Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Errungenschaften. Eine Kasuistik






Zeichen und Wunder

Ein Reisebericht
in Errungenschaften. Eine Kasuistik
Hrg. von Michael Rutschky
edition suhrkamp 1101, Neue Folge Band 101
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1982
S. 185 - 194


Leseprobe


Ich selbst, konservativ; aufgewachsen unter anderen Menschen, für die alles »Andere«, sich außerhalb ihrer Kreise Ereignende, nur als »mehr oder weniger« großer Teil von »Ein und Demselben«, jener Wirklichkeit nämlich, die ihnen vorschwebte, annehmbar war; alles darüber Hinausreichende, alles tatsächlich Verschiedene, das sich dem Wunsch nach Harmonie und infolgedessen auch gewaltsamen Wiedergutmachungsformen entzog, das »ganz und gar Andere« also, das sich dem Begehren nach »Ein und Demselben« souverän widersetzte, der durchdringende Blick des Fremden, des unvergeßlichen »schwarzen Mannes« der Kindheit, existierte nur als Drohung am Rande der vertrauten Welt, jenseits einer Grenze, deren Überschreitung mir nicht vorstellbar war ohne die gleichzeitig Angst, daß ich dabei Schaden nähme an meiner unbefleckten Person - und so ist es noch heute: Grenzen halten mich in Gang, die Möglichkeit der Übertretung, Angst und Lust; ein Ringen mit dem »unheimlich Anderen«.
Aber etwas hat sich geändert; etwas ist »anders« geworden. Je deutlicher ich früher diesen Ringkampf verlor, desto stolzer wurde ich. In der Volksschule wurde die Abscheu gegenüber dem »unheimlich Anderen«, dessen Verwandtschaft zu mir für mich undenkbar war, so offensichtlich, daß mich die Proletenkinder, mit denen ich nicht sprechen konnte, dafür schlugen. Während meiner Internatszeit verschob sich dann ein Teil dieser Verachtung und Angst gegenüber verschiedenartiger Menschen hin zu einer Ablehnung bestimmter Geistesgegenstände; Unterrichtsstoff, der in irgendeiner Weise liebgewonnenes Unwissen berührte, fiel mir besonders schwer. Und auch nach dem Abitur, neunzehnhundertachtundsechzig, mußte sich alles, was ich mir nachträglich - zum Beispiel mit diesem Aufsatz - als Erkenntnis an die Fersen hefte, gegen besseres Unwissen behaupten. Ich selbst spielte und spiele in dem Kampf zwischen Anhalt Gewährendem und Bewegung Erzwingendem gar keine besondere Rolle, sondern war und bin nur Austragungsort von Konflikten, die damit in Verbindung stehen, die freilich auch von mir verwendet werden als »meine Konflikte« und dadurch Anklang finden als »gewisses Etwas«.
Ich habe mich nie um irgendwelche Einstellungsänderungen bemüht, um Revisionen in mir; ich war zwar neugierig und wollte mich immer bereichern mit Wissen, scheute mich jedoch vor Neu-erungen. Daß Wissen Macht sei, hat mich stimuliert; daß sich damit auch Ohnmacht verbindet, weiß ich nun auch. Ich wollte immer sein und bleiben, wie ich geworden bin, und dabei ungerührt schreiben - und habe es nicht geschafft.

In den vergangenen Jahren wurde ich mehrfach, auf eine mitunter peinliche Weise, von Nicht-Selbstverständlichem (dessen Zustandekommen HINTER MEINEM RÜCKEN mich zu diesem Beitrag bewog) aus dem Gleichgewicht gebracht; zuletzt bei einem Aufenthalt in einem für mich schrecklich fremden Land der Dritten Welt.

Ich hatte eine Auftragsarbeit übernommen - von den Aktivitäten der DDR in Äthiopien zu berichten -, obgleich alles in mir selbst dagegen sprach, mich in Elend, Schmutz und Unsicherheit zu begeben. Daß ich trotzdem fuhr, lag an der Neugier und also auch daran, daß ich mir reichlichen Schreibstoff versprach - einem Kaufmann ähnlich, der auf Rohstoffsuche in ein Land fährt, dessen Bewohner und Kultur ihm einerlei sind. Ich hatte dort gar nichts verloren, und vielleicht war auch das ein Stück der Verlockung.

Vor Ort war dieser Widerspruch dann handfest. Ich kam mir völlig fehl am Platz vor, als ich zum ersten Mal durch Addis Abeba mehr fortlief als lief - andauernd abgestoßen durch die Armut, und von diesem Abgestoßenwerden auf einem Zickzackkurs weitergetrieben -, bis mich ein junger Äthiopier ansprach. Er stellte sich - Bekele, zweiundzwanzig, Student -, fragte mich, woher ich sei und erzählte dann aus seinem Alltag. Er redete in einem fort, und wir entfernten uns immer weiter von meinem Hotel. Schließlich bekam ich Angst, wollte zurück, sagte ihm, ich würde erwartet, winkte einem Taxi, und Bekele sah mich an: blutunterlaufene Augen, die vielzuviel Bedeutung für mich hatten, der ich ausgeliefert war. Ob wir uns wiedersehen könnten, fragte er.
Zwei Tage später, ich war schon etwas vorangekommen mit meinen Recherchen, rief er mich dann im Hotel an, und mir rutschte ein »Okay« heraus. Bekele holte mich ab, und wir gingen über den Markt von Addis Abeba. Er erzählte mir von den Verhältnissen auf dem Land, wo er aufgewachsen war und immer wieder hinfährt; er sprach von religiösen Bindungen der Landbevölkerung, den Traditionen der Bauern, ihrem komplizierten Erbrecht und den Ungereimtheiten, die dadurch im Sozialismus entstünden.
Eine Zeitlang war ich aufmerksam - er sprach auch recht gut Englisch - und stellte sogar Fragen; angeregt war ich nicht. Femde Länder, das heißt für mich noch immer: kulturell interessante oder kulturell uninteressante Regionen, und kulturell interessant ist alles, was meine abendländische Kinderstube nicht allzusehr in den Schatten stellt. Sizilien ist zum Beispiel sehr interessant; und auch in Tunesien gibt es noch ein paar griechische Reste, über die sich reden läßt. Aber weiter südlich wird es finster - und doch nicht völlig schwarz.
Einiges fällt mir inzwischen schon zu Afrika ein, obwohl ich mich nie darum gekümmert habe; einiges geht mir doch durch den Kopf und macht mir das »unheimlich Andere« zwar nicht selbstverständlich, aber eben »andersverständlich« - durch eine Art von intellektueller Orthopädie. Ich stütze mich auf Bücher. Etwa auf die Bücher von Michel Leiris, die wieder aufgelegt worden sind; die wollte ich unbedingt haben - wegen Leiris, nicht wegen Afrika - und habe dann auch manches gelesen; oder die Schriften von Marcel Mauss, dem Ethnologen, der nur eine einzige größere Reise unternahm - auch in einer schönen Aufmachung neu verlegt. Gestützt durch reizvolle Bücher, begünstigt durch die Lust, sie zu besitzen, und, als Nebenergebnis, gewappnet durch ein paar Informationen, die ich im einzelnen längst vergessen habe, die nur noc übrig sind als feiner Filter, durch den sich aber das Unwissen hindurchzwängen muß, ehe es zur Sprache kommen kann.
Ein etwas verlangsamter Fluß der vorgeschriebenen Rede, ein Stocken hin und wieder, kleine Sprünge und Lücken in meinem selbstverständlich »schwarzen Kontinent«, und also ein paar weiße Stellen, die dem Afrikaner Bekele, auf unserem Gang über den Markt von Addis Abeba, die Möglichkeit gaben, sich nicht nur Gehör zu verschaffen, sondern ansatzweise sogar bei mir einzuschreiben - sich mir als »unheimlich Anderer«, als »schwarzer Mann«, punktuell jedenfalls, selbst- und das bedeutet eben: »andersverständlich« zu machen. So sehe ich es heute, einige Monate danach, während ich in den Notizen lese, die ich im Anschluß an diese zweite Begegnung im Hotel gemacht habe.
»Mit Bekele, dem jungen Äthiopier, der gar nicht so übel aussieht - immer etwas traurig, aber ohne Dümmlichkeit -, über den großen Markt gelaufen. Ärmlichste Verhältnisse; Verkaufen oft nur noch als Zitat. Bekele über die Gegebenheiten auf dem Lande, seiner Heimat; über Traditionen, Religiosität, Bodenrecht usw.; vor allem aber üder die Kooperativen und den Kaffee-Anbau (Kaffee: wichtigsten Exportartikel!). Dazwischen immer wieder seine finanziellen Probleme, die wohl nicht nur Geldsorgen sind. Um zu relativieren dann auch etwas über meine Schwierigkeiten; ich sprach von Übersättigung ... Wichtig: In puncto Kaffee sollte ich nachhaken. Bei der Kaffee-Produktion entscheidet sich, ob der Sozialismus hier ein Fundament bekommt - finanzielle und sozial.«
Es folgen dann noch ein paar Eintragungen über den Markt und die vielen Krüppel; über mich, meine Gefühle, meine Gedanken, steht nichts da, was mir erst jetzt, bei wiederholtem Nachlesen, auffällt; nichts über mich selbst, aber warum? Warum diese Zurückstellung des Persönlichen, die ich keineswegs beabsichtigt habe; und wie kam ich dazu, Überlegungen zu etwas anzustellen, das mir mehr oder weniger gleichgültig ist - einen, wenn auch bescheidenen Gedanken zu fassen im Hinblick auf äthiopischen Sozialismus? In meinem Tagebuch! Ein Vorgang, der für mich im nachhinein etwas von Nachahmung hat, von Mimikry: Übernahme einer bestimmten Geisteshaltung, um dadurch wehrhafter zu erscheinen, wiederum gewappneter zu sein gegen die durchdringenden Blicke des Fremden, die alte Magie des »schwarzen Mannes«.
Also gab es einen Spielraum, der das Vortäuschen von Interesse möglich gemacht hat und damit auch das spielerische, probeweise Ausblenden von Abneigung und Ekel - und das wäre dann wohl schon »Errungenschaft«: sich ein Interesse am »unheimlich Anderen« ausdenken zu können; Neuerung, aus der dann vielleicht der berühmte Funken hervorgeht.
Aber noch einmal zurück, Stichwort »Sozialismus«: von kleinauf ein entsetzliches Wort für mich, wie »Typhus«, »Prolet« oder »Keuchhusten«; später dann allenfalls ein Stück Bildung im Rahmen des Geschichtsunterrichts und noch etwas später, für einige Jahre, eine Drohung, die ich einfach umkehrte, verwendete, mit der ich mich einfach identifizierte - ältester Abwehrmechanismus -, um mich ihrer nach Belieben bedienen zu können. In bezug auf seine Wirklichkeit blieb »Sozialismus« immer etwas Ungeheures, blieb im Machtbereich des »schwarzen Mannes«, irgendwo im dunklen Keller, dem privaten Gulag, den man in seinem Kopf behält - und doch wieder nicht völlig, nicht restlos.
Ich denke an Theaterstücke von Heiner Müller; die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss; die Auseinandersetzung Sartre/Merleau-Ponty; Gedichte von Pablo Neruda; Orwells Mein Katalonien; Ernst Toller; Ulrike Meinhof; an eine Literatur und an Menschen, durch die »Sozialismus« als schwierige Seelenverfassung vorgeführt wird, als Sehnsucht mehr denn als Realismus, wodurch manches verstehbarer wurde und also auch erträglicher.
Zum Beispiel überzeugte Jugendliche, die mich duzen und mich erschrecken mit ihrem frenetischen Beifall, sobald irgendwo, irgendwer ihnen nach dem Munde redet: Ich nehme ihre Geschlossenehit wahr, ihre Umgangsweisen, ihren Mangel an Stil, den sie wie einen Luxus genießen, schmecke ihren Geschmack, ahne ihr Glück in dem Gestank von Solidaritätsschweiß.
Auch das sind Vorstellungshilfen, orthopädische Ausstattungen, bedeutet intellektuelle Unterstützung, mit deren Hilfe es gelingen kann, über das Vorgefaßte, das starre Selbstverständliche hinwegzuschreiten wie auf Stelzen - wankend zwar und von lächerlicher Größe, aber in der Lage, vorübergehend ein Interesse anzunehmen; Fremd-Worte wie »Sozialismus« aufzugreifen in der Art, wie man sich einer neuen Sprache nähert: Die paar Brocken, die man aufgeschnappt hat, einfach verwenden, und schon ist man Teil der Sprachgemeinschaft und muß sich bemühen - engagiert sich nicht großartig, sondern wird es ganz einfach, merkt es vielleicht nicht einmal.

Bei meiner dritten Begegnung mit dem jungen Äthiopier Bekele stellte ich plötzlich sehr viele Fragen, nachdem ich in den Tagen davor ein Buch gelesen hatte über die jüngste Geschichte des Landes. Mich interessierte ganz besonders jene Zeit nach der Revolution, in der viele Intellektuelle, unter dem Vorwand, sie seien Konterrevolutionäre, umgebracht worden sind. Wir saßen auf einer menschenleeren Seitentribüne des »Revolution-Square« - außer uns nur Geier, die in einiger Entfernung hockten -, und ich gab Bekele immer wieder zu verstehen, daß er mir nichts verschweigen müsse. Er sei im Gefängnis gewesen, erzählte er schließlich, vierzehn Monate lang, und sei nur davongekommen, weil er sich dumm zu stellen verstanden habe. Trotzdem sei er kein unbedingter Gegner der Revolution; er wünsche sich einen Sozialismus, der Rücksicht nehme auf die Traditionen des Volkes, ohne gewaltsame Gleichheit; »we are different human beings«, sagte er, und darüber sprachen wir sehr lange.
Rechtzeitig vor der Sperrstunde kam er dann noch mit einer kleinen Geschichte. Ein holländischer Freund habe ihm ein Tonbandgerät geschickt, das er hier zu einem hohen Preis verkaufen könne, nur müsse er zuvor die Einfuhrsteuer bei der Post bezahlen, umgerechnet über dreihundert Mark - ob ich ihm nicht helfen wolle. Er blickte mich an, und es gab nichts zu überlegen. Nach allem, was er mir erzählt hatte, sprach auch nichts dagegen; ja, es erschien mir unvernünftig, ihm in dieser Lage nicht zu helfen, und wir gingen zum Hotel, und ich holte das Geld und fragte nicht weiter, was mich dazu bewogen hat, etwas zu tun, das ich zu Hause, bei vergleichbar wenig Sicherheiten, niemals tun würde.
»Das war ein ganz gutes Gefühl«, trug ich hinterher ins Tagebuch ein; »ich war auf einmal ein ganz anderer!« und fügte noch hinzu: »Gewollter Satz und dennoch: ein Gefühl von Stolz«. Und dementsprechend beschämte es mich und versetzte mich dann in entsetzliche Wut, als Bekele zu unserer nächsten Verabredung, dem Termin der Geldrückgabe, einfach nicht erschien und auch eine Zeitlang nichts mehr von sich hören ließ. Ich haßte ihn.
Kurz vor meiner Abreise rief er mich im Hotel an und versuchte zu erklären. Er sei sehr traurig, sagte er mehrfach, denn er habe ein großes Problem. Sein Freund, der etwas vorbereitet habe für mich, ein Dokument des Widerstandes, sei verhaftet worden, sitze im Gefängnis, und er müsse ihm nun irgendwie helfen, wenigstens für seine Nahrung sorgen. - Er könne mir vieles erzählen, erwiderte ich; ich bräuchte das Geld, das sei auch für mich kein kleiner Betrag. - Er würde es mir beim nächsten Mal geben. - Ein nächstes Mal gebe es nicht, da ich abreisen müsse, er habe das genau gewußt. - Es sei aber wichtig, das Geld, sagte Bekele; »I need the money, you know«, und ich sagte: »I need it too«, und er daraufhin: »But I need it more.«
Ich legte auf und machte mir ein paar Notizen, in einer kaum lesbaren Schrift; ungefähr: »Grauenvoller Haß auf Bekele, der mir mein Geld nicht wiedergeben will; grauenvoller Haß auf alles Schwarze, auf dieses ganze Land. Vielleicht kein Wunder, daß die uns jetzt ausnehmen, aber was heißt ›uns‹? Ich habe nichts damit zu tun! Ich will überhaupt nichts verstehen; wahrscheinlich hat B. alles erfunden: die Gefängnisgeschichte, seine Geldsorgen, alles. Vielleicht auch nicht. Sollte er nciht gelogen haben, versteh ich gar nichts mehr.«
So, in etwa, steht es da, markiert das Ende der Beziehung und auch wieder nicht; ich wundere mich, daß gleich zweimal das Wort »verstehen« vorkommt; wie kam ich dazu? Warum nicht einfach in der Wut: »Er war ein Betrüger, fertig.« Denn das war er doch tatsächlich: ein Betrüger und nichts weiter. Aber eben nicht für mich; für mich war er mehr.

Ich selbst, konservativ; das heißt, ich bin es nicht ein für allemal, sondern trachte danach, sehne mich nach Erhalt, nach einer Wiederkehr des »Ewigselben«, derselben Lust genauso wie derselben Angst. Ganz unmöglich also, in Bekele einen Betrüger zu sehen, mich abzuspeisen mit diesem vergleichsweise faden Begriff aus dem Wörterbuch juristischer Vernunft und Sachlichkeit; das stände am anderen Ende dessen, was mir »konservative Selbstverständlichkeit« vorschreibt: nämlich leidenschaftliches Festhalten an den alten, verlockenden Bildern, den Symbolen, die mich immer wieder schauern lassen.
Mindestens zwanzig Jahre lang lebten für mich in Afrika nur die »Schwarzen«, die »Wilden«, und alle Nachrichten aus Radio und Fernsehen ergänzten die Erzählungen aus Kindertagen. Ich erinnere mich an den Ausdruck »Mau-Mau«: er wuchs zu einem Ungeheuer, das durch meine Alpträume glitt und Bilder des Zerrissen- und Verschlungenwerdens annahm. Und später, tagsüber, im Erdkundeunterricht, sangen wir hinter dem Rücken des Lehrers: »Kasavubu und Lumumba, die tanzen einen Rumba«, und ich stellte mir das wirklich vor - diese beiden schwarzen Teufel beim Tanz auf einem Berg von Leichen - das war meine Dritte Welt.
Woher also diese Bereitschaft, einen Phantasietraum aufzugeben, auf so grandiose Bilder zu verzichten, die Zusatz-Idee des »Verstehens« anzunehmen, etwas Fades einzutauschen gegen etwas Aufregendes? Oder: Woher diese indirekte Selbstbezichtigung, die in der Tagebuchnotiz enthalten ist: Wir haben Afrika ausgebeutet, und nun rächt sich das eben; woher diese Trübung im Blick auf die eigene Kultur- und Zivilisationsform? Schuldgefühle? Fähigkeit, zu trauern? So etwas hat man mir nie beigebracht (und das bekannte Buch dazu hab ich auch nicht gelesen); Gut und Böse wurden eingeimpft und sollten immer ein und dasselbe bedeuten, sich in den immer selben Bildern zeigen - eine Garantie auf lebenslange Gänsehaut: hier der Haß, dort die Liebe und ja keine Vermischung, bloß keine wirklichen, unlösbaren Konflikte; lieber »Endsieg« oder »letztes Gefecht«.
Mehr als überraschend daher dieses Weitergleiten - von der Feststellung »Haß«, die auch Endpunkt hätte sein können, schaurige Gewißheit, zu »vielleicht keine Wunder«. Keine Selbstverständlichkeit für mich, sondern Schritt in eine »unheimlich andere« Gegend, von der heimatlichen Landschaft der Symbole in die nüchterne Region der Zeichen; der Äthiopier Bekele war mit seinem Verhalten auf einmal nicht mehr verführerisches Sinnbild für die phantastische Bosheit der Schwarzen, sondern das bloße Zeichen für irgend etwas anderes: geschichtliche Ereignisse, politische Entwicklungen, allgemeine Umstände usw.; furchtbar verständliche Zusammenhänge, die keinen Grund abgeben für Haß, die meinen »grauenvollen Haß« bodenlos machten; ich mußte mich schon wundern über mich selbst.
Was war geschehen? Zeichen und Wunder, und ich schwamm, und schwimme noch, in einem Mehr von Möglichkeiten; gelöst von Selbstverständlichkeitsstarre stehe nich nicht länger vor der Situation »schwarzer Mann und ich«, sondern befinde mich nunmehr in einer Szene, bestehend aus: »Schwarzer«; »Betrüger«; »Rächer«; »Gauner«; »Afrikaner«; »Äthiopier«; »Bekele«; »Dritteweltbewohner«, sowie »Europäer«; »Westdeutscher«; »Schriftsteller B. K.«; »Tourist B. K.« und noch vielem mehr.
Alles andere als ein klares Gegenüber. Nirgends ein Feind. Keine Schlacht in Sicht, kein Sieg; eine schier endlose Szenerie in unaufhörlicher Bewegung. Keine Sinnbilder; keine Ziele. Statt dessen ein ständiges Weitergleiten von Wort zu Wort, wie im Traum, der alle Symbole verachtet, der keine Rücksicht nimmt, wo alles zulässig ist, alles sagbar, alles denkbar - ohne daß ich etwas dafür kann; »mir träumt«, nennt man das dann, und wenn's nach dem Erwachen weitergeht mit Überraschungen: »Mir scheint ...«
Mir scheint es kein Wunder zu sein, daß mir ein Äthiopier Geld abgeknöpft hat; da geht mir einfach etwas durch den Kopf, das sich vorbeischlängelt an den Symbolen, ihren Verführungen entkommt. Also muß da etwas eingedrungen sein, etwas sehr Geschmeidiges, kein übliches Wissen, sondern etwas, das auf »unheimliche« Weise sich Bahn gebrochen hat, in alle noch so kleinen Ritzen der Selbstverständlichkeitsschutzhaut Eingang fand.
Ich habe mich auf jeden Fall nicht selbst geöffnet. Und trotzdem gibt es dieses Weitergleiten, dem ich unterworfen bin; in der Spanne von »grauenvoller Haß« zu »vielleicht kein Wunder« wirkt sich eine »unheimliche« Aufklärung aus, die hinter meinem Rücken stattgefunden haben muß, die ich nur annehmen kann oder nicht.

Ich wehre mich dagegen. Mir paßt das nicht. Ich will so sein und bleiben, wie ich geworden bin, und mich dabei selbst genießen können. Und nicht nur ich; ich wehre mich ja nicht allein. Ich sehe viele, die sich wehren und erfolgreicher als ich. Alle, die an ihrer Gut- und Böse-Trennung hängen, in deren Lebensalltag das eine mit dem anderen nichts zu tun haben darf, die wieder die »heimliche« Selbstaufklärung ihrer Väter und Mütter betreiben, die furchtbare Dialektik verbannen, das »unheimlich Andere« schlicht vereinnahmen wollen.
Ich kann das nicht mehr so; ich selbst, konservativ, und ich weiß das; ich denke mir: Die »heimliche«, abschließende, selbstgestrickte Form der Aufklärung ist eine Möglichkeit im Umgang mit dem »unheimlich Anderen«; und die zweite Möglichkeit, von der ich nicht mehr absehen kann: nicht endende, impertinente, »unheimliche« Aufklärung, die freilich auch dazu dient, mit Verletzungen fertig zu werden. In meinem Beispiel war es der Verlust von Geld, verbunden mit der Beschämung, der Begrenzung meiner selbst. Ich war der Dumme, Bekele der Klügere - nur daß ich darüber schreiben kann, also nachträglich auch der Klügere bin; ihm hilft mein Geld, mir hilft das Erzählen der Geschichte, das Nachdenken nämlich, und das heißt: Mir hilft das Überschreiten der mir zugefügten Grenze.
Allerdings begebe ich mich damit in einen wiederum »unheimlichen«, weil mir nicht selbstverständlichen Gedankenspielraum, setze mich der »Dialektik der Aufklärung« aus, gerate in die strudelnde Bewegung von der bodenlosen Angst hin zur bestimmten Frucht und wieder zur Angst und wieder zur Furcht; bleibe in einer unentwegten Auffächerung von Gut und Böse, muß Erkenntnisarbeit ohne Ende leisten und weiß auch nicht, was ich erkennen
werde. Ein Ringen um Wahrheit, das in dieser Form erst dreiundzwanzig Jahre nach Kriegsende wieder möglich geworden ist, aber mittlerweile schon nicht mehr lohnend erscheint; Horkheimer/Adorno sind bereits wieder passé, Erich Fromm wird verschlungen.
Für mich, Jahrgang achtundvierzig, ist es Errungenschaft, wenn Zeichen und Wunder geschehen, wenn Symbole in den Hintergrund treten und nur noch mit Einschränkungen leidenschaftlich begehrt werden können. Wenn das eine Vertraute stehenbleiben kann, obwohl sich das »andere Unheimliche« an einem anderen Schauplatz behauptet - nicht dagegen, sondern ergänzend; nicht im Sinne eines Pluralismus, eines möglichst folgenlosen Nebeneinanders, sondern entschiedener Differenz: Der alte schwarze Mann aus Kindernächten in Auseinandersetzung mit dem hinzugekommenen Afrikaner Bekele; der hinzugekommenen Kernkraft; dem hinzugekommenen Franz-Josef Strauß; der hinzugekommenen Frauenbewegung; den hinzugekommenen Hausbesetzern usw.

Deutlicher will ich nicht werden. Die hier vertretene Errungenschaft: Intellektualität; Möglichkeitenversuche; Symbolverachtung; grundsätzliche Treulosigkeit; Gedanken- und Gefühlsarbeit, die ich nicht nur leisten, sondern der ich mich auch aussetzen kann; Brechenwollen, Brechenkönnen mit dem Selbstverständlichen; Ringenwollen, Ringenkönnen um das »unheimlich Andere« - etwas, das der nächstälteren Generation vermutlich so fremd war, wie es gegenwärtig der nächstjüngeren zu sein scheint.
Lang nach achtundsechzig kurz gesagt: Ich bin nicht alternativ, aber habe Alternativen.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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