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Leseprobe
Es hieß, Herr B. sei arrogant. Er aß an einem separaten Tisch und sprach mit keinem der Gäste; es war sein vierter Urlaub in Brenzone. Er schätzte den Gardasee, wo das Italienische noch gemildert erschien, durch deutsche Umgangsformen und erfrischende Winde. Auch seine Einsamkeit wurde dadurch gemildert. Sie wurde belanglos, so wie die Unterhaltungen um ihn herum, die sich um nichts anderes als das Windsurfen drehten.
B. war ein vorzeitig ergrauter Mann ohne sportlichen Ehrgeiz. Tagsüber saß er auf dem Balkon und verfolgte mit einem Fernglas die in seinen Augen sinnlosen Anstrengungen auf dem Wasser. So kannte er schon sämtliche Manöver des Windsurfens, einschließlich der Kniffe; Sommer für Sommer hatte er vor allem die Frauen studiert. Er genoß ihren Anblick, so wie er die Lektüre eines guten Buches genoß - hin und wieder seufzend, ohne es zu merken. Unter den Gästen erzählte man auch, er sei ein Vikar. Es war ein leises, unschönes Gerede, bis zu dem Tag, als die Frau des bekannten Literaturkritikers W. im Hotel Riva erschien.
Sie war auffallend dünn und wußte sich im Bekanntenkreis nur dadurch zu helfen, daß sie sich selber verhöhnte: als dünne Gattin ihres Mannes. Es war ihr ersten Urlaub allein, und sie wollte Fett ansetzen und das Windsurfen lernen; sie wollte auch ihren Mann, dessen vernichtende Kritiken ihr ebenso peinlich waren wie seine schwärmerischen, für eine Weile vergessen. Gleich nach der Ankunft schnitt sie sich die Nägel kurz. Gegen Abend zog sie sich um. In einem Seidenkleid, das ihre spitzen Schulterblätter freigab, erschien sie kurz vor acht im Speisesaal.
Die Kellner waren angewiesen worden, sie zu Herrn B. zu setzen. Es war ein weiterer Versuch, ihn durch Verführung in die große Familie der Surfer zu schleusen. B. löffelte die Tagessuppe, als er Gesellschaft bekam. Die dünne Gattin wünschte Guten Abend und machte dann Mmm... Als hätte sie die Suppe schon gekostet! Er nickte nur und löffelte weiter.
Über den Löffelrand faßte er ihre Lippen ins Auge. Sie zogen ihn an. Und je mehr der ganze Mund ihn anzog, desto mehr befürchtete er, daß sie womöglich Fragen an ihn richten könnte. Doch sie lächelte nur ihrem leeren Teller entgegen. Sie lächelte, als läge ein Geheimnis im Teller.
Ihr Mund, fiel ihm auf, hatte keine gewöhnliche, in die Breite gehende Herzform, sondern verlief fast elliptisch: Unter- und Oberlippe glichen einander. Es war eine verwirrende Symmetrie, es gab kein Oben und Unten. Von dem Mund ging eine zudringliche Intimität aus, so daß B. sich wünschte, sie hielte ihre Serviette davor.
Ein Kellner brachte ihr die Suppe. Sie beugte sich herab, um an der Suppe zu riechen, was ihm Gelegenheit gab, seinen Blick etwas wandern zu lassen. Über kleinen, steifen Brüsten wurde der Ausschnitt des Kleides von einer mehr als faustgroßen Brosche zusammengehalten, in der B. nur einen Riegel wahrnahm. Sie machte wieder Mmm... und fing an zu löffeln, und er hörte sich mit einem Mal reden. Er sagte ihr leise, daß die Suppe nicht gut sei. Beim besten Willen nicht.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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