Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Lehrernacht«

Der Beruf ist doch nur die Spitze des Eisbergs Mensch

„Lehrernacht“ bricht eine Lanze für einen verachteten Berufsstand – Uraufführung im
Landestheater Marburg


Marburg. Eine Komödie kündigte sich an. Die Anfangssituation war der Idealstoff für
komische Verwicklungen und ordentliche Lacher. Eine Schulkonferenz, neun typische Lehrer, so stereotyp, dass man ohne Schwierigkeiten seine eigenen Lehrer wieder erkennen konnte, und die agierten so skurril, dass man sich im ausverkauften Theater am Schwanhof (TaSch), in Marburg befriedigt zurücklehnen konnte und darauf freuen, zuzusehen, wie die Pauker abgewatscht werden. Die Uraufführung des neuen Stückes „Lehrernacht“ von Bodo Kirchhoff, inszeniert von Ekkehard Dennewitz, wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Im Fernsehen lief der Stoff schon unter dem Titel „Die Konferenz“, Dennewitz bewies jetzt, dass er auch bühnentauglich ist.

Schon Hausmeister Dzimballa, von Bernd Kruse mit der glaubwürdigen Mischung aus Neugier und Zurückhaltung versehen, die diesem Berufsstand sicher ungerechterweise angedichtet wird, eröffnete mit seiner Heizungsreparatur den komödiantischen Reigen. Nacheinander betraten sie dann die Bühne, die Teilnehmer einer Konferenz, die entscheiden muss, ob ein Schüler wegen krassen Verfehlungen relegiert werden soll.

Da ist die Direktorin Cornelia Cordes, eine konfliktscheue und entscheidungsschwache Schulleiterin, die von Uta Eisold verkörpert wird. Dann gibt es ihre Freundin, Marlies Kahle-Zenk, deren Mann gerade eine Liaison mit einer Referendarin hat und die deshalb extrem unter Druck steht. Antonia Schauber gibt der Figur Tiefe und Glaubwürdigkeit.

So geht es weiter durch die ganze Palette der Lehrercharaktere. Juliane Beier ist Sophie Kressnitz, die junge Idealistin, die eine Theater- AG leitet, Christine Reinhardt und Jürgen Helmut Keuchel spielen das Ehepaar Stubenrauch in allen Facetten eines alternden 68-Lehrerehepaares und Thomas Streibing ist der Altphilologe Dr. Roman Branzger, dessen homoerotische Neigungen durch den zu verurteilenden Schüler an die Öffentlichkeit kam.

Den nüchtern sachlichen Naturwissenschaftler Rolf C. Pirsich spielte Peter Meyer und den draufgängerischen jungen Sportlehrer Karsten Graf setzte Daniel Kuschewski unnachahmlich in Szene. Jochen Nötzelmann spielte den Lehrer Stern, der die politische Moral an der Schule hoch hält.

Der Schüler, der relegiert werden soll, wird beschuldigt eine Schülerin vergewaltigt zu haben. Die Konferenz steht vor der unlösbaren Aufgabe, zu beurteilen, ob die Beschuldigung zutrifft oder ob das Mädchen die Beschuldigungen erfunden hat. Im Verlaufe des Stücks wird das scheinbare Panoptikum von Lehrertypen zu einer Ansammlung von Individuen, die alle auf ihre Art vom Leben tief verwundet, von der Aufgabe über einen Schüler zu richten völlig überfordert sind.

Dennewitz lässt seine Truppe expressiv spielen ohne die Geschichte unglaubwürdig werden zu lassen. Die anfängliche Häme bei den Zuschauern ob der skurrilen Lehrertypen wandelt sich in Mitgefühl und schließlich in Sympathie für die überforderten Menschen. Am Ende waren nicht die Lehrer abgewatscht, sondern die Gesellschaft, die von diesem Berufsstand allzu häufig erwartet, dass er all ihre Probleme löst, die sie mit dem Nachwuchs hat.



Klaus J. Frahm
in:
Gießener Anzeiger, 18.05.2005.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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