Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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S e k u n d ä r l i t e r a t u r
Cover Kunst und Überschreitung
Günther Freitag
Literatur aus der Kraftkammer (über Bodo Kirchhoff)
In  Christine Rigler/Klaus Zeyringer (Hrsg.):
Kunst und Überschreitung.
Vier Jahrzehnte Interdisziplinarität im Forum Stadtpark.
Studien-Verlag, Innsbruck, Wien 1999
ISBN 3-7065-1366-8
S. 200-211
(Selbstimaginationen)
Günther Freitag über Bodo Kirchhoff

Literatur aus der Kraftkammer

S. 200

Aus Bodo Kirchhoffs Roman "Zwiefalten" Rückschlüsse auf den Autor zu ziehen, bedeutet ein Wagnis. Existieren die konkreten Selbstbezichtigungen nicht, die eine Nähe des Ich oder Er eines literarischen Produkts zu seinem Produzenten offerieren, muß jede Fixierung der Literatur auf Autobiografisches Vermutung bleiben. Vermutung, welcher der Makel der üblen Nachrede anhaftet.

"Zwiefalten" ist 1983 erschienen. Nimmt man die Recherchen dazu, liegt die Arbeit an diesem Text länger als ein Jahrzehnt zurück. Vieles, das sich aus ihm ablesen läßt, wird heute für Kirchhoff nur mehr bedingt Gültigkeit besitzen.

Ein quadratischer Raum, verstellt mit Abgelegtem, dazwischen ein
Sofa, ein Tisch, ein Sessel und ein Telefon. Außerdem ein Waschbek-
ken mit Spiegel, Kochgelegenheit und Kühlschrank, ein Fernsehge-
rät sowie Fenster und zwei Türen; eine zum Balkon, eine auf den
Korridor. In dem Sessel, vor dem Tisch, leicht zusammengesunken,
Branzger, der Beschriebene und andererseits der Schreibende - von
hinten. Unter seinen Augen, auf dem Tisch, vermutlich Texte.


Kirchhoffs erste veröffentlichte Prosaarbeit ("Ohne Eifer, ohne Zorn") setzt mit einer an ein Drehbuch erinnernden Beschreibung des Wohnraums der Hauptfigur ein. Diese führt Ferngespräche mit einer Frau, der sie sich mitteilt, betreibt Body-Building, besucht Prostituierte, spielt Roulette, lebt von psychologischen Artikeln für Fachzeitschriften, entdeckt einen toten Nachbarn, dessen Verwesungsprozeß sie verfolgt, reist auf ein nicht objektivierbares Signal nach Oberitalien ... Alltägliches, Banales wird beschrieben. Aber dahinter lauert das Eigentliche: Kirchhoffs Figuren kultivieren in höchstem Maß ihre Selbstbespiegelung.

Widerwärtige Eitelkeit, steriler Narzißmus, denke ich. Sehe dann auch für einen kurzen Augenblick den Schriftsteller Kirchhoff vor mir. Sehe ihn wie Branzger: Schwarzes Sakko, leicht zusammengesunken über seinen Texten sitzend. Irgendwo in Frankfurt. Vor ihm


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ein Fenster, das auf eine trostlose Häuserlandschaft hinausweist.
Der Schreibende und der Beschriebene.
Denkt er - wie viele seiner Figuren - an den Mangel? An einen Mangel, den er nicht benennen kann?
Und dieser Mangel liegt darin, daß er sich die Welt - wie sie sich darstellt - nicht anzueignen vermag?
Dann würde, denke ich, durch den Text eine Möglichkeit geschaffen, sich dieser Welt einzuschreiben. Durch die Beobachtung, die zur Schrift wird. Was aber dem Vorwurf der Eitelkeit, des Narzißmus entgegenstehen würde. Den Wunsch nach einer anderen Welt bedeuten könnte. Einen Wunsch freilich, der an keiner Stelle akzentuiert wird. Der stets unscharf bleibt. Bleiben muß, denke ich.
Selbstbespiegelung als ein Weg der Selbsterkenntnis?
Arnold, die Hauptfigur in Kirchhoffs zweitem Theaterstück "Body-Building", vollführt seine Übungen vor einem riesigen dreiteiligen Spiegel. Allerdings findet er darin nicht sich selbst, sondern bloß ein Trug-Bild von sich.
Verzerrt, vielleicht auch unterentwickelt, was die Muskelsubstanz und die Relationen der Abmessungen anlangt.
Mangel.
Und wird nicht auch der Schriftsteller, der sich der Welt durch seinen Text einschreibt, diese Verzerrungen empfinden müssen?
Der Mangel als Schreibanstoß?
Für den Body-Builder besteht dieser in meßbaren Unterentwicklungen: Sieben Zentimeter Brust und vier Zentimeter Wade ...
Und für den Autor?

Ich schreibe jetzt täglich und trainiere nur noch selten. Und das könnte
bedeuten: Pervers wie ich bin, entwendet nämlich und in jedem Fall
verkehrt gewickelt, bilde ich mir - schreibend - ein, selbst für mich
der andere zu sein, um mich so meines Genießens zu versichern, mei-
ner Befriedigungsbedingung; und neurotisch wie ich bin - insofern
ich dies zur Sprache bringen muß - bilde ich mir ein, ich sei viel-
leicht nichts weiter als pervers, um mich damit auch noch des ande-
ren zu vergewissern, der Befriedigung meines Begehrens. Geschick-
ter kann man auch als Bodybuilder nicht im Umgang mit dem Man-
gel sein; der eine verstopft seine Löcher, der andere macht Schlupflö-
cher draus - es bleibt sich gleich.


Der Körper-Bildner und der Schrift-Steller sitzen also im selben Boot. Rudern, um im Bild zu verharren, gegen den Mangel an. Betreiben


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die Rückeroberung: von Muskelsubstanz im einen Fall, von Schrift oder genauer: von Welt im anderen.

Ich selbst bin effektiv ein anderer und könnte niemals öffentlich mich
zur Geschichte stellen; das wäre tatsächlich ein Witz. Ich bin nicht, wie
mancher, der im Fernsehen Gott und die Welt kommentiert, verhinder-
ter Pfaffe und halte mein gestörtes Verhältnis zur Realität für normal.


Wieder trete ich hinter den über seinen Manuskripten gebückt sitzenden Schriftsteller. Ein Blick aus dem Fenster beweist ihm, hinter dem Glas ist nicht seine Welt. Sondern jene, zu der er ein gestörtes Verhältnis unterhält.
Kein Bruch also, sondern die andere Perspektive.
Der verzerrte Blickwinkel.
Der sich auch nicht korrigieren läßt, rückt er den Stuhl an eine andere Stelle. Dadurch ist der Realität nicht beizukommen. Was bleibt, ist die Schrift. Ein Ausweg. Auf brüchigem Untergrund. Jeder Schritt ein Wagnis nahe am Abgrund.
Die Arbeit des Schriftstellers ist Spracharbeit. Die Grenzen des Ich sind längst überschritten. Gerade deshalb, weil dieses Ich im Zentrum der Schrift steht. Oder stehen muß.
Das Ich des Textes ist stets ein anderes. Die Fiktion erweitert den Blickwinkel, wie sie zur selben Zeit abkapselt.

Ähnlich wie Branzger ist die Hauptfigur aus "Die Einsamkeit der Haut" ein rücksichtsloser Beobachter. Auf der Suche nach dem Erleben von Ganzheit oder Harmonie besucht der Ich-Erzähler Lokale, geht in eine Peep-Show, trifft eine Frau, die aufgrund ihrer körperlichen Deformiertheit seiner Beobachtungslust entgegenkommt, wird Zeuge eines Selbstmordversuchs und eines Unfalls.
Dies alles läßt Kirchhoff seinen Ich-Erzähler ohne jede Emotion beschreiben. In einer knappen, distanzierten Sprache.
Die Begriffe Gleichgültigkeit, Zynismus, Kälte drängen sich auf.
Eine Studie von Kälte?
Schreibt Kirchhoff aus der Kälte?
Gerade diese Perspektive ist erforderlich, um Kirchhoffs Absicht entsprechen zu können. Das schonungslose Beobachten erkennt er als Ersatz für das Fühlen seiner Figuren, die in ihrer Individualität bedroht sind. Sie leiden nicht an bestimmten benennbaren Mängeln. Sind ei-


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gentlich nicht unzufrieden. Aber sie sind illusionslos. Für sie ist ihre Fremdbestimmtheit zur akzeptierten Selbstverständlichkeit geworden.

Authentizität als Feindbild?
Sie wolle es erleben, sagt die Kulturdezernentin zum Schriftsteller in der Erzählung "Hundenarr" aus dem Band "Dame und Schwein", als ihr der Schriftsteller, anstatt sie zu lieben, eine Liebesgeschichte erzählt. Sie müsse glauben, was er erzähle, fordert er. Sie weigert sich. Worauf ihr der Schriftsteller vorwirft, nicht an die Kunst zu glauben. Und Kunst bedeute hier wohl Sprachkunst, Sprache, was sonst, wie das Motto zu dem zitierten Band lautet.

Nicht Erotik oder Liebe werden dargestellt, sondern Studien über Erotik oder Liebe. Nicht das Authentische wird zum Sujet, sondern das Labor - Sprachlabor -, in dem die Fiktion der Authentizität erzeugt wird.

Von Liebe keine Ahnung, auch nicht weiter tragisch. Kein Mensch paßt zum anderen, na und? sagt Margit in Krichhoffs Theaterstück "Wer sich liebt".

Die Suche nach Lust scheitert zwangsläufig, weil nicht Lust, sondern die Reflexion über Lust, ihre sprachliche Inszenierung gesucht werden. Also fällt aus diesem Grund schon das höchste Maß an Lust dem Schriftsteller zu.
Seine Sprache ist das Auge des Voyeurs.

Indem er die Lust in sprachliche Zeichen faßt, erlebt er sie. Oder erliegt der Täuschung, sie zu erleben. Und das Voyeuristisch-Unbeteiligte als Grundperspektive besitzt auch für "Zwiefalten" Gültigkeit.

Ich weiß nicht, was ich will im einzelnen und folge meinem Blick, wohin er fällt. Absichtslosigkeit ist jener Motor, der die Handlung vorantreibt. Das Buch erzählt ein paar Wochen aus dem Leben Zwiefaltens. Eine Zeitungsnotiz führt ihn nach Äthiopien:

An einem Wochenende las er in einem Beiträg über Äthiopien, vier
Spalten und ein Foto, wie es dort zugehe nach der Revolution, und
von einem Augenblick zum anderen war es beschlossen. Zwiefalten
erkundigte sich, stellte einen Visumantrag, buchte den Flug, ging



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zur Bank und hob das Geld ab, alles, mit diebischer Freude, kaufte
Schecks der Firma American Express, siebzig à 100 Dollar, unterzog
sich mehreren Schutzimpfungen, erwarb auf dem Flohmarkt einen
blechernen Koffer, schrieb an Ingrid, voraussichtlich im Ausland zu
tun, bis dann, und wartete auf den Abflugtag.


Ebenso irrational wie er sein erstes Reiseziel wählt, entscheidet sich Zwiefalten nach einer kurzen Zeit in Addis, den Rückflug zu stornieren und nach Bangkok weiterzufliegen. Wo er einem vagen Hinweis folgt und über Hawaii nach Asunción gelangt. Seine Freundin und Therapeutin, die er aufgesucht hat, um unerklärbare Angstzustände zu bekämpfen, ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Wie er von der Nachmieterin am Telefon erfährt. Immer wieder ruft er diese Frau an, der Kontakt zu ihr verleiht ihm eine ungewisse Zuversicht, die Rückkehr nach Deutschland muß nicht zwangsläufig zum Desaster werden.
"Zwiefalten" ist auch ein Reiseroman im weitesten Sinn der Gattungsdefinition. Reiseliteratur kombiniert zumeist, legt sie sich nicht die Selbstbeschränkung der bloßen Beschreibung auf, die physische Bewegung mit einer psychischen. Der Reisende ist am Ende seiner Bewegung nicht mehr jener, der er an ihrem Ausgangspunkt gewesen ist.

Branzger in "Ohne Eifer, ohne Zorn" trifft, als er einen Artikel zur Post bringt, auf eine Frau, die ihn irritiert und aufgrund dieser Irritation den Anlaß zu einer Reise liefert.

Am Schalter muß er Schlange stehen. Vor ihm eine Frau in enger
Hose, und Branzger entdeckt es sofort, wird augenblicklich Opfer der
vollkommenen Gestalt: weibliche Gesäßfalte, weit geöffnet, unbe-
haart..., passiert es in seinem Kopf als Bild und läßt ihn glauben, daß
unter dieser Hose etwas sei, das dazu imstande ist, einen Mangel zu
beheben, den er nicht beschreiben kann; eine Lücke auszufüllen in
seinem Dasein.


Ist Zwiefaltens erster Schritt zufallsbedingt, so erfolgen seine nächsten Reisebewegungen aufgrund von Signalen, die er als Aufforderungen verstehen will. Wie der Detektiv in einem Kriminalroman, nimmt er vage Spuren auf, ohne zu ahnen, was ihn am Ende dieser Spuren erwarten könnte. Bewegt sich weiter, um zumindest körperlich der Stagnation des Verharrens zu entfliehen.


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Endet Branzgers Reise in Salò ohne sichtbare Zeichen einer Veränderung, so steht am Ende von Zwiefaltens Weltumkreisung die Rückkehr nach Deutschland, die er in Erwartung einer Frau antritt, von der er nur die Stimme aus Ferngesprächen kennt und weiß, daß sie die Nachmiete in der Wohnung seiner toten Geliebten angetreten hat. Das scheint gering, doch es genügt der Hauptfigur des Romans, sich zum ersten Mal zu ihrem vollen Namen zu bekennen, mit skeptischer Zuversicht die eigene Identität anzunehmen.

Zwiefalten repräsentiert den männlichen Haupttypus in Kirchhoff-Tex-
ten bis zur "Mexikanischen Novelle". Charakterisiert durch das scho-
nungslose Beobachten und das Wissen um die finanzielle Absicherung.

Zwiefalten streicht unrechtmäßig ein Krankenkassenhonorar ein, das für seine Behandlung durch die Psychotherapeutin gedacht ist. Er verschweigt den Abbruch der Sitzungen, das Geld sichert ihm den Spielraum, in dem er seine Reise- und Beobachtungssucht ohne materielle Komplikationen befriedigen kann.
Branzger schreibt psychologische Artikel für eine Fachzeitschrift, deren Honorarzahlungen es ihm ermöglichen, annähernd frei über seine Zeit verfügend sich seinen literarischen Versuchen und Beobachtungsobsessionen zu widmen.
Der Ich-Erzähler in "Die Einsamkeit der Haut" ist Bibliothekar. Diese Tätigkeit sichert sein materielles Auskommen und behindert sein Beobachten höchstens am Rande.

Die Handlung des Romans scheint zufällig zu sein. Zwiefalten perzipiert, er reagiert nicht. Geht Kompromisse mit Fremdfaktoren ein.
Aufgrund seines sozio-kulturellen Standorts setzt er der Arbeitswelt mit ihrer Erwerbsmoral die Ziellosigkeit entgegen. Die Reisebewegung überwindet die drohende Erstarrung durch das Immergleiche. Die Geschwindigkeit der Entfernung wird als Selbstgenuß erfahren.

Zweihundertfünfzig Meter in jeder Sekunde! Er rechnet es noch ein-
mal nach, schließt dabei die Augen, und das Wissen um die rasend
wachsende Entfernung löst einen angenehmen Wirbel in ihm aus:
mit der Entfernung auch gleich selbst zu wachsen.

Wieder das Bild des Schriftstellers über seinen Texten. Vor dem Fenster. Das wie ein Schild vor dem Außen schützt. An das der Schrift-


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steller aber unentwegt denkt. Denken muß. Auch versucht, es durch die Schrift nach innen zu ziehen.
Teilzunehmen an der Welt. Zumindest durch sein Beobachten. Abscheu mag er empfinden, schaut er die Realität. Anziehung. Die woher kommt?

Wie weit Zwiefalten von jeder sozialen und politischen Realität entfernt ist, wird deutlich im Gespräch mit dem ostdeutschen Gewerkschaftsfunktionär, der in Addis Abeba Auslandsarbeit leistet. Sein naiver Aufbauidealismus, meint der Funktionär, Zwiefalten widme zuviel Zeit seiner eigenen Person. Für den Tatmenschen repräsentiert Zwiefalten das ganz Andere.

Teilnahmslosigkeit bis zum Zynismus kennzeichnet die Hauptfigur. Die Beobachtungen werden keiner Wertung unterzogen. Sie dienen dem Vergleich, bewegen nichts in Zwiefalten. Die Realität dient ihm als Material, auf dem er sich abbilden kann.
Verkrüppelte Bettler, zur Prostitution gezwungene Frauen und Kinder, verbrecherische Machenschaften von kleinen und großen Gauern in Paraquay...
Das und anderes mehr bewirkt nichts in Zwiefalten, ebenso wenig wie das soziale und menschliche Elend des Frankfurter Bahnhofmilieus im Ich-Erzähler aus "Die Einsamkeit der Haut" bewegt.
Die minutiöse Beobachtung führt zur Dinstanzierung. Verantwortung wird nicht übernommen. Das Beobachtete ist Vergleichmaterial. Mehr nicht. Fragen der Moral werden nicht gestellt.
Schauplätze und Menschen verlieren in der analysierenden Optik Zwiefaltens ihre Individualität. Sie werden zu Abbildern, zu denen das Medienzeitalter die Originale längst vorgeliefert hat.

Von der Einbildung, der andere zu sein, war die Rede. Jener andere, der der Schriftsteller im Leben nicht ist. Oder nicht sein kann. Jener andere, der rücksichtslos bis zur Menschverachtung beobachtet.
Die Sprache schafft dese Möglichkeit.
Sie gilt es aufzubauen, wie der Body-Builder seine Muskelsubstanz in der Kraftkammer aufbaut.
Die Kraftkammer des Schriftstellers ist die Fiktion.
Sprache als Droge, die dem Sprechenden/Schreibenden vorgaukelt, der andere zu sein?


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Oder aber als Mauer, hinter welcher der Voyeur steht? Verborgen steht und den anderen beobachtet.
Seine hinterhältige Indifferenz als Genuß erfahren kann, weil er selbst ja unbeteiligt im Schatten der Sprachmauer steht?
Wenn er jedoch tatsächlich über das Medium Sprache der andere ist, sieht er sich selbst.
Oder sein Abbild.
Jenen Teil in jedem Fall, der seine Wünsche Realität werden läßt.
Was also für den Schriftsteller an seinem Tisch, noch immer die trostlose Häuserlandschaft vor Augen, eine Steigerung der Beobachtungslust bedeuten muß.
Und mich zum Mitwisser macht in der Lektüre.
Mich hinter die Mauer treten läßt.
Die Augen weit aufgerissen.
Ich Voyeur.
Keine Wertung.
Bloß mein Blick.
Gerichtet auf die Genitalien der Prostituierten.
Trete hinter der Mauer hervor.
Sehe durch Zwiefaltens Augen.
Will ihn, weil selbst dem Blick aller entzogen, weitertreiben.
Im Versteck fallen meine Hemmungen.
Ich sehe ins Leere.
Längst sind die Bilder unscharf geworden.
Schemen bloß noch.
Was bleibt, ist Sprache.
In der sich vieles inszenieren läßt.
Auch die Lust.
Die zur Sprachlust wird.
Zum Kopfspiel.
Das der Body-Builder nicht kennt, weil seine Blicke am Fleisch haften. An den hervortretenden Sehnen und Muskeln.
Sein Ziel ist das Idealmaß.
Das in der Sprache nicht mehr existiert.

Die Realität bleibt ohne Belang für den Voyeur am Schreibtisch.
Sie allein vermag ihn nicht zu fesseln.
Er registriert sie bloß noch an den Lidrändern.
Neben der Pupille.


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Anders als Rilkes Panther stirbt ihm das Bild, noch bevor es in sein Inneres gedrungen wäre.
Die Realität.
Auf ihr bildet sich der Voyeur durch seine Sprache ab.
Ausschießlich darum geht es: der Wirklichkeit sein Bild aufzuzwingen.
Darum, eine Befriedigungsbedingung herzustellen.
Notfalls durch Gewalt.
Wie der Schriftsteller.
Wie Zwiefalten.

Handelt Zwiefalten, so geschehen diese Handlungen mit ihm.
Der Täter als Opfer?
Illusionslos und kalt?
Bewußtwerdungsprozesse zu seinen Handlungen stellen sich im Nachhinein ein. Wie denn auch Kirchhoff zu "Zwiefalen" schreibt, dies sei ein Roman über Erfahrung, die sich hinter dem Rücken einstelle.

An einer jungen Frau in Äthiopien interessiert Zwiefalten primär das, was sie verbirgt.
Die Kinderbibelschönheit.
Vergleichsmaterial für die Erinnerung und Lustobjekt für das Jetzt.
Nicht der Vollzug des Geschlechtsverkehrs ist ihm wichtig, sondern der Blick auf ihre Brüste, die sie unter einer Bluse geschützt hält. Um sich diesen Blick zu verschaffen, wendet er Gewalt an.

Die Bluse springt auf. Sie schreit, einmal nur und kurz. Und eine
Hand fliegt hoch, an seinem Gesicht vorbei. Und jetzt bewegt sich
nichts mehr, nicht einmal ihre Brüste, zwei Säckchen, wie von alten
Männern, zur Seite geschwungen, noch im Trägheitsmoment. Ginge
es nur so weiter. Dann fliegt die Hand zurück, in seiner linken Wange
wird es kalt, dann still um ihn.


Kälte, Empirismus? denke ich und versuche, in den Kopf des gebückten Schriftstellers hineinzusehen. Was natürlich schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist. Aber dennoch...
Er sitzt über seinen Texten. Gebückt. Mit Daumen und Zeigefinger berührt er die Brillenränder. Die er verschiebt. Um einen zweiten Blick, ohne die klärende Optik vielleicht, auf das Außen zu riskieren.
Und sieht, daß es noch immer nicht die Welt ist, der er sich bereits


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eingeschrieben hat.
Woraus die Sachlichkeit der Beschreibung folgt, denke ich.
Dann, wenn er sich auf dieser Vorlage abgebildet haben wird, dann, vermute ich, wird er der Sachlichkeit auf den Leib rücken...
Vorstellbar zumindest, denke ich mit einem Blick auf den gebückten Schriftsteller.
Doch solange dies nicht eingetreten...
Kalte Sachlichkeit als Methode der Bestandsaufnahme.

Glaubt in der Haut eines anderen zu stecken. Sand weht über seine
Füße. Er schnellt zurück. Mit einem Schlag ist seine Hand wieder da,
der ganze Rücken auf ihrem Kiefer. Es splittert, wie ihre Nägel vor-
hin, doch lauter und nur ein einziges Mal. Dann liegt sie bereits auf
dem Bett. Come on, dringt aus dem Hörer, sie atmet, als sei sie ge-
rannt, kein Schrei, nicht einmal ein Ansatz. Ein Fuß wirkt verbogen,
der Span schnarrt am Laken, das Bettzeug wird gelb.


Sätze wie in die Haut geritzt.
Auf sie blickt der Schriftsteller, sie interessiert ihn.
Eine Armbeuge, ein Lidschlag.
Je näher einander die Körper kommen, desto kälter geraten seine Sätze. Kalt und präzise, sodaß die Bilder vor den Augen des Lesers gefrieren.
Abwehr, Verschmelzungsangst? denke ich.
An die Begriffe Entfremdung, Indifferenz und Beobachtungslust denke ich. Stoße auf ein Buch im Regal:
Lo stadio di Wimbledon
Eine Figur tritt in der Erinnerung aus dem Nebel.
Roberto Bazlen, Mythos aus Triest. Kämpfer für Svevo, Saba und Montale. Auch für die deutsche Literatur in der Drei-Kulturen-Stadt. Der belesenste und zugleich auch geheimnisvollste Autor.
Darsteller des Dandy nach dem Zweiten Weltkrieg.
Der wieder in den dichten Nebel eintaucht. Seine Konturen lösen sich auf. Zurück bleibt die Idee.
In der Gluthitze Äthiopiens steht Arno Zwiefalten. Beobachtet teilnahmslos. Mit vor Gleichgültigkeit müden Augen.
Entfremdet.
Indifferent.
Aber seine Entfremdung haftet nicht jener existenzbedrohende Beigeschmack an wie noch bei Hofmannsthal.


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Die Entfremdung ist für den modernen Menschen so etwas wie dei Schwerelosigkeit für den Weltraumfahrer, schreibt Umberto Eco.

Die Eigenart der Hauptfigur bedingt das sprachliche Verfahren des Romans. Ebenso wie die Szenen, den schnellen Schnitten des Videoclips nicht unähnlich, in rascher Folge wechseln, wechselt Kirchhoff auch die sprachlichen Verfahrensweisen.
So findet sich Jargon neben Pathos, Realismus neben Klischee.

Längs der Wege, die durch die Hotelanlage führen, lodern Gasflammen
aus Lanzen. Bis an die Kante des offenen Meeres reichende Wolken
glühen an den Rändern, die mal in Kringeln, mal in Tupfern enden, vor
einem düstergelben Himmel. Es ist warm, und die herausstoßenden
Flammen bilden ein leises, tiefes Gesumm. Die Luft riecht nach geba-
deter Haut, der Wind ist nur zu spüren, wenn er darauf achtet. Palm-
wedel lispeln. Wie Seide, die von eingehaktem Körperflaum gezogen
wird. Und auf einmal ist es Nacht, und alles scheint möglich. Das ist
die Südsee, fühlt er und möchte zu zweit sein.


Derselbe beabsichtigte Unernst ist in "Zwiefalten" auch dort auszumachen, wo Gewalt und Gefahr die Szene bestimmen. Ein möglicher Frauenmord, eine Mordgeschichte in Paraguay, sowie Auftritte oder Zitate von Personen der Zeitgeschichte verfallen in einer satirischen Tendenz.
Nirgendwo sehe ich die Hauptfigur in einer unausweichlichen Lage. Unberührt entgeht der distanziete Beobachter allen möglich scheinenden Gefahren und Katastrophen.
Wie Zwiefalten sich einer Wertung verweigert, moralisiert auch Kirchhoff nicht. An die Stelle der Beurteilung tritt die Beschreibung. Szenarien werden mit höchstem Interesse am Detail dargestellt. Knapp, sachlich und distanziert.

Die Frau als Beobachtungsobjekt für die männlichen Figuren Kirchhoffs.
Die an ihnen das Abseitige, Abgründige studieren. Aus der emotionalen oder körperlichen Deformiertheit strömt für sie jene Lust, die zum Beobachtungsorgasmus führt.

Vor dem Geschäft mit den Schlangenlederstiefeln hält sich eine junge
Frau auf ohne Arme. Ich bleibe stehen [...] und schaue auf Umwegen
hin. [...] und nie Gedachtes schießt mir durch den Kopf. Wünsche,
die sich überwerfen zu Begierden, zu Zwangsvorstellungen vom Glück,


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welche ich, nach und nach, mit anderen Überlegungen verschiebe:
Wie schminkt sie sich... wie kleidet sie sich aus... wie reinigt sie sich
nach der Arbeit... wie setzt sie sich, notfalls zur Wehr...


Wieder sehe ich den Autor über seine Texte gebeugt. Das Panorama auf der anderen Seite des Fensters unverändert. Wo frage ich, ist seine Position in dieser Literatur?
Ist er der zynische Beobachter, gleichsam das Duplikat seiner Protagonisten? Der die Deformiertheit der Welt unberührt registriert und unberührt von diesen Erfahrungen bleibt?
Wohl kaum.
Kirchhoff läßt Zwiefalten Mißstände aufspüren, nicht kommentieren. Von der sexuellen Ausbeutung ist im Roman die Rede, vom sozialen Elend, von politischer Unterdrückung, von Gewalt und Beziehungslosigkeit. Dadurch, daß Kirchhoff jede Bewertung verweigert, transportiert er diese auf die Reflexionsebene des Lesers. Und mit ihr ein Maß an Verantwortung. Hinter seinem Rücken soll sich die Erfahrung einstellen.

Ich selbst bin effektiv ein anderer und würde niemals öffentlich [...]
mich zur Geschichte stellen, äußerstenfalls ein paar Worte verlieren, mich
aber nicht erklären wollen, das wäre tatsächlich ein Witz. Obwohl ich
kein Gegner bin von Geschichte. Oder von Sinn. Wenn sich Sinn ergibt,
warum nicht... Ich könnte jedoch [...] völlig schamlos in der Ich-Form
schreiben; das würde mich höchstens als Schreibkraft bezeichnen [...]
mich aber keineswegs bedeuten und schon gar nicht als Autor...

Die "Mexikanische Novelle" (1984) bedeutet wohl eine Zäsur in der Arbeit Kirchhoffs. In diesem Text findet zum ersten Mal eine deutliche Veränderung im Selbstverständnis einer Figur statt. Das zunächst nur beobachtende, sezierend beschreibende und damit seine menschlichen Objekte erniedrigende Ich wird zum Opfer anderer und nimmt sein Schicksal an. Bleibt das Gefühl des Protagonisten am Ende, etwas Eigenes, unverwechselbar Eigenes erlebt zu haben. Das Resümee zieht einer der letzten Sätze:
Langsam glitt ich in ein anderes Leben.

Zitiert werden folgende Arbeiten Bodo Kirchhoffs:
"Ohne Eifer, ohne Zorn"/ "Körper und Schrift"/ "Die Einsamkeit der Haut"/ "Wer sich liebt"/ "Zwiefalten"/ "Mexikanische Novelle"/ "Dame und Schwein"



Der Autor
Günther Freitag, geb. 1952, lebt in Leoben. Veröffentlichungen u.a.: Kopfmusik (1984); Geträumte Tage, Erzählung (1985); Satz für ein Klangauge, Roman (1987); Abland, Roman (1991); Lügenfeuer, Erzählung (1994).
Der o.a. Text ist auch in dem Essayband "Die Mosaike von Ravenna" (2005) enthalten.
Mehr Informationen unter:
http://guenther-freitag.tk/

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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