Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Ernst Grabovszki: Vom Lieben und Töten

Vom Lieben und Töten
Bodo Kirchhoffs "Schundroman" jongliert nicht nur mit einschlägigen Klischees dieser Gattung, sondern parodiert sie gekonnt. Ein Auftragskiller treibt sein Unwesen auf der Frankfurter Buchmesse, und ein Literaturkritiker verliert sein Leben. Der Autor im Gespräch über das Triviale, den Literaturbetrieb und seinen Verleger Joachim Unseld..

Herr Kirchhoff, der Titel "Schundroman" suggeriert eine Annäherung an das Triviale. Inwiefern war für Sie diese Annäherung reizvoll?

Diese Annäherung war insofern reizvoll, als sie mich unter den Druck gesetzt hat, sie listig zu unterlaufen. Wie stark dieser Druck tatsächlich ist, hat sich erst beim Schreiben herausgestellt. Auf der einen Seite wollte ich das Triviale bedienen, andererseits in das Buch - wie bei einem trojanischen Pferd - etwas hineintun, das man zunächst von außen gar nicht vermutet.


Was bietet einem Autor denn die "Trivialliteratur", was ihm die "hohe" Literatur nicht zu bieten imstande ist?
Dass man sich nach allen Richtungen austoben kann: Man kann ein wenig die Sau rauslassen - nicht hemmungslos, aber man ist doch in alle Richtungen frei. Das ist das Entscheidende. Es ist eine Geschichte, die mich sehr gereizt hat, und die mich nicht an eine bestimmte Form von Psychologie gebunden hat, an die wir uns gewöhnt haben, sondern dass man andere ausprobieren kann.


Was kann man sich unter dieser "anderen Psychologie" vorstellen?
Sie ist auf der einen Seite vulgärer, auf der anderen hat sie eine Subtilität, die uns vielleicht fremd ist, weil diese mit anderen Dingen operiert. Sie enthält beispielsweise viele Äußerlichkeiten, die weit mehr als nur Äußerlichkeiten sind. Ich denke etwa an das Thema der Uhren im Roman: Wenn man etwas genauer liest, merkt man, dass sich hinter den Uhren noch andere Dinge verbergen. Man hat darüber hinaus auch die Möglichkeit, mit der Gewalt zu spielen, stellt dann aber irgendwann fest, dass der Held letzten Endes ein friedfertiger Mensch ist. Das sind Möglichkeiten, die sich einem in einem solchen Genre anbieten.


Im "Schundroman" spielt die Frankfurter Buchmesse eine Rolle. Sie ist ein wesentliches Element des globalen Literaturbetriebs. Wie erleben Sie die Entwicklung der Buchmesse, und - allgemeiner - wie erleben Sie den Literaturbetrieb der Gegenwart?
Das hat sich in den letzten 25 Jahren sehr stark verändert. Ich denke, dass der Autor immer unwichtiger geworden ist. Das ist ein Markt, ganz klar, nach wie vor ist es auch ein Markt der Eitelkeiten. Es gibt allerdings keine Krise der Literatur, auch keine der Kritik, sehr wohl aber eine Krise des Publikums, des Lesens. Den Menschen fällt es immer schwerer, ein längeres Buch zu bewältigen. Die Messe dient natürlich dazu, den Absatz von Büchern zu steigern, wozu ja auch das "Literarische Quartett" oder die Arbeit Marcel Reich-Ranickis gedient hat. Die Frage ist, ob sie auch das Lesen fördert. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Ich glaube einfach, dass wir alle wieder lesen lernen müssen. Ich weiß nicht, ob die Buchmesse da dienlich sein kann. Eine Werbung für das Buch ist sie allemal.


Woran liegt es, dass weniger gelesen wird?
Es ist nicht nur eine Frage der Zeit. Die Menschen investieren ihre Energie in andere Dinge. Dazu kommt, dass wir uns so sehr an die Fernseh- und Hollywood-Dramaturgie gewöhnt haben, dass die Menschen von einem Buch erwarten, dass es derselben Dramaturgie folgt. Klassischerweise war es immer so, dass ein Roman seine eigene Zeit vorgab und die Menschen bewusst aus ihrer Zeitlichkeit herausgezogen hat. Das wollen viele aber nicht, sondern ihre eigene Zeiteinteilung in dem Buch wiederfinden. Noch dazu muss es ökonomisch sein, sonst bringt es nichts. Das ist die eigentliche Tragödie. Mit dem "Schundroman" habe ich dieses Modell ein Stück karikiert.


Willem Hold, der "Held" Ihres Buches, sorgt auch für den Tod eines Literaturkritikers. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Literaturkritik beschreiben?

Das ist relativ entspannt. Die machen ihre Arbeit, ich die meine. Was wir tun, ist aber grundverschieden. Ich kenne etliche Literaturkritiker sehr, sehr gut und weiß um deren Nöte, vielleicht mehr als sie um die meinen wissen. Ich nehme es natürlich Menschen übel, wenn sie es sich zu leicht machen. Wenn man jahrelang an einem Buch gearbeitet hat und es an einem Nachmittag niedergemacht wird, ist das enttäuschend.


Was halten Sie von der Diskussion um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"?

Die halte ich für absolut aufgeblasen. Ich habe das Buch jetzt gelesen. Dazu muss man sagen, dass es eine Art Mogelpackung darstellt, weil Streichungen vorgenommen wurden. Die habe ich nicht gelesen, also kann ich eigentlich keine vernünftige Meinung zu dieser Debatte abgeben, weil sie sich ja an dem Gesamten entzündet hat. Was ich gelesen habe, ist voller Ressentiments, voller Hass, etwas wirr, relativ bildungsbeladen und vor allem nur für Leser interessant, die diesen Betrieb kennen. Wer das alles nicht kennt, langweilt sich zu Tode.


In Ihrem Buch ist von einem Manuskript mit dem Titel "Tod eines Kritikers" die Rede. Ihr Roman und der von Walser sind gleichzeitig erschienen. Woher kommt diese Übereinstimmung?

Ich habe Anfang des Jahres von Walsers Buch Wind bekommen und wäre blöd gewesen, wenn ich den Titel nicht zitiert hätte. Ich habe mir also den Witz gemacht, "Tod eines Kritikers" zu nennen, habe allerdings nie damit gerechnet, dass Walsers Roman wie eine Bombe explodieren würde.


Viele Ihrer Bücher sind bei Suhrkamp erschienen, "Die Weihnachtsfrau", "Parlando" und der "Schundroman" in der Frankfurter Verlagsanstalt, die von Joachim Unseld, Siegfried Unselds Sohn, geleitet wird. Das Verhältnis zwischen den beiden wird als nicht spannungsfrei beschrieben. Worin unterscheiden sich diese Verlegerfiguren, was haben sie gemeinsam?

Das Verhältnis ist überhaupt nicht spannungsfrei, im Gegenteil. Diese beiden Verlegerfiguren unterscheiden sich in einem Punkt ganz wesentlich: Joachim Unseld ist ein Verleger, der in engstem Kontakt mit den Autoren seiner Generation steht. Das ist entscheidend, denn damit macht er die ursprünglich verlegerische Arbeit. Bei Siegfried Unseld ist das sicher auch einmal der Fall gewesen, aber im Moment wohl nicht mehr. Deswegen war für mich der Wechsel von Suhrkamp zur Frankfurter Verlagsanstalt ganz klar, weil ich die Nähe des Verlegers suche.


Ich möchte zum Schluss die Frage Ihres Protagonisten Willem Hold wiederholen: "Warum tut lieben mehr weh als töten?"

Wenn Sie töten, ist das ein rasch abgeschlossener Vorgang, der noch dazu mit Schuldgefühlen verbunden ist. Wenn Sie lieben, hat das weitest reichende innere Konsequenzen. Das ist nicht mit einem Schuss oder einer Fingerkrümmung getan. Wenn Sie töten, können Sie einen Großteil Ihrer Person davon gleichsam abspalten, sonst gäbe es nicht so viele Morde. Wenn Sie lieben, tun Sie das mit ihrer ganzen Person, und deswegen tut es mehr weh.



Ernst Grabovszki
in: Anzeiger. 09/2002. S. 25-26
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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