Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




G e s p r ä c h e
Uwe Ebbinghaus: Schreiben wie auf Zehenspitzen

Schreiben wie auf Zehenspitzen
Bodo Kirchhoff Mit allen Mitteln die Grenzen der Sprache auszudehnen - darum geht es dem Frankfurter Autor. Sein neuer Roman, "Wo das Meer beginnt", kreist um die Aussprechbarkeit der Liebe.

Ein Treffen mit Bodo Kirchhoff zu verabreden kann eine sehr pragmatische Angelegenheit sein. "Am Freitagnachmittag? Ja gut, da ist schönes Wetter, da treffen wir uns am besten im Café Plus, die haben eine Terrasse. Fotos bekommen Sie ja dann vom Verlag", sagt Kirchhoff kurz und etwas barsch am Telefon. Einen Fotografen möchte er folglich nicht dabei haben - ist der Mann, wie es ihm zuweilen schon nachgesagt wurde, eitel, ein Narzisst, der das Bild seiner selbst unter Kontrolle behalten möchte?

Zum Treffen selbst erscheint dann ein Mensch, der solche Mutmaßungen mühelos zerstreut. Mit federndem Schritt führt er ein klappriges Fahrrad spazieren und wirkt dabei überaus entspannt, verbreitet irgendwie Urlaubsstimmung.

Für Kirchhoffs Gelöstheit an diesem Tag gibt es eine einfache Erklärung: Soeben hat er sein Schreibpensum für dieses Jahr hinter sich gebracht, hat vor wenigen Minuten noch ein Interview zur deutschen Rechtschreibreform gegeben und befindet sich nun auf halbem Weg zu seinem Haus am Gardasee, wo er die letzten Augustwochen verbringt.

Es macht Spaß, sich an diesem Tag mit dem Frankfurter Schriftsteller zu unterhalten. Nicht nur, dass er gewohnt präzise formuliert, er ist auch ein bemerkenswert aufmerksamer Gesprächspartner, der höflich auch schwächere Impulse aufnimmt und sehr genau den Nuancen einer Frage nachspürt.

Kirchhoff, dem seit seinen frühen Prosaarbeiten ein Macho-Image anhängt, der wie ein Dressman aussehen kann und in der Öffentlichkeit neben Hannelore Elsner, für die er verschiedene Film- und Fernsehdrehbücher geschrieben hat, mühelos eine bella figura abgibt, wirkt bescheiden und ernsthaft mit Anflügen von akademischer Nachdenklichkeit.

Fast scheu blickt der Verfasser auf sein neues Buch, das vor ihm auf dem Kaffeehaus-Tisch liegt. Bislang hat er in der Öffentlichkeit nicht über "Wo das Meer beginnt" gesprochen. Und es scheint in diesem Moment so, als habe er seine Abneigung gegen die mediale Selbstvermarktung seiner Bücher, die ihn vor Jahren noch jede Möglichkeit zur Fernsehpublicity meiden ließ, nicht gänzlich abgelegt.

"Man muss aufpassen, dass man nicht zum Conférencier seiner eigenen Bücher wird und den Eindruck vermittelt, man spreche über ein abgelegtes Produkt, über das man frei verfügen könne. Das wäre das absolut Letzte für mich. Denn die Anstrengung beim Schreiben einzelner Kapitel oder Absätze ist zum Teil so groß, dass man nachher oft verwundert dem Ergebnis gegenübersteht, das die eigene Person übersteigt", sagt Kirchhoff sehr bestimmt und wohl wissend, dass das Interesse an ihm und seiner Literatur inzwischen groß genug ist, um talkshow-tauglich zu sein.

Wenig später aber wirkt er schon wieder abgeklärt und mitteilungsbedürftig, erinnert an das Einschalten des Aufnahmegeräts - und eine typisch kirchhoffsche Situation entsteht: Ein Mensch versucht - wie etwa in seinem hoch gelobten Roman "Parlando" - einem anderen, "sich selbst zu erzählen" und also eine Sprache zu finden für etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Umgekehrte Bernhard-Suada

Um die Aussprechbarkeit der Liebe geht es in "Wo das Meer beginnt". Zwei Schüler haben sich nach einer Theaterprobe in die Kellerräume des Hölderlin-Gymnasiums zurückgezogen, wo sie ein immer heftiger werdendes Liebesspiel beginnen. Schreie alarmieren eine zufällig in der Nähe befindlichen Lehrergruppe; der Junge wird von einigen der Vergewaltigung verdächtigt. Das Buch beginnt damit, dass einer der Lehrer versucht, gemeinsam mit dem Schüler die Geschehnisse zu rekapitulieren. Der Ältere will den Jüngeren zum Reden bringen über die Liebe und das Verlangen.

Dass es sich hierbei um ein heikles Thema handelt, macht den Autor wie schon im Falle des Kritikermords im "Schundroman" keineswegs befangen, im Gegenteil, Kirchhoff scheint Grenzphänomene wie den Übergang zwischen Liebe und Gewalt für seine Literatur zu suchen.
Beim intensiven Schreiben habe er das Gefühl, er müsse sich "möglichst lange auf den Zehenspitzen halten und die Hände nach der Decke strecken", sagt der 56-jährige, diese Zwangshaltung andeutungsweise nachahmend. Wobei Kirchhoffs Sprachgewalt, sein Parlando, eine Art umgekehrte Bernhard-Suada ist - ebenso hypotaktisch zwar, ebenso atemlos auch, im Grunde aber auf das Positive gerichtet, aufs Durchbrechen von Widerständen, aufs Beseitigen von Krisen.

Von der Skepsis habe er seit langem genug, sagt Kirchhoff. Ihm gehe es darum, "die Grenzen der Sprache mit allen Mitteln auszudehnen" - ein sprachmagischer Ansatz, der im Zusammenspiel mit den thematischen Vorlieben dieses Autors dessen Sonderstellung in der aktuellen Literaturlandschaft markiert.

Dass die Sprache, zumal die künstlerische, in ihrem Potenzial größer ist als wir, ist dabei eine Formulierung, die Kirchhoff im Verlauf des Gesprächs häufiger verwendet. Es ist die Leitidee des Erzählers. So erklärt sich etwa sein vehementer Einspruch gegen die Rechtschreibreform.
Und auch seine Auftritte als Gastgeber einer Literatursendung - bisher hieß sie "cult-date", demnächst wird sie beim Hessischen Rundfunk unter dem Titel "Parlando" neu starten - sind letztlich aus dem Bedürfnis heraus zu verstehen, der Literatur und ihren Ausdrucksmöglichkeiten "zu dienen", ihre existenzielle Bedeutung auf ansteckende Weise aus prominenten Gästen herauszulocken.

Dass Kirchhoff sich auch den Gesetzen von Film und Fernsehen anpassen kann, hat er oft genug bewiesen. Als Drehbuchschreiben ist er gefragt und füllt diese Rolle gerade bei so ambitionierten Projekten wie "Manila" oder "Mein letzter Film" zunehmend gern aus. Bei seinem neuen Roman "Wo das Meer beginnt" ist für Kirchhoff sogar der sonderbare Fall eingetreten, dass sich eine Fernsehfilm-Idee zum Buch auswuchs. Denn der Plot zu seinem jüngsten Drehbuch machte sich allmählich selbständig, und der beschuldigte Schüler, der im Film gar nicht auftritt, wurde zur eigenständigen Figur, an der den Erzähler die Frage interessierte: "Wer bin ich, wenn ich begehre?", eine typische Kirchhoff-Frage.

Sieht man ihn nach Beendigung des Gesprächs federnd sein klappriges Fahrrad davonschieben, kann man sich nur darüber wundern, dass dieser Windmühlenkämpfer gegen die Verarmung der Sprache und des menschlichen Inneren immer wieder auf Äußerlichkeiten reduziert wird.


Uwe Ebbinghaus
in: börsenblatt. 35-2004. S. 30-32
.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
[ zurück ]










   impressum