Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Der Prinzipal«

Alter Mann im Meer
Bodo Kirchhoff: "Der Prinzipal"

Ein alternder Mächtiger, der Prinzipal genannt, ehemals Automann und Namensgeber einer Reform, gestolpert zuletzt über eine Affäre, sein Enkel, der alles filmt und wenig spricht, eine schöne Frau im zerrissenen Badeanzug, vom Himmel ins Meer fallend – dies sind die Zutaten einer grandiosen Novelle, deren unerhörte Begebenheit eben in all dem zu finden ist.
 
Zuerst. Natürlich ist hier Peter Hartz gemeint. Der ehemalige Wirtschaftsboss, dessen Reformen seinen Namen zieren, der spendable Politikerfreund, der über eine mehr als geringfügige Affäre ins Stolpern gerät – einfach zu erkennen. Doch es ist auch Gerhard Schröder zu finden, "das anwaltlich geschützte Haar im Wind", so schwadroniert sich dieser Hartz-Schröder-Prinzipal durch sein Leben, und nur der Enkel ist Zeuge.
 
Der 64-jährige Geburtstag ist da und der Prinzipal, machtlos nun, nimmt den Enkel mit auf eine Reise über den Gardasee, erklärt diesem seine Lebensphilosophie. Die vor allem auf Macht basiert, auf Macht und billigen Weisheiten: "Würden die Leute in den Bierbuden, die meinen Namen tragen, Sport treiben, hätte sie geringere Probleme." Oder: "Das Leben nimmt man sich, indem man lebt, nicht stirbt!" Die Frauen sind dann ein "unbeschriebenes Blatt", sind Fußballern zugetan – und überhaupt: "An Kubanerinnen, mein Guter, ist alles dran."

Der Enkel schweigt zu all dem, hakt hin und wieder halbwegs kritisch nach, kommt aber gegen den lustvoll Schwadronierenden nicht an, der seinerseits die Szenerie beherrscht, beherrschen will und beherrschen muss, der nämlich lächelt, "wie es wohl für den Buchumschlag der Memoiren vorgesehen ist." Der Enkel, Vigo genannt, beschränkt sich daher auf das Festhalten dieses mehr als peinlichen Moments, hält die Digitalkamera zwischen sich und dem mächtigen Großvater, der sich seinerseits im Auge der Kamera spiegelnd feiert – sich, seine Reformen und einen gewissen politisch-gesellschaftlichen Stil.
 
Bild einer Generation
Bodo Kirchhoff nimmt in seiner Novelle "Der Prinzipal" eine bestimmte Generation aufs Korn, die Schröders und Hartzens Deutschlands, die von Talkshow zu Talkshow tingeln, mit der Moderatorin eine Affäre haben und sich eben mit der auf dem Gardasee tümmeln, indes die Ehefrau dem Arrangement schweigend beipflichtet. Und sie können reden, weiß Gott, beherrschen die große Show, wissen, was dem Volk gefällt: "Ein Foto, wie du abziehst mit dem Spann deiner Londoner Maßschuhe und der Ball auf die Meute zufliegt, bringt mehr Sympathie als jeder Verzicht auf Sondervergütung."

Doch der Prinzipal geht buchstäblich baden, verliert seine Macht. Und auch der Enkel fährt mit der Yacht davon, lässt den Alten allein im Wasser zurück, hilft stattdessen, ganz darwinistisch-unfair, einer halbnackten Schönheit. Die nicht lange halbnackt bleibt, sondern in einer grandios gezeichneten ambivalenten Szenerie ausgezogen wird: Ist es ein Nehmen oder doch Liebe?
 
Klischee durchgespielt
An dieser Stelle bricht sich die Novelle wie eine Welle, bricht auf und offenbart wahrhaftige Gefühle – menschliche und daher zarte Zuckungen also, die der Prinzipal, stets ordnend und machtlüstern beherrschend, daher auch ganz und gar nicht begreifen kann. Weshalb er die Ambivalenz auch sofort beendet, niedertrampelt und den Focus der Kamera abermals auf sich lenkt: Wie er es gewohnt ist und wie auch nicht anders leben kann. Der Enkel wird sich, ganz am Ende, rächen. Wird, vormals unbeteiligter Zuschauer, das Geschehen nachdrücklich an sich reißen und den Prinzipal als letztendlich einsamen, von der Familie entfremdeten und zerrütteten Menschen zeigen.

Ein Klischee, sicherlich. Der Mächtige, der in Wahrheit nichts hat. Doch Kirchhoff ist mutig genug, dieses Klischee bis zum Ende durchzuspielen. Denn die Schröders und Hartzens waren ja auch nichts weiter als Klischees. Abziehbilder einfachster Wählerphantasien. Allein dies zu zeigen, wäre Kunst genug.
 
Kunstvolle Sprache
Doch da ist noch die Sprache. Die sich kunstvoll allein auf die Perspektive der Digitalkamera beschränkt und doch, typisch Kirchhoff, die engen Verzahnungen von Mensch und Natur, von Gestik und Innenleben, von Sprechen und Handeln darstellt. Diese Sprache ist nun frei von Klischees und handelsüblichen Gewohnheiten, ist rein, ist zugleich doppel- und mehrfachsinnig, öffnet mit jedem Satz neue Spekulationen.

Diese Novelle ist ein Genuss. Vergleichbar mit Walsers "Das fliehende Pferd", allein moderner, natürlich. Hoffen wir nur, sie wird nicht so schnell Schullektüre.

Roman Halfmann
hr-online, 28.04.2007
http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=2099&key=standard_document_30716762



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