Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]

















P u b l i k a t i o n e n




Der Ast, auf dem ich sitze

Ein Versuch, undankbar zu sein

DIE ZEIT, Nr. 6, 01.02.1980




Nichts unterscheidet das Phantasma des Schriftstellers von dem eines Bodybuilders - beide glauben, sich selbst zu produzieren.
Wer als Schriftsteller dieses Phantasma gelegentlich sieht - daran zweifelt, Autor zu sein - sich eher als Schreibkraft empfindet - keine Identität aus seinen Texten bezieht - auslebt, was als Widerspruch erscheint, muß sich in der Praxis von Fall zu Fall entscheiden: für den Text und gegen den privaten Überschuß (Wünsche und Ängste, die auch durch Nachdenken nicht einzuholen sind) oder gegen den Text und zugunsten des anderen oder für beides. Was immer er tut oder läßt, er setzt sich einem Spiel aus, er verlustiert sich; Lust und Risiko umgeben ihn.
Er spielt - mit sich - und hat daran Lust, und er spielt mit anderen, deren Spielverderber er ist - und geht damit ein Risiko ein. Er macht sich lustig über das, was seine Texte und deren Rezension empfehlen; er wird kein Bürger der geistigen Heimat, die sich ihm aufdrängt. Die symbolische Ordnung, die ihn auf Grund seines Schreibens umhüllt - jener sprachliche Zusammenhang, in welchem es, unter Berufung auf eine Doxa, für alles eine vorschriftsmäßige Bedeutung gibt - kann ihn nicht in Schuldgefühle stürzen; sie reizt ihn höchstens zur Polemik.
Die kritische Öffentlichkeit, das Publikum, die geläufige Meinung - die Doxa - der abwesende Dritte in der Beziehung zwischen dem Schriftsteller und den Texten, die er abwirft, ist ein Ordnungsfaktor, der überwacht, bestraft und belohnt - der die Gewalt des "Selbstverständlichen" auf seiner Seite hat.
Oder ist es etwa statthaft, Grenzen aufzuheben zwischen dem Trivialen und dem sogenannten Ernsten? Mit der Differenz zu spielen und Peinlichkeit hervorzurufen? Zum Beispiel durch Zeichen von Kitsch: wo sich Alltagsunterhaltung über das schiebt, was als das "Eigentliche" angenommen wurde - über Zuschreibungen, die den Sympathisanten zu vergrößern versprachen - über das angeblich Wichtige eines Schriftstellers, das Förderungswerte an ihm, das noch Unentdeckte, das Bemitleidenswürdige, das Richtungsweisende, das Großartigkaputte und so weiter.
Die Rede ist von Zeichen, die sich über solche Projektionen schieben - nicht von Symbolen; eine Krawatte, die ich unlängst trug, wurde als Bedeutungsträger aufgegriffen und geahndet - aber das ist kein Thema. Obwohl der Kulturbetrieb allem Paranoiden Gelegenheit bietet, sind Verschwörungstheorien fehl am Platz. Man sollte lieber fragen: Wer repräsentiert die symbolische Ordnung, die einen umgibt - deren Teil man zwangsläufig wurde? In wessen Namen wird gesprochen? Wer zeigt sich getroffen durch die Verachtung von Symbolen? Wer behindert was?
Unterstellt man einmal, daß es hier um Sprache geht - um Sprache in einer Verwendung als Indentitätsmaschine - und unterstellt man außerdem, daß keiner die Sprache beherrscht, die er spricht, hat man vielleicht eine Fährte. Ich glaube, niemand kann sich seiner Sprache sicher sein; auch die Profis nicht. Dies wird nirgends deutlicher als dort, wo sich die Sprache nicht schließt: wo durch Versprechen und Verschreiben - durch Verdenken - der eigene Überschuß zum Vorschein kommt; "falsche" Zitate in Besprechungen sind in der Tat ein Witz!
Mit anderen Worten: Die Sprachidentitätsmaschine funktioniert nicht - nicht von selbst und nicht von vornherein - immer nur im Rückblick; man muß schon nachtragend sein, und manche können das ganz gut. Geschliffen reden, als schleiften sie selber; für andere sprechen, als sei dies selbstverständlich; ja sogar glauben machen, sie seien eigentlich selbst der andere. Und dann fällt es auch nicht schwer, einen Begriff wie "Selbstverliebtheit" zum Einsatz zu bringen - zu übersehen, daß es nur Verliebtheit gibt in sich, aber eben leider kein Selbst. Oder, um es unmißverständlich zu sagen: Wer sich nachträglich als Referent, als Sprecher seiner selbst erklärt, der sieht es nicht gerne, daß es in bezug auf Kreativität keine qualitativen Unterschiede gibt - ich tue nur etwas anderes als beispielsweise ein Bodybuilder.
Damit wird die Richtung klar. Die symbolische Ordnung, die mich einschränkt und zur Entfaltung kommen läßt, wiederholt sich im Namen derer, die das Signifikante, das Bedeutungslose, aber Effektive, als wichtigstes Bewegungsmoment der Sprache zu unterschlagen versuchen - die das in seiner Wirkung behindern, was den Schriftsteller ausmacht.
Sie - die Sprachegozentristen - nehmen nicht wörtlich und gabeln nicht auf, was sich unterwegs lesend, beobachtend, von Wort zu Wort, von Bild zu Bild, herausstellt - als Effekt. Statt dessen unterbrechen sie das Gleiten der Worte, lassen die Vielfalt eines Satzes zu einer einzigen, scheinbar widerspruchsfreien Bedeutung vereisen - und wundern sich dann womöglich über die Kälte im Lande.
Ich versuche, undankbar zu sein - versuche, etwas hinzurichten. Ein Versuch, der wütend machen kann; ich fürchte mich vor dieser Wut. Aber meine Furcht vermischt sich mit der Lust an solchen Grenzverletzungen. Mit einer Lust, die ich als Lebenslust empfinde; durch Rücksichtslosigkeit, die mir gelegentlich gelingt, erspüre ich ein Wirklichkeitsgefühl: daß ich "selbst" nichts weiter bin als anders - und eben nicht der andere, was bedeuten würde: Alles - was auch heißen könnte: daß ich menschlich bin.
Es geht mir um eine praktische Unterscheidung zwischen Totalitarismus und Narzißmus - zwischen einem endlosen Kampf mit dem Imaginären um eine Selbsterzeugung und einer ungewissen Verliebtheit in sich, die das Unmögliche zu überspielen vermag. Einer Ichveständlichkeit, die nur wirksam ist, wenn sie Enttäuschungen bereitet: Ich kann nur die symbolische Ordnung in Frage stellen, der ich unterliege; wenn überhaupt, dann reizen mich nur solche Tabus, die noch gültig sind im Hinblick auf mich. Ich möchte nur an dem Ast sägen, auf dem ich auch sitze - und vielleicht trotzdem nicht falle.
Ein Bild, das ich ausweiten will. Jeder Schriftsteller sitzt auf einem Ast und hält eine Säge in der Hand und hat noch viele Äste in seiner Nähe. Was wird er tun? Was soll er tun?



-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

[ zurück ]








   impressum