Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]
















| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |

Drei Fische für zwei Paare


BRAUSEN (mit Blick auf den Fisch)
Wie   w a r   es denn?

INGRID
Ich sagte doch: Ich bin schwanger.
(zu Mercy, die den Fisch jetzt ausnimmt)
Wollen Sie   j e t z t  noch etwas essen?

MERCY
Ich habe Hunger.

BRAUSEN
Ist das nicht verständlich.

INGRID
Durchaus.
(steht auf, faßt sich an ihren Bauch, wendet sich Brausen zu)
Er klopft schon ... da drinnen.
(mit Blick auf Aldo)
S e i n   Samen ist aufgegangen.
Schon nach einer halben Stunde ... empfing ich die ersten Zeichen.
(klopft sich sachte auf den Bauch)
Hallo ... mein Schatz.

BRAUSEN (mit Blick auf den geöffneten Fisch)
Du klebst an mir - nicht umgekehrt.
(zu Aldo)
Sie ist so liebesgierig, daß sie sich an einen Kaktus klammern würde, wenn nur ein bißchen Wärme von ihm ausginge.

INGRID
Wir sind nur hier, weil er nicht weiterkommt mit seiner Arbeit. Ihm fällt nichts mehr ein.

BRAUSEN (zu Aldo)
Und sie macht alles mit.

INGRID (zu Aldo)
Er hat sich übernommen mit diesen vielen Folgen. Daher auch die Stille bei ihm da unten.

BRAUSEN (zu Aldo)
Wurde Ihnen nicht übel bei ihr?

ALDO (erschrocken)
Sowas können Sie nicht sagen ...

BRAUSEN
Ich kann sagen, was ich will.

INGRID (setzt sich wieder)
Das kannst du nicht, Liebling.
Die kleinen Redakteurinnen würden dich auf der Stelle fallen lassen. Und mich gleich mit.

BRAUSEN
Dann sage ich eben zu   m i r , was ich will.
Schwein Fotze Schreiber Aas.
(steht halb auf, zittert - wendet sich Aldo zu)
Ja? - Ich kann alles - sagen zu mir - was ich will. Ich kann mich auch schlagen - jederzeit.
(ohrfeigt sich)
Sehen Sie - kein Thema.

INGRID (in den Raum)
Ich kann das nicht ertragen ...
(hysterisch)
Ich er-tra-ge es nicht!
(zu Brausen, leise)
Laß uns gehen.

BRAUSEN (setzt sich wieder)
Nein.
(schenkt sich Wein nach)
Jetzt fangen wir erst an zu feiern.
Unseren Horror.
(schaut zu Mercy: die auf den Blick hin aufsteht, etwas zurücktritt - schaut zu Aldo)
Wir   s i n d   am Ende, Ingrid und ich, wir waren es von Anfang an. Irgend etwas hatte uns miteinander verhakt - dieses häßliche Wort Liebe, der erste, unbemerkte Tag zuviel, das Stückchen Bequemlichkeit, das wir einander gaben: durch unsere bloße Existenz: die auch die Existenz jedes anderen hätte sein können ...
(nimmt seine Gabel, sticht auf den Fisch ein)
Dieses Fisches! - Dieser Schleie!
(sticht weiter zu, jetzt zu Ingrid gewandt)
Hast - du - dich - von ihm stoßen lassen!?
(richtet ein Blutbad auf dem Tisch an)
Bitte eine klare Antwort!

INGRID
Ja!
(mit Tränen in den Augen, leise)
Ja ... Rein, raus - rein, raus ...

BRAUSEN (triumphierend)
Du weinst!

INGRID
Nach soviel Liebe, Idiot ... sind Tränen nichts Ungewöhnliches ...
Rein, raus - rein, raus ...

BRAUSEN (in den Raum)
Sie plärrt!

INGRID (den Vers beendend)
Fertig ist der kleine Klaus.
Wir werden ihn Klaus taufen - das heißt: Ich habe ihn schon so getauft.
(klopft sich auf den Bauch, flüstert)
Klausi ...

BRAUSEN (leise, ernst)
Ich bringe dich um.

INGRID
Dann nimm dich vor Matzek in Acht - er kriegt sie alle. Rein, raus, rein, raus, fertig ist ...

BRAUSEN (heftigst unterbrechend)
Hör auf!

INGRID (albernd, kichernd - betrunken)
Rein - raus ...
(zu Aldo)
Komm, du auch - rein ...

ALDO
Raus ...

INGRID (zu Brausen, kindlich singend)
Rein und raus, rein und raus, rein und raus und rein und ...

Mercy eilt von hinten an Ingrid heran, legt ihr die Hände um den Hals und drückt zu; Ingrid will sich befreien, aber Mercy ist stärker. Aldo und Brausen sind für Sekunden gelähmt, sie schauen nur zu - Ingrid ist Nahe am Ersticken.

ALDO (zu Mercy, fassungslos)
Du bringst sie um.

BRAUSEN (zu Mercy, ernst)
Lassen Sie das.

Mercy wacht - durch Brausens Worte - aus einer Art Trance auf, lockert ihren Griff, nimmt die Hände zurück, läßt die Arme fallen, steht da wie tot; Ingrid schnappt - erschreckend laut - nach Luft, hält sich den Hals, bebt. Brausen legt seiner Frau schließlich eine Hand auf die Schulter.

BRAUSEN (beruhigend)
Schon gut.

ALDO (fast zugleich mit Brausen)
Es tut mir so leid ...
(steht auf)

BRAUSEN (zu Aldo)
Ich sagte: Schon gut.

ALDO (mit Blick auf Mercy, leise)
Es ist das Heimweh ...
(tritt an ein Fenster, öffnet den Vorhang etwas)
Das verdammte.

BRAUSEN (zu Ingrid, sich erhebend)
Wir brechen auf.
(zu Mercy, im Vorbeigehen, leise)
Sowas geht nicht.
(tritt neben Aldo, schaut auch nach draußen)
Sehr ruhig hier ... Der Süden von Neustadt.
(deutet auf etwas)
Was ist das da hinten - das Rote?

ALDO
Die Stadtwerke.
Sie haben sie angemalt. Oder angesprüht.

-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation des Stückes mit freundlicher Erlaubnis des Autors

| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |

[ zurück ]








   impressum