Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Drei Fische für zwei Paare


IV. IM ESSZIMMER. SPÄTER ABEND.

Brausen, Ingrid und Aldo am gedeckten Tisch - vor jedem ein Teller mit einer gebratenen Schleie und etwas Gemüse; in der Mitte der Tafel eine Schale mit Oliven. Mercy, noch etwas gewagter angezogen als zuvor, dabei mit weißem Schürzchen, schenkt gerade Wein ein; nachdem alle Gläser gefüllt sind, tritt sie zur Seite, und jeder wartet, daß ein anderer als erster sein Glas hebt, das Wort ergreift.

BRAUSEN (plötzlich zu Aldo)
Und? - Ingrid benötigt keine Verhütungsmittel, nicht wahr - das steckt schon in ihr. Ja keine Kinder. Momentan vielleicht angenehm, im Alter eher bedauerlich. So bleiben dann nur ... meine Figuren - die Opfer, die Mörder, die Ermittler. Matzek. Ich habe ihn erfunden - er ist      m e i n   Kind. Und ich hätte gern einen Sohn gehabt, noch lieber eine Tochter. Ein freches blondes Mädchen, ich hätte sie auch nicht besetzt. Ich mag keine Fernsehkinder, sie sind alle scheußlich. Später werden Versager daraus. Die Kinder meiner ersten Serien sind heute Trinker oder Ladendiebe. Darum entferne ich mich auch von der Familienserie. Das Kriminalgenre ist sauberer. Nur daß Sie dann die kleinen mageren Redakteurinnen am Hals haben, mit ihrer schrecklichen Logik - alles muß durch einen Satz belegt sein. Ich erfinde fast nur noch Belegsätze, und die Schauspieler sagen sie auf. Dazu die Angst vor einem unpassenden Mörder. Am besten immer ein   M a n n . Der von einem trinkenden Vater geschlagen wurde. Und schließlich einen Frauenbelästiger tötet. Auf diese Weise sind alle fein raus, verstehen Sie?
Allerdings darf das Blut nicht spritzen - nicht vor einundzwanzig Uhr.

ALDO
Ich vestehe.
(hebt sein Glas)
Zum Wohl.

BRAUSEN (hebt ebenfalls sein Glas, nickt Aldo und Ingrid zu)
Salute.

INGRID (hebt nun auch das Glas, sieht ihren Mann an, will trinken - hält inne, wendet sich Aldo zu)
Ich habe auch eine lustige Geschichte.
Erik und ich ... waren neulich zusammen beim Artz. Bei einem Urologen.
Es sollte einmal festgestellt werden ... wie es im Inneren ... von Eriks Geschlecht aussieht. Er bat mich ihn zu begleiten, weil er ein bißchen in Sorge war, und das tat ich natürlich.
(nippt an Wein)
Eine der Helferinnen des Urologen, jung und ganz niedlich, ich glaube, blond - nahm dann, mit einem Papier zwischen den Fingern, Eriks Schwänzchen ...
(zu Brausen)
So war es doch: er wurde furchtbar klein.

BRAUSEN (ruhig)
Wahrscheinlich.

INGRID
Ja, Liebling. Also er wurde furchtbar klein und ...

ALDO
Der Fisch wird kalt.

INGRID
Das macht nichts.

ALDO (leise zu Mercy)
Warum hat das solange gedauert?

MERCY (leise zu Aldo)
Wir haben uns unterhalten.

INGRID (stochert jetzt in ihrem Fisch)
Er war also furchtbar klein, und die junge Helferin hatte es nicht einfach, das Löchlein vorn zu finden ... um eine Sonde einzuführen.
(zu Brausen)
So war es doch?

BRAUSEN
Es war genauso. Wie spät ist es? Ich habe leider meine Uhr ...

ALDO (schaut auf Brausens Uhr)
Halb Elf.
(will die Uhr abnehmen)

BRAUSEN
Behalten Sie sie ruhig noch an. Es wird das letzte Mal sein.
Halb Elf ...
(zu Ingrid)
Dann ward ihr etwas länger zu Gange.
(zu Aldo)
Eine Zugabe.

ALDO
Ich schaue nicht auf die Uhr.

BRAUSEN
Das sollten Sie aber - Mahlzeit.
(sticht in den Fisch)

ALDO
Ja. Guten Appetit.
(stich ebenfalls in den Fisch)

INGRID
Guten Appetit.
(probiert den Fisch)
Sehr zart ...

BRAUSEN (nach einen Happen, mit Blick auf Mercy)
Ißt Mercy nicht mit?

ALDO
Sie ißt später.

INGRID (zu Mercy)
Es schmeckt köstlich.
Ich hab auch einen Riesenhunger.
(zu Brausen, mit Blick auf Mercy)
I h r   Fisch ist in der Küche - er lebt noch.

BRAUSEN
Das möchte ich sehen.

INGRID (zu Brausen)
Aber vielleicht ...
(tupt sich den Mund ab)
Darf ich erst zu Ende erzählen.
(zu Aldo)
Diese Sonde war also eingeführt ...

ALDO (kauend)
Ich habe auch Riesenhunger.

BRAUSEN
Warum?

ALDO
Ist das nicht normal - nach der Arbeit.

BRAUSEN (mit Blick auf Mercy)
Dann müßte sie jetzt ebenfalls Hunger haben.

ALDO (erschrocken)
Wieso?

BRAUSEN (holt einen Umschlag aus seiner Jacke, legt ihn vor Aldos Teller)
Hier ist übrigens Ihr Geld.
Die ganzen Tausend.

ALDO (nimmt den Umschlag)
Danke.

INGRID
Zählen Sie lieber nach.

BRAUSEN (knapp zu Ingrid)
Geht's dir gut?

INGRID
Großartig.
(zu Aldo, aber auch zu Mercy - essend)
Diese Sonde war also eingeführt ... aber sie lieferte keine Ergebnisse. Als ob es da drin ... gar nichts zu sehen gäbe. Sozusagen ein leeres, hohles Etwas. Andererseits ...
gab es diese Beschwerden ...
(schaut zu Brausen)
Oder nicht?

BRAUSEN
Ja. Beim Wasserlassen.

INGRID
Aber auch sonst, Liebling. Und deshalb probierte es der Urologe dann noch mit einer anderen Öffnung, assistiert von seiner Helferin.
(zu Aldo)
Und ich hielt Erik die Hand, während dieser Prozedur. Das war das Mindeste, was ich tun konnte.
(zu Mercy)
Haben Sie ihm auch die Hand gehalten?

MERCY
Pardon, madam?

INGRID
Ich fragte, ob Sie meinem Mann auch die Hand gehalten haben - vorhin, als er seine Karte holte. Und dann das Geld zog. Und danach ja sicher noch etwas Zeit war ...

BRAUSEN
I c h   habe   i h r   die Hand gehalten. Während sie ihre Bewerbungsrede übte.

INGRID
Eine Bewerbungsrede! Können wir die hören?

ALDO (auf einen fragenden Blick von Mercy hin)
Sag ein paar Sätze.

MERCY (fast monoton)
Make-up-Beratung sollte man nicht unterschätzen, Herr Dietz - die wenigsten Frauen schminken sich zu ihrem Vorteil, weniger ist in jedem Fall mehr, was auch dem Haushaltsgeld zugute käme, aber es bleibt natürlich Ihre Entscheidung, Sir, ob der Salon Dietz so etwas einführen möchte ...

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Digitale Präsentation des Stückes mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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