Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




R e z e n s i o n e n
zu »Eros und Asche«

Der Schlüssel der Unsterblichkeit

Ruf an, es könnte das letzte Mal sein: Bodo Kirchhoffs schöne Feier der Freundschaft "Eros und Asche".

Unruhe beschleicht einen schon nach wenigen Seiten. Und man ruft, selbst zu später Abendstunde, lieber einen Freund an, um zu hören, wie es ihm geht, denn Bodo Kirchhoffs Buch "Eros und Asche. Ein Freundschaftsroman" spricht vom endgültigen Versäumten, vom zu späten Bereuen. Gleich zu Beginn geht es um das letzte Telefonat mit dem Lebensfreund. Nicht lange danach ist auf dem Anrufbeantworter die Todesnachricht.

Der ganze Roman ruft Gedanken an die alte Geschichte der mythischen Herzensfreunde Gilgamesch und Enkidu wach: Als der eine gestorben war, machte sich der andere auf die gefährliche Fahrt, den Schlüssel der Unsterblichkeit zu finden. Im Mythos findet er ihn, verliert ihn aber wieder, und so scheitert die Rettung. Doch kann der Überlebende immerhin seine Abenteuer festhalten: Es ist die Geburt der Literatur. Auch Bodo Kirchhoff wagt sich in ein Abenteuer, denn er riskiert viel mit seinem hoch persönlichen Buch, auch er kann den Freund nicht retten, auch er beginnt, über sich und seine Irrfahrten zu schreiben.

In "Eros und Asche" erzählt Kirchhoff von seiner Freundschaft mit "M." seit Internatstagen, von seiner Liebe zu diesem Menschen, den die Sucht nach Absolutem und Schönem antrieb, von seiner untröstlichen Sehnsucht nach dem Freund, diesem "Partisanen des Ich", der sich überraschend entzog, Lügengeschichten erfand von seltsamer Wahrhaftigkeit. Sich selbst nennt Kirchhoff nicht nur Ich, sondern öfters in unpersönlichen Umschreibungen "der andere Freund", "der Überlebende", "der Autor", selten "B.K.".

Obwohl dieses Werk so autobiographisch ist, dass es schmerzt, ist es doch gleichzeitig in Wirkung und Komposition ein wahrhaftiger Roman. Er schlägt hier, wie Joseph Brodsky es einmal sagte, die größtmögliche Subjektivität um in etwas, das alle treffen, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Der Leser folgt dem zu Tode verstörten Romancier auf seinem Weg durch Gegenwart und Vergangenheit. Es geht dem Erzähler darum, möglichst viel über das Sterben und Leben des Freundes zu erfahren, von dem er weit weniger weiß, als es die tiefe Liebe erwarten ließe. Die Treffen und Telefongespräche sind in den letzten Jahren vor M.s Tod immer seltener geworden, die ausgesparten Themen mehr. Während der Recherche stellen sich ausführliche Erinnerungen an gemeinsame Urlaube, Gespräche, Stunden gemeinsamen, gedankenreichen Schweigens ein.

Der Erzähler ruft sie aber auch hervor, breitet sie vor sich und dem Leser aus, als könne der so etwas wie der Freund werden, als könne er mit dem Leser spielen, was M. und er spielten: "Ich sehe was, was du gleich sehen wirst." Und tatsächlich läuft während der Lektüre eine Art Film ab. Er erinnert in der Technik an Robert Siodmaks "The Killers". Dort versucht ein Versicherungsagent das Sterben eines ehemaligen Boxers zu klären, mit dem er einst befreundet war.

Am Beginn steht der Tod, dann wechseln sich die Gegenwart des Suchenden und Rückblenden im Film kunstvoll ab. Genauso macht es Kirchhoff, der in evident detaillierter Deutlichkeit Szenen der vergangenen Beziehungstage malt und ebenso deutlich, gleichsam in die Sequenzen mit M. hineingeschnitten, sein gegenwärtiges Schreib- und Privatleben ins Buch aufnimmt; seine Recherche nach Spuren von M., seine Lesereisen, seine Schreiberfahrungen in Frankfurt, Warschau, Lissabon, Torri del Benaco.

"Roman eines Romans", so nannte Thomas Mann sein Buch "Die Entstehung des Doktor Faustus". Die Bezeichnung passte mit größerem Recht auf "Eros und Asche", obwohl sich vieles gleicht. Mann wie Kirchhoff erkranken beim Schreiben schwer, beide arbeiten an einem Freundesliebesroman, beide verweben die Entstehung des Buches und sich selbst in es hinein, beide liefern mit der Freundes- auch eine Autobiographie, beide ziehen recht schonungslos Bilanz. Nur spart sich Bodo Kirchhoff den Extraroman und schreibt gleich von sich, dem Freund, dem entstehenden Buch. Damit erfüllt er eine der letzten Forderungen M.s, der sagte: "Pack unsere Dinge in einen Roman!"

Nichts anderes ist die Romanhandlung im Jahr 2006, der Inkubationszeit von "Eros und Asche". "Der Überlebende" befragt und besucht die letzte "Gefährtin" von M., auch andere, die ihn kannten, er wird mit Teilen des Nachlasses konfrontiert.

Es mischt sich Zeitgeschichte hinein: der "Problembär", der in jenem Jahr durch Deutschland taperte, oder die Fußballweltmeisterschaft. Bodo Kirchhoffs feiner, flexibler Satzbau erfasst das mit gleicher Genauigkeit wie Reflexionen und Gefühlswallungen. Besonders eindrucksvoll ist, wie der Erzähler den Leser mit Trauer und Prüfung, Enthusiasmus und Reue, Liebe und Einsamkeit, Sehnsucht und Glücksempfinden konfrontiert. Er macht sie in filmartigen Sequenzen lebendig, und er lässt uns an seinen pointierten Gedanken über sie teilhaben.

Der Eros einer einzigartigen Freundschaft brennt in diesem Roman, und es ist wie eine Feuerprobe: für den Erzähler, für sein Schreiben, seine Stellung im Leben, seine Ehe, seine Kinder, das Verhältnis zu seiner Mutter. Und so herrlich es ist, ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten, wie es M. hier widerfährt, ruft das Buch doch den Leser auf, Bilanz zu ziehen, ehe alles zu Asche wird.



Rolf-Bernhard Essig
in: Frankfurter Rundschau, 10.10.2007
Homepage des Autors: www.schuressig.de


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
[ zurück ]











   impressum