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Leseprobe
Schon morgen soll ich also ein freier Mann sein, der einfach aus der Tür tritt und geht - der berühmte freie Mann aus dem Gerichtsfilm (Sie sind ein freier Mann, Mr. Jones, Sie können gehen!), der tun und lassen kann, was er will, bis auf den kleinen, eher beruhigenden Gang zur Polizei einmal pro Woche - der keinem mehr Rechenschaft schuldig ist und dazu noch Geld erwartet, Geld in reichlicher Menge, sobald alle Nachlaßdinge geregelt sind, der sich freuen sollte, wie Mr. Jones, aber Mr. Jones kam aus einem Schwarzweißfilm, mit schönen Dialogen und langen Einstellungen, aus einer anderen Zeit, der meiner toten Eltern, während ich morgen eine Stadt mit kurzen Schnitten betrete, wo alles durcheinander redet, über Urlaub, Geld und Sex, über Weine, Zinsen, Kinder, Frauen und was weiß ich noch alles, eine Stadt, ohne Schatten - ohne die Schatten, aus denen Mr. Jones noch heraustreten konnte - und also auch ohne Licht, ich fürchte mich ein bißchen vor ihr, ich fürchte die vielen Frauen meines Vaters, die dort herumlaufen und noch irgendeine Spur von ihm bewahrt haben, keinen Geruch und auch kein Sperma, wie die Freundinnen der Präsidenten, nein, eine Spur in ihrem Hirn, vielleicht dicht neben der Spur, die sie von mir bewahrt haben - wenn es mir gelungen war, sie zu erobern, für eine Nacht -, einen hartnäckigen Rest, resistent gegenüber den Zeiten, eine unveränderliche Schlacke, zäh und diffus, wie die Reste dieser Begegnungen, die bei mir versammelt sind, im Hinterkopf, wie man sagt, und jede einzelne Schlacke hat irgendwo, im Norden oder Süden der Stadt, im Osten oder Westen, sagen wir: in einem Haus in der Myliusstraße, dritter Stock, wo eine Frau, Iris, jetzt im Bett liegt und vielleicht noch fernsieht, in deren Hirn eine Entsprechung, eine winzige, komplementäre Spur, die allein mich betrifft, die Stunden mit mir; zwei Spuren, die alles und nichts miteinander zu tun haben: Was für ein Schrecken, wenn Iris diesen Rest in mir, sie betreffend, plötzlich auf dem Bildschirm sähe, als Unterbrechung des Programms; sähe und hörte, was meine junge Mutter sah und hörte, als mein Vater sie mit Iris betrog - Iris brüllte, als sei sie ein heranrasendes Auto -, und was ich, nachdem ich Iris später gefunden hatte, heute noch mit ihr verbinde, ein Buch auf dem Nachttisch, Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, das hatten sie damals alle im Haus, die Frauen meines Vaters; und dann ist da auch noch diese Erinnerung an ihr häufiges Zähneputzen, nach jedem Essen, aber auch nach der Liebe, an diesen Frischegeruch, der einem alles verdarb, ganz anders als etwa der Frischegeruch von Vera - jetzt wechselt die Spurrille, und in einer anderen Wohnung wird das Fernsehprogramm unterbrochen, durch meine Vera-Schlacke -, ein sogenanntes Cool Water hat Vera benutzt, einen Männerduft, wie er damals in Mode kam, ich erinnere mich an sie wie an einen blonden Kerl ohne Schwanz, an ein undeutliches, aber gut riechendes Wesen, das sich anfangs gesträubt hatte, mit mir ins Bett zu gehen, sie fand mich zu jung oder sich zu alt, um die dreißig war sie, eine Reisebekanntschaft meines Vaters, er hat sie in einem Feuilleton erwähnt, das war sein Fehler, und als ich sie schließlich herumgekriegt hatte, ein einziges Mal, ich glaube, in einem Hotel, war mein Vater schon längst bei Elke, von der ich nur noch weiß, daß sie einen Goldhamster besaß und auf das Abbrennen zahlloser Kerzen während der Liebe bestand, es war gar nicht leicht, mich von Elke zu verabschieden, aber auch da habe ich von meinem Vater gelernt, ich sah ja, was er angerichtet hatte, immer nach dem Motto: Gehe auf niemanden zu, sei nur in kleinen Dosen sympathisch, biete keinem deine Schulter, um darauf zu klopfen; sein Rezept: sich selber unmöglich machen, so wird man Frauen los, so klappte es auch bei Elke - von der ich im übrigen noch einen Rest besitze, jetzt fällt er mir wieder ein: Elkes Art, wie sie von Anfang an Schwanz sagte, nie Pimmel oder ähnliches, sondern Schwanz, auf eine sehr angenehme, fast manierliche Weise, ganz anders als Annette, die ebenfalls bereit war, mit mir eine Nacht zu verbringen, nein, falsch: einen Nachmittag, einen Nachmittag in einem Hotelzimmer, sie sagte dort, in diesem billigen Zimmer, Penis, und war auch sonst überhaupt nicht locker, wie man damals zu sagen begann, aber immer noch viel lockerer als eine Barbara oder Bärbel, ich weiß es nicht mehr, ich kann mich nur an ihren starren Blick erinnern, diesen unschönen Rest in mir gibt es noch: Barbara oder Bärbel in einem Dachzimmer, jawohl, und es ist früher Morgen und schon etwas hell, also Sommer - da fällt mir ein: Wir waren in Sardinien zusammen, zwei Wochen, mit Bekannten von ihr, weil sie da auch mit meinem Vater war, von dort kam nämlich eine Karte an mich, einer seiner seltenen Grüße, aber von diesen zwei Wochen ist nichts geblieben -, ein Sommermorgen in der Dachkammer, das ist geblieben, und der starre Blick, als ich in sie eindrang oder schon eingedrungen war: als sei sie tot, ich mag gar nicht daran denken - nicht in dieser letzten Nacht in Untersuchungshaft, im Schutz meiner Zelle -, ich denke lieber an Claudia - wie komme ich jetzt auf sie, wo liegt die Verbindung zu Barbara oder Bärbel? -, an Claudias Flehen in meinem Ohr, irgendwo in einem Vorort, Richtung Wiesbaden, in einem Mehrparteienhaus, zweiter Stock, früher Nachmittag, Bleib auf dem Knöpfchen, bleib, bleib, bleib, o bitte, bitte! das ist unvergessen und wird immer unvergessen sein, wie auch ein Mädchen namens Regina, Arzthelferin bei dem Internisten, der meine Bronchien und die von Kristian behandelte, und das im Abstand weniger Monate, wir kamen uns mühelos näher, Regina und ich, bei den Vorbereitungen der Inhalationen, die wohl auch mein Vater genutzt hatte, Regina näherzukommen, und eines Abends besuchte sie mich, und es bedurfte keiner Worte mehr, ruck, zuck lagen wir im Bett, aber dann hörte es auf, ich bekam keinen hoch, gar nichts zu machen, obwohl Regina wirklich hübsch war, klein, blond und gepolstert, mit wenigen, weichen Haaren zwischen den Beinen - im Rahmen einer Niederlage vergessen wir nichts -, chinesischen Lidern über hellblauen Augen und einer Piepsstimme, aber er wurde einfach nicht hart, und sie sagte: Macht nix!, das höre ich heute noch, wie ich auch noch höre, Töte mich, Karl, oder im Ohr habe, was Marianne gesagt hat - meine Marianne, die ich um ein Haar liebte -, bei Festbeleuchtung, darauf hatte sie immer behaart, Du, sieh mich an, wenn es soweit ist, sieh mich bitte an, doch es war mir nie gelungen, als gäbe es einen Mechanismus, der einem im letzten Moment gnädig die Augen schließt, aber immer wieder versuchte ich es, ich habe an Marianne gehangen und dadurch ihr Leben verändert, eine Verlobung platzte, was mir heute noch leid tut für sie - unglaublich, aber manchmal trifft man aus Gier auf einen bestimmten Körper Entscheidungen, die das Leben eines anderen grundlegend beeinflussen; ich weiß nicht, was aus Marianne geworden ist, doch ich wüßte es zu gern, ich glaube, ihr Rest von mir und mein Rest von ihr könnten irgendwie auskommen miteinander, auch in einem Hirn sein, statt in zweien, doch Marianne hat sich aufgelöst, ist praktisch tot, es gibt nur noch den Rest in mir, eine bestimmte elektromagnetische Ladung oder Brücke zwischen verschiedenen Zellen, die mein Marianne-Bild ergeben, während sie, die wirkliche Marianne, wohl nichts mehr für mich übrig hat, für mich, der ich ihr Leben so beeinflußt habe, und das nur, weil sie mir lag, wie ja auch der Kantor mein Leben beeinflußt hat, weil ich ihm irgendwie gefiel, als er uns, Rothändle rauchend, beim Duschen zusah, meine runden Schultern bemerkte und auch den Kußmund oder mein gerade gewachsenes Ding (das nicht stehen wollte bei Regina) und darum die Entscheidung traf, mich bei nächster Gelegenheit ins Schilf zu führen, aus dem nur noch einer von uns beiden herauskam, er hat nicht aufgepaßt, er war zu leidenschaftlich, mein Kantor, wie ich auch nicht aufgepaßt habe, den Verlobten von Marianne in den Dreck zog, bis sie ihn in die Wüste schickte, in diesen Dingen habe ich Talent, wie es scheint, das Talent meines Vaters, er brachte sogar eine Hochzeit zum Platzen, die Hochzeit von Hilde, die ich dann, ein Jahr später, noch immer trösten mußte, in einer ersten warmen Nacht Anfang März, ich weiß es noch oder bilde mir ein, es zu wissen: eine Nacht, in der plötzlich überall Vögel pfiffen, irgendwo hoch oben, in den Bäumen, auf den Dächern, unsichtbar, allein wie ich, obwohl ich doch bei Hilde lag, neben dem offenen Fenster; kurze, traurige Stücke pfiffen sie, trotz lebhaften Zwitscherns, einem Zwitschern aber, das immer wieder jäh abbrach, als sei jedem Vogel klar, wie vergeblich sein Pfeifen ist, und sobald ich an Hilde denke - vielleicht alle zehn Jahre einmal, also noch etwa dreimal im Leben, wenn alles gutgeht -, denke ich an diese vereinzelten Märzvögel, die die Nachtigall nachahmten, so schien es, während ich das Lieben imitierte, nicht nur in dieser Nacht, den ganzen März über - mein Sterbemonat, denke ich, in irgendeinem März werde ich sterben -, bis es dann aufhörte, im April, den ich irgendwann nicht mehr erleben werde, einfach vorbei war mit Hilde, nach einem schmutzigen Schnitt, keinem sauberen, und etwas anderes begann oder schon begonnen hatte, eine kurze, fast völlig in Vergessenheit geratene Geschichte mit einer Geburtstagspartybekanntschaft, eher blond als dunkel, mehr weiß ich nicht, sie wohnte am Ende einer Straßenbahnlinie, das ist auch noch geblieben: der Blick auf diese Endstation mit kleinem Depot von ihrem Reihenhauswohnzimmer aus, einem Raum voller Pflanzen, und dann gab es da auch noch ein Kind in der Wohnung, ich glaube, einen Jungen, der durfte nicht aufwachen, darum mußten wir leise sein, leise beim Vögeln, was ja auch seinen Reiz hat, die Laute mit der Hand zu dämpfen, zur Not auch Finger in den Mund, und dann wäre da noch etwas - alles, nur kein Bild von ihr -, ein Stückchen Papiertaschentuch, das sich verklebt hat, als sie mich unten abtupfen wollte, sehr aufmerksam, aber dann verklebte es eben, und sie mußte einen Waschlappen holen, rasch ins Bad gehen, das ist mir haftengeblieben, diese Waschlappenaktion, und wie sie sich über mich beugte, ihr Blick beim Entfernen oder Abwaschen des Stückchens Papiertaschentuch, dieses Betrachtende dabei, viel gelassener als vorher - gelassenes Betrachten eines kleinen Malheurs, das einzige, was ich behalten habe von ihr: ein stilles Augenpaar, in meinem Hirn verankert, auf verschwindender Fläche, eine Reihe von Zellen oder Hirnweben, unfaßbar klein; und doch machtvoll genug, um sich jederzeit in einen Alptraum fädeln zu können - an passender Stelle taucht das stille Augenpaar auf, etwa vor kurzem mit Gelpke, Gelpke und meine Frau von der Endstation, auch wenn es um etwas anderes ging, um ein Drehbuch, aber diese Paarung, Endstation Gelpke, die haut rein - geniales Casting des Unbewußten -, die beiden schauen mich an, und ich weiß: mein Buch ist gestorben; so ist das immer, so sind unsere Alpträume, nirgends finden die Frauenreste in mir ein besseres Betätigungsfeld, und nicht bloß im Schlaf, auch in den Tagtraum platzen sie einem herein (...).
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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