Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Lebensraum Frankfurt am Main - ein Mann zieht dorthin, wohnt dort eine Zeitlang und zieht wieder weg. Ein "Kleinbürgerfreak", der gleich nach seiner Ankunft auf das Bahnhofsviertel stößt und auch weiterhin in dieser Gegend "Erlebnisse registriert". Das Vorgefundene bestimmt seine Perspektive; das, was sich zuträgt die Art und Weise der Rede. Das registrierende Ich notiert die Grausamkeit des Augenblicks bei einer ausländischen Prostituierten, sieht Zehn Minuten vergehen, vermerkt Haarscharf verfehltes Glück in der Liebe in einer Peep-Show und einem Schnellrestaurant, verfolgt die Unnatürlichkeit der Lust in einem Stundenhotel, glaubt sich in seiner Wohnung als Mittelpunkt des Universums und wird als Unfallzeuge von einer Notwende überrascht. Was ihm in den einzelnen Episoden zustößt, bringt das registrierende Ich zur Sprache, mit genauen Angaben von Ort und Zeit, wodurch nach und nach ein geschriebener Stadtplanausschnitt entsteht - eine Topografie von Wunschverläufen, in denen sich das Mögliche mit dem Unmöglichen, das Heimliche mit dem Unheimlichen mischt. Die Einsamkeit der Haut ist die Rede von Körper- und Stadtregionen. Eine Rede, die ausschließlich vom Begehren des Beobachters geleitet wird, der seinen Blick nicht abwenden kann. Er muß sehen was vor ihm liegt, was ihm in die Augen fällt - hingerissen von der Anziehungskraft eines Gegenstandes, eines Körperteils, eines Bildes, eines Blicks. Er beobachtet rücksichtslos; er eignet sich nichts an, nicht einmal Gefühle - durch seinen Kopf geht ihm der Satz: Jene Angst, die alles begleitet, stammt überhaupt nicht von mir.




Bodo Kirchhoff

Foto: Roman Soukop





P u b l i k a t i o n e n

Die Einsamkeit der Haut







Die Einsamkeit der Haut

Prosa

1. Auflage 1981
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1981
100 Seiten
ISBN 3-518-03431-6

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Leseprobe

Grausamkeit des Augenblicks

Rücksichtslos an den Entgegenkommenden vorbei, auf einen Ausgang zu. Der Frankfurter Bahnhof ist ein Kopfbahnhof. Ich weiß nicht, was ich heute schon in dieser Stadt zu suchen habe. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, erst morgen in der Früh zu fahren. Etwas drängt mich seit geraumer Zeit. Doch nicht mal die Vorstellung, was es gewesen sein könnte, besteht.
Durch Unterführungssysteme, im Hin- und Rückfluß zahlloser Menschen, deren Tod mich nicht berühren würde, und wieder hinauf auf eine Straße, in der wohl niemand mehr wohnt. Vorüber an Spielhallen, Schnellwäschereien, Ausländerscharen, einem Mannschaftswagen und Häusern voller Frauen. Nirgends ein Lebensmittelgeschäft; ich habe Lust auf eine Tüte Milch. Hinter den Fenstern statt dessen versprechendes Licht oder überhaupt nichts. Aufgegebene Räume wahrscheinlich, verwaiste Zimmer. Ich biege um die nächste Ecke und betrete das erste Gebäude auf der rechten Seite. Im Treppenhaus und in den Fluren streunende Freier, in den offenstehenden Türen überwiegend Schwarze. Andere Rassen sind schwächer vertreten. Ich weiß nicht, was ich will im einzelnen und folge meinem Blick, wohin er fällt.

Die junge Frau ist aus dem Mittelmeerraum, vermutlich. In ihrer Kammer steht eine Liege, und neben der Liege, auf einem Schränkchen, reizt mich etwas von weitem, das ich nicht bezeichnen kann. Eine mechanische Lichtorgel vielleicht; mir fehlt das treffende Wort.
Wieviel ...? will ich wissen und außerdem noch ihren Namen. Sie deutet Richtung Brustbein - auf sich. Rosalia.
Möglichkeiten gehen mir durch den Kopf, während sie anfängt zu reden, meinen Spielraum verengt. Ihr Sprachschatz ist gering. Einige Begriffe für das, was sie bietet, die Zahlen Dreißig und Vierzig, das Hauptwort Gummi und die Verhältniswörter mit und ohne. Ich merke, daß sie mich erreicht hat. Etwas zumindest, das mich durchzieht, und komme mir entblößt vor. Nicht auszudenken, daß sie mit nur einem, noch dazu falsch ausgesprochenen, verstümmelten Wort, zur Sprache bringen könnte, was ich womöglich von ihr will.
Wie heißt das neben deinem Bett, das Bunte da ...? Die kleinen Hausaltäre fallen mir ein, die ich im Süden ab und zu gesehen habe, wenn ich in den Armeleutevierteln einen Blick in die offenen Fenster warf, auf Betten, in denen Greisinnen lagen, unterhalb der bunten Lichter. Anregend der Gedanke, daß sie noch fromm ist; aber es könnte sich auch schon erledigt haben.
Du wollen ...? fragt und löchert sie mich, und ich gehe in die Kammer. Sie schließt die Tür hinter mir, sagt noch einen weiteren Halbsatz, verwendet den Ausdruck schön, und ich greife ihn auf.
Was ist das für ein schönes Ding da neben deinem Bett ...?
Sie streicht mit den Fingern darüber, tippt es an, steigert das Spiel der Farben. Einen Augenblick lang scheint sie sich zu freuen, dann möchte sie Geld. Als sei etwas Bestimmtes vereinbart worden, besteht sie auf Vierzig, und ich reiche ihr zwei Scheine, die sie in einer Schachtel verstaut. Danach zieht sie ihre Wäschestücke aus, wendet mir dabei den Rücken zu und lenkt mich ab.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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