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Elf männliche Blicke auf Ferne Frauen - Elf männliche Ichs, die sich selbst suchen und dabei ins Leere laufen. Das erste versucht sich in ein Mädchen hineinzuversetzen, das, in einem Wasserloch eingeklemmt, unter den Augen der Welt langsam stirbt. Das zweite Ich sieht sich als Fünfzigjährigen, dessen Traum von einem Wesen, das er lieben könnte, plötzlich leibhaftig wird - zum Entsetzen seiner Frau und zu seinem eigenen Entsetzen. Das dritte leidet unter den reizen eines Nacktbadeplatzes; um zu überleben, stellt es sich tot. Ein weiteres erzählt von seinem vierzigsten Geburtstag: die Gäste bleiben fern, doch eine Unbekannte taucht auf, ein fast perfektes Objekt. Das fünfte Ich geht auf Reisen; es verschafft sich Privilegien in einem berühmten Hotel, ohne sie schließlich genießen zu können.

»Raffles Hotel - Ort meines Glücks.«
Das gewisse Etwas zu haben glaubt das Ich eines Sachbearbeiters, der im Fahrstuhl von einer schönen Frau mit Blicken verschlungen wird. Danach kommt ein weitgereistes Ich zu Wort: Es erzählt von ausgefüllten Tagen in Bangkok, von der Fremdheit und von Momenten des Glücks. Das achte Ich schlüpft für kurze Zeit in die Rolle des anderen Geschlechts und macht die Bekanntschaft eines ehedem renommierten Bankiers.Das neunte erzählt aus der Werkstatt eines Autors: von der Schwierigkeit, erotische Geschichten zu schreiben. Das zehnte Ich, ein Fernsehmoderator, erfährt die Kehrseite von »Öffentlichtkeit«: eine Frau, die ihn beim Wort nimmt, kehrt alle Abgründe aus ihm hervor. Das letzte Ich wird von einer Hure um eine Auskunft gebeten; es betritt ihr Zimmer und begreift zu spät, daß es zum Sterben verurteilt ist.
Taschenbuchausgabe

suhrkamp taschenbuch 1691
Erste Auflage 1989
ISBN 3-518-38191-1
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P u b l i k a t i o n e n
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Ferne Frauen
Erzählungen
1. Auflage 1987
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1987
157 Seiten
ISBN 3-518-04429-1
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Leseprobe
Desire
Einmal hatte ich Glück, das war in Singapore. Um dieses Glück zu verstehen, muß man sich folgendes vorstellen: halbfertige, an einen schweren tropischen Himmel stoßende Großbauten, so weit das Auge reicht, nachts unter Flutlicht, Funkenregen aus den offenen Geschossen rund um die Uhr; daneben fertige, aus sumpfigem Boden gestampfte Komplexe, eisig verspiegelte Banken, Wohnblöcke wie massives Gebirge, neonhelle Hochhausklötze über kilometerlangen Passagen mit aberhunderten von Läden voller digitalem Delirium, selbst in den Tunnelsystemen, die in Rohbauten enden - und zwischen all dem, verschwindend klein, ein jungfräulich weißer Bau, mit seinen vielen schmalen Fenstern und den zierlichen Firsten mehr einem alten Flußdampfer ähnlich als einem festen Gebäude, wäre er nicht von steilen Palmen umgeben, würden nicht seine Seitenflügel einen botanischen Garten umrahmen, gäbe es nicht Suiten, die nach bedeutenden Literaten benannt sind, Männern von Format, an die sich manche der greisen Hausdiener noch respektvoll erinnern: Raffles Hotel - Ort meines Glücks.
Ich kam auf dem Landweg von Melaka und wollte dort wohnen, um jeden Preis. Der Herr vom Empfang streifte mich mit den Augen und empfahl mir eine Standard-Suite, er nannte die Summe pro Nacht. Es war ein kleines Vermögen. Darauf folgte eine Szene mit mir selbst, ein Ringen zwischen Vernunft und Verlangen, ich ging auf und ab. Der Portier zeigte unter seinem Tropenhelm keine Miene: er kannte solche Szenen sicher. Als es entschieden war, ergriff er wortlos mein leichtes Gepäck.
Die Standard-Suite hatte mehrere Räume, darunter zwei Bäder. Diese zwei Bäder machten mir mein Alleinsein deutlicher als das gewaltige Doppelbett. Ich benützte sie beide, ehe ich feststellen mußte, daß es keine der Suiten war, die einst ein berühmter Literat bewohnt hatte. Das ließ die enormen Kosten in neuem, sinnlosen Licht erscheinen; verärgert über meine Sentimentalität, verließ ich Suite und Hotel, um irgendwo preiswert essen zu gehen.
Im Lärm der Großbaustellen lief ich über planiertes Gelände und wechselte über sechsspurige Straßen, die etwas Sonderbares hatten. Es gab keinen Abfall. Ich lief durch eine Stadt ohne Reste. Als ich an einer Baugrube, die mir tief wie ein Cañon erschien, stehenblieb, befand ich mich, laut Reiseführer, mitten im Chinesenviertel. Ich suchte einen Straßenzug mit Garküchen, von dem ich gehört hatte. Die Beschilderung war gut, bald erreichte ich die Straße. Sie war sauber eingeebnet, auf der großen, brachen Fläche stand nichts als ein Zelt. Um das Zelt scharten sich Leute. Ich ging hin und stellte Fragen. Es fand eine Zeremonie statt. Sie galt einem Verstorbenen, der an der Stelle sein Haus gehabt hatte. Man sagte mir auch, daß die planierte Straße mit den Garküchen jetzt in den Untergeschossen eines Wohnkomplexes liege, gleich dort drüben, da, wo die Kräne seien, neben der Tokio Bank. Mühelos fand ich hin. Der Komplex umfaßte fünf Blöcke mit je tausend Wohnungen, das war leicht zu berechnen: Stockwerke mal Balkone. Und in den fußballfeldgroßen Untergeschossen standen tatsächlich die Garküchen, die es früher am Straßenrand gegeben hatte, wie Abbildungen in meinem Führer bewiesen. Es waren unzählige Stände mit vier, fünf Tischen davor. Doch wurde nicht nur gekocht. Auch Wahrsager, Gesundbeter, Handleser und Lotterieagenten übten in Nischen ihr Gewerbe aus. Ich zog durch das Gewimmel, von Duft zu Duft. Es schien alles Küchen Chinas zu geben, wahllos strich ich umher. Ich war überfordert. Endlich setzte ich mich zu einem jungen Mann und fragte ihn nach seiner Lieblingsspeise. Er riet mir zu Kanton-Küche, zu dem geschnetzelten Huhn, ohne Fett, ohne Knochen; er bestellte es für mich. Ich lud ihn zum Bier ein, er trank auf mein Wohl. Kaum war das Essen da, begann er zu erzählen, ungeordnet und mit halben Sätzen, als sei er eben nach langer Einsamkeit wieder unter Menschen gekommen. Sein Englisch klang verwildert. (...)
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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