Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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S e k u n d ä r l i t e r a t u r

Körper und Literatur

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Bodo Kirchhoff
In den Frankfurter Poetikvorlesungen Über sein eigenes Werk und über sein Verständnis des "körperlichen Schmerzes" zeichnet Bodo Kirchhoff den langen Weg seiner Überlegungen nach, die schon am Anfang seines Werkes auffallend waren, als er unter dem Einfluß von

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Lacans Theorie stand. Indem er sein Interesse für Winkler offenbart hat, zeigt er, daß es eine enge Verbindung zwischen den Gedanken beider Schriftsteller gibt, die um den Körper kreisen. Eines wird von vornherein klar: dieser Körper existiert nicht mehr nur als Hülle einer Seele. Ganz im Gegenteil: ihn zu beobachten fÜhrt zu einer Erweiterung und Bereicherung des menschlichen Lebens, soweit dieser Körper seine Eigenständigkeit besitzt, die mit der Feststellung der "eigenen Nichtigkeit" beginnt, wie Bodo Kirchhoff die Originalität von Josef Winkler charakterisiert. Daß Bodo Kirchhoff nur die ersten Werke von Josef Winkler schätzt, hat in sich nichts Überraschendes, da er in diesen Romanen die Motivation seines Schreibens, den Kampf gegen die Körperlosigkeit, gegen "seine eigene Nichtigkeit", der auch "ein sprachliches Erretten" ist, entdeckt hat. Der Körper entwickelt sich als Basis aller Versuche, sich selbst auszudrücken. Durch die "Erotik" findet der Schriftsteller eine Möglichkeit, diese "Sprachlosigkeit" zu Überwinden. Das Herausstellen der Körperlichkeit entspricht genau einer Grundeinstellung des Schriftstellers, die schon durch Josef Winkler zur Geltung gebracht wurde.
Die Neugierde (Ferne Frauen, 1987) steht bei Bodo Kirchhoff im Mittelpunkt jeder Geschichte. Am Anfang jeder Suche herrscht aber diese Sprachlosigkeit ("Ich weiß nicht, wie man erzählt": "was ist eine Geschichte"?) Alles ist "unvorhergesehen". Jede Begegnung passiert "zufällig". Von diesem Standpunkt aus wird eine Situation beobachtet, teilnahmslos und dank seiner Augen wird der Schriftsteller die "Räumlichkeit in Redefiguren" umsetzen. Und die Neugierde ist einfach die Art, wie man einen Text "schärfer" macht, das heißt ihm "am Rand eines Abgrunds" sich bewegen läßt.
Das "Verborgene" wird zum "Wesentlichen". Die Literatur ergibt sich aus einer zufälligen Begegnung des Schriftstellers mit einer Wirklichkeit, die es ihm ermöglicht, sich in "einen anderen hineinzuversetzen". Das geschieht nur durch eine genaue Beobachtung des Körperlichen mit all seinen Details, die helfen, die Sprachlosigkeit zu Überwinden. Vor allem hat Bodo Kirchhoff klargestellt, daß er außer sich selbst nichts spürt. Der

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Schriftsteller besitzt die Kraft, das Bild erotischer Situationen ins Sprachliche zu übersetzen, was aber auch bedeutet, daß er, weit weg von Körpern der anderen, fähig ist, sich selbst vorzustellen, so in Dame und Schwein (1985). Als Mann erschafft der Schriftsteller eine erotische Welt weit weg von sich, aber auch unter seiner Gewalt.
In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen klärt Bodo Kirchhoff diese Thematik auf, und er zeigt bewußt, daß alles sich um "Körper und Schrift" dreht. Und im Roman über Body-Building (1980) versucht er durch die Schrift, das Körperlose seiner Jugend zu überwinden. Hier herrscht eine gewisse Sehnsucht nach "verkörperter Freiheit". Zu diesem Zweck sucht er im Körper der Frau das Motiv seines Schreibens, das ihm ermöglicht, sich seiner eigenen Körperlosigkeit zu entwinden. Der Schriftsteller ist, nach Kirchhoffs Ansicht, ein "Dieb in einem Kreis von Dieben". Was eine Geschichte des Körpers werden sollte, entpuppt sich, genauer gesagt, als "die Rede des anderen". Es handelt sich nicht um Außergewöhnliches, sondern um etwas Banales. Wir bleiben am "Oberflächlichen". Es ist kein Zufall, daß das nächste Werk von Bodo Kirchhoff den Namen Die Einsamkeit der Haut (1981) trägt. Mit Recht hat Fritz Joachim Raddatz (geb. 1931) diesen Roman eine "Steuerung von außen" genannt. In der Tat verbringt der Mann aus dem Roman ein gewisse Zeit in einem Peep-Show-Center. Die Augen photographieren die Szene. Nichts darf sich zwischen den Beobachter und die Frau stellen. Die Haut erscheint dem Beobachter "offen". In keinem Augenblick nähert sich der Schriftsteller der Haut dieser Frau. Was manchmal als "Empfindungslosigkeit" charakterisiert wird, ist in Wirklichkeit ein Versuch, einen "Zugang" zur Welt zu entdecken. Die Erforschung des weiblichen Körpers erschafft eine Welt, die nur durch diese genaue Beobachtung des Körpers erreicht wird. Über den weiblichen Körper zu sprechen ist untrennbar vom Versuch, eine "orthopädische Wahrheit" wahrzunehmen, die des "geschriebenen Körpers".
Einerseits gibt es im Hintergrund dieser Behauptung die persönliche Feststellung, daß wir selten "auf eigenen Füßen stehen" und noch seltener "keiner Gehhilfe" be-

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dürfen, um die Körperlichkeit zu konkretisieren. Andererseits erzählt der Schriftsteller durch sein literarisches Werk "Geschichten um die Sexualität", die ihm erlauben, "die unheimliche Präsenz des eigentlich Abwesenden" vor Augen zu führen.
Diese Präsenz des Körpers hängt, nach Kirchhoffs Ansicht, vom Ergründen sexueller "Abgründe" ab - und das mit "Offenheit". In diesem Sinn bleibt Kirchhoffs Werk in der Nähe von Winklers Versuch, das Körperlose zu Überwinden.
Sehr oft wird Bodo Kirchhoff seine "gnadenlose Plattheit", das Unappetitliche, das Abstoßende vorgeworfen. Am Anfangs seines Romans Die Einsamkeit der Haut beschreibt Bodo Kirchhoff den Körper eines Mädchens, die "Wirkung" der verschiedenen Bereiche dieses Körpers und betont, daß da "keine Spur von Geschichten", "keine erzwungenen Formen" zu sehen seien. In der Tat sind es nur "Wärter, nicht Worte", wie Bodo Kirchhoff diesen literarischen Versuch noch einmal in seinen Frankfurter Vorlesungen erläutert. Das heißt, daß es "Einzelgebilde" gibt, die "von absoluter Anwesenheit" sind. Es handelt sich nicht um "Verständigungsmittel", sondern um den Triumph des Schriftstellers, der durch seine Beobachtungen, seinen "Voyeurismus" nicht der Frau,
sondern dem Körper Leben gibt. Die Banalität mancher Beschreibungen lasse sich leicht erklären, indem man feststellt, daß die Realität vom Wort abhängt und die genau Beobachtung des eigenen Körpers sich zu einem Dialog entwickelt, der die Einsamkeit des Helden durchbricht. Der Roman wird durch das "Zusammendenken von Ich und Selbst", durch die Existenz der "Schreibkraft" bezeichnet.

Claude Fourcart

in: Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1995. Eine Sozialgeschichte. Horst Albert Glaser (Hg.). Haupt, Bern, Stuttgart, Wien 1997. ISBN 3-8252-1981-X. S. 666-669.

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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Verlages
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