Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

manuskripte 69/70


FUTURUM EXAKTUM


in manuskripte. Zeitschrift für Literatur
Graz 1980
Heft 69/70, S. 14


Der Bitte,   e i g e n s   etwas für das Jubiläumsheft von manuskripte zu schreiben, das nichts mit dem Anlaß zu tun haben soll oder muß, vermochte ich bisher nicht nachzukommen und werde ich auch in Zukunft nicht nachkommen können; was immer mir dazu einfällt - es wird gegenüber dieser Aufforderung ein Nachzügler bleiben, der höchstens ausersehen werden kann,   e i g e n s   vorgesehen worden zu sein; dem 'sein' Ziel in jedem Fall nachgeliefert werden muß.
Das Geschriebene in seiner Bedeutung hinkt dem Akt des Schreibens hinterher (auch "diese Worte" schreibe ich nicht 'jetzt', sondern habe ich vorhin geschrieben) und weist damit immer wieder auf ein imaginäres Geburtsdatum zurück - Schriftstellerei als fortgesetztes Jubiläum, welches sowohl das Zufällige des Anfangs wie auch den mit jedem Jubel näherrückenden Tod außer Acht läßt, ja mit Gratulationen verwünscht. Könnte ich der Bitte tatsächlich entsprechen und   e i g e n s , jetzt, in diesem Augenblick, schreiben - es wäre ein alles sprengendes Fest.
Ein Versuch mit bleibender Verspätung dennoch 'nachzukommen' (arriviert sein zu wollen!), kann daher nur in dieser Bestandsaufnahme bestehen, die eine Schwäche alles Memoirenhaften wiederholt: ein Besserwissen, das man meint, auf die Gegenwart ausdehnen zu können; glauben zu machen, man wüßte, was sich momentan, schreibend zuträgt. Ein mißglückter Versuch also, der den augenblicklichen Verlust von Gegenwart leugnet und mit dieser Bemerkung abgeschlossen wäre - gäbe es nicht die mir immer willkommener werdende Möglichkeit der vollendeten Zukunft.
Den Kniff einer vorweggenommenen Nachträglichkeit, mit dem ich in die angenehme Lage versetzt werde, davon ausgehen zu können, daß beim Erscheinungsdatum der Jubiläumsausgabe von manuskripte bereits etwas für dieselbe geschrieben worden sein wird, auf das ich mich nunmehr, in einem vorgezogenen Rückblick, unter Vermeidung der sonst üblichen Schreibanstrengungen, beziehen kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich einen Text geschrieben haben, der nicht nur Schwierigkeiten des Schreibens an sich zum Ausdruck gebracht haben wird, sondern darüber hinaus, daß es angesichts der zu erwartenden Fülle von Beiträgen für das Jubiläumsheft von manuskripte und dem gleichfalls zu erwartenden hohen Niveau der allermeisten, zwar die Ergiebigkeit verlorener Zeit mit sich brächte, einen scheinbar entsprechenden Beitrag zu schreiben, damit verbunden aber auch das Risiko einer sich womöglich wirksam zeigenden Mangelhaftigkeit. Es wird demzufolge auf jeden Fall eine (ver)lustvolle Arbeit gewesen sein - keine direkte Verausgabung; eher eine Preisgabe von Mitteln, als eine mittelbare Äußerung der Phantasie.

Aus dieser Sicht sehr leicht denkbar, daß ich irgendwann auf die Idee verfallen sein werde, das nicht zu kontrollierende Schreiben überhaupt zu unterbinden, Opstipation herbeizuführen: den von Einfällen getriebenen Vorgang, mit dem ich wenig zu tun habe, lieber nicht mehr Fall sein zu lassen und wenn, dann heimlich - in Form von Symptomen; denkbar auch, daß ich es eines Tages nur noch in dem hier, wenn auch nicht   e i g e n s , so doch erstmals für die Jubiläumsausgabe von manuskripte angewendeten Verfahren des antizipierten Erinnerns - gleichsam von mir selbst abschreibend, in dem Bewußtsein, daß damit der Beweis 
m e i n e r   s e l b s t , meines Schriftstellerseins, endgültig erbracht ist - betrieben haben werden, - aber das Gegenteil ist genauso gut möglich.


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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