoheit seiner Ära an sich ziehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm gelingt in einer Art Metasprache aus sich herauszutreten, als sei er nicht mit jeder Faser der, über den er nachdenkt.

Das Gespräch führte Alexa Hennig von Lange
Die Welt-Online, 24.03.2007


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
[ zurück ]











   impressum