Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Cover Etwas das zählt




Mexikanische Novelle


in Etwas das zählt. Deutschprachige Literatur der achtziger Jahre
Bertelsmann/Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995
S. 141-152

Leseprobe

Ich war nun für mich. Ich lag zur Wand gedreht, mit offenen Augen. Die anderen waren auf dem Heimflug, morgen säßen sie schon wieder in den Redaktionen. Einer hatte mir noch was durch den Türspalt geschoben - "Schick mir doch Deinen Artikel, viel Spaß in Mexiko, Hans!" Leider konnte ich mich nicht an ihn erinnern. Sein Briefchen freute mich auch so.
Bis Mexiko waren es nur ein paar Meilen. Daran dachte ich und fand aus dem Bett. Gegen Mittag lief ich zu der Ausfallstraße, an der das Motel lag. Ich wollte einem Taxi winken. Als ich an einem Papierkorb vorbeikam, warf ich das Briefchen hinein. Ich hätte diesem Hans ja ohnehin nichts schicken können, denn meine Teilnehmerliste war auch schon im Abfall. Wozu die Namen von zwanzig Lokalredakteuren und ihren Provinzzeitungen im Hosensack tragen, samt meinem eigenen Namen. Er stand genau in der Mitte und dahinter nur Frei; das sollte Freiberuflich heißen und hatte die Kollegen neugierig gemacht, auch gereizt. Es waren Fragen gekommen. "Und wohin gehören Sie?", beispielsweise. Ich war natürlich ausgewichen. Warum hätte ich mich mitteilen sollen. Was ich schrieb, ging an die Breisgau-Zeitung. Die Breisgau-Zeitung hatte auch die Einladung erhalten - Besichtigung von Ausbildungseinrichtungen der Luftwaffe in den Vereinigten Staaten. Und da die festen Redakteure abends Häuser bauten oder Frauen hatten, die kurz vor der Niederkunft standen, war es an mich gefallen zu reisen.
"Also", hatte Herr Übelacker gesagt, "da schnappen Sie sich einen jungen Piloten, der aus der Gegend hier stammt, und machen eins Ihrer hübschen Porträts." Herr Übelacker war der Chef der Breisgau Zeitung und mochte meine Sachen. Er fand sie psychologisch, aber klar; Das Porträt der Woche, das ich für die Beilage schrieb, war ja meine Erfindung gewesen. Ich hatte dann nur "In Ordnung" erwidert, worauf Herr Übelacker von seinem einzigen Besuch in den Staaten erzählte, von den Niagarafällen. Ein paar Wochen später war ich nach Murdock, Arizona, geflogen. Und auf dem Stützpunkt dort bin ich Leutnant Ritzi begegnet.
Die Sonne stach, ich sah mich da am Straßenrand. Im Grunde war ich guter Dinge. Ich freute mich auf Socorro, die Grenzstadt; von Ritzi hatte ich schon einiges gehört, über Bars und scharfes Essen und die Wirtin Mamacita. Wenn er hinübergehe, dann zu ihr. Ein Taxi hielt an, ich stieg ein. Der Fahrer war Mexikaner. Er fädelte sich in den Strom, ich sah aus dem offenen Fenster. Die Bergkette in der Nähe von Murdock schien unter einem zitternden Glassturz zu liegen. Das kam von der Hitze. Zwei weiße Maschinen flogen auf den bläulichen Fels zu. Fast gleichzeitig zogen sie hoch und verschwanden im Luftraum. Auf Murdock Air Base hatte ich von einer Wette gehört. Wer zuerst nach oben ziehe, habe verloren. Ich hatte Ritzi darauf angesprochen. Aber er war darauf nicht zu sprechen gewesen.
Die Grenze führte durch ein Flußbett, der Fluß war ausgetrocknet. Auf der Autobrücke standen die Zöllner. Die Kontrolle störte mich nicht, im Gegenteil. Mein Paß war recht neu, das Bild sah mir ähnlich. Doch es wurde nur flüchtig verglichen, schon ging es weiter. Die Fahrbahndecke wurde schlecht, und der Verkehr nahm zu; vor einer Kreuzung stockte er. Ei Junge kam ans Auto. Er begann die Windschutzscheibe zu putzen. Der Junge war dunkelhäutig und schmal, seine Augen lächelten mir zu. Ich wandte mich ab. Wohin jetzt, fragte der Fahrer. Er sprach etws Englisch; mit einer Handbewegung scheuchte er den Jungen. Ich sagte, zu einem Mittelklassehotel, aber mit Pool. Dort wollte ich in Ruhe schreiben. Der Mexikaner bog von der Hauptstraße ab. Das Pflaster hörte auf, ein feiner Sand trieb in der Luft. Ich schloß meine Augen. Morgen wäre auch noch Zeit, mich umzuschauen in der Stadt. Ich war noch nie allein verreist. Mit meiner Freundin war ich oft in Griechenland gewesen. Nach unserer Trennung war ich im Sommer zu Hause geblieben; Marlies hatte zum Abschied gesagt: "Du denkst nur an Dich." Das war natürlich im Affekt passiert.
Erst als der Fahrer den Motor abstellte, schlug ich die Augen wieder auf. Das Hotel hieß Maria del Carmen. Es war ein zweistöckiges Gebäude mit sehr kleinen Fenstern. Ich zahlte und nahm mein Gepäck. In der Halle war es still. Am Empfang saß ein dunkel gekleideter Mann. Nach den Formalitäten wies er mir den Weg zum Zimmer. Es lag im Erdgeschoß und führte ins Freie, auf einen Hof. Ich zog mir Badesachen an, ich steckte das Nötigste ein. Dann griff ich mein Notizbuch und trat vor die Tür. Der Innenhof war lichtdurchschossen. In der Sonne lag eine Frau.
(...)

Aus: Mexikanische Novelle, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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