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Ein Entlassener, früher Tennisspieler, sucht den Ort auf, an dem sein Verbrechen geschah, das Operncafé. Erkennt man ihn noch? Die Frau, die sich zu ihm setzt, erkennt ihn jedenfalls nicht; sie sieht nur einen Mann, der das Lieben verlernt hat, das fällt in ihr Ressort. Sie stellt ihm Fragen, schon wird es intim, der Frau ist das geläufig; eigentlich wollte sie ein Gutachten schreiben, auf dem Tisch liegt ihre Aktentasche, Geschenk jenes anderen, den es immer gibt, auch wenn der Entlassene an diesem Tag inständig hofft, es möge ihn nicht geben. - Bodo Kirchhoffs Novelle ist die Momentaufnahme eines Stadtlebens und zweier Menschen, die ein Licht wirft auf unsere leichte Zeit riskanter Wünsche.
Taschenbuchausgabe

suhrkamp taschenbuch 2467
Erste Auflage 1995
ISBN 3-518-38967-X
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P u b l i k a t i o n e n
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Gegen die Laufrichtung
Novelle
1. Auflage 1993
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1993
85 Seiten
ISBN 3-518-40541-1
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Leseprobe
Der Entlassene, ein nicht mehr junger Mann von Anfang dreißig, begibt sich vom Gefängnis am Rande der Stadt zu einem Café im Zentrum, dem Ort, an dem sein Verbrechen geschah, als er nämlich einen Mann erstach, den die Frau, an die der Entlassene immer noch denkt, eine Ärztin, ihm, der ein bekannter Tennisspieler war, plötzlich vorgezogen hat. Auf dem Rücken einen jener damals gerade wieder in Mode gekommenen Beutel-für-alles, geht er an diesem Septembervormittag durch eine beglückende Wärme: für ihn die erste Sonne in Freiheit seit dem Jahr, in dem Gorbatschow Honecker fallen ließ und Becker die US-Open gewann, für andere, die nie ein Verbrechen aus Leidenschaft begangen haben, die letzten noch spendablen Strahlen vor den Wochen des Nebels. Die milde Luft krönt seine Entlassung; ein Grund mehr, daß ihn die veränderte Silhoutte der Stadt - man denke nur an den Messeturm - völlig unberührt läßt. Er ist ganz mit der wiedererlangten Freiheit beschäftigt, etwa sich auf ein Stück Rasen zu legen, zu schlafen, oder in die nächstbeste Toilette zu gehen, ein Wort an die Wand zu schreiben, das ihn seit Beginn seiner Haftzeit verfolgt. Erst als er die Grünanlagen im Bankengebiet überquert, um so sein Ziel, den Opernplatz, zu erreichen, durchdringt etwas diese Fülle der Freiheit, die er sich eintausendeinhundert Tage lang ausgemalt hat. Der Entlassene sieht die Süchtigen. Wie der Rest einer geschlagenen Armee drängen sie sich in einer Umfriedung, die einst für Schachspieler angelegt wurde, viele mit hängenden Hosen, im weißen Bein die Nadel. Obwohl es Hunderte sind, geht es leise zu, ein leises Handeln, Weinen, Kotzen. Der Entlassene läuft jetzt rascher; er zieht eine Baseballkappe aus den Zeiten seines Erfolgs ins Gesicht, damit ihn kein ehemaliger Mithäftling erkenne, und fängt dann an zu rennen, so gut er noch rennen kann, bis er an den Ort gelangt, den er zuletzt als vierundsechzigster der Weltrangliste betrat und nun, sehr wahrscheinlich, als zehntausendster wiederbetritt, eben den Platz bei der Oper, angeblich einzige Perle der Stadt, nüchtern gesehen kaum weniger abstoßend als alle übrigen Plätze. Noch außer Atem setzt er sich an einen Tisch vor dem Operncafé, genau neben den, an welchem die Tat geschah - der Tisch selbst ist von einer rauchenden Frau im Mantel belegt -, und verlangt, was er auch damals als erstes verlangt hat, Mineralwasser, bevor er die Frau im Mantel nach der Zeit fragt, um eine noch mit anderen persönlichen Dingen in dem Beutel verwahrte Uhr zu stellen. Es ist elf.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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