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P u b l i k a t i o n e n
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Mein frühes Ende
in Tintenfaß. Das Magazin für den überforderten Intellektuellen.
Hrg. von Franz Sutter, Nummer 17
Diogenes Taschenbuch 22017
Diogenes Verlag AG, Zürich 1987
S. 165-172
ISBN 3-257-22017-0
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Leseprobe
Abschließend über mein Leben nur das – ich war auf dem besten Weg, eine Persönlichkeit zu werden. Alles, was ich tat, sah mir ähnlich, ich selber glich immer mehr der Umgebung, die ich mir schuf; die ganze Wertpapierabteilung war auf mich stolz. Und dann passierte folgendes: Ich strich mal wieder durch gewisse Häuser, schaute hier und dort in ein Zimmer, da winkte mich eines der Mädchen heran. Es war eine Deutsche, vielleicht die letzte im Viertel, brünett, mit runden Knien und schmalen Händen. Bekleidet war sie eigentlich nur mit roten, wollenen Beinwärmern, die bis zur Mitte ihrer Schenkel reichten; es waren selbstgefertigte, ich erkannte das nach etlichen Jahren mit strickenden Frauen. Sie saß auf ihrem breiten Bett, vor sich ein aufgeschlagenes Heft, und fragte, ob ich Englisch könne. Kaum hatte ich bejaht, zeigte sie mir ein Bild in dem Heft. Ich zuckte zurück. Zuckte nur, obwohl’s zum Davonlaufen war (aber davonzulaufen sah mir nicht ähnlich). Das Bild war eine peinlich genaue Zeichnung, die ich auch auf den zweiten Blick für das Polizeifoto eines Selbstmörders hielt. Ein Mann Mitte dreißig, heruntergesprungen vom zwanzigsten Stock, geplatzt und ausgelaufen; aber im Anzug und ein Aktentäschchen in der Hand. Unterschrift: Yuppies Abortion. Was das bedeute, wollte sie wissen. Und damit fing’s an.
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Ich setzte mich neben sie und vermied es, durch die Nase zu atmen. Sie roch nach Zimt und Kindercreme, und ich hatte kein Bargeld bei mir. „Passen Sie auf“, sagte ich, „das ist ganz einfach. Yuppie ist eine Abkürzung und bedeutet Young Urban Professional People, was so viel wie junge städtische berufstätige Leute heißt; frei übersetzt: Erfolgstypen. Und dieser Typ nun, will das Bild uns sagen, wächst schon im Mutterleib heran. So daß im Falle einer Abtreibung – Abortion gleich Abtreibung – etwas herauskäme, was der Zeichnung hier gliche. Das ist der ganze Witz. Wenn es ein Witz sein sollte.“
Ich schob das Heft beiseite und schaute zur Tür. Neugierige kam und gingen. Durchreisende und Messebesucher, Detektive und Streuner; niemand, dem ich hätte die Hand geben wollen.
„Ist das alles?“ fragte das Mädchen.
„An was dachten Sie denn?“
„An einen tieferen Sinn.“
„Das fehlte noch“, rief ich.
Ich war erstaunt. Ich hatte ihr doch eine erschöpfende Auskunft gegeben, oder nein? Sie beugte sich jetzt über das Heft, auf ihrer Stirn erschien eine tiefe, ehrliche Falte (nicht dieser Ausdruck falscher Sorge, wie in der Wertpapierabteilung).
„Na, dann eben kein tieferer Sinn“, sagte sie und bot mir eine Zigarette an. Ganz selbstverständlich hielt sie mir das Päckchen hin – das hätte mir schon etwas sagen müssen. Eine derartige Aufmerksamkeit in einem Frankfurter Puff! Ich bediente mich und machte es mir ein bißchen bequemer. Und dann geschah dies: Mein Büffelledermäppchen in der einen Hand, in der anderen die Zigarette, begegnete ich ganz überraschend meinem Gesicht. Ich sah mich in einem manns-
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hohen Spiegel und bemerkte, daß es noch mehr Spiegel gab, an jeder Wand und sogar an der Decke. So weit, so gut. Nur sah ich aus, als hätte mir jemand ein Dutzend Backpfeifen verpaßt. Wie ein Kindskopf hockte ich da, mit glühenden Wangen. Das Mädchen reichte mir Feuer. Sie sagte: „Ich versteh’s einfach nicht.“
„Also schön“, begann ich von vorne. „Zunächst der Titel des Bildes. Yuppies Abortion gleich Abtreibung eines...“
„Wieso eines?“ unterbrach sie.
Ich stieß den Rauch durch die Nase. Sollte ich über den Genitiv streiten? Sie machte mir einen gescheiten, aber keinen gebildeten Eindruck. Vierundzwanzig mochte sie sein; auf ihrem Nachttisch lag eine Brille. „Also bitte. Sagen wir Erfolgsmensch-Abtreibung, paßt Ihnen das?“
(...)
[Erzählung aus Ferne Frauen]
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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