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"Denn seine Nase ist verhältnismäßig klein, mehr für die Feinheiten des Ausdrucks geeignet, zum Beispiel, zum Rümpfen ..."
»Er ist eine der schillerndsten Figuren des internationalen Jet-sets: der "schöne Consul" Hans-Hermann Weyer, der seit der Adoption einer Comtesse von Yorck im Jahre 1996 behauptet, mit dem englischen Königshaus verwandt zu sein und den Namen Consul Weyer, Graf von Yorck führt. Seine Maxime lautet: "Immer denken, dass man der Größte ist, auch wenn es nicht stimmt." Solche und ähnliche Einsichten - etwa wie man "mit geringem Aufwand das größte Geld" verdienen kann - vermittelt er auch in Vorträgen zum Thema "Selbstpositionierung". Diese Kunst beherrscht der Consul, der zuletzt mit der Ankündigung, er wolle Staatspräsident von Paraguay werden, für Schlagzeilen sorgte, perfekt. Über sein genaues Alter schweigt sich der Paradiesvogel aus. "Da bin ich eine männliche Greta Garbo", sagt er.
Seit mehr als dreißig Jahren verkauft er gegen viel Geld Ritterschläge, Diplomatentitel, Doktortitel, Adelstitel und Orden. Sein erster Kunde war der Vater eines Klassenkameraden. Dem vermittelte er gegen 20.000 Mark den Posten als Honorarkonsul von Bolivien. Damals war Hans-Hermann Weyer 18 Jahre alt. Bis heute ist er dem Gewerbe von einst treu geblieben. Geändert haben sich freilich die Preise: Inzwischen kostet der Titel eines Honorarkonsuls 200.000 Mark. Die Einnahmen teilt sich der Consul mit den Staatspräsidenten der jeweiligen Länder. Dreimal im Jahr hält er sogenannte "Sprechstunden" ab, bei denen Interessenten ihre Wünsche vortragen können. Und das Geschäft mit der Eitelkeit scheint noch immer zu florieren. 1.300 Auszeichnungen und Orden sowie 670 Konsulate will Weyer in den vergangenen Jahrzehnten vergeben haben.
Seine Geschäfte wickelt er schon lange nicht mehr in Deutschland ab. 1980 kehrte der gebürtige Berliner seiner Heimat den Rücken. Zwei Jahre zuvor machte er kurze Zeit als Kanzlerkandidat der selbstgegründeten "Deutschen Freiheitspartei" von sich Reden und zog dann nach Paraguay. Mit dem damals amtierenden Staatspräsidenten Stroessner verband ihn eine enge Freundschaft.«
Quelle: www.consulweyer.de
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P u b l i k a t i o n e n
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Der Mantel des schönen Konsuls
Neue Flüchtlingsgespräche in Asunción
in: TransAtlantik
Heft 10, 1981
S. 52 - 64
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Hinter mir ist plötzlich ein Geräusch, das wie mein Name klingt; etwas überdreht wende ich mich um und taumele für einen Augenblick: aber die Cafeteria, in deren Eingang ich stehe, ist noch immer wie leer. In einer Nische sitzt ein alter vogelgesichtiger Mann mit geschorenem Haar, spähenden Augen und Lippen, dünn wie Klingen, die in ständiger Bewegung sind, als halte er, in einem Leerlauf, geschliffene Reden. Ich gehe zu ihm hin und frage: »Sind Sie Deutscher?«
Mit kantigen, aus zu kurzen Ärmeln eines Regenmantels weit hervorragenden Händen teilt er mir mit, daß ich Platz nehmen solle; und als die Bedienung kommt, sagt er laut: »Sie brauchen hier nichts zu bestellen, seit ich hier sitze, hab' ich noch nie was bestellt. Ich bin seit sechsunddreißig Jahren in Paraquay.« Und dann wetzt er wieder seine Lippen, starrt wie ein präpariertes Tier und stößt Luft aus der Nase. Ich schnipse Polsterteilchen fort, die aus dem durchgesessenen Bezug der Sitzbank bröseln. »Und Sie?«, fragt er auf einmal, »wollen Ihr Geld loswerden ...?« - »Mich umsehen«, sage ich.
»Woll'n Se'n Mädchen?« fordert er mich raus, und ich schüttle den Kopf. »Aber das einzige gegen die Kälte. In einem Land ohne Heizung hilft nur noch 'n Mädchen im Winter. Die kalte Feuchtigkeit mach Sie klein! Haben Sie Geld dabei? Können Sie gleich nachher mein Mädel haben, sauber und warm. Wieviel Geld haben Sie?«
»Nicht so viel«, sage ich leise, und er verzerrt das Gesicht; ich folge seinem Blick und sehe zwei Männer, die sich am Nachbartisch setzen. Einen schnurrbärtigen kleinen, Strähnen über die Halbglatze frisiert, Anfang Vierzig, der mich aus flinken Mausaugen, die ein Gewebe von Fältchen umgibt, aufmerksam mustert; und einen rotköpfigen, gut zehn Jahre älteren, durch einen angeschlagenen Sonntagsstaat beengten Mann mit weiten Nasenlöchern, von dem eine ansteckende Unruhe ausgeht.
»Guten Tag, Herr Professor«, ruft der Kleine herüber, während der Alte neben mir bereits aufgesprungen ist und nunmehr, mit zornigen Schritten und nach vorne gebeugt, wortlos die Cafeteria verläßt. »Der mag mich nicht«, erklärt mir der Kleine, »weil ich jedem sage, daß sein Mädchen keine Zähne hat. Wollt' er sie Ihnen vermieten?« Ich nicke, und der Kleine rutscht näher.
»Stassek. Wenn Sie hier was brauchen ...«
»Im Moment nur eine billige Pension.«
Der Rotköpfige wirft einen Blick auf mein Gepäck und nestelt dann weiter an seinen Strümpfen herum; und während mir der Kleine eine Adresse aufschreibt, spricht er mich an - ob ich in Asunción ein Grundstück kaufen wolle.
»Mit meinen paar Dollar ...?«
»Neulich haben sie einen totgeschlagen; wegen zwanzigtausend ...«
»Wer ist ›sie‹?«
Stassek, der Kleine, schiebt mir den Zettel halb über den Tisch, seine andere Hand lieg geöffnet daneben - »fünfhundert ...« Und ich lege ihm einen Schein in die Hand, knapp vier Mark, und erhalte die Adresse. Ich sage danke und will gehen, doch der Rotköpfige greift mich am Arm - ob ich mich bei Konsol Weyer schon gemeldet hätte, möchte er wissen und fügt hinzu: Er selber habe das nicht nötig; er sei ebenfalls Makler, mit Büro in Liechtenstein, er kenne alle Bräuche. Und dann gibt er mir die Hand. »Schmidt, Schmidt-Liechtenstein. Aber ein Teufelskerl!« - und seine Nasenlöcher weiten sich noch - »ist das ja schon, dieser Konsul.« Stassek winkt ab, der sei nur schrecklich groß, »drei Köpfe größer als ich; mir hat schon geträumt von dem!« Und ich sage, mir auch, stehe auf und verabschiede mich.
Die Pension wird von Fräulein Andreza geführt; »Fräulein Andreza«, sagte sie zur Begrüßung, dann war ihr Deutsch zu Ende. Sie hat eine helle, durchsichtige Haut, an allen in Frage kommenden Stellen von einem dunklen Flaum überschattet. Mein Zimmer ist geräumig und kalt, an den Scheiben rinnen kleine Bäche herab. Ich mache Liegestützen gegen die Kälte, rasiere mich anschließend und dusche dann heiß. Für eine halbe Stunde ist der Spiegel beschlagen. Nachdem er endlich frei ist, kämme ich mich, binde mir eine Krawatte und verlasse das Zimmer. Es hat aufgehört zu regnen, auf dem Gehsteig raschelt. Laub. Die Avenida Brasil liegt ganz in der Nähe; dort wohnt der Konsul, dem ich einen Brief geschrieben habe.
Seine Sekretärin, die den Brief beantwortet hat, öffnet mir die Tür. Ich solle ihr ins »Musikzimmer« folgen, dort warteten zwei Kunden - ich bekäme dann bereits einen Eindruck, habe der Herr Konsul gesagt, der sich noch entschuldigen lasse.
Das »Musikzimmer« ist ein kleiner, angenehmer Raum, der mich sofort eingenommen hätte, wenn er nicht »Musikzimmer« hieße; es gibt eine Stereoanlage und ein Videogerät. Der eine Kunde steht an einer Glastür und sieht in den Garten, ich erkenne ihn von hinten. Der andere Kunde sitzt auf einer Couch, gekrümmt, als hocke er auf der Toilette. Er ist in meinem Alter und hat weiche, unstete Augen. Die Sekretärin stellt mich vor, Schmidt-Liechtenstein macht auf dem Absatz kehrt. Noch immer trägt er seinen engen, angeschlagenen Sonntagsstaat und grüßt, als kenne er mich nicht. Der Gekrümmte nickt bloß und sagt »Huber«.
Ob ich ein Kaffeechen wolle, fragt die Sekretärin. Sie hat etwas Nonnenhaftes. »Das wäre nett«, antworte ich und schaue dann auf die Bücher, die sich neben Stapeln von Kassetten reihen. Fest eingeklemmt zwischen nicht Nennenswertem steht Jean Amérys Hand an sich legen. Nachdem die Sekretärin uns allein gelassen hat, nähert sich Schmidt-Liechtenstein und macht entschuldigende Gesten. »Ich wollte mich ja nur mal melden hier«, tuschelt er mir zu; »sicher ist sicher, ich will ja raus aus Europa.«
»Und warum?«
»Krieg; Sozialismus; Scheiße ...«
Im Nebenzimmer schrillt ein Telefon, Herr Huber schnellt aus seiner Gekrümmtheit und bleibt regungslos stehen, bis die Sekretärin ruft: »Immer noch nichts!« Wie ein im Magen Getroffener sinkt er wieder in sich zusammen und redet auf einmal. Sozialismus gebe es ja drüben schon, halbe-halbe mit dem Finanzamt, Freiheit ade; wenn er hier zum Airport fahre, dann wären das zu Hause schon zehn Punkte; leider müsse er noch mal zurück. Und dann ruft er nach drüben: »Können wir noch 'n Film ansehen?« - und leise zu mir: »So was muß die Ute machen; die hat hier den Überblick, die Ute.«
Schmidt-Liechtenstein, der wieder in den Garten blickt, winkt mich heran. Er habe schon zwei Herzinfarkte hinter sich, außerdem eine tödliche Scheidung, und suche auch so eine Oase, so einen Bungalow, so eine Hängematte zwischen hohen Bäumenn ... Und er holt seine Brieftasche raus und zeigt mir seine zweite Frau - »Thailänderin, absolut lieb ...« Ich will ihn fragen, ob er Bangkok kenne, aber Ute, die Sekretärin, bringt meinen Kaffee und einen Teller mit Strudel.
»Schau her«, sagt Herr Huber, »der Apfelstrudel von Frau Hirsch. So etwas haben Sie noch nie gegessen.« Wir greifen zu, und Ute schlägt unterdessen Spielfilme vor. Bei bestimmten Titeln hält sie inne. »El Dorado«, wiederholt Herr Huber, und Schmidt-Lichtenstein nickt. »Vorher aber noch das Neueste über den Konsul«, sagt Ute und reicht mir eine aufgeschlagene Illustrierte. Herr Huber rückt näher und überfliegt den Bericht, »das gibt's nicht« murmelnd, als er Bilder von dem Garten sieht, der vor der Tür liegt: Dschungel angeblich, durch den der Konsul sich kämpft. Er blickt gedankenverbissen. Erst das Telefon, das wieder schrillt, beendet sein Brüten. Ute läuft nach nebenan.
»Warten Sie auf etwas?«, frage ich ihn, und er faltet die Hände. Mein Name wird gerufen, der Anruf sei für mich. Ich trete vor das Zimmer auf einen breiten Gang. An den Wänden hängen Fotos und eingerahmte Schlagzeilen, auf einem durchgehenden Tisch liegen deutsche Zeitschriften, geordnet, neben Akten und Briefen, ausgebreiteten Bauplänen, halb eingerollten Generalstabskarten. Am Ende des Tisches steht Ute und hält den Hörer in der Hand. Der Herr Konsul habe sich gedacht, daß ich da sei. Sie übergibt mir den Hörer und schaut mich leise triumphierend an, als seien wir schon von Anfang an zu dritt gewesen.
Ich melde mich mit meinem akademischen Titel und sage guten Tag, und er grüßt mich mit vollständiger Anrede zurück und erkundigt sich nach meinem Befinden, und Ute nickt dazu ganz sachte, als sei sie mitverbunden. Mein Blick schweift über ihr Gesicht, über Spuren, die das Mienenspiel der Unschuld hinterläßt, über Faltenzüge, die wie feine Narben aussehen - und schweift dann ab zu einem Foto über ihrem Kopf: Ein eiförmiger Herr, der unter einem wuchtigen Geweih steht, wird vom Konsul, im Beisein kirchlicher Würdenträger, zum Ritter geschlagen. Der Konsul wirkt noch lausbubenhaft auf dem Bild, mit einer falschen Sorgenfalte auf der Stirn, durch zugespitzten Mund Hohlwangigkeit vortäuschend.
Ob ich Lust habe, fragt er, heute abend in die Kirche zu gehen, er habe es Ute, ohne die er hilflos sei, seit langem versprochen, da sie nachher im Deutschen Kirchenchor von Asunción singe. So könnten wir uns heute auch noch sehen ... Und ich sage ja, und er sagt: »Herrlich, wir holen Sie dann ab.«
Fräulein Andreza hat mir eine Nachricht von Stassek gebracht. Mit nicht ganz angehobenen Augen streift sie, im Hinausgehen, über das zerwühlte Bett; ich hatte mich hingelegt und gelesen, Joseph Breitbach, Bericht über Bruno. Stassek schreibt, er könne mir alles besorgen, wenn nötig auch eine neue Identität; morgens sitze er wieder in der Cafeteria. Ich zerreiße das Briefchen und kleide mich um.
Als ich gegen halb acht auf die Mariscal-Lopez-Straße trete, an der die menschenleere Pension liegt, fährt eben ein Mercedes mit CC-Emblem vor. Am Steuer sitzt der Konsul, unverkennbar, neben ihm Ute in einer hochgeschlossenen weißen Bluse, im Fond sitzt Herr Huber. Der Konsul steigt aus und gibt mir die Hand - wie er sich freue, sagt er leise, in nahezu konspirativem Ton, mich zu sehen, und dann flüstert er sogar mit aufeinanderliegenden Zähnen - er habe diesen Kunden noch am Hals, der stehe so auf Chormusik; ob ich sehr darunter leide, in eine Kirche zu müssen, sein letzter Kirchenbesuch sei ja im Vatikan gewesen - und mit einem Mal spricht er laut -, da habe er so einen Kirchenfürsten gefragt, ob er zufällig der Sohn von Kardinal Sowieso sei ...
Er hält mir die hintere Tür auf, Herr Huber krümmt sich, diesmal vor Lachen, seine Augen suchen Halt. Seit einer Woche sammle er jetzt alle Gags des Konsuls, sagt er und macht sich Notizen. Ute schaltet so lange das Innenlicht an, der Konsul fährt ein einsames Rennen. Ich sitze schräg hinter ihm. Wie eine Haube schmiegen sich die Haare um den großen Kopf. Von seinem Viertelprofil, einer fast senkrecht verlaufenden Linie, geht, in Verbindung mit dem einsamen Rennen, etwas Schneidiges aus, das nachläßt, je mehr Gesicht er zeigt, je langsamer er fährt.
Wir halten genau vor dem Eingang der Kirche, Hineinströmende treten beiseite. Wir laufen durch den Mittelgang und nehmen in der dritten Reihe Platz, auf hartem Gestühl. In der ersten Reihe gehen Köpfe zusammen. Schließlich wendet sich ein Herr um, eine Hand am Schlüsselbein, so, als wolle er sich bloß den Nacken entkrampfen, wirft, wie es scheint, nur einen Blick ins Weite, der aus reinem Zufall auf den Konsul fällt, und schaut dann sofort wieder weg. »Deutsche Botschaft«, raunt Hans-Hermann Weyer mir zu. »Haben Sie die Krawatte gesehen?«
In der Kirche wird es still. Auf dem Presbyterium sammelt sich der Chor. »Da ist Ute«, flüstert der Konsul mir zu; während der Eröffnung, »Frisch gesungen« von Friedrich Silcher, schaue ich ihn von der Seite an. Seine linke Braue - er sitzt rechts von mir - ist weder schwarz noch streng, wie auf Fotos, sondern deutlich wegen ihrer Größe, der Fläche, die sie abdeckt; ein weithin sichtbares Ausrufezeichen für das darunterliegende runde Auge, den hellen Apfel mit der annähernd blauen Pupille, ein Blau wie das Blau in Urlaubsprospekten, ein fahndendes Auge, nicht verträumt, sondern ganz nach außen gerichtet, feinstes Witterungsorgan. Denn seine Nase ist verhältnismäßig klein, mehr für die Feinheiten des Ausdrucks geeignet, zum Beispiel, zum Rümpfen, ergänzt durch das Spiel seines Mundes - männlich-schmale Oberlippe, etwas hängende, bei Bedarf fast kindliche Uterlippe -, den zwei Falten umgeben, die, wie auch die Falten auf der leicht gewölbten Stirn, weniger in den natürlichen Bahnen der Alterserscheinung verlaufen, sondern eher die Folgen einer ständigen Gesichtsbeherrschung sind, einer physiognomischen Konzentration, die jederzeit mit einer geistigen verwechselt werden kann. Ich schaue jetzt nach vorne. Ute strahlt beim Singen, ihre Augen sind auf den Konsul geheftet, als sei er der Dirigent. Ich schaue nach links. Herr Huber hat den Mund geöffnet und wiegt seinen Kopf als singe er den Lindenbaum von Schubert mit. Gegen Ende des Konzertes, in der Stille vor dem Schlußapplaus, ist er dem Weinen nahe; und in den Lärm des Klatschens ruft er: »Aber diese vierzig Leutchen hat der im Griff!«
Schon beim Verlassen der Kirche wird Ute beglückwünscht. Der Konsul lacht ihr zu und hält sein Lachen dann für Augenblicke an, so daß die obere Zahnreihe freiliegt und ein Gekräusel auf der Nase erstarrt. Herr Huber, nicht mehr ganz so bewegt, empfiehlt isch. Erst nachdem er weg ist, wechselt der Konsul seinen Ausdruck. Der Arme habe solche Sorgen, er habe ein Schneeball-System betrieben, leider hätten ihn die Nerven verlassen, mit einem Bruchteil des Geldes sei er nach Paraguay ab, das meiste Geld liege noch auf einem Nummernkonto in Österreich. Schneeball-Huber habe ihn gebeten, festzustellen, ob schon ein Haftbefehl da sei; notfalls wolle er über Zürich zurück, um an das Geld zu kommen. Und dann ganz leise, wie hinter vorgehaltener Hand: »Zum Schreien ....«
Während der Rückfahrt frage ich ihn, ob es möglich wäre, sofern wir unter uns seien, auf Titel zu verzichten, gegenseitig. Und erleichtert stimmt er zu, verbunden mit einer weitausgreifenden Arm- und Handbewegung, die er auf einer gemessenen Bahn wieder einholt, so daß die Fingenspitzen am Ende über Wange, Mundwinkel und Kinnverlauf streichen. Ich könne stets bei ihm hereinschauen, sagt er, seinen seltsamen Beruf kennenlernen, in alles Einblick nehmen, neunundzwanzigtausend Presseberichte lesen ...
Ich würde lieber mit ihm Tennis spielen, sage ich. Er wirft Ute einen Blick zu, mit gereckten Lippen, wodurch, wie auf dem einen Foto, ein Ausdruck von Entschiedenheit entsteht. Wenn das Wetter es zulasse, sicher, gerne. Und dann sieht er kurz nach hinten: »Sie frieren doch sicher, ohne Mantel; wir geben Ihnen noch einen Mantel mit« und fährt seine kleine Auffahrt hinauf, an einen zweiten Mercedes heran. »Den schwarzen engen«, ruft er, während Ute schon ins Haus läuft. Ob er sonst noch etwas für mich tun könne, leider sei er furchtbar müde, er arbeite schrecklich, ein Kunde nach dem anderen, den er verarzte; er mache nach wie vor die Titelei ... »Was will Herr Schmidt?« frage ich ihn, »Schmidt-Liechtenstein.« Auch so ein Fall, Warenterminhändler; er wolle Papiere von ihm, für sich und seine Familie, außerdem ein Grundstück. Bisher habe Schmidt jedoch nichts Gebündeltes auf seinen Tisch gelegt. Er werde sich jetzt erst mal über den Mann informieren.
»Und wo?«
»In Wiesbaden; da kennt man mich doch.«
Ute kommt mit dem Mantel, der Konsul hilft mir hinein. Er freue sich, sagt er zum Abschied, mir mit einem Mantel helfen zu können. Und ich bedanke mich, schlage den Kragen hoch und laufe in die Juni-Winternacht. Als ich um die nächste Ecke biege, an der zwei kleine frierende Soldaten, aneinandergelehnt und im halben Schlummer, deutsche Maschinenpistolen auf ihren Knien, die Gegend bewachen, öffne ich den Mantel, ziehe seinen Geruch in die Nase und sehe mir das Etikett an.
In einiger Entfernung liegt die Buch von Asunción, ausufernder Arm des Rio Paraguay. Halb links ragen Hütten, zur Hälfte überschwemmt, aus dem glitzernden Gezitter. In der Blickmitte deht sich der Himmel, Wolke für Wolke, so gestochen, daß man zweifeln könnte und Gefühl für die Krümmung der Erde entsteht. Auf dem Wasser unter dem Himmel treibt Grünzeug zwischen abgestorbenen Bäumen und Booten, in denen Leiber tropischer Flußfische glänzen. Rechts von mir, entlang einer Anlage, erstreckt sich ein großes offizielles Gebäude, blaßgelb, mit Kreuzgesims und Giebelfenstern sowie zwei Schriften auf dem Dach, die abwechselnd leuchten, mal PEPSI, mal STROESSNER; die freien Stühle der Schuhputzer an den den Wegen, welche die Anlage sternförmig teilen, schimmern, wenn die Leuchtbuchstaben angehen.
Jemand greift nach meinem Mantel. »Ja, das Feinste vom Feinen, nicht mal die reichen Paraguayer haben so einen Mantel. Suchen Sie 'n Mädchen? Warum nehmen Sie nicht meins?« Und ichsage: »Guten Tag, Herr Professor«, und frage ihn, weshalb er weggegangen sei, so zornig.
»Der Kleine«, sagt er und wetzt zwischen jedem Wort seine Lippen, »der wurde mal ausfallend, das vertrage ich nicht. Ich habe zuviel mitgemacht - vier Jahre Feuer!« - und berührt dann noch einmal den Stoff und beruhigt sich.
»Was meinen Sie damit? Vier Jahre Feuer ...«
Seit sechsunddreißig Jahren und zwei Monaten lebe er hier, als Privatlehrer, in einem Hotelzimmer, völlig allein, Amerikaner hätten ihm die Reise nach Paraguay bezahlt, Amerikaner hätten ihn gerettet; in Oppositon sei er gestanden! - Und atmet dann aus, als sei er gerannt, und wir gehen ein Stück. Wie er sich denn wohlfühlen könne in so einem fremden Land, frage ich kurz vor der Cafeteria. »Stroessner«, ruft er, »ist der beste Präsident von Südamerika.«
»Aber ein Nazi-Freund«, entgegne ich, und er ruft: »Nichts wissen Sie, niemals hat ein Ausländer recht! Fresse halten, schweigen« - und geht. Wohin er gehe?
»Ins Hotel, ins Zimmer; dort wartet mein Schwarzbrot auf mich.«
Schneeball-Huber sitzt bei Stassek, über einer Alpenkarte. Als ich an den Tisch trete, rollt er die Karte zusammen und wirft mir einen schwachen Silberblick zu. »Heut schon gelacht?«, fragt er leise, und ich schüttle den Kopf. Schneeball-Huber packt die Alpenkarte ein, entschuldigt sich und verschwindet.
Was er von Huber wolle, frage ich Stassek, der sei doch ein Klient vom Konsul. - Huber sei auch ein Klient von ihm, darüber werde er jedoch nicht reden; er habe eine ganz geniale Sache ausgetüftelt, wenn er mir alles erzählte, könne ich ihm die Idee womöglich klauen. Seit der »Don-Willy-Geschichte« traue er hier keinem Deutschen mehr, »nicht böse sein ...«
Was die Alpenkarte denn bedeutet habe; ob Huber etwa zu Fuß nach Österreich wolle, um an sein Geld zu kommen? Stassek nickt; und fragt mich dann, im nachhinein erschrocken, ob ich Detektiv sei. Ich sage nein, ich schwöre es, und er tippt mir auf die Hand. Er sei mal dicker Unternehmer gewesen, dreißig Kilo habe er runter. Und Stassek greift in seine Hosentasche und holt eine Handvoll Nüsse hervor - da stecke alles drin, vorübergehend. Ihm habe ein Anzeigenblättchen gehört, ein paar Tausender seien ihm geblieben; und sein Kopf: Humboldt habe ihn auf Südamerika gebracht. Leider habe er hier gleich seine Frau kennengelernt, Paraguayerin, die ihn nur betrogen habe. Und in der »Kristallnacht« habe er dann alles verloren, den Rest vom Rest.
»Was für eine »Kristallnach«?«
Nach der »Somoza-Sache«, doch darüber schweige er lieber - ob er einen Kaffee haben könne, vielleicht auch ein Sandwich, die ewigen Nüsse ... Stassek deutet auf die Decke, von der sich, entlang feuchter Stellen, der Putz löst: Er komme wieder ganz nach oben! Und ich bestellte Kaffee und zwei Sandwiches und erkundige mich nach der »Don-Willy-Geschichte«.
Das sei die Sache mit dem Ami, den man totgeschlagen habe wegen zwanzigtausend Dollar. »Don Willy« sei ein Restaurant, da hockten sie alle herum, Schah von München und so weiter, und warteten, daß Zwiefaltens General endlich stürzt; aber egal ...
Ob er icht ein Omelett wolle oder ein schönes Stück Fleisch? Ein Omelett ja, für Fleisch seien seine Zähne schon zu seltsam. Ich bestelle in Omelett und frage Stassek, was das alles zu bedeuten habe: Schah von München, Zwiefaltens General ...
»Don Willy«, erzählt Stassek, als das Omelett gebracht wird, habe bis vor kurzem noch Zwiefalten gehört, bis zu der Sache mit dem Ami. Denn das habe man ihm in die Schuhe geschoben, er sei eine Zeitlang in der Kiste gewesen. Inzwischen hätten sich die anderen die Kneipe überschreiben lassen, mit ein bißchen Schmiererei. Nur: Zwiefalten habe auch geschmiert, den einflußreichen General, und sei freigekommen mit der Erlaubnis, seine früheren Freunde abzuknallen, wenn sie sich blicken ließen. Und seitdem warteten sie darauf, daß die schützende Hand über Zwiefaltens Quadratschädel endlich abgesägt wird.
»Und wer ist der Mörder?«
»Das weiß niemand so genau«, sagt Stassek und setzt nach einer Pause, in der er das Omelett in Häppchen teilt, hinzu: »Höchstens der Stotterer, aber vergiß es. Brauchst du ein Mädchen? Ich hab 'ne Indianerin für dich, dunkler Typ, echte Muros, ruhiges Kind.« Ob sie hübscher sei als die vom Professor; ob sie Zähne habe?
Vor allem komme sie mich billiger, sagt Stassek. Der Professor verlange als Provision immer so viel, wie das Mädchen selbst verlange, damit er hinterher dann auch noch drüber könne. Stassek schüttelt sich, ob er mir auch vom Feuer erzählt habe ... ganz sicher nur die Hälfte.
An der langen halbrunden Bar bei »Don Willy« ist jeder zweite Platz frei. Über der Anrichte, zwischen Bildern vom Schwarzwald, läuft ein Fernsehgerät. Die Männer an der Bar, gutgekleidet, Mitte Vierzig, schauen gleichgültig drein, als interessierten sie sich nicht. Seit ein paar Minuten wird das Weltmeisterschaftsspiel Deutschland-Chile übertragen. Ich lehne an der Ecke der Bar, wo das Telefon steht, und habe den Mantel so über den Tresen gelegt, daß es jeder sehen kann - CERRUTTI, PARIS.
Als das erste Tor von Rummenigge fällt, ist der Jubel gebrochen: Deutsche Laute werden hinübergerettet zu Geräuschen mit spanischem Klang, bei verpaßten chilenischen Chancen wird leise gestöhnt. In der Pause kommt mir die Idee, den Konsul anzurufen. Ich wähle seine Nummer, Ute ist am Apparat - wie es mir gehe. - Es gehe mir gut, ob ich den Herrn Konsul sprechen könne! Zwei der Männer sehen bereits herüber, und als er sich meldet, rufe ich: »Hallo!« Er habe sich schon Gedanken gemacht, was ich hier so treibe. Ich streune so herum, sage ich, augenblicklich sei ich bei »Don Willy«, wann wir uns sehen könnten, ich hätte Sehnsucht ...
»Zum Schreien«, flüstert er, »Sehnsucht ...« Morgen abend könnten wir zusammen essen, ja? Und bitte mißtrauisch sein bei »Don Willy«, da säßen Gläubiger von ihm! Er hole mich auch ab dann. »Schön«, rufe ich, »ich freu' mich auf Sie!« und lege wieder auf.
Die Blicke, vor allem die halben, die ich nicht erwidern kann, engen mich jetzt ein. Bis der Wirt - die Sorte Mann, die noch mit offenem Mund gut aussieht - auf einmal sagt, nun komme seine Überraschung, unter die Theke langt und eine Platte mit Kuchen hervorholt. Die Gleichgültigen an der Bar greifen zu, und der Wirt sagt: »Sachte, sachte«, und sieht mich dann auffordernd an - so etwas hätte ich noch nie gesehen ... Und ich nehme mir ein Stück und sage: »Doch, das ist der Strudel von Frau Hirsch.«
Der, der mir am nächsten sitzt, ein in die Jahre gekommener Skilehrertyp, der beim Sprechen lächeln kann, wendet sich mir nun endgültig zu. Wo ich den schon gegessen hätte, beim Konsul? Ich nicke, und sein entfernterer Nachbar, der mit einem Goldklümpchen spielt, rückt auf - den Konsul könne man nicht ernst nehmen! Mir komme er seriös vor, fleißig, sage ich zu ihm, woraufhin er einige Karten aus seinem Jackett zieht und sie verteilt. Es sind alberne Visitenkarten des Konsuls. Die habe der Affe bei ihm in Auftrag gegeben! Die Karten gehen reihum, die Männer amüsieren sich, ich behalte mir eine.
In der zweiten Halbzeit geht es aufgeräumter zu. Nach dem dritten Tor von Rummenigge kippt auch die Sympathie der Paraguayer, die an den Tischen sitzen. Einer von ihnen tritt an die Bar, ein Mann mit glatt zurückgekämmten Haaren und einem gutgeschnittenen Gesicht, von dem, trotz Feschheit und bestechender Miene, etwas Mattes ausgeht, ein Schmachthauch, der wie ein unsichtbarer dunstiger Belag an ihm haftet. Er klopft dem Skilehrertyp auf die Schultern, mach dann mit den Händen Wegwerfgesten, die beiden begrußen sich mit »Heil Hitler«, weder spaßig noch im Ernst, eher auf eine herzliche Weise. Gleichzeitig endet die Spielübertragung. »Colgate« erscheint, und ich verlange die Rechnung.
Er macht das schon, ruft jemand, dessen Stimme ich kenne, Schmidt-Liechtenstein, immer noch im angeschlagenen Sonntagsstaat, geht auf mich zu, als seien wir Freunde. Er sei gerade erst gekommen, sagt er, nichts als Ärger - und nimmt mich beiseite.
»Der Konsul hat mit drüben telefoniert und weiß jetzt ungefähr, wieviel ich habe und so weiter ...«
»Was ›und so weiter‹?«
»Ist doch alles kein normales Geld, das kennst du doch ...«
Nein, sage ich, und Schmidt-Liechtenstein bückt sich und nestelt wieder mal an seinen Strümpfen. Komisch, aber er vertraue mir, ich solle doch mal fühlen. »Da sind fuffzigtausend drin, ich hab' Waden wie 'n Fußballspieler.«
Leider sei etwas dazwischengekommen, wir könnten jetzt nicht essen gehen, erst später, wir müßten nämlich jetzt ins Kino, in den Film über Evita Perón, denn der Präsident von Bolivien habe ihn angerufen vorhin und darum gebeten, daß er sich noch heute diesen Film ansehe und danach entscheide, ob das Gift sei für Bolivien ...
Ute holt ein Päckchen aus dem Handschuhfach, wickelt es aus und reicht mir ein Stück Apfelstrudel, gegen den ärgsten Hunger. Den hätte ich auch gestern bekommen, bei »Don Willy«, und das ... »Zum Schreien«, sagt der Konsul leise, natürlich müsse man es unterbinden: Frau Hirsch, deren Mann ein Hause für ihn baue, habe nur ihn zu beliefern.
Als er das Kärtchen sieht, saugt er Luft durch die Zähne, und Ute empört sich. Damit wolle man den Konsul doch nur lächerlich machen, man habe diese Dinger niemals bestellt! Ich erzähle, wie die Männer aussahen. Der Skilehrertyp, sagt der Konsul, sei der Schah von München, betrügerischer Bankrott, der andere habe falsche Goldbarren verkauft. Die beiden und der Wirt seien gleich zu ihm gepilgert, nachdem sie angekommen seien, und jeder habe ein paar Tausender auf seinen Tisch geblättert, damit er sie zu seiner nächsten Party einlade. Ute holt Fotos aus ihrer Tasche - der Konsul habe sich mit seinem sechsten Sinn bereits gedacht, daß ich diese Leute angetroffen hätte, und mir die Bilder von der Party mitgebracht: kein Bild, auf das die drei sich nicht gedrängelt hätten; aber dann lästern ...
Wir halten vor dem Kino, Ute kümmert sich um die Eintrittskarten. Ob der Mantel ausreichend sei, fragt mich der Konsul und reißt dabei meinen Vornamen an. Ich sage ja und murmle ein Stück seines Doppelvornamens, dann gehen wir auf die besten Plätze. Der Film hat Premiere, das Kino wird voll. Nachdem es dunkel wird, entspannt der Konsul Wie er Faye Dunaway finde?
»Großartig.«
»Und diesen Hollywood-Perón?«
»So war der; so ist das gewesen ...«
Während der Hauptdarsteller Präsident wird und die Komparsen jubeln, setzt sich der Konsul aufrecht, mit einer Hand die andere haltend, wie ein ergriffenes Kind im Märchentheater. Und als Evita, schon im Sterben liegend, aus der Hand ihres Mannes den höchsten Orden erhält, stehen ihm Tränen auf den Lidern.
Was er nun dem bolivianischen Präsidenten bestellen werde, frage ich ihn auf der Fahrt zu einem Restaurant. Er werde ihm den Film empfehlen, sagt der Konsul, und ich sage, dieser Dienst an Bolivien sei die genialste Begründung gewesen, die ich jemals gehört hätte von einem, der gerne ins Kino gehen wollte. Ob ich ihm nicht glaube, fragt er Ute und sieht mich an, als fehle mir etwas. Doch, sage ich.
Zu meiner Überraschung hält er vor »Don Willy«, mitten auf dem Bürgersteig, gleich neben dem Eingang - ein kleines Wiedersehen mit seinen Gläubigern. Wir betreten das Lokal, die Gespräche verebben. Stassek sitzt an der Bar. Als sich unsere Blicke treffen, zwinkert er. Zwei Plätze weiter sitzt der angegraute Skilehrertyp und bemüht sich um seine Gleichgültigkeit. Dafür kommt der Wirt auf uns zu und macht einen Diener. Das Lokal, behauptet der Konsul, verdanke es mir, daß er hier mal wieder esse. Er gehe davon aus, daß man mich, käme ich wieder hierher, freigebig behandeln werde.
Ich entschuldige mich und laufe zu Stassek. Stassek sagt, ich solle keine Scheiße bauen, für heute sei ich auf der anderen Seite, ein feines Jäckchen hätte ich an ... Und ich stecke ihm Geld zu und gehe zurück. Wer das Waldmännchen sei, fragt der Konsul. Ein Freund, sage ich, und Ute, die mich nun auch beim Vornamen nennt, gibt mir zu verstehen, daß sie ein wenig enttäuscht sei: Sie habe nicht geglaubt, daß ich mit so jemandem könne.
Ich schweige, und der Konsul schaut in die Runde. Wer ihn anguckt, dem nickt er zu, in der Art, wie er von dem Betreffenden gegrüßt werden möchte: etwas kratzfüßig grienend, und der überraschte andere, der in die Blickfalle lieft, verneigt sich nun tatsächlich. Er könne sich diese Verbindung, sagt der Konsul nach einer Weile, ebensowenig erklären - und zieht dabei die Manschetten aus den Ärmeln seines Zweireihers, an dessen Revers er heute den Malteser-Orden trägt, für meinen Geschmack ein Stück zu weit raus.
Warum er in dieses Mordlokal gehe, wechsle ich das Thema. Hier habe es einen Unfall gegeben, antwortet er. Zwiefalten, der ehemalige Wirt, habe viel geredet, er verstecke sich mit Recht, sein General sei am Stolpern. Aber apropos Mord, er habe sich ein bißchen über Schmidt erkundigt. Diese tödliche Scheidung sei in der Tat tödlich gewesen. Schmidt habe seine erste Frau erschlagen und sechs Jahre gesessen. Im Gefängnis habe er gebüffelt, anschließend sei er ins Warentermingeschäft gegangen. Ein Jahr lang habe er nicht weiter getan als kassiert ...
Das Essen wird gebracht, große Fleischportionen. Während wir damit befaßt sind, kommen immer wieder Gäste vorbei, um einen Blick auf den Konsul zu werden. Lauter Männer, sage ich, er habe wohl mehr mit Männern. Nein, er habe auch mal eine Frau bedient, Unternehmerin aus Nürnberg, sie sei jetzt Bolivanerin und fünf Jahre jünger.
»Und sonst die Frauen ...«
»Ich werf' sie hinterher gleich raus.«
»Und Ute?«
»Ute«, sagt der Konsul, »ist ein Neutrum, ein Gottesgeschenk ...«, und schaut zu ihr und sie zu mir. Dann, als wir Zahnstocher gebrauchen und mit verhangenen Augen stochern, fallen die ersten Zoten. Nach jeder Pointe entschuldigt sich der Konsul bei Ute, die sich stets mit einiger Verzögerung, gestaute Luft aus ihrer Nase blasend, in stiller Weise mitvergnügt. Manchmal schäme sie sich richtig, daß sie eine Frau sei: so schrecklich einfach, wie die Frauen es ihm machten!
Und warum? frage ich, wo er doch Angst habe, sich zu verausgaben. Erstaunlich, ja; und er sei auch gar nicht liebenswert, und das meine er ganz ernst. Gleichzeitig holt er weit aus, als wolle er nach meiner Schulter greifen, führt dann die Hand in dem bekannten Bogen zurück und streicht sich über das Haar. Mit Neunzehn habe er seine erste Million in der Tasche gehabt; er habe das marokkanische Sitzkissen nach Deutschland gebracht.
»Weil er den sechsten Sinn hat«, sagt Ute, »etwas Magisches ...«
»Menschen, die in meine Nähe kommen«, fügt der Konsul hinzu, »sind ja nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.«
»Und ich?«
Er sei überrascht - ich hätte ein sehr schönes Jackett an; trotz Erkundigungen, die er über mich eingeholt habe, überrasche ihn dieses Jackett.
Das Fernsehgerät in der Cafeteria, in der man nichts bestellen muß, läuft meistens. Heute hocken ein paar Leute davor, zwei neuangekommene Deutsche, noch mit geröteten Nachtflugaugen, ein Offizier mit Portepee sowie Schmidt-Liechtenstein, Schneeball-Huber und ich. Es ist feucht und kühl, wir sitzen zugeknöpft, mit fest verschränkten Armen. Nur der Portepeeträger und der Professor, der in seiner Nische sitzt, scheinen nicht zu frieren. Schmidt-Liechtenstein schneuzt sich. Er habe jetzt jemanden, der preiswerter sei als der Konsul, er werde den Scheck über die Anzahlung für Papiere und Grundstück einfach sperren lassen.
Rate er ihm dringend ab, sagt Schneeball-Huber, er kenne seinen Konsul - und wendet sich dann kurz an mich: »Heut schon gelacht?« fragt er leise, und ich verneine wieder, »aber gesungen haben die neulich, was?« Ich nicke ein paarmal. Während er noch weiter schwärmt, kommt Stassek mit einem dunklen Mädchen in die Cafeteria. Der Professor stürzt davon. Die zwei Neulinge mischen sich ein: Ob man beim Konsul auch mal nur so reinschauen könne ... »Können Sie alles erfahren«, ruft Stassek, läuft an mir vorbei - das Kind sei für mich, prima Indianerin, Seele von Tier - und berät dann die beiden. Der Konsul empfange natürlich nicht jeden, es komme auf den Fall an; für die kleinen Vorteile sei er die bessere Adresse, aber er bringe sie gern zum Hause des Konsuls, für ein Mittagessen. Die zwei winken ab, werfen noch einen Blick auf den Bildschirm und gehen.
Die Beule im Pullover von dem einen, sagt Schneeball-Huber und rollt die Alpenkarte aus, das seien hundert Braune gewesen - er kenne die Päckchen. Stassek stellt mir die Indianerin vor. Die übernachte manchmal bei ihm, in seiner »Villa Hammerschmidt«, wenn der Stotterer nicht gerade Schießübungen mache. Sie sei so sauben wie der Mond und spreche nur Guarani, die Indianerin zwinkert mir zu. Ob ich ihn mal besuchen könne, frage ich Stassek. Wenn ich die Indianerin nähme, er brauche dringend Geld und wolle nichts geschenkt, sie stehe heute abend vor meiner Pension ...
»Nimm sie«, sagt Schmidt-Liechtenstein. »Wenn ihr nicht miteinander sprechen könnt, dann kann sie dich auch nicht bescheißen.« Stassek nickt. »Wirst hier immer nur von Deutschen reingelegt; weil sie deine Sprache sprechen.«
Im Speiseraum ist es so kühl, daß ich im Kreis herumlaufe. Erst als Fräulein Andreza mit meiner Terrine hereinkommt, nehme ich Platz. Nachdem sie mir randvoll aufgetan hat, bleibt sie in einiger Entfernung und beobachtet mich. Sie hat bemerkt, wie die Indianerin mein Zimmer verließ.
Ein Traum fällt mir ein. Mir träumte heute früh - an der Seite der Indianerin, die mich bis zum Morgen wachhielt, weil sie in eienm fort summte, gelegentlich auch leise vor sich hinsang -, ich sei mit Ute in einer Küche und zupfte an ihrem Rocksaum. Da trat der Konsul, mit dessen Cerruti-Mantel ich zugedeckt war, da die Indianerin die Decke hatte, in die Küche und sagte: »Ich zeige dir mein Haus.« Und er führte mich durch weite unmöblierte Räume, blickte mir dann plötzlich ins Gesicht und rief: »Du bis schuld!«
Fräulein Andreza bringt die Hauptmahlzeit, drei Stücke Fleisch, eins mehr als gewöhnlich, und lauert erneut. Im Garten sehe ich den alten Hund, der hier herumstreicht. Glücklicherweise läutet das Telefon. Als Fräulein Andreza im Nebenraum ist, locke ich den Hund heran. Er nimmt eines der Stücke und legt es, zum bequemeren Verzehr, auf den Boden, so daß, nachdem er es gefressen hat, Fettflecke bleiben; und er trollt sich auch nicht. Fräulein Andreza bringt mir einen Zettel mit der Nummer vom Konsul, ich solle dort anrufen, bedeutet sie mir und zeigt auf ihrer Armbanduhr, wann. Dabei entdeckt sie den Hund und die Flecken. Sie geht hinaus und kommt nach einer Weile mit der Rechnung wieder.
Ich wohne jetzt mehr in der Stadt, in einem kleinen Hotel an einer belebten Straße. Gestern abend, als ich den Konsul anrief, hatte ich das neue Zimmer schon bezogen. Es ist nicht so feucht wie das alte. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, ich warte auf den Konsul. Die Sonntagsruhe verstärkt auch die kleinsten Geräusche. Als hätte ich Fieber. Schon nach wenigen Minuten klebt ein Film auf meiner Stirn, unsichtbarer Niederschlag einer lärmenden Ruhe. Der Konsul verspätet sich etwas. Es tue ihm leid, er habe noch ein Telex abgewartet, dieser Warentermin-Schmidt mache ihm Ärger, dessen Scheck sei geplatzt. Ich setze mich nach vorne, weil Ute hinten sitzt, und frage ihn, ob wir nicht Tennis spielen könnten, jetzt, wo das Wetter besser sei ...
Mir zuliebe, sagt er, würde er das tun - »glaub mir«, und ich sage: »Also dann sagen wir du«, und erzähle den Traum. Der Konsul ist begeistert. Herrlich, sagt er nach dem ersten Satz und unterbricht dann immer wieder - das sei jetzt ganz, ganz wichtig, bemerkt er zu Ute, oder er weist uns darauf hin, wie sehr ihn dieser Traum berühre: Es kribble ihm richtig im Nacken! Und dann möchte er wissen, was das um Gottes willen zu bedeuten habe: Ich sei schuld, dieser Clou!
Wir halten in einem Neubauviertel mit freien Grundstücken und Baustellen, die Straße ist noch nicht asphaltiert. Er habe Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen. Da die Sonne mittlerweile scheint, zieht er sein Jackett aus und übergibt es Ute; und dann kommt er auf den Traum zurück - es gehe also um ihn ...
Es sei eine simple Dreicksgeschichte, erwidere ich, und im übrigen sei es ja mein Traum, der allenfalls über mich etwas sage. Aber er sei doch die Hauptperson, habe das letzte Wort gehabt ...
Nicht ihm, sage ich, sondern mir habe geträumt, daß aus seinem Mund gekommen sei: »Du bist schuld!« Und der Konsul bleibt stehen und zeigt auf ein zweistöckiges Wohnhaus mit Dachterrasse und Vorbau. Wie mir dieses Haus gefalle?
Er könne nichts dafür, bleibe ich beim Thema, daß er in Träumen einen Platz einnehme, darin liege sein Erfolg.
»Aber warum?« drängt er mich, »sag mir, warum?« Er greift sich ins Gesicht und überprüft die Formen und fällt mir in die Antwort. »Warum gibt es welche, die mich einfach nicht mögen? Weil ich so ein Schicksalschirurg bin?« Ute nickt, wir treten auf das Grundstück. Er überlege sich nämlich, erklärt mir der Konsul, ob man das Büro hierher verlegen könne; aber weiter, ich solle doch reden.
»Nur ein Heiliger darf solche Fähigkeiten haben; ein Leidender ...« Wichtig jetzt, ganz wichtig, unterbricht er mich wieder; das Haus habe Zeit ... Ob es mir denn nicht gefalle, ihm gefalle gerade dieses Haus so gut; weiter ...
»Jemandem«, fahre ich fort, »der ständig behauptet, es gehe ihm glänzend, nimmt man solche Fähigkeiten, zu guter Letzt, übel.«
»Glaube mir«, beschwört er mich, »das wollen die Journalisten so. Die wollen mich so und klauen mir noch die silbernen Löffel. Jedesmal, wenn Journalisten da waren, fehlt hinterher was.«
Ute nickt, wir verlassen das Grundstück. Das Haus da drüben, sage ich, sei schöner. Das koste auch doppelt soviel, und wir gehen langsam zurück. Er habe schon sechsundvierzigtausend Mark feste Kosten im Monat ...
Wie viele Generale er schmiere, um bleiben zu können?
»Keinen einzigen, doch das glaubt mir ja niemand; du glaubst ja auch, ich sei nicht glücklich. Ich bin aber glücklich!« Und er holt aus - die vielversprechende Bewegung - und ordnet dann Haare, die über die Ohren gerutscht sind. Eine Autostunde von hier liege sein Starnberg; in Uruguay sei sein Cannes; er sei nicht einsam. Nur während der Rennwoche in Baden-Baden komme manchmal ein Gefühl auf ... Nein, er sei glücklich; er wisse nicht mal, wo hier das Finanzamt liege; ach, und ja: er sei auch nicht krankenversichert, nie gewesen. Was ich denn von diesem Grundstück hielte. Hier baue er sein Musterhaus, alles ganz und gar weiß, innen wie außen, mit hohen Säulen und kleinen Fenstern, wovon jeder Deutsche träume - für knapp dreihunderttausend.
Es ist windstill geworden und drückend. Wie nach einer geräuschlosen Katastrophe mutet das Viertel an, mit einer unversehrten Ladenstraße im Zentrum. Wir gehen an den Auslagen entlang, in denen alle Waren, als lägen sie in Museumsvitrinen, seltsam befremden. Und dann steigen wir ins Auto und nehmen einen anderen Heimweg; er zeige mir noch was. Nach kurzer Fahrt biegen wir in eine parkähnliche Gegend. Links und rechts der Straße liegen inmitten riesiger Grundstücke atemverschlagende Häuser. Generale und Minister wohnten dort, in den meisten Häusern sei er schon gewesen. So etwas gebe es in keiner anderen Stadt.
»Und woher kommt's?« frage ich. »In einem Land mit drei Millionen Einwohnern, ohne Industrie ... Schmiergeld, Rauschgift?«
So etwas dürfe ich nur leise sagen, sagt der Konsul: »Und so was wie ›Kommunismus‹ nimmst du am besten nicht in den Mund. Das geht nämlich fix hier: in Säcke und ab. Hier wird Ruhe garantiert!« - Garantie statt Industrie ...« - Der Konsul nickt. Wir verlassen den Bezirk und fahren ein Stück aus der Stadt. Was die »Kristallnacht« sei, frage ich plötzlich. Nach dem Somoza-Mord, vorigen November, bei ihm um die Ecke, sei es gegen die Falschen gegangen ...
Wir schweigen eine Weile, der Konsul fährt, als verfolge ihn jemand. Aus den Häusern längs der Straße sind Hütten geworden, vor den Hütten tummeln sich Kinder. Wo er sich einordne, politisch. Er sei weder, sagt er, rechts noch links, er sei oben - udn fährt noch etwas schneller. Diese Menschen, da, vor ihren Hütten, seien doch glücklich, oder? Und dann, gewendet an mich: »Sag doch mal deine Meinung ... Du hälst mich für unglücklich, stimmt's?«
Er bremst und hält an, um zu tanken. Der Liter kostet zwofünfzig. Ich steige ebenfalls aus und zücke meinen kleinen Fotoapparat - ich hätte jetzt Lust, mal ein Foto zu machen. Und rascher, als ich die Entfernung einstellen kann, läuft der Konsul zum Wagen zurück, holt sein Jackett, schlüpft hinein, knöpft es zu und stellt sich, die rechte Hand flach auf dem Herzen, ins offene Gelände. Und ich tue so, als ob ich ihn fotografierte.
Über Nacht ist es wieder kühler geworden; jetzt, gegen Abend, kann ich meinen Atem sehen. Etwas berauscht, weil ich tagsüber, wenn mir besonders kalt war, Whisky trank, betrete ich die Cafeteria, in der das Licht noch nicht brennt, obwohl es schon dunkelt. Es ist still und zugig, wie ein großes leeres Bassin wirkt der Raum. Die Bedienung lehnt am Buffet, ihre Strümpfe sind herabgeglitten. Schuhputzkinder, die zur Tür reinkommen, schauen nur kurz und gehen wieder. Zwei, drei Deutsche sitzen so, daß sich die Blicke nicht begegnen. Obgleich sie regungslos sitzen, sind sie doch nicht seßhaft: die Hände drücken einander, daß alle Knöchel leuchten. Nur vom Professor in der Nische geht - trotz geschlossenen Regenmantels, trotz sprungbereiter Haltung, trotz Lippenwetzerei - eine furchterregende Ruhe aus. Ich gehe auf ihn zu. Beim Gehen stoße ich mit Absicht an einige Stühle, aber die Geräusche setzen sich nicht fort; so wie der Lichtschein von den Deckenlampen, die eben angegangen sind, gar keine Ausstrahlung hat, sondern nur den weißgelben Hof einer Notbeleuchtung um die Glühbirnen bildet. Ich begrüße den Professor und frage, warum er jeden Tag hier sei, ausgerechnet hier.
Weil er hoffe, hier zu einer Digitaluhr zu kommen, das sei sein letzter Wunsch: eine Schweizer Digitaluhr. Er warte nur auf jemanden, der ganz am Ende sei und nur noch eine Schweizer Digitaluhr habe. Danach bleibe er auf seinem Zimmer, denn er habe, ruft er und mahlt zwischen den einzelnen Worten, als ob er Scherber kleinbeißen müsse, genug für sein Leben; aus, aus.
»Genug wovon?«
»Was wissen Sie?«, sagt er, »was wissen Sie, was? Geschrieben hab' ich, ja - Tiere! Tiere! Tiere! Vier Jahre Feuer ...«, und atmet wieder aus wie ein Läufer nach einem erschöpfenden Rennen und schweigt eine Zeitlang, mit beiden Händen seinen Kopf umgreifens: Ob ich zufällig eine Schweizer Digitaluhr besitze ... Ich zeige meine leeren Handgelenke, der Professor steht auf. Hätte ich nicht diesen Mantel, hätter er gar nichts gesagt, Journalisten trügen immer nur Gestapo-Mäntel. Und dann schließt der den Mund auf eine endgültige Weise, verabschiedet sich mit einem raschen Hochwerfen der Hand und stapft undurchschaubar davon, vorbei an Stassek und Schmidt-Liechtenstein, die kurz zuvor hereingekommen sind.
Die beiden setzen sich zu mir. Er sei gerade beim Konsul gewesen, sagt Stassek, im Auftrag von Schmidt, er habe einen Brief übergeben ... diese Einrichtung, dieses kitschige Porträt von ihm, und der herrliche Degas, halb verborgen!
Schmidt-Liechtenstein legt mir eine Hand auf den Arm, es habe Ärger gegeben, der Konsul habe ihm gedroht: Wenn mit dem Scheck etwas nicht stimme, lasse er ihn morgen nicht aus dem Land. Da habe er ihm einen Brief geschrieben. Deutliche Worte.
»Und mich«, ruft Stassek, »hat er dafür rausgeschmissen!« Und kommt auf die Wohnung des Konsuls - diese Fahnen hinter dem Schreibtisch, diese Büste und das Gemälde von ihm und die vielen Fotos, immer dasselbe Lächeln, der müsse doch schon Krämpfe haben! Ob er uns schon Fotos von seiner zweiten Frau gezeigt habe, fragt Schmidt-Liechtenstein und holt seine Brieftasche raus. Was mit seiner ersten Frau sei, frage ich. Die sei verschütt, aber hier: »Thailänderin, absolut lieb ...« Bangkok sei sein Traum, sagt Stassek, er schaffe das noch. Er habe ja diese Bombenidee, dann hole er sich auch so eine Maus. »Übermorgen«, sagt Schmidt-Liechtenstein, »bin ich bei ihr.«
»Wenn der Konsul dich rausläßt.«
Auf wessen Seite ich sei.
Und Stassek fragt mich leise, ob mir die Indianerin gelegen habe. »Wenn du auf meiner Seite bist, kannst du Mitarbeiter werden, für ein Jahr, so lange bleibe ich noch drüben. Du brauchst nur zu telefonieren. Mit deiner Stimme ... zehntausend im Monat, Franken!« Die Indianerin habe dauernd gesummt und gesungen. »So sind die«, sagt Stassek.
Was ich von dem Angebot halte? Wenn ich annähme, könnte ich mir auch edlere Damen erlauben, »so wie ich«, und dann beginnt er Witze zu erzählen, und Stassek macht sich Notizen - in vierzehn Tagen habe er dann was zu lesen, bis dahin habe er alles vergessen - was der Unterschied sei zwischen einem was? Stassek muß im voraus lachen. Ich frage, wann ich ihn besuchen könne, seine Gegenleistung ... Er reißt sich zusammen. »Übermorgen«, flüstert er mir zu. »Steigst in den Vierzehnerbus und fährst so lange, bis ich am Straßenrand winke.« - Ob dann der Stotterer da sein werde. - Vielleicht ...
Und ich sage gut und stehe auf. Schmidt-Liechtenstein betrachtet mich. Aus seinem Gesicht entweicht auf einmal die Röte. Er habe mich ins Vertrauen gezogen, in Sachen Geld, ich dürfe ihn jetzt nicht enttäuschen! Er reicht mir seine Adresse, und ich gebe ihm die Hand, und als ich schon im Fortgehen bin, ruft er mir noch zu: »Du bist doch kein Drecksack, oder?« Und Stassek grinst mit hundert Falten.
Ich könne essen, was ich wolle, sagt der Wirt bei »Don Willy«, denn ich hätte ihm den Konsul gebracht: »'ne Nummer, der Kerl.«
Ich bestelle Whisky und eine Brühe und schaue zum Fernsehgerät. Schneeball-Huber tritt in das Lokal und setzt sich neben mich. Er sei gerade am Airport gewesen, um zu sehen, wie es Schmidt ergehe. »Da kamen plötzlich Polizisten und haben ihn durchsucht und ein Schweinegeld aus seinen Strümpfen geholt. Und dann haben sie ihm seinen Scheck unter die Nase gehalten, sich neuntausend Mark genommen, den Scheck zerrissen und sind wieder weg.«
Schneeball-Huber sieht mich jetzt beinahe an - wenn man hier nicht schmieren könne, sei man verloren, das wisse er jetzt. Jetzt müsse er schleunigst los und sein Geld holen. Und er rollt den Alpenplan aus und erklärt mir die Route. Inzwischen läuft eine Sendung, in der ausschließlich Tore zu sehen sind, das Tor und der Wahnsinn des Schützen danach, immer nur dieser Höhepunktausschnitt, als sei es ein pornographischen Film. Und Schneeball-Huber zeigt mir einen Punkt auf der Grenze: Hier werde er den Durchbruch schaffen, hier ungefähr genau!
Der Vierzehnerbus fährt in ein Wohngebiet mit festgebauten Häusern neben Hütten und Brachland, auf dem hohe Tafeln stehen, die den Bau von Apartments ankünden. Vor einer dieser Tafeln wartet Stassek. »Hübsch hier, was?« begrüßt er mich. Wir müßten noch ein Stückchen gehen, langsam allerdings, Sandflöhe hätten sich in seine Füße genagt, ob ich es sehen wolle. Später, sage ich, und er schluft in die Seitenstraße. Nach ein paar Minuten bleibt er stehen und zeigt auf einen großen Rohbau in einem weiten aufgerissenen Gelände - »meine Villa Hammerschmidt!«
Wir staken über die feuchte, tiefrote Erde, vorbei an Lachen und Bauschutt, und betreten das Haus. Es gibt weder Türen noch Fenster, in den Senken des Betonfußbodens steht das Regenwasser. Alles hier gehöre einem General, sagt Stassek, der habe gern mit seiner Frau geschlafen, dafür dürfe er hier wohnen. Die Indianerin kommt uns entgegen, Wäsche in den Armen. Als sie mich sieht, hebt sie den Kopf etwas an.
Sein Zimmer hat etwa drei mal drei Meter. Übereinandergeschichtete Ziegelsteine ersetzen einen Tisch. Da drin, sagt Stassek, lebe sein Glückssalamander; wenn der sich mal sehen lasse, habe er Glück; hin und wieder scheuche er ihn auch hervor. Auf den Ziegeln liegen zwei Bügel, ein Teller, ein zerlesenes Buch (Alexander von Humboldt) sowie unzählige randvoll beschriebene Zettel. »Mein Nachschlagewerk, zum Beispiel, wie man Seife herstellt, paß auf: ›Zum Herstellen von Seife schmilzt du Schweine- oder Hühnerfett bei kleiner Hitze, läßt es dann in kaltes Wasser fließen - und schöpfst es ab. Schmelze nun das Fett erneut, laß es lauwarm werden und bringe die Lauge auf die gleich Temperatur‹ - klar?«
»Und wer ist ›du‹?«
»Na ich doch«, sagt Stassek und grinst - nicht wie beim letzten Mal, mit hundert Falten, sondern nur einem halben Dutzend, je drei, die von den äußeren Außenwinkeln zum Haaransatz laufen; eine ganz andere Spur als etwas beim Konsul, bei dem sich sofort Grübchen bilden, wenn der Mund nach oben geht.
Ob hier nicht geklaut werde? - Doch, aber er habe ja seine Verstecke, hier ... Und er zerrt einen losen Stein aus der Wand, dahinter liegen Formulare, Broschüren.
»Bist du mein Freund?« fragt Stassek und lehnt sich vor das Loch. Das seien die Unterlagen für seine Idee. Ob ich sein Partner werden wollte, die Sache funktioniere bereits. Folgendes: Es gehe darum, Leuten mit deutscher Abstammung die Sozialhilfe von drüben zu holen, das sei gar kein Problem, man könne sogar Leute erfinden, Pässe gebe es genug. »Sozialfälle kreieren, kapiert?«
Er sei doch selber so ein Kunstwerk, heiße nämlich gar nicht Stassek, das sei der Name seines Hundes gewesen, und dann gibt er mir ein Zeichen, ich folge ihm aus dem Zimmer, durch einen Gang, an einem anderen Raum vorbei - dort wohne der Bursche vom General, armer Kacker -, dann eine Treppe hinaus und auf eine große Terrasse.
Immerhin, er stehe hier und sei auch Alleinunternehmer, nach wie vor, nur anders als früher. Früher sei er ein Schweinchen gewesen, habe seine Angestellten getriezt. Aber die größeren Säue hätten ihn kaputtgemacht, behauptet, er fotografiere seine Anzeigen aus deren Zeitungen - sein Reklameblättchen sei zu gut gewesen. Na ja ... Er habe den Prozeß verloren. - »Und dann?« - »Dann bin ich weg und habe hir mit Hühnern angefangen, fast alles reingesteckt, was ich noch hatte.« Stassek schüttelt mich. »Du, das war ein Gefühl, als meine ersten Küken kamen - hundertfach Vater! Nachts bin ich immer aufgewacht und mußte nach ihnen schauen. Ich hab' dann umgestellt auf Eier, noch mal investiert, den letzten Rest. Das lief dann auch so ... Bis zur Kristallnacht; da kamen die Soldaten und haben alles geholt.« - »Und dann?« - »dann hab' ich für ›Don Willy‹ die Werbung gemacht; für den da ...«
Ich drehe mich um. In der Türöffnung, die in den oberen Haushalt führt, steht ein kräftiger, aber geschlagen aussehender Mann mit einem großen Gesicht. Wie ein müder Soldat steht er da - gerade eben völlig aufrecht. Stassek geht auf ihn zu, sagt, ich sei ein Freund, flüstert mit ihm, und der Mann kehrt zurück. Mit einer Kopfbewegung winkt mich Stassek heran. Wir treten in ein helles kahles Zimmer mit Fenstern nach drei Seiten. An jedem Fenster steht ein Stuhl. Im geschütztesten Winkel des Zimmers liegt eine Matratze. Der Mann lehnt, neben einem der Stühle, mit seiner breiten Schulter an der rohen Wand und blickt, von der Außenmauer halb gedeckt, ins Weite; auf dem Stuhl liegt ein Armeecolt.
Wenn ich etwas von ihm hören wolle, sagt er und balanciert dabei am Rande seines Sprachfehlers, indem er die meisten Worte etwas verschleppt, aber nicht stottert, dann müsse ich mir seine ganze Geschichte anhören. Ich hocke mich auf die Matratze, Stassek auf den Boden und der Mann behält sein Schußfeld im Auge und beginnt zu erzählen. Er sei aus Thüringen gekommen, nach der Bodenreform, und habe es im Westen bei seinem Bruder versucht, auf dem Land - aber zu eng gewesen alles. Er habe nur gespart, dann sei er ab. Sechzehn volle Jahre sei er dann in Afrika gewesen, als Landwirt, immer selbständig, immer. In Äthiopien habe er eine Farm gehabt, in der alles steckte, was er besaß - bueno -, dann sei dieser Umsturz gekommen, und er habe alles verloren, alles. Daraufhin sei er nach Paraquay gegangen und habe mit geliehenen Dollars wieder begonnen, doch ohne seinen früheren Schwung. Ein bißchen was habe er sogar erwirtschaften können - etwas Großes, sei ihm klargeworden, schaffe man hier nur mit Geld - bueno -, so habe er aufgegeben und mit den übrigen Dollars ein Lokal aus dem Boden gestampft - »Don Willy«, nach seinem Bruder.
Die Indianerin steht plötzlich im Zimmer. Sie zwinkert mir zu und kauert sich dann neben Stassek. Zwiefalten nimmt den Armeecolt und wechselt das Fenster. Stassek zieht die Schuhe aus und pult an seinen Füßen. Bueno - eines Tages sei dann dieser Ami gekommen und habe furchtbar angegeben. Im Lokal seien drei Leute gewesen, seine ehemaligen Freunde, die hätten den Ami betrunken gemacht. Und auf einmal sei der Bursche vom Hocker gefallen, so unglücklich, daß er in die tiefer gelegene Scheibe fiel, wiederum sehr unglücklich - »und dann ...«, nun sackt seine Stimme, er fängt an zu stottern, »hat die Schweinerei erst begonnen ... die ließen ... ihn verbluten.«
»Und Sie?«
»Ich ...«, stößt er noch hervor, der Rest bleibt ihm stecken. Ich werfe Stassek meine Zigaretten hin, und Stassek bedient sich und gibt sie dann weiter; die Indianerin beginnt zu summen. Nach ein paar Zügen wechselt Zweifalten erneut seinen Standort, sagt »bueno« und spricht langsam weiter. Der Ami habe noch eine Weile gelebt und geredet, leise zwar, doch er habe alles verstanden. Als es zu Ende ging, habe man ihn schließlich die Polizei rufen lassen. Der Polizeichef habe den Toten gesehen und sofort auf Raubmord geschlossen, sogar die entwendete Summe gewußt und die Art der Währung. Und der Verdacht sei dann auf ihn gelenkt worden, wie sich das so gehöre - bueno.
»Und was hat der Ami geredet?«
Zwiefalten schaut zu Stassek und schüttelt so sachte den Kopf, daß die Verneinung nur durch sein großes Gesicht läuft, und ich verabschiede mich, wir gehen hinunter; die Indianerin bleibt. Kaum daß wir in Stasseks Zimmer sind, flüstert er mir zu, daß ihm der Stotterer alles erzählt habe neulich, und er habe sich nachher Notizen gemacht, die seien auch hier versteckt.
Warum er nicht gesagt habe, daß der Stotterer Zwiefalten sei? Weil Zwiefaltens General auch der Mann sei, dem das Haus hier gehöre, alles sei so verwickelt: »Komm jetzt«, und wir verlassen den Rohbau, verlassen das Grundstück. Es regnet schon wieder. Warum? frage ich noch mal, einges erzähle er mir, einiges nicht ... »Weil hier jeder nur«, sagt Stassek, »die halbe Wahrheit sagt - sonst liefe nämlich gar nichts mehr.«
»Der Kleene«, sagt der Konsul, »ist hier gewesen; zum Schreien ...«, und begrüßt mich. Ute habe gefragt, was er wünsche, und er habe einen Brief abgegeben, von Schmidt, dem Gangster; der sei jetzt wieder drüben, aber habe bezahlt. Den anderen, Schneeball-Huber, schreibe er ab, der tue ihm leid. Es verirrten sich halt immer wieder solche Leute zu ihm; sei er denn der liebe Gott ...
Der Konsul hält vor einem teuren Restaurant - ein Kunde, seriös, wolle hier ein Essen geben, nach geglückter Verhandlung. Mit seiner Hilfe werde der Mann, Pelzmensch aus Frankfurt, Repräsentant einer paraguayischen Bank. Wir steigen aus, Ute liest ein Haar von seinem Ärmel, und der Kunde, Herr Gläser, tritt auf uns zu mit einem Reptilblick: sich langsam bewegende Pupillen hinter zuschnappenden Lidern. Er trägt einen blütenweißen Anzug, fixiert mich aus dem Augenwinkel und redet mühsam-bedächtig, als sei er betrunken. Er freue sich, uns einladen zu dürfen; geht dann vor zu einem reservierten Tisch, zögert, und der Konsul legt die Sitzordnung fest.
Gläser möchte sich von mir einen Eindruck verschaffen - welcher Art die Sachen seien, die ich schreibe. Ich erzähle es ihm kurz. »Und negativ, oder?« fragt er anschließend. Der Konsul kräuselt die Nase, neigt sich herüber, als ob er Vertrauliches mitzuteilen habe, und antwortet ihm ausführlich an meiner Stelle, bis die Vorspeise kommt, eine legierte Tomatensuppe. »Köstlich«, sagt der Konsul und fängt an zu essen. Dann, vor dem ersten Trinkspruch, als Herr Gläser, der mich nach wie vor im linken Auge behält, die gestärkte Serviette an den Mund führen will, wird durch deren unteres Ende der abgelegte Löffel so über die Tischkante geschoben, daß er, trotz einer raschen Ausweichbewegung, im Fallen sein Hosenbein streift. Der Konsul winkt dem Ober, bestellt heißes Wasser. Ute reicht Herrn Gläser das Salz, und während er den Fleck bestreut, sagt der Konsul, der sich inzwischen weit zurückgelehnt hat, die Arme gestreckt, die Fingerspitzen auf dem Tischtuch, so könne er nicht Repräsentant einer bedeutenden Bank werden, als Kleckerer!
Das heiße Wasser wird zusammen mit dem Zwischengang gebracht. Nur Herr Gläser kann die Wachteln nicht genießen - er putzt sogar noch während des Hauptgangs, unauffällig zwar, mit gewissen Pausen, jedoch so abgelenkt, daß er dem Konsul nicht zu erwidern vermag. Und der sagt, so könne er morgen nicht zur Unterzeichnung erscheinen, außer, er erhöhe noch die Provision ...
Gleich nach dem Dessert verlangt Herr Gläser die Rechnung und verabschiedet sich dann vor dem Lokal. Sein Hotel sei in der Nähe, und selbstverständlich liege dort ein zweiter Anzug.
Erst im Auto, als die Türen zu sind, sagt der Konsul ganz leise: »Zum Schreien ...«, und fragt mich dann: »Was denkst du? Nach dem Abend ...« - Daß er Format habe ... - »Aber? Mehr Großkotz, oder?«
Er schaut mich an, ich schaue zu Ute. Vielleicht, sage ich, nicht die ideale Mischung, Großkotz/Feingeist. Er sei geschmacklos, konsequent! Kein Stil, aber Format! Von souveräner Ungenauigkeit. - Der Konsul widerspricht, natürlich habe er Stil, immer gehabt ... - In seinem Auftreten, ja; daher dieser Wunsch, mit ihm Tennis zu spielen, zu sehen, was daraus wird. Stil heiße doch: sich in festen Grenzen zu entfalten; seine Reden seien lose.
Er hält vor dem Hoteleingang und sieht erst zu Ute, dann zu mir. Gottfried von Cramm sei sein Tennislehrer gewesen - ich sei kein Gegner für ihn, in keiner Beziehung. Aber er habe sich kürzlich, beim Aufschlag, etwas am Rücken zugezogen. Er sei im Krankenhaus gewesen, bewegungsunfähig, einen ganzen Abend lang. Ute habe so viele Blumen gebracht, er habe Todesangst bekommen.
Ich sage, es sei nicht so wichtig, nur schade, steige aus, und wir winken uns zu. Und plötzlich winkt er mich noch mal heran, aufgeregt, als seien wir verliebt und mit einer kleinen Unstimmigkeit voneinander geschieden, und ruft: »Jetzt hab' ich's, du bist mein Bruno!« Und strahlt, so daß ich ihn mag und ergänze: »Bericht über Bruno, ich lese es gerade.«
Während ich packe, klopft es. Ich rufe »Herein«, und Stassek sagt »Guten Tag«, er müsse erst mal dringend, wenn es ans Abschiednehmen gehe, sei er immer so unkontrolliert. Da die Badezimmertür nicht schließt, dringen alle Geräusche, wie das Herablassen der Hose, sein Ausatmen zur besseren Sammlung, getreulich herüber. Zuviel Intimität, die mich ungeduldig macht. Er sei mir noch was schuldig, rufe ich, und außerdem sei das Klopapier alle, und Stassek ruft zurück: »Die Kristallnacht, das war nach der Ermordung Somozas, letzten November, in der Avenida España, gleich beim Konsul um die Ecke ...«, kramt dann raschelnd etwas aus der Tasche, die Notizen wahrscheinlich, stöhnt unterdessen kurz, und ich öffne das Fenster.
»Paß auf«, sagt Stassek und spricht nun leiser, »es gab eine offizielle Version: Eine aus Sandinisten und Tupamaros zusammengewürfelte Gruppe habe Somoza, auf den ein Kopfgeld gestanden haben soll, umgelegt - alles Scheiße, kein Wort wahr!« Stassek unterbricht, blättert herum und stöhnt noch einmal, ehe er fortfährt.
»Somoza und Stroessner waren nämlich befreundet. Als sich Somoza im Miami gelangweilt hat, ließ Stroessner ihn abholen und stellte ihm ein Haus in der Avenida España zur Verfügung, Tag und Nacht mit Polizeischutz. Denn Somoza hatte über hundert Millionen Dollar in seinem Gepäck und wollte hier Geschäfte machen. Mit einem Teil des Geldes kaufte er im Chaco, nahe der bolivianischen Grenze, große Mengen an Land und ließ dort Rauschgift pflanzen. In der Nähe befand und befindet sich jedoch ein riesiges, militärisch bewachtes Gebiet, auf dem der Polizeichef von Asunción - Pastor Colonel - sowie ein General Mendez das gleiche betrieben. Kurz und gut, Somoza wurde zu einem Gespräch eingeladen und gebeten, doch lieber Soja anzubauen. Der dachte aber nicht daran, im Gegenteil, Somoza wurde pampig, berief sich auf die Freundschaft zu Stroessner und sagte: ›Leckt mich am Arsch, ihr schwulen Hunde!‹ Das sagte er wirklich, und genau damit hatte Pastor Colones gerechnet und Vorbereitungen getroffen. Als Somoza nach Hause fuhr, wurde sein Wagen von einer Panzerfaust beschossen und in Stück gerissen. Gleichzeitig wurde viel geballert, aber niemand verletzt. Somozas Begleitpolizisten regelten den Verkehr, Pastor Colonel kam fünf Minuten nach dem Anschlag und überzeugte sich vom Erfolg.«
Stassek unterbricht sie wieder, ich höre, wie Papier geknüllt wird. »Und jetzt wird's spannend«, flüstert er, so daß ich näher an die Tür treten muß. »Stroessner, den Somozas Dollars reizten, zeigte sich erbost über diese Eigenmächtigkeit des Polizeichefs. Er ließ ihn kommen, ohrfeigte ihn und versetzte Colonel auf einen anderen Posten. Dem General indessen passierte gar nichts, und durch den Einfluß von Mendez kam Colonel auf seinen Stuhl zurück - die Jagd auf Terroristen begann. Angeblich wurde der Anführer, ein Argentinier namens ›Mela‹, bei der Fahndung erschossen. In Wirklichkeit hatte man einen kleinen paraguayischen Ganoven umgelegt - das ist der van der Lubbe in der Sache; und die Kristallnacht war auf dem Höhepunkt der Fahndung.
Blockweise wurde die Stadt durchkämmt. Ganze Familien wurden auf die Straße getrieben und dann die Wohnungen geplündert. Es konnte jeden treffen, der keine Verbindungen hatte. Mich haben sie angeschnallt und sich in Ruhe unterhalten, wer was bekommt; sogar die letzten Küken haben sie mitgenommen ...«
Stassek spült und zieht die Hosen herauf. Womit er sich abgeputzt habe, frage ich laut. »Rat mal«, ruft er und kommt mit leeren Händen aus dem Bad: Wo ich nun alles wisse ...
Ich schließe meinen Koffer und schaue auf die Uhr, es ist kurz nach drei, das Flugzeug geht am Abend. Ob ich ihn zur Post begleite, fragt Stassek, vielleicht sei ein Brief da, aus Deutschland, eine Bestätigung, daß seine Klienten Sozialhilfe kriegen - und er Provision: doch alles möglich, oder? Und ich schlüpfe in den Mantel vom Konsul und bringe das Gepäck zur Rezeption. Dann gehen wir langsam zur Hauptpost, denn Stassek kann jetzt kaum noch laufen. Unter den Nägeln seien die Viecher bereits, er pople sie immer heraus ...
In seinem Fach liegt ein Zettel, daß er ein Einschreiben abholen könne; er fällt mir um den Hals, als hätte ich ein Tor geschossen. Wir stellen uns in die Schlange vor dem Schalter, Stassek holt eine Handvoll Erdnüsse aus seiner Hose - auch wenn er nun bald flüssig sei, müsse er seinen Erdnüssen treu bleiben. »Gott merkt sich so was sehr genau; wenn der Konsul mal da oben anklopft, dann sagt der liebe Gott zu ihm: ›Jetzt gehst du wieder runter und machst das schön noch mal‹ ...«
Ob das alles wahr sei, was er mir erzählt habe, frage ich ihn. »Pastor Colonel hat ja auch die Untersuchung in der ›Don-Willy-Geschichte‹ geleitet, kannte auch diesen Ami«, sagt Stassek und kommt an die Reihe. Das sei eine liegengebliebene Benachrichtigung, erklärt der Beamte, für einen längst abgeholten Brief. Ich fluche, und Stassek schüttelt den Kopf, er habe doch eine Riesenfreude gehabt, das sei doch auch was wert; Mensch ...
»Und jetzt?« frage ich Stassek.
»Jetzt gehen wir in unser totes Café und feiern dort Abschied.«
»Heut schon gelacht?« sagt Schneeball-Huber und rollt einen Plan aus, nicht die Alpenkarte, sondern den Plan eines Grundstücks. Alles sei jetzt klar, alles. Er habe eine Frau kennengelernt, beste Familie, sie sei verrückt nach ihm - er bleibe hier und werde bauen, sie leihe ihm das Nötige. Daraufhin habe er gleich ein neues Auto gekauft, beim Bruder der Frau, sie habe das gemanagt.
»Und das Geld in Österreich?«
»Scheißeuropa ..« Dort draußen stehe sein Auto, alles sei klar. Morgen melde er sich hier beim Deutschen Kirchenchor. Und er rollt den neuen Plan wieder ein und steht auf. Ob er mich dann wo hinfahren könne, er müsse noch mal weg, halbe Stunde.
»Zum Konsul«, sage ich, »in einer Stunde«, und erkläre ihm, wo mein Hotel liegt. Kein Problem, verspricht er, nur wolle er dem Konsul nicht begegnen und werde mich an der Ecke absetzen, denn der müsse ja nicht wissen, daß es aufwärts gehe - steil! Er pocht auf den Tisch und geht.
Stassek schaut ihm nach. Der Professor wirft einen Blick in die Cafeteria und stürzt wieder weiter. Woran er denke, frage ich nach einer Weile. Er überlege sich, sagt Stassek, wen ich wohl lieber hätte, den Konsul oder ihn. Aber es sei nicht so wahnsinnig wichtig. Huber sei ein Vollidiot. Außer einem Auto habe er gar nichts. Diese Frau sei bekannt, sie könne etwas Deutsch ...
Er sieht mich an, und ich zähle mein übriges Geld. Anschließend zeige ich auf den Mantel und sage: »Der gehört mir nicht.« Und er sagt: »Klar, war doch klar.« Er kramt in seinen Taschen. Es sei nett gewesen mit mir, immer wieder gehe jemand, der nicht so übel sei - nur die Gewindbeutelten blieben.
»Irgendwo«, sagt Stassek, »müßten diese Zettel stecken mit den Witzen von Schmidt-Liechtenstein. Die les' ich uns jetzt vor, dann wird's nicht so traurig. Hier, paß auf: Was ist der Unterschied zwischem einem Biber ...«
Ich lege meine Hand auf seine Schrift. »Gut«, sagt Stassek und grinst noch mal mit hundert Falten, »dann ohne Trara - du gehst jetzt sofort und husch, husch; auf Wiedersehen.«
Schneeball-Huber fährt einen Toyota Celica mit Holzlenkrad; er fährt die Mariscal Lopez hinunter, an Bussen, die andere Busse überholen, knapp vorbei. Wenn er nun jemanden totfahre? »Dann wird erst mal gefragt: Wer ist der Fahrer, wer ist der Tote? Und dann wird der Preis festgelegt, normalerweise tausend Dollar für die Familie. Es reicht doch, wenn einer ausfällt. Wenn ich noch ins Gefängnis käme, dann wären ja schon zwei Leute dem Wirtschaftskreislauf entzogen. Praktisch wird hier gedacht, in jeder Hinsicht. Kommunisten zum Beispiel - kommen in Säcke, kommen ins Flugzeug und werden abgeworfen. Über dem Chaco. Der Chaco ist groß, größer als ganz Deutschland. Alles ist hier anders - schau dich doch um! Kannst buaen, wie du willst, Auto fahren, jagen. Zum Jagen braucht man keinen Jagdschein, sondern ein Gewehr, zum Angeln braucht man eine Angel, zum Fahren ein Auto ...«
Er biegt in die Avenida Brasil ein, der Wagen bricht aus, streift den Bordstein, doch er fängt ihn wieder; ich muß lachen - ob er kein Heimweh habe, frage ich ihn. Er verbiete sich Erinnerungen. Ob er träume von zu Haus? »Träume ...?« fragt er zurück und überfährt noch eine Ampel und fast einen streunenden Hund. »Allein die ganzen Hunde hier ... Unsere Hundesteuerleute würden den Verstand verlieren!«
Vor der Kreuzung, an der die kleinen Soldaten die Umgebung bewachen, bringt Schneeball-Huber den Wagen zum Stehen. Er bedaure mich, daß ich morgen wieder im Behördenbereich sei; seit er diese Frau - »Schilda«, so ein Name -aufgetan habe, ziehe ihn nichts mehr.
»Und wenn sie dich reingelegt hat?«
»Nie.«
»Vielleicht wollte sie nur das Auto verkaufen ...«
Das habe er von ihrem Bruder ... Und zum ersten Mal sieht er mich ohne Abweichung an. Seine großen, nicht mehr unsteten Augen haben etwas Anziehendes plötzlich, weil die Lider, die sich leicht zusammengezogen haben, sie bis an den Pupillenrand verkleinern und ihnen, für die Dauer dieses Augenblicks, eine begehrenswerte Schrägheit verleihen, die sein restliches Gesicht überbietet.
»Weißt du, daß ich dich ›Schneeball-Huber‹ nenne?« - »Nein.« - »Der Konsul hat's mir erzählt.« - Und er lacht und boxt mir gebremst in den Magen, er spiele bloß die Witzfigur, und jeder falle drauf rein. - »Ich auch?« - »Wenn du mich ›Schneeball-Huber‹ nennst ...«
Seine Augen gehen wieder hin und her, als sei ich in Bewegung: So was Abgefahrenes wie diese Schilda sei ihm noch nicht untergekommen, das laufe jetzt alles ... wie geschmiert. Vorwärts müsse man schauen, ganz da hinten, irgendwo, sei Deutschland; hinter der Sonne!
Unerwartet, eine gute Stunde zu früh, klingle ich beim Konsul, und er öffnet selbst. Ute sei noch auf der Bank, aber er freue sich, daß ich schon da sei.
Der Konsul trägt ein offenes Hemd, ist etwa unfrisiert und geht nicht so elastisch wie sonst. Er sieht sich nicht ähnlich - als sei der andere sein Stiefsohn. »Gehen wir ins Schlafzimmer«, sagt er, »ich war das beschäftigt.«
Sein Schlafzimmer liegt am Ende des langen, breiten Ganges, der ihm als Büro dient. Es ist ein schöner, heller Raum, der schönste im Haus. Die dem Bett gegenüberliegende Wand ist ein großer Schrank, aus dunklem, geschliffenem Holz. Neben dem Bett stehen gefüllte Bücherregale - viele Biographien, viel über das Dritte Reich. An der Wand gegenüber der Fensterfront, welche den Blick in den Garten ermöglicht, hängt ein alter Spiegel, neben einem Porträt von ihm (stümperhaft, vielleicht auch zynisch geschmeichelt wie das andere Gemälde im Wohnraum). Ein weiterer Spiegel hängt hinter dem Bett, dessen Kopfende links und rechts von Nachttischen gesäumt wird. Auf dem einen liegen Illustrierte, auf dem anderen ein Revolver, Kaliber fünfundvierzig, und eine kleine Zweiundzwanziger, die aus einem Halfter schaut. Der Konsul setzt sich auf den Bettrand und überfliegt einen Brief. Wie es mir gehe, ob ich zufrieden sei mit meiner Reise?
Ich setze mich neben ihn, so daß ich ihn im Wandspiegel sehe, und nehme den Revolver in die Hand. Oh ja, ich sei sehr zufrieden; ich hätte sogar mit Zwiefalten gesprochen, er habe mir alles erzählt.
»Die Hälfte ...«
»Mindestens die ganze halbe Wahrheit. Der Ami ist verblutet; er hatt wohl was mit Rauschgift zu tun und hat noch gesagt, wer Somoza umgelegt hat - Pastor Colonel, Polizeichef in Asunción.«
»Expolizeichef«, der Konsul zeigt mir den Brief: von seinen Rechtsanwälten. Er werde sein Recht schon noch kriegen, sagt er, nimmt mir den Revolver aus der Hand und legt ihn wieder hin, und ich ziehe seinen Mantel aus. »Ohne den hätt es mich sicher erwischt.« Der Konsul legt den Mantel über einen Stuhl: »Du bist schuld!« - das sei ihm immer wieder durch den Kopf gegangen, und plötzllich sei er auf »Bruno« gekommen - Bericht über Bruno sei ja sein Lieblingsbuch. Er habe Joseph Breitbach in Paris besucht, noch kurz vor dessen Tod - »daß du das liest, zum Schreien ...«
Ich greife nach der Zweiundzwanziger, hole sie aus dem Halfter, der Konsul unterbricht sich, und ich nehme das Magazin aus der schmalen Pistole, während er ein Foto von der Wand abhängt. »Ich und Curd Jürgens - der ist ja nun auch tot.«
Eigentlich, wiederhole ich, habe er's ja mehr mit Männern, außer in Illustrierten. Es seien doch Männer, denen er Eindruck mache. Er habe sich auch schon, entgegnet der Konsul und hängt das Foto wieder hin, Gedanken darüber gemacht, ob ich mich nicht viel mehr zu Männern hingezogen fühle; zu gutaussehenden Männern ... Ich ziehe den Verschluß zurück, lasse die sechste Patrone, die in der Kammer war, rausfallen und drücke sie ins Magazin. Ob er's nur mit Ritterschlägen mache, ob er's nie mal wirklich versucht habe?
»Nur das Übliche, im Internat. Und du?«
»Auch im Internat.«
»Und dann?«
»Kam, als ich Soldat war, eine Vorliebe für Huren; wie bei Bruno.«
Ach ja, ruft der Konsul, er sei noch nie bei einer Hure gewesen, er könne das gar nicht - bezahlen ... Er genieße es viel mehr, wenn man so scharf auf ihn sei, und viele seien scharf auf ihn.
»Mit Recht«, sage ich, und er möchte wissen, weshalb - »bitte!« Weil er das B immer so platzen lasse, fast wie ein P, und dazu die blauen Augen, seine tausend Geschichten und dieser Geruch von Bargeld - »das Gebpündelte!« Wie gesagt: er habe Format ...
Ich schiebe das Magazin in den Schacht, lade die Pistole wieder durch und sichere sie; und er nimmt sie mir ab und steckt sie in das Halfter zurück. Dann steht er nochmals auf, endgültig diesmal, denn er geht zum Kleiderschrank und holt sich eine Krawatte. Ute müsse jetzt gleich kommen, dann bringe er mich zum Flughafen raus. Und zum Endspiel sei ich zu Hause.
Ob er gern mitfliegen würde, frage ich rasch, stehe nun auch auf und stelle mich vor ihn, mit einigem Abstand, so daß ich nur in einem flachen Winkel emporsehen muß. Und er bindet sich die Krawatte und sieht mich dabei an, als sei ich ein Spiegel - er habe keinen Grund, es gehe ihm ja glänzend hier, bestimmt.
»Du träumst doch nur von einer Rückkehr im Triumpf.«
Er zieht den Knoten fest, und das Gesicht verändert sich: als sei es jetzt ebenfalls vollständig gekleidet, mit Bügelfalten anstatt Falten, mit einem Grübchen, das sitzt, einem Blick, der ihm steht. Er träume von einem ganz großen Coup.
»Präsident zu werden?«
»Eines sehr kleinen Landes; aber dort die ganze Gewalt.«
Und ohne die geringste Bewegung in seinem Gesicht lacht er einige Male, indem er Luft durch einen Kehlkopfengpaß stößt, so daß ein scharfer, hoher Ton entsteht. Und ich öffne meine Reisetasche und hole Bericht über Bruno heraus. Eine Stelle habe mir besonders ins Auge gestochen, da, wo das Lesezeichen stecke. Hinter Brunos Prophezeiung berichtet sein Großvater, »fühlte ich nur ... ein ungeduldiges Warten auf Macht, auf die Macht, zu strafen.« Der Konsul zieht sein Jackett an und glättet zwei Knickstellen.
»Aber wen?«
Ich packe das Buch wieder ein und schließe die Tasche. Jeden, der sich nicht zu ihm bekenne. Natürlich, sagt er und holt aus, daß meine Wimpern beben, und streicht sich danach, in der gewohnten Weise, über sein Haar - läßt die Hand jetzt aber dort am Hinterkopf, wie eine Nackenstütze -, das habe er immer wieder erlebt. Kunden hätten ihn verleugnet, bei öffentlichen Anlässen, Leute, die ihn eigentlich mochten, die einen Narren an ihm gefressen hätten ... Wer er denn sei?
»Der gefressene Narr.«
Und als ob er taumle, schaut er mich an, zieht das Jackett wieder aus und öffnet sein Hemd. »Fühl mal«, sagt er und nimmt meine Hand. »Jetzt hab' ich eine Gänsehaut; und das ist wirklich wahr.«
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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