Bodo Kirchhoff: "Eros und Asche. Ein Freundschaftsroman"
O-TON:
Bodo Kirchhoff: Freundschaft zwischen Männern, und vielleicht auch zwischen Frauen, vollziehen sich jenseits der Sexualität, aber diesseits der Erotik. Und sie ist insofern schwierig, weil sie viele Situationen, viele Spannungen nicht so auflösen kann wie man das in Liebesbeziehungen sonst kann.
AUTOR:
In der Freundschaft bleibt das Schweigen schon mit 15, im Internat, wo der Erzähler und der kurz M. genannte Freund ein Zimmer teilen und das Reden immer wieder von einer Stille unterbrochen wird. Später folgen dann lange Pausen, in denen die beiden sich nicht sehen, Telefonate, auch in ihnen wird viel geschwiegen, kurze Begegnungen, im Vorbeifahren gleichsam, symbolträchtig einmal auf einer Raststätte. M. hat den Freund angerufen, er sei auf dem Weg von A nach B, ob man sich unterwegs an der Autobahn sehen könne. Das Treffen findet statt, aber, wenn M.s Richtungsangabe stimmt, eigentlich auf der verkehrten Seite. M. umgibt sich mit Geheimnissen, es knistert zwischen den beiden, es gibt eine Nähe zwischen ihnen, die sie nicht zueinander finden lässt.
O-TON:
Bodo Kirchhoff: M. ist ein lebenslaner Freund, der aber, als ich zwanzig war, oder Anfang zwanzig, aus meinem Leben letztlich verschwunden ist, der dann immer nur noch als Abwesender da war. Aber ist geblieben als ständiger Anderer, er ist immer ein Spiegel geblieben, immer der Andere geblieben, der mich beobachtete, den ich beobachtete, der ein Teil meines Bewusstseins war. Auch ein Teil meines Unterbewusstseins, wir haben auch viel voneinander geträumt.
AUTOR:
"Pack unsere Dinge in einen Roman", hatte M. kurz vor seinem Tod den Erzähler aufgefordert. Vom letzten Telefonat hangeln sich dessen Erinnerungen, Kirchhoffs "Eros und Asche" titulierter Roman, zurück in die Geschichte: zum vorletzten Telefonat, zum einzigen Besuch in M.s Berliner Wohnung, und so weiter. Sie bewegt sich vorwärts von der ersten Begegnung im Internat in die Gegenwart. Im Zentrum steht der Augenblick, in dem die Todesnachricht kommt: auf die Mailbox des Handys, der Erzähler macht gerade einen Segelturn auf dem Gardasee. Aus der Gegenwart, einer im Kontrast zu den aufgeladenen Erinnerungen oft banalen Schilderung des Alltags, von Familienereignissen, Arztbesuchen und Begegnungen mit Nachbarn, Fußballweltmeisterschaft und Lesungen, richtet sich die Erinnerung auch in die Zukunft. Sie peilt den nächsten Geburtstag M.s an, der der 58ste gewesen wäre, fragt nach dem "was wäre wenn?". Denn von Anfang bis Ende ist diese lebenslange Freundschaft vor allem geprägt von verpassten Möglichkeiten, vom Scheitern.
O-TON:
Bodo Kirchhoff: Ohne das Verpassen, ohne das Versäumen, hätte ich gar nicht den Antrieb gehabt, dieses Buch zu schreiben. Im Grunde ist ja das Buch der Versuch, das Versäumte dennoch stattfinden zu lassen. Das ist ja das Romanhafte auch in diesem Buch. Das Versäumte ist ein riesiger Antrieb, weil ich glaube, wir hätten viele Dinge noch tun können, mir sind sie auch beim Schreiben umso mehr bewusst geworden, mir ist ja immer mehr bewusst geworden, was eigentlich möglich gewesen wäre, was aber nicht stattgefunden hat.
AUTOR:
Der Freund hat in M. die Fähigkeit zu einem großen Journalisten gesehen, aber Schreiben, das war für ihn, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, keine Form des Handelns. M. wird Arzt und zerbricht letztlich an dieser Entscheidung. "Vom Eigentlichen als dem Unmöglichen erzählen, ist auch ein Handeln" lautet die Antwort des Erzählers, die er aber damals nicht ausgesprochen hat. Der Erzähler geht nach dem Abitur zur Bundeswehr, was M. wiederum als Verrat ansieht, wird später ein erfolgreicher Schriftsteller. Am Ende der Internatszeit, nach dem Abitur, kommt es so zu einem Bruch, einem erbitterten Streit über die unterschiedlichen Lebensentwürfe. Vordergründig geht es um die Treue zu sich selbst, zu dem, was sich in den Jahren einer innigen Freundschaft als die eigenen Ziele entwickelt hat. Im Kern aber, so schreibt Kirchhoff wörtlich, "kam die Erbitterung aus dem Gefühl, dass die gegenseitige Treue, der Bund der letzten Jahre, mit dem Leben, in das jeder auf seine Art eintrat, verraten würde oder schon verraten war." Von dem Bruch ausgehend tauchen beide in ihren Alltag ein: Beruf, Beziehungen, Familie. Die weitere gemeinsame Geschichte beschränkt sich auf den Konjunktiv, auf gemeinsame Plänge, die nicht vergessen, aber auch nicht realisiert werden.
Wie existenziell die Freundschaft zu M. für den Erzähler - und das ist ohne jede Maskierung Bodo Kirchhoff selbst - und auch für sein Schreiben ist, wird durch eine Fülle von Werkbezügen deutlich. Ob es die Begeisterung für bestimmte Schlüsselszenen oder Bilder sind: Kirchhoff-Leser haben bei der Lektüre des neuen Buchs immer wieder Déjà-vu-Erlebnisse. Wer die Szene liest, wie M. und der Erzähler nach einem Oberstufenfest im Keller innig miteinander tanzen, wer vom Schrecken erfährt, die dieses Tanzen zugleich überlagert, muss an die stets im Dunkeln gebliebene Szene im Schulkeller denken, die den Ausgangspunkt des Geschehens im Roman "Wo das Meer beginnt" darstellt.
O-TON:
Bodo Kirchhoff: Ich wollte mal deutlich machen, woher schreiben kommt. Ich habe ja zwei Leben ausgebreitet: das des Freundes, soweit es mir bekannt ist und das eigene, soweit es für die Sache nützlich war. Ich rede über etwas, von dem ich nicht weiß, ob der andere will, dass ich darüber rede. Und das ist für mich nur erträglich, wenn ich selber von mir auch etwas preisgebe, um so etwas wie eine Balance herzustellen. Und dazu gehört auch, dass ich alte Bezüge aufdecke und klar mache, woher Dinge kommen in Büchern. Und etliches in Büchern hat eben auch mit ihm tun und es sind Variationen seiner Figur.
AUTOR:
Eine letzte Begegnung der beiden endet am Bahnhof Zoo in Berlin. Sie könnte ein Anfang sein, doch M. rät dem Erzähler zur Eile, damit er den Zug nicht verpasst. Zum letzten Mal verpassen damit beide ihren gemeinsamen Zug. "Eros und Asche" ist ein ungewöhnliches, ein sperriges Buch. Um rund zu sein, hat es viel zu sehr mit dem schonungslos gegenüber sich selbst dargestellten wirklichen Leben zu tun. Im Spiegel der Freundschaft handelt es von der Macht eigener Lebensentwürfe, des Planbaren, über die Sehnsucht, die nicht dazu zu passen scheint. Und von der späten Erschütterung darüber, was verloren geht, wenn man der Sehnsucht nicht folgt. "Das Verlangen ist der Ort, wo wir uns ruinieren", heißt es im Roman "Wo das Meer beginnt", "die Spielbank der Seele". M. zitiert diesen Satz dem Freund gegenüber.
O-TON:
Bodo Kirchhoff: Dieser Zwiespalt hat mich immer sehr interessiert. Es gibt einfach Dinge bei einem selbst, die will man nicht, die sind einem peinlich, und doch gehören sie unglaublich zu einem. Und ich glaube, das hat etwas mit dem Verlangen zu tun, ob es jetzt ein Verlangen nach Körperlichkeit ist, ob es ein Verlangen nach Schönheit ist, ob es ein Verlangen nach Scheitern ist, nach Schmutz ist, das spielt in dem Fall gar keine Rolle.
AUTOR:
Bodo Kirchhoffs als "ein Freundschaftsorman" bezeichnetes Buch "Eros und Asche" ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Es hat 278 Seiten und kostet 19 Euro 90..
©Detlef Grumbach
in: Saarländischer Rundfunk, 05.01.2008
Homepage des Autors: www.detlef-grumbach.de
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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