Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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P u b l i k a t i o n e n



Brief aus dem Flugzeug


in: TransAtlantik
1983
S. 70 - 72



Neben mir sitzt eine gutaussehende junge Frau - dichte, aber schmale Brauen, ruhige grüne Augen, fester Mund, feste Hände - und liest so zugeknöpft in einem amerikanischen Liebesroman, daß mir alle Worte, mit denen ich sie ansprechen möchte, auf der Zunge liegenbleiben. Ich bin unterwegs nach Hawaii, um im Paradies der Vereinigten Staaten sechzig Seiten zu schreiben; der Held eines Romans, an dem ich arbeite, soll dort einige Tage verbringen. (Ich denke an sechs Seiten pro Tag.) Um Geld und Zeit zu sparen, fliege ich »am Stück«.
Es ist elf Uhr dreißig mitteleuropäischer Zeit, das Flugzeug, ein Jumbo der PanAm-Luftfahrtgesellschaft, ist seit einer halben Stunde über den Wolken. Ich sitze am Fenster, meine Reiseschreibmaschine steht auf dem Tablett, das aus dem Vordersitz geklappt ist; ich tippe, und das Flugzeug fliegt, es ist wie ein Abkommen. Die gutaussehende junge Frau neben mir wirft einen Seitenblick auf meine rasch arbeitenden Finger, und ich bewege sie, als schlüge ich Klaviertasten an.

Das Flugzeug, heißt es, lege etwa neunhundert Kilometer in der Stunde zurück; jedem meiner Buchstaben entspricht eine Entfernung. Während der erste tausend Kilometer - es ist jetzt Viertel nach zwölf - habe ich zwanzig Zeilen geschrieben, also tausend Buchstaben hinter mich gebracht. Wenn man so will. Ein warmes Gericht wird serviert, ich schreibe weiter. Die Zeitverschiebung zwischen Frankfurt und Honolulu beträgt elf Stunden; meine Arbeit, die den Flugverlauf »festhält«, soll mich vor dieser Unordnung schützen. Es beginne bald der Spielfilm, sagt der Pilot durch. Das heißt, ich bin schon über dem Atlantik, nach der Dramaturgie eines Amerikaflugs. Draußen ist immer noch Mittag; und bei Sonnenlicht wird die Maschine in New York sein, der ersten Zwischenstation.
Ob ich Schriftsteller sei, fragt mich die gutaussehende junge Frau unerwartet; sie sieht kurz herüber, läßt ihren Liebesroman in den Schoß sinken, und ich unterbreche das Tippen, meine Finger über die Tasten gespreizt. »Yes«, sage ich, und sie ruft leise, das sei großartig, und will dann gleich wissen: ob ich auch veröffentlicht habe. Und als ich nicke, stößt sie einen gedehnten, miauhaften Laut aus und liest danach erneut in dem Buch, das sie ein wenig angehoben hält - unbequem. Ich fläze mich in den Sitz und schaue zur Leinwand.
Der Film spielt im Boxermilieu. Während der Kampfszenen weiterzuschreiben erscheint mir gekünstelt; nur mit dem Leselämpchen zu arbeiten bedeutet tiefe Nacht für mich. »Ich sitze im Flugzeug«, schreibe ich auf, um es nicht zu vergessen; doch ich reise nicht, sondern verreise, so wie man verschläft. Auch nach dem Spielfilm bleiben die Fensterklappen heruntergezogen, viele Passagiere schlummern. Durch einige Ritzen fällt Sonne, nadeldünne weiße Strahlen, die mein Nachtgefühl auf den Kopf stellen. Die Verhältnisse stimmen nicht mehr: Frankfurt, wo es jetzt schon dunkel ist, steckt mir noch in den Knochen; in Hawaii, das mir bereits durch den Sinn geht, wird bald gefrühstückt; dort soll ich um Mitternacht ankommen.

Für das schnelle Zurücklegen einer großen Entfernung gibt es keine Worte, die Reiseempfindung und Art des Reisens zur Sprachen bringen. In einer Kutsche fuhr man beschaulich, manchmal gehetzt; gehetzt oder manchmal beschaulich fährt man Auto. Aber wie fliegt man? Was ist »jetten«? Nicht einmal ein richtiges Fremdwort. Vielleicht ein Ausdruck der Benommenheit des Flugpassagiers, ein Zeichen für das »Verreisen«.
Ich schiebe die Klappe meines Fensters hinauf und bin froh, daß ich Land sehen kann; nie war mir klarer, was es bedeutet, »über« etwas schreiben zu können. Sie beugt sich herüber, berührt meine Schulter, schaut und sagt: Dies sei der äußerste Zipfel von Long Island - und liest dann sofort weiter, als gebe es mich nicht. Interessant, murmele ich und merke, wie meine Hemmung verfliegt; dann müsse dort unten ja »Montauk« sein, oder? Und sie läßt ihr Buch wieder sinken, miaut noch einmal gedehnt und fragt mich, ob ich dort gewesen sei. Nein, antworte ich, tippe triumphierend den Satz, warte nur, daß sie nachfragt: woher ich es dann wisse? - doch sie steht auf, geht zur Toilette; ihr Roman heißt Daisy, von einer Frau Krantz.

In der Lagune zwischen Long Island und dem Festland schimmert an manchen Stellen der Meeresboden durch, Boote ziehen Schaumstreifen hinter sich her, leere Strände leuchten in der Sonne; selten habe ich mich so zum Schreiben gezwungen wie im Moment. Sie kehrt zurück - mit einem Glanz auf den Lippen, frisch versiegelt, schon gar nicht mehr da. Als die Stewardess mich bittet, die Maschine einzupacken, bin ich erleichtert.
Nach rascher Zollkontrolle, da ich nur Handgepäck habe, sitze ich in einem weiten Gang aus Glas und Aluminium im PanAm-World-Port des Kennedy-Flughafens und blicke, wenn ich nicht tippe, durch große getönte Scheiben. Weit im Hintergrund, etwa wie ein kleiner, steiler Schriftzug, steht Manhattan gegen einen wolkenlosen, schon leicht dunstigen Himmel - als schaute ich durch ein gewaltiges Fernrohrauge auf einen Nachbau von Manhattan irgendwo in der Arktis. Nur wenn hin und wieder in der Nähe ein amerikanisches Telefon läutet (wie bei Detektiv Rockford, Anruf genügt), traue ich meinen Augen. Obgleich nicht mehr im Flugzeug, bin ich noch »nicht ganz da«, sondern im »Zwischenreich« der Fluggesellschaft, mit der ich um die Welt reisen könnte, ohne je ein Land betreten zu müssen.
Die Maschine nach Sydney, über Los Angeles und Honolulu, rollt heran, Passagiere sammeln sich zum Einstieg. Eben, beim Formulieren, lief mir ein Schwindel durch den Kopf, als sei mein Hirn halb voll Wasser, das nach einer Seite hin schwappt; bei Personenaufrufen glaubte ich zweimal, mein Name sei gerade gefallen; die Tippfehlerzahl wächst, kaum mehr ein fehlerloses wort. Zu Hause beginnt jetzt das Heute-Journal.

Gleich nach dem Start habe ich mir wieder mein Plätzchen zum Schreiben geschaffen und diesen Satzanfang getippt; schräg unter mir zieht New Jersey vorüber. Fünfeinhalb Stunden solle der Flug nach Los Angeles dauern, Ankunft gegen sieben Uhr abends. Ich bin nicht müde, ich bin nicht wach; eindeutig ist nur mein Hunger. Männer, die in Nachbarreihen sitzen, machen »Hausaufgaben«. Erst als aufgetragen wird, legen sie die Firmenunterlagen weg, und ich stelle die Maschine auf den Nebensitz, der frei geblieben ist; tausend Kilometer oder mehr ist die junge Frau mit dem Liebesroman schon wieder entfernt.
Nach dem Essen fühle ich mich schläfrig und wohl, wie früher, wenn ich lange aufbleiben durfte, wie betrunken unter den Erwachsenen saß. Ganz sicher geht auf langen Flügen, gelegentlich, dieser alte Wunsch in Erfüllung: unbegrenzt aufbleiben zu dürfen, verbunden mit dem Weiterkommen an andere Schauplätze, mit verworrenen, aber guten Gefühlen - für die Nachtstunden in Obhut zu sein, zwar in der Schwebe, doch beschützt, eingewiegt durch das Brummen und kaum merkliche Schwanken des Flugzeugs; dabei etwas erregt, ohne zu wissen, weshalb, mit einer leicht verstopften Nase und halb geträumten Überlegenheitsgedanken - »ich fliege«, sagt man ja gewöhnlich.
Der Kapitän gibt bekannt: dort unten sei Las Vegas, ich blicke aus dem Fenster - diese Punkte dort sollen ein Ort sein, wo ich vor zwölf Jahren schaudernd herumlief .. bis wieder alles rabenschwarz ist, sehe ich hinunter. Das Flugzeug fängt jetzt an zu sinken, ich möchte mir Gesicht und Hände waschen.
Zehn Minuten später - gespannt, ohne mehr Schlaf zu suchen zwischen Absätzen und Zeilen, sitze ich nun aufgerichtet und freue mich zum ersten Mal auf Hawaii; ich habe, seit ich unterwegs bin, viereinhalb Seiten geschrieben, immerhin.
Über dem Horizont wölbt sich ein Schein, meine Nase klebt am Fenster, ein Auge schielt auf die Tasten. Was für eine Schreibkraft ich geworden bin, fällt mir auf, als ich die letzten, blind getippten Worte überfliege. Eine Stewardess sieht mich an - ich verspreche ihr, vor der Landung mein »Büro« abzubauen, rede ein paar Worte mit ihr und schaue dann wieder hinaus.

Erst auf den zweiten Blick kann ich schreiben. Als ob ich durch ein Guckloch, von oben, den Anfang eines Zukunftsfilms erlebte, ein großes, stilles Eröffnungsbild: von links nach rechts und geradeaus so weit ich sehen kann, dehnt sich ein Lichtkörper, ein unübersehbarer nächtlicher Stadtkontinent, wo das Flugzeug von Lichtergegend zu Lichtergegend befördert. Nirgends ist ein Zentrum zu erkennen - an jeder Stelle scheint das Herz der Stadt zu schlagen. Fast gleichmäßig strahlen Schnellstraßenadern, ragen Bauten wie geometrische Berge, verteilen sich Wohngebiete als funkelnde Gitter, Städte in der Stadt. Die Maschine sinkt langsam; langsam und lautlos zieht das Lichtland unter meinen Augen vorbei.
Der Pilot meldet sich - links, sagt er, lande ein anderes Flugzeug, genau parallel.
Ich schaue aus nach etwas Großem, Lautem, Ungestümem - und sehe einen zweiten Jumbo. zierlich wie ein Modell, auf gleicher Höhe abwärts schweben, eine Maschine derselben Gesellschaft - als blickte ich in einen Spiegel. Nie habe ich mich sicherer gefühlt beim Fliegen. Gleichzeitig setzen beide Flugzeuge, erst mit dem hinterer, dann mit dem vorderen Fahrwerk auf und rollen, an unzähligen, in weißem Licht stehenden Maschinen vorbei, dröhnend aus, umgeben von der Stadt.

Reisende nach Honolulu und Sydney erwarte hier ein neues Flugzeug, sagt der Pilot; sie bräuchten nur durch einen Gang zu laufen und kämen schon in die andere Maschine, behielten ihre alten Plätze. (Ich habe auf dem Nebensitz weitergetippt, heimlich und verrenkt, da ich ja angeschnallt war.) Inzwischen sind die Türen auf, und ich unterbreche noch einmal.
Der Weg von dem einen Flugzeug zum nächsten führt durch ein Gang-System. Zuerst durch das »Staubsaugerrohr« ins Flughafengebäude, bis zu einer Gabelung, an der ein Angestellter der Gesellschaft den Weg wies; dann durch einen aufwärtsgehenden, breiten Gang, um eine Biegung, an großen Fenstern vorbei, mit Blick auf eine unerreichbare Straße, Bars und offene Läden, einen Pulsschlag von Los Angeles; schließlich, in einer viertel Schleife, wieder ein Stück weit hinunter und in ein weiteres »Staubsaugerrohr«, angeschlossen an die neue Maschine, die genauso aussieht wie die alte - als sei ich bloß im Kreis gelaufen: die gleichen Polstermuster, die gleichen Proportionen, dasselbe Raumgefühl; und fast die gleichen Stewardessen.
Etwas benommen sitze ich auf meinem neuen-alten Platz und verfolge die dritte Schwimmwestenvorführung; mit einer freundlichen Verlegenheit im Blick zeigt die Flugbegleiterin, wie man, zur Not, seine Schwimmweste auch aufblasen kann. Schon zittert der Teppichboden unter den Füßen, schon werde ich gebeten, während des Starts nicht zu tippen, und ich sehe auf die Uhr - zu Hause ist Freitag, ich finge mit der Arbeit an; hier ist immer noch heute, scheinbar nicht endender Donnerstag.
Fünf Stunden und fünfzehn Minuten sei die Flugzeit bis Honolulu, wurde eben gesagt, unten entschwindet die Küste. Die nächsten Stunden kann ich mir kaum noch eingeteilt vorstellen; zwischen Frankfurt und New York gab es die gutaussehende Frau, zugeknöpft anfangs, dann neugierig, am Ende versiegelt; zwischen New York und Los Angeles gab es meinen Hunger, das Essen und die Sattheit danach. Ich unterhielte mich jetzt gern.

Neben mir sitzt wieder eine junge Frau, aber eher niedlich. Sie schläft. Als das Dinner gebracht wird, öffnet sie kurz die Augen, sagt, sie habe grad gegessen, dreht sich zur Seite, mir zugewandt, und schläft weiter. Ich nehme nur den Nachtisch, dazu einen Cognac und merke - jetzt, bei diesen Worten -, daß meine Tippfehler so zahlreich sind, daß oft nur noch zwei oder drei Buchstaben in der richtigen Reihenfolge stehen - gerade genug, um es nachträglich ergänzen zu können (»ergänzen« zum Beispiel: bis auf das Ä und das N nur Trümmer).
Nach dem Essen werden Decken und handliche Kissen gereicht, ein Spielfilm beginnt, die Halbdunkelheit ist wie ein Sog; ich stelle meinen Sitz zurück, suche mit der Wange das Kissen, noch die Tastatur im Auge. Die niedliche Frau neben mir rückt im Schlaf ein Stück näher, ihre Armbanduhr zeigt halb vier - Ortszeit von wo? Ich spüre ihren Atem auf der Stirn, meinen Lidern, und die plötzliche Intimität rüttelt mich auf, das ausgeklinkte Zeitempfinden rastet wieder ein; was im Augenblick, was soeben passiert, kann ich festhalten: Nacht - Frau - Schlaf - Nähe.
Der Pilot oder Copilot geht durch den Gang und schaut, wie viele Westernhelden schauen: entschlossen in die Ferne, auch wenn er mit jemandem spricht und ihn ansieht. Der Atem der niedlichen Frau macht mir allmählich zu schaffen, ich drehe mich um, lege ein Ohr in die Mulde des Fensters und sehe ab und zu nach draußen. In weiter Tiefe ist ein Pünktchen, wahrscheinlich ein Schiff. Doch das Pünktchen zieht kaum weiter. Also ist es wohl ein Stern. Ich nähere mich der anderen Seite der Erde. Früher glaubte ich: dort stehe man kopf oder falle gar in den Weltraum hinaus; natürlich stimmt das nicht.
Eine Zeitlang war ich »weg«. Das Brummen des Flugzeugs hat sich in unwillkürliche Bilder gefädelt: immer wieder der etwas lahme Rücklauf meiner Maschine und das Gefühl, selbst dieser lahme Rücklauf zu sein; dann ein unablässiges Sichdrehen um die Abkürzung Pan Am. Meine Haare sind fettig.
Es geht bereits hinunter, fühle ich und sage mir, noch fassungslos wie beim Erwachen nach einer Narkose: Die Strecke ist zurückgelegt.

Ich setze gerade und mache noch eine Rechnung. Bis zu diesem Satz habe ich acht Seiten geschrieben, was bei achtundzwanzig Zeilen etwa sechzehntausend Buchstaben bedeutet; im Durchschnitt also ein Buchstabe pro Kilometer. Das heißt, mein Text hat jetzt einen digitalen Bestandteil, eine genaue Entsprechung, als Gegengewicht zu den Vergleichen, die ich heranziehen mußte, um zu schildern, was ich sah.
Lichter tauchen auf, ein heller Brandungsstreifen, runde Bergkegel wie aus Kinderbuch-Illustrationen: zum Reinbeißen. Neunundzwanzig Grad sei es warm und null Uhr dreißig. Eine Stewardess zeigt auf meine Maschine, und ich bitte sie um einen allerletzten Satz; sie wirft einen Blick aus dem Fenster und sagt dann: »Eine halbe Minute!« Ich starre aufs Papier, meine Finger stehen über den Tasten.
Daheim, stößt mir auf, ist jetzt Mittag. Doch das wäre als Schlußsatz zu typisch und auch kein gutes Deutsch. Die Stewardess kommt zurück. Ich sei aus Frankfurt, erkläre ich ihr, seit gestern! unterwegs - und sie, die andauernd fliegt, ruft erstaunt: Das sei ja wirklich ganz schön weit, wie es mir gehe ...
Gut, sage ich und tippe den Satz ohne Fehler.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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