Ein alter Versager und der Kinderstar
Roman aus Deutschland. Bodo Kirchhoff setzt in "Die kleine Garbo" ein ungleiches Paar in Szene. Ein Buch, das wie ein fesselnder Film geschnitten ist.
Minus vierzehn Grad, Schneetreiben, Eisregen; und dann Wolfsspuren im deutschen Wälder-Weiß. Hier beginnt eine Entführung wider Willen, stümperhaft ausgeführt. Sie ist nur eine Ersatzhandlung und unverkennbar der Tiefpunkt eines gescheiterten Lebens.
In schöner Konzentration und äußerst gekonnt inszeniert Bodo Kirchhoff in seinem neuen Roman "Die kleine Garbo" ein filmisches Melodram, so dass vor dem inneren Auge Gestalten und Handlungen lebendig werden. Das liegt schon daran, dass Fernsehen wie Kino die Geschichte real und als Metapher durchziehen, entführt doch der Pechpilz Giacomo Hoederer, statt sich selbst zu töten, den TV- Kinderstar Marie-Luise März, genannt "Malu" oder "die Kleine". Er selbst besitzt nicht einmal einen Fernseher, liebt alte Filme und Opern, verehrt Edward G. Robinson, die Callas und eben die Garbo.
In bewährter Hollywood-Manier nähern sich das pubertierende Opfer und der knapp 60 Jahre alte Täter langsam einander an. Filmisch ist auch Kirchhoffs Darbietung. Man sieht geradezu die Kamera-Einstellungen, die Schnitte, die klugen Zooms, das Durchstellen der Tiefenschärfe. Der Perspektivenwechsel gehört selbstverständlich dazu, wobei der Leser die meiste Zeit mit Entführer und Entführter in einer Limousine verbringt.
Dazwischen schiebt Kirchhoff Szenen mit der erfolgsgeilen Producerin, dem Sondereinsatzkommando, der Familie Malus und Naturimpressionen als Gegensatz zu all der Künstlichkeit ein. Nichts Erwartbares bleibt aus, obwohl es dann doch unerwartet geschieht, an unerwarteter Stelle oder in unerwarteter Weise. Es ist eine Lust, durch die Seiten zu eilen.
Die Personenkonstellation appelliert fast schon aufdringlich an die Instinkte. Das vom Glück verwöhnte, aber nicht sehr glückliche, ja sich selbst fremde Kind wird von seinem treuen Hund begleitet. Dann ist da der ewige Scheiterer, der sensibel und liebevoll sein kann; der unsympathische Staatsanwalt, dessen Hobby Ironman-Wettbewerbe sind, die Figuren aus der TV-Branche: Abziehbilder, Typen, bis zur Kenntlichkeit übertrieben.
Was unterscheidet das von einem "Schundroman" (unter diesem Titel veröffentlichte Kirchhoff 2002 ein Buch)? Da ist einmal die Souveränität, mit der die erzählerischen Mittel eingesetzt werden, dann eindringliche, leicht variierte Formeln, die Kirchhoff statt der Namen verwendet, schließlich wohlgestaltete Sätze, deren Rhythmus den Leser vorwärts treibt.
"Pulp Fiction" oder den "Buddy-Movies" ähnlich, in denen zwei unterschiedliche Menschen vom Schicksal zusammengezwungen werden, schwebt eine Leichtigkeit über dem Ganzen, eine geradezu tänzerische Fröhlichkeit des Gelingens. Die Formen, Regeln, Gesetze engen nicht ein, sie locken das Spielerische hervor. Es fehlt damit auch das Falsche, was den Roman in Kitsch abdriften ließe. Der Lockruf des Genres, ihm erliegt hier nicht nur der Autor, sondern auch der Leser: beide glücklich.
Rolf-Bernhard Essig
Hamburger Abendblatt, 02.09.2006
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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